ni­k­laus pe­ter über das christ­li­che Abend­land

Das Magazin - - News - Ni­k­laus Pe­ter NI­K­LAUS PE­TER ist Pfar­rer am Frau­müns­ter in Zü­rich.

«Geis­ti­ger Müll muss be­sei­tigt wer­den», so schreibt der His­to­ri­ker und Pu­bli­zist Micha­el Wolffs­ohn in der «Süd­deut­schen Zei­tung» vom 3. April die­ses Jah­res. Was er da­bei im Blick und schon auf sei­ner Schau­fel hat, ist der Be­griff des «christ­li­chen Abend­lan­des». Der bringt ihn so in Ra­ge, dass er, im Text gleich zwei­mal, nach ei­ner geis­ti­gen Müll­ab­fuhr ruft.

Wolffs­ohn führt den Kampf nach zwei Sei­ten hin: ge­gen je­ne, wel­che ihr «christ­li­ches Abend­land» pau­schal durch Is­la­mi­sie­rung be­droht se­hen – al­so ge­gen Pe­gi­da und an­de­re rechts­na­tio­na­le Ideo­lo­gi­en. Die­sen be­geg­net der His­to­ri­ker mit ei­nem et­was wir­ren Flug durch die Welt­ge­schich­te: Wolffs­ohn setzt bei den mensch­li­chen Urah­nen in Afri­ka (nicht weiss! nicht christ­lich!) an, dann be­schreibt er das Durch­ein­an­der und die Aus­tausch­pro­zes­se zwi­schen «Mor­gen­land» und «Abend­land»: Schon vor den Chris­ten ha­be es in Eu­ro­pa Ju­den ge­ge­ben, al­so Mor­gen­län­der im Abend­land, und auch das Chris­ten­tum sei ur­sprüng­lich ei­ne mor­gen­län­di­sche Re­li­gi­on. Das ist die ei­ne Sei­te: His­to­risch ge­se­hen, ist das christ­li­che Abend­land für Wolffs­ohn ei­ne rei­ne Fik­ti­on. Ob er da­mit Men­schen über­zeugt, de­ren Wut und dif­fu­se Ängs­te sich in sim­pli­fi­zie­ren­den Ideo­lo­gi­en auf­lädt? Ver­mut­lich nicht.

Die an­de­re Sei­te sei­ner Räum­ak­ti­on zielt dar­auf, dass das Abend­land nicht mehr christ­lich sei. Es ha­be sich ent­christ­licht, und da­zu hät­ten Kir­chen viel bei­ge­tra­gen, die im­mer we­ni­ger Re­li­gi­on und im­mer mehr Po­li­tik bö­ten. Weil je­doch Po­li­ti­ker dar­in bes­ser sei­en als Theo­lo­gen, wür­den die Leu­te aus der Kir­che aus­tre­ten – so kom­me es zur «selbst ver­schul­de­ten Ent­christ­li­chung des Abend­lan­des».

Ist sie nicht selt­sam, die­se emo­tio­na­le Phil­ip­pi­ka un­se­res His­to­ri­kers? Des­sen Ge­schäft soll­te doch die Dif­fe­ren­zie­rung sein: Gu­te Ge­schichts­schrei­bung zeigt die Kom­ple­xi­tät der Zu­sam­men­hän­ge. So et­wa in der dif­fe­ren­zie­ren­den Fra­ge Max We­bers, wes­halb es aus­ge­rech­net und nur im Abend­land ei­nen viel­schich­ti­gen ok­zi­den­ta­len Ra­tio­na­lis­mus gab und was der mit christ­li­cher Ethik und lan­ge ein­ge­üb­ten Ha­bi­tus­for­men zu tun ha­be. Wes­halb nur hier die Tren­nung zwi­schen kai­ser­li­cher und päpst­li­cher Macht Frei­räu­me schuf, die in den ok­zi­den­ta­len Städ­ten zur Ent­ste­hung ei­nes frei­en Bür­ger­tums führ­ten. Sol­ches Nach­den­ken übers «christ­li­che Abend­land» ge­hört nicht auf den Müll­hau­fen – es han­delt sich ein­fach um ei­ne his­to­ri­sche Ka­te­go­rie. Sie weist dar­über hin­aus auf geis­ti­ge Ker­ne hin, bei de­nen man sich in Ru­he über­le­gen könn­te, was da­von heu­te noch wert­voll ist; wel­che Zi­vi­li­sie­rungs­leis­tun­gen im Chris­ten­tum ste­cken – aber auch, wel­che ge­gen sei­ne Wi­der­stän­de hart er­kämpft wer­den muss­ten! Nur so ver­mei­det man, dass die­ser Be­griff zu ei­nem Kampf­in­stru­ment wird – oder zur Ziel­schei­be je­ner, die Weih­nach­ten und Os­tern ab­schaf­fen wol­len.

Schön ist Wolffs­ohns Schluss­kur­ve: Er wünscht sich, dass die Kir­chen sich wie­der je­sua­nisch ver­christ­li­chen, der Is­lam hier­zu­lan­de aber ein «eu­ro­päi­scher Is­lam» wer­den mö­ge.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.