ein tag im le­ben des Ka­me­ra­manns Die­go Wett­stein

Das Magazin - - News - Protokoll ANDREA TEDESCHI Bild PRI­VAT

In mei­nen Ju­gend­jah­ren ha­be ich manch­mal Kriegs­fil­me ge­schaut. «Pla­toon» von Oli­ver Sto­ne ist ei­ner der we­ni­gen, die den Krieg rea­lis­tisch zei­gen – ka­putt und hoff­nungs­los. Das weiss ich jetzt, weil ich Krie­ge selbst so wahr­neh­me.

Nie hät­te ich ge­dacht, dass ich selbst mal in Kriegs­ge­bie­te rei­sen wür­de. Es pas­sier­te ein­fach. Nach Mu­am­mar al­ghad­ha­fis Sturz dreh­te ich über Flücht­lin­ge in Li­by­en und Grie­chen­land. Da pack­te es mich, weil es um et­was geht. Al­so be­müh­te ich mich dar­um, mit Pas­cal We­ber zu ar­bei­ten, dem Nah­ost­kor­re­spon­den­ten des SRF. Vor drei Jah­ren ka­men dann ge­mein­sa­me Drehs über die be­waff­ne­ten Kon­flik­te in Sy­ri­en und im Irak da­zu.

Im De­zem­ber wa­ren wir wie­der im Nord­irak. Die Ar­mee hat die Stadt Mos­sul vom Is­la­mi­schen Staat zu­rück­er­obert. Vie­le Men­schen wa­ren 2014 vor den Ter­ro­ris­ten in die Ber­ge ge­flo­hen und ih­nen doch nicht ent­kom­men. In ei­ner der ers­ten Re­por­ta­gen gin­gen wir im Sin­jar­ge­bir­ge über Gras und Er­de, vor­bei an Kin­der­klei­dern. Es stank bes­tia­lisch. Auf we­ni­gen Qua­drat­me­tern hat­ten Is-sol­da­ten Kin­der zu­sam­men­ge­trie­ben. Ihr Blut am Bo­den war noch sicht­bar.

Ei­ner der zehn Pesh­mer­ga­kämp­fer, ei­ne rich­ti­ge Kampf­ma­schi­ne, hat­te Trä­nen in den Au­gen. Es ist un­heim­lich, was Men­schen im Krieg er­le­ben. Mich treibt es an, ih­nen ein Ge­sicht und ei­ne Stim­me zu ge­ben: dass sie er­ zäh­len kön­nen und ge­hört wer­den. Für sie ist es ein Zei­chen, dass sie nicht ver­ges­sen wer­den.

Manch­mal ist es un­er­träg­lich, aber ich muss doch mit der Ka­me­ra drauf­hal­ten – bis et­was pas­siert, je­mand lacht, sich in Wut re­det oder weint. Das aus­zu­hal­ten, muss­te ich mir erst an­eig­nen. Wir dre­hen Leid und Zer­stö­rung, weil sie exis­tie­ren. Die Men­schen re­agie­ren, glau­be ich, un­ter­schied­lich auf die­se Bil­der. Im Ide­al­fall er­le­ben die Zu­schau­er die Sze­nen im Fern­se­hen wie wir vor Ort. Mög­lich, dass die Bil­der sie auf dem So­fa so­gar noch mehr auf­rüt­teln. Oder aber sie las­sen die Men­schen im­mer mehr ab­stump­fen.

Dass es Bil­der über­haupt gibt, ist nicht selbst­ver­ständ­lich. Oft dür­fen wir an Schau­plät­zen nicht dre­hen, oder die Re­gie­run­gen ver­su­chen, uns zu in­stru­men­ta­li­sie­ren. Ein sy­ri­scher Ge­ne­ral er­war­tet, dass er in die Ka­me­ra re­den darf, 45 Mi­nu­ten oh­ne Zwi­schen­fra­gen. Die Wahr­heit wird durch Pro­pa­gan­da stark ver­zerrt. Da­her ist Hal­tung im Krieg noch­mals wich­ti­ger als sonst.

Die Be­richt­er­stat­tung ist sehr teu­er, weil man die ei­ge­ne Si­cher­heit und lo­ka­le Kon­tak­te or­ga­ni­sie­ren muss. Ge­ra­de freie Jour­na­lis­ten müs­sen ih­re Ge­schich­ten ver­kau­fen kön­nen, da­mit sich ih­re Trips rech­nen. Trotz­dem neh­me ich es je­man­dem übel, wenn ei­ner in Helm und schuss­si­che­rer Wes­te in ei­ner Live­schal­tung be­haup­tet, er ste­he an der Front und hin­ter ihm wer­de ge­schos­sen. Und ich bin da­ne­ben an der drit­ten Front­li­nie im T-shirt und weiss, dass er dra­ma­ti­siert.

Je­der Tag dort ist ei­nem in der Schweiz so fern. Das reizt mich. Aber ich ge­be zu, dass die­se Re­por­ta­gen sehr viel Kraft brau­chen. Die An­span­nung vor Ort lässt nie nach. Manch­mal will ich nicht wahr­ha­ben, dass in den Men­schen so viel Bö­ses steckt. Krieg ist un­mensch­lich und mensch­lich zu­gleich. Er för­dert das Ex­tre­me, auch im Gu­ten. Die Ge­sprä­che sind ein­dring­li­cher, die Men­schen lie­bens­wer­ter, die Ster­ne hel­ler, und das Bier schmeckt bes­ser. Aber nach drei Wo­chen bin ich froh, dass ich wie­der nach Ba­sel zu­rück­keh­ren kann. Ich ha­be des­we­gen auch ein schlech­tes Ge­wis­sen, weil ich dem Krieg je­der­zeit ent­kom­men kann und die Men­schen dort nicht.

Ob der Krieg mich ver­än­dert hat? Pri­vat kon­zen­trie­re ich mich noch mehr auf das Schö­ne, le­be in­ten­si­ver als frü­her. Vie­les ist für mich in der Schweiz ba­na­ler ge­wor­den, ei­ne kon­tro­ver­se De­bat­te über Flücht­lin­ge un­ver­hält­nis­mäs­sig. Uns geht es doch so gut!

DIE­GO WETT­STEIN (35) reis­tals Ka­me­ra­mann seit drei Jah­ren an die Front­li­ni­en in Sy­ri­en und im Nord­irak.

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