ein tag im le­ben

ei­ner Kunst­herz-chir­ur­gin

Das Magazin - - News - Pro­to­koll JO­HAN­NES KORNACHER Bild PRI­VAT

Der Mann hiess Marc und war noch jung. Er hat­te sein ei­ge­nes Herz, doch ich muss­te ihm ein Un­ter­stüt­zungs­sys­tem ein­set­zen. Mo­na­te spä­ter kam er als Not­fall – das Ge­rät war aus­ge­fal­len. Ich sag­te ihm: «Mor­gen wer­de ich Sie ope­rie­ren. Ent­we­der schafft es Ihr Herz wie­der al­lein, oder ich muss es her­aus­neh­men und ein Kunst­herz ein­bau­en.» Das war ein sehr emo­tio­na­ler Mo­ment, auch für mich. Er sag­te: «Di­lek, Sie schaf­fen das, Sie ho­len mich da raus.» Wir wa­ren bei­de den Trä­nen na­he.

Schon als Kind woll­te ich Chir­ur­gin wer­den. Als Me­di­zin­stu­den­tin sah ich die ers­te Ope­ra­ti­on – ei­ne Kunst­herz-im­plan­ta­ti­on. Da wuss­te ich gleich: Das will ich auch ma­chen. Un­blu­tig, äs­the­tisch – ein Kunst­werk.

Ich hat­te Glück und wur­de ge­för­dert. Es war ei­ne Eh­re, zu Pro­fes­sor Kör­fer, ei­ner Ko­ry­phäe der Herz­chir­ur­gie, an den Op-tisch ge­las­sen zu wer­den. Schon be­vor ich Fach­ärz­tin war, durf­te ich as­sis­tie­ren. Kör­fer ha­be ich so viel zu ver­dan­ken! Heu­te bin ich hier in Bre­men die ein­zi­ge Frau, die Kunst­her­zen macht. Es gibt auch nur we­ni­ge Män­ner, die das kön­nen. Am Or­gan ope­rie­ren vie­le, aber ein Herz ganz her­aus­zu­schnei­den, das traut sich kaum ei­ner. Es ist auch im­mer ein be­son­de­rer, ehr­fürch­ti­ger Mo­ment: Du nimmst die Zan­ge, klappst das Herz hoch – und schnipp, kappst du das wich­tigs­te Or­gan ei­nes Men­schen und hältst es in der Hand. Das kos­tet mich je­des Mal Über­win­dung. Aber ich weiss: Ich wer­de mit ho­her Wahr­schein­lich­keit ein Le­ben ret­ten. Das spornt mich an. Gott hat mir mei­ne Hän­de ge­ge­ben, um Le­ben zu ret­ten. Al­so tue ich es. Es ist aber nicht die Ope­ra­ti­on al­lein, son­dern die Ar­beit mit dem Pa­ti­en­ten und der Fa­mi­lie da­nach, die den Er­folg aus­macht. Ein Kunst­herz ver­schwin­det ja nicht ein­fach im Brust­korb, son­dern ist mit Schläu­chen durch die Bauch­de­cke an ei­nen Kom­pres­sor an­ge­schlos­sen. Der funk­tio­niert pneu­ma­tisch, ächzt und ru­ckelt, und er ist laut, et­wa 70 De­zi­bel. Wir ar­bei­ten an ei­nem neu­en Sys­tem, das al­les ein­fa­cher macht. Denn heu­te lebt man mit Kunst­herz noch sehr ein­ge­schränkt. Man schleppt die­sen sie­ben Ki­lo schwe­ren Ruck­sack mit sich her­um, Tag und Nacht, über­all. Das ist ei­ne gros­se Be­las­tung, oft noch mehr für die An­ge­hö­ri­gen als für die Be­trof­fe­nen. Denn sie wis­sen: Ich le­be nur des­we­gen. All das braucht kom­pe­ten­te Vor­be­rei­tung und vor al­lem hoch qua­li­fi­zier­te Be­treu­ung da­nach. Oh­ne die­ses Post-op-team wä­re mei­ne Ar­beit al­so gar nicht viel wert.

Dass ich jetzt die­sen Er­folg ha­be, macht mich glück­lich. Nicht we­gen des Ego. Man be­geg­net Men­schen an­ders, wenn es um Le­ben und Tod geht. Ich den­ke da­bei oft an mei­ne Mut­ter. Sie ar­bei­tet seit 46 Jah­ren Ak­kord am Fliess­band. Nach­dem mein Va­ter En­de der 80er-jah­re an ei­nem plötz­li­chen Herz­tod ver­starb, war sie al­lein­er­zie­hend. Als sie spä­ter ein­mal schwer krank wur­de, hat man sich im Spi­tal sehr mensch­lich, von Her­zen um sie ge­küm­mert. Das hat mich ge­prägt. So soll­te Me­di­zin sein: der Mensch im Mit­tel­punkt. So war das mal, und es ist mei­ne Vi­si­on, dass wir da wie­der hinkommen.

Ei­ne an­de­re Vi­si­on be­trifft die Stel­lung der Frau in der Me­di­zin. Ei­gent­lich müss­te gera­de die Chir­ur­gie mehr Frau­en an­zie­hen, weil sie fi­li­gra­ner und fein­mo­to­ri­scher ist als an­de­re Dis­zi­pli­nen. Ich will jun­ge Frau­en er­mun­tern: Das schaffst du auch, wenn du hart ar­bei­test. Ich will nicht die Ein­zi­ge sein, die sagt: Ich kann, was die Jungs nicht kön­nen.

Jetzt freue ich mich schon auf das nächs­te Bo­rus­sia-heim­spiel. Ne­ben mei­ner Lie­be zum Fussball ge­nies­se ich es auch, an­de­ren zu­zu­se­hen, wie sie ih­re Höchst­leis­tun­gen brin­gen.

Marc, der jun­ge Pa­ti­ent, lebt wei­ter­hin mit sei­nem ei­ge­nen Her­zen, es geht ihm gut. Kürz­lich schrieb er: «Sie ha­ben al­les rich­tig ge­macht. Dan­ke, dan­ke, dan­ke.» Was Schö­ne­res gibts doch nicht!

DI­LEK GÜRSOY (41) ist­eu­ro­pa­sein­zi­ge Frau, die Kunst­her­zen im­plan­tiert. Sie will mit­hel­fen, die Chir­ur­gie weib­li­cher und die Me­di­zin mensch­li­cher zu ma­chen.

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