Max küng

Lie­be Kim Kar­da­shi­an

Das Magazin - - News - MAXKÜNGis­tRe port er bei« Das Ma­ga­zin »; Il­lus­tra­ti­on SATOSHI HA­SHI­MO­TO

wir Män­ner (und mit «wir» mei­ne ich im Fall nicht «Sie und ich», lie­be Frau Kar­da­shi­an, son­dern mei­ne Art­ge­nos­sen und mich) ha­ben es ja nicht im­mer ein­fach, vor al­lem nicht, wenn es um Mo­de geht – ei­ne Do­mä­ne, in der Sie als Sti­li­ko­ne un­se­rer Zeit sich ja bes­tens aus­ken­nen. Ihr Frau­en habt klei­dungs­tech­nisch viel wei­ter rei­chen­de Mög­lich­kei­ten, euch aus­zu­drü­cken. Schon nur beim Schmuck, da bleibt dem Mann dann und wann nichts an­de­res üb­rig, als sich ei­ne stier­ho­den­gros­se Uhr ans Hand­ge­lenk zu schnal­len, da­mit man schnallt, dass er et­was dar­stellt. Und bei den Tex­ti­li­en sieht es nicht an­ders aus: Wir Män­ner wer­den zur Zu­rück­hal­tung er­zo­gen, zum De­zent­sein dres­siert – bloss bei den So­cken kön­nen wir tun, was wir wol­len, da ha­ben wir al­le Frei­hei­ten, we­nigs­tens was Far­be und Ge­ruch an­geht.

Das Kleid – so weiss je­der Vo­gel – ist nicht nur im Tier­reich ein ef­fek­ti­ves Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel, doch wir Män­ner wol­len da­mit meist nicht un­se­ren Ge­füh­len Aus­druck ver­lei­hen, son­dern lie­ber un­se­re Zu­ge­hö­rig­keit zum Aus­druck brin­gen: Mit ei­nem An­zug und Kra­wat­te et­wa de­mons­triert der Mann sei­ne Uni­for­mi­tät so­wie Un­ter­wür­fig­keit dem Vor­ge­setz­ten ge­gen­über, denn was ist ei­ne Kra­wat­te an­de­res als ein sti­li­sier­ter Hen­ker­strick? Ei­ne Hun­de­lei­ne? Und in sei­ner wie ein Mi­ni­rock knapp be­mes­se­nen Frei­zeit neigt der Mann dann in sei­ner un­ge­schul­ten Ver­zweif­lung nicht sel­ten zum Kin­der­ge­burts­tags-kos­tüm­ver­leih, ver­klei­det sich als Hoch­see­seg­ler, Po­lo­spie­ler oder Tom Sel­leck in «Ma­gnum».

In Sa­chen Mo­de sind wir Män­ner wirk­lich kom­plett un­ter­ent­wi­ckelt. Ihr habt es da viel bes­ser: zum Bei­spiel der Mo­de­trend «Boy­fri­end-je­ans», die­ser heu­te schon zum Klas­si­ker avan­cier­te Trend, der sei­ne Wur­zeln in den 1960ern hat, dass Frau­en in den für sie ei­gent­lich zu gros­sen Ho­sen ih­rer Lo­ver rum­lau­fen. Ein äus­serst nar­ra­ti­ver Mo­de­trend, in der Tat, hoch sug­ges­tiv, aber was wä­re mit ei­ner «Girl­fri­end­jeans»? Wenn ich et­wa in der Ho­se mei­ner Freun­din aus dem Haus gin­ge? Schwer vor­stell­bar, aus­ser­dem: Da­zu bräuch­te ich erst mal ei­ne Freun­din.

Dann und wann kom­me ich mir als Mann aus­sen vor, nicht da­bei, lie­be Frau Kar­da­shi­an, denn auch ich nei­ge zu kon­ser­va­ti­ver Klei­dung. Nun aber wird al­les an­ders, und dies dank Ih­nen, denn seit man Sie in knal­len­gen Renn­ve­lo­ho­sen hat her­um­ge­hen se­hen, wird die­sem doch sehr spe­zi­el­len Klei­dungs­stück ei­ne gros­se Zu­kunft vor­her­ge­sagt, auch bei uns. Ei­ne Gra­tis­zei­tung frag­te: «Sie sind eng, be­quem und gal­ten lan­ge als Mo­de­sün­de. Nun keh­ren Rad­ler­ho­sen als ab­so­lu­tes Trend­teil zu­rück. Doch schaf­fen sie es auch in die Schweiz?»

Ich hof­fe: ja! Denn da wä­re ich gut auf­ge­stellt, ich hab näm­lich ei­nen gan­zen Sack voll: kur­ze, ex­tra­kur­ze, sol­che für heis­se Ta­ge (kli­ma­tisch heiss) und auch sol­che mit lan­gen Bei­nen für den nun glück­li­cher­wei­se fer­nen Win­ter; bloss ei­ne Drei­vier­tel­ho­se ha­be ich mir nie an­ge­schafft, die sieht ein­fach zu ek­lig aus, so­gar in mei­nen Au­gen, ich trag an küh­le­ren Ta­gen lie­ber Me­ri­no-knie­lin­ge. Wis­sen Sie, Frau Kar­da­shi­an, Sie brin­gen den Re­spekt zu­rück. Denn bis an­hin wur­de man gern ver­spot­tet, wenn man sich in Rad­ler­ho­se zeig­te. Freun­de sag­ten: Ja, okay, Renn­ve­lo­fah­ren ist si­cher­lich ge­sund, aber muss das sein mit die­sen en­gen Klei­dern? Ich ge­hö­re zu ei­ner Grup­pe von Men­schen, die ge­mein­hin als MAMIL dif­fa­miert wer­den, als «Midd­le-aged Men in Ly­cra», was man als «al­te Sä­cke in zu en­gen Klei­dern» über­set­zen kann. Al­le la­chen über die Ve­lo­kla­mot­ten, aus­ser die an­de­ren Güm­meler und ein paar Per­ver­se. Mei­ne Kol­le­gin Ha­zel Brug­ger et­wa mein­te, sie ha­be so­fort les­bisch wer­den wol­len, als sie mich das ers­te Mal in Renn­ve­lo­mon­tur ge­se­hen ha­be.

Nun wird al­les an­ders, dank Ih­nen. Die Rad­ler­ho­se kommt in die Schweiz, und ich hab sie schon an.

Mit en­gen, aber elas­ti­schen Grüs­sen Max Küng

PS Zur Ho­se emp­feh­le ich üb­ri­gens die Sitz­creme von So­glio mit öli­gen Aus­zü­gen der Rin­gel­blu­me und des Jo­han­nis­krauts aus dem Ber­gell – soll­ten Sie mal pro­bie­ren, so macht die Rad­ler­ho­se noch mehr Spass.

PPS Song zum The­ma ist na­tür­lich «Fa­shion» von Da­vid Bo­wie, 1980, vom Al­bum «Sca­ry Mons­ters (and Su­per Creeps)» – ei­ner der we­ni­gen Songs von Bo­wie, die ich wirk­lich mag, nebst «Ab­dul­ma­jid» und «Sen­se of Doubt», aber so ist die Mu­sik eben auch: wie die Mo­de.

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