An al­le Braut­paa­re im Mai

Das Magazin - - News - Ni­k­laus Pe­ter

Wenn die Vö­gel und auch die Men­schen Hoch­zeit ma­chen wol­len, so tun sies meis­tens im Won­ne­mo­nat Mai. Ver­ständ­lich, denn son­ni­ge Ta­ge und mil­der Flie­der­duft la­den da­zu ein.

Der für kirch­li­che Trau­un­gen pas­sen­de Text steht im bi­bli­schen Buch Ruth und lau­tet: «Denn wo­hin du gehst, da­hin wer­de auch ich ge­hen, und wo du über­nach­test, da wer­de auch ich über­nach­ten; dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.» Wenn der Pfar­rer fest und be­ra­tungs­re­sis­tent bleibt ge­gen­über gut­mei­nen­den Ro­man­tik- und Hoch­zeits­ex­per­ten («Lass den Rest weg, die wol­len Emo­tio­nen und si­cher nichts vom Tod hö­ren!»), so wird er auch die Fort­set­zung le­sen: «Wo du stirbst, da wer­de auch ich ster­ben, und dort will ich be­gra­ben wer­den … Nur der Tod soll uns schei­den.» (Buch Ruth 1.16–17)

Die­se Wor­te, die be­kannt­lich Teil der Trau­li­t­ur­gie ge­wor­den sind, wer­den aber nicht bei ei­ner bi­bli­schen Hoch­zeits­fei­er ge­spro­chen, son­dern im Kon­text meh­re­rer Schick­sals­schlä­ge: Ruth spricht sie zu ih­rer Schwie­ger­mut­ter Nao­mi. Die Vor­ge­schich­te: Nao­mi zieht mit ih­rem Mann und den bei­den Söh­nen we­gen ei­ner Hun­gers­not aus Beth­le­hem (über­setzt: «Brot­hau­sen»!) weg in die Frem­de nach Mo­ab. Bald ster­ben ihr Mann und, kurz nach der Hei­rat mit moa­b­i­ti­schen Frau­en, auch ih­re bei­den Söh­ne. So bleibt Nao­mi als Wit­we mit den Schwie­ger­töch­tern in ei­nem für sie frem­den Land zu­rück. Ei­ne dra­ma­ti­sche Not­la­ge und Ge­fähr­dung, drei Wit­wen oh­ne den da­mals not­wen­di­gen Schutz von Män­nern. Rea­lis­tisch, wie sie ist, sagt Nao­mi zu den Schwie­ger­töch­tern Or­pa und Ruth: Ich ge­he zu­rück nach Beth­le­hem, kehrt eben­falls zu­rück zu eu­ren Fa­mi­li­en, die euch schüt­zen! Or­pa macht sich wei­nend auf den Weg zu ih­rer Sip­pe, wäh­rend Ruth die oben zi­tier­ten Wor­te spricht: «Drän­ge mich nicht, dich zu ver­las­sen … Denn wo­hin du gehst, da­hin wer­de auch ich ge­hen…nur der Tod soll uns schei­den.»

So be­ginnt die­se be­we­gen­de Ge­schich­te von mensch­li­cher So­li­da­ri­tät und Her­zens­fes­tig­keit in schwie­rigs­ter Zeit. Und dann er­zählt die Bi­bel, wie die­se bei­den wil­lens­star­ken und in­tel­li­gen­ten Frau­en Nao­mi und Ruth in Beth­le­hem an­kom­men, wie sie sich in je­ner Sip­pen- und Män­ner­welt zu­recht­fin­den, wie Ruth schliess­lich, durch ei­nen klu­gen schwie­ger­müt­ter­li­chen Schach­zug, Nao­mis ent­fern­ten Ver­wand­ten Bo­as hei­ra­ten kann. So über­le­ben die bei­den Frau­en im Schutz ei­nes neu­en Fa­mi­li­en­ver­ban­des: Aus ver­lo­re­nen Outs­idern sind wie­der In­si­der ge­wor­den. Die gan­ze Ge­schich­te ist kunst­voll ge­baut und mu­tig, denn sie spielt im Kon­text der da­ma­li­gen Ängs­te vor Über­frem­dung, ja des ex­pli­zi­ten Ver­bo­tes, nich­tis­rae­li­sche Frau­en zu hei­ra­ten. Goe­the nann­te das Buch Ruth ein «lieb­lichs­tes klei­nes Gan­zes», es sei «idyl­lisch über­lie­fert». Die­se Ein­schät­zung ist, Par­don, ein ar­ger Fehl­griff. Wie kann man die­se Er­zäh­lung als Idyl­le le­sen?! Es ist doch zu­erst ei­ne Ge­schich­te von Schick­sals­schlä­gen. Dann aber auch ei­ne Ge­schich­te da­von, wie Men­schen Chan­cen auf Won­ne­mo­men­te be­kom­men, wenn sie zu­sam­men­hal­ten.

NI­K­LAUS PE­TER ist Pfar­rer am Frau­müns­ter in Zürich.

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