Ist der bri­ti­sche La­bour-füh­rer Cor­byn ein An­ti­se­mit?

Ist der bri­ti­sche La­bour-füh­rer ein An­ti­se­mit?

Das Magazin - - News - Von oli­ver Zim­mer

Dass sich die po­li­ti­schen Ex­tre­me oft be­rüh­ren, weiss man nicht erst, seit Horst Mah­ler, Zahn­arzt­sohn, Rechts­an­walt und spä­te­rer Mit­be­grün­der der RAF, in den Neun­zi­ger­jah­ren vom Links­ter­ro­ris­ten zum Neo­na­zi mu­tier­te. Was ra­di­ka­le Rech­te und Lin­ke tei­len, ist der Glau­be an Ver­schwö­rungs­theo­ri­en. Die Ein­bil­dung, man ha­be der Welt ihr Ge­heim­nis ent­ris­sen, sei mit der Wahr­heit im Bun­de, ver­bin­det die äus­sers­ten Rand­zo­nen des Po­li­ti­schen. Ei­nig sind sich die bei­den La­ger auch in der Fra­ge, wie man mit in­ter­nen Ab­weich­lern zu ver­fah­ren ha­be. Die­se sind in je­dem Fall zu neu­tra­li­sie­ren. In Rechts­staa­ten wird das Pro­blem durch Mob­bing oder Par­tei­aus­schluss ge­löst. In Dik­ta­tu­ren durch Auf­trags­mord oder Schau­pro­zess mit an­schlies­sen­der Exe­ku­ti­on.

Die Un­ter­schie­de zwi­schen den lin­ken und rech­ten Ex­tre­men lie­gen vor­ab auf der se­man­ti­schen Ebe­ne. Ras­sis­tisch bis ins Mark, se­hen Rechts­ra­di­ka­le die Welt von Ju­den be­herrscht. Bei der ra­di­ka­len Lin­ken geht das Zer­set­zen­de nicht von den Ju­den aus, son­dern vom raff­gie­ri­gen, glo­bal or­ga­ni­sier­ten Ka­pi­tal.

Das jüngs­te An­zei­chen da­für, dass sich die Ex­tre­me zu­wei­len an ge­wis­sen Punk­ten tou­chie­ren, lie­fert aus­ge­rech­net ei­ner der ge­gen­wär­ti­gen Hoff­nungs­trä­ger der so­zia­lis­ti­schen Lin­ken in Eu­ro­pa. Er heisst Je­re­my Ber­nard Cor­byn und ist 68 Jah­re alt. Seit 1983 sitzt er für den Lon­do­ner Stadt­kreis North Is­ling­ton im bri­ti­schen Un­ter­haus. Der ganz gros­se Durch­bruch ge­lang ihm, weit­ge­hend un­er­war­tet, 2015. Nach­dem die La­bour Par­ty bei den na­tio­na­len Wah­len ein­ge­bro­chen war, er­kor die stark ver­jüng­te und ra­di­ka­li­sier­te Ba­sis den Alt­lin­ken Cor­byn zum Par­tei­füh­rer.

Je­re­my Cor­byn hat­te wäh­rend sei­ner ge­sam­ten Lauf­bahn am lin­ken Par­tei­rand po­li­ti­siert. In­nen­po­li­tisch kämpf­te er ge­gen die Aus­te­ri­täts­po­li­tik und für die Ver­staat­li­chung öf­fent­li­cher Ein­rich­tun­gen wie et­wa der Ei­sen­bahn. Aus­sen­po­li­tisch sym­pa­thi­sier­te er im­mer schon mit au­to­ri­tä­ren Re­gimes, so­lan­ge sie sich zum So­zia­lis­mus be­kann­ten. Auf Pro­test­ver­samm­lun­gen setz­te er sich für Be­frei­ungs­be­we­gun­gen in der gan­zen Welt ein, so­lan­ge sie ra­di­kal links und an­ti­west­lich aus­ge­rich­tet wa­ren. Seit sei­ner Ju­gend kämpft er ge­gen den glo­ba­len Im­pe­ria­lis­mus, wo­zu er ne­ben den USA und dem bri­ti­schen Esta­blish­ment vor al­lem auch Is­ra­el zählt. Cor­byn ist ein er­klär­ter Freund von Ha­mas und His­bol­lah. Vor sei­ner Wahl zum Par­tei­füh­rer lob­te er Ra­ed Sa­lah, ei­nen der Füh­rer des Is­la­mic Mo­ve­ment in Is­ra­el, der die Le­gen­de vom jü­di­schen Ri­tu­al­mord ver­tritt. Die­se be­sagt, dass Ju­den beim Pes­sach­fest ih­re Maz­zen in das Blut ge­tö­te­ter Chris­ten­kin­der tun­ken. Dem Vor­wurf jü­di­scher und nicht­jü­di­scher Par­tei­mit­glie­der, die La­bour-lin­ke ha­be ein An­ti­se­mi­tis­mus­pro­blem, be­geg­ne­te Cor­byn bis­lang stets mit der­sel­ben For­mel: Für Ras­sis­mus, egal wel­cher Art, ge­be es in sei­ner Par­tei kei­nen Platz. Vie­le der noch in der Par­tei ver­blie­be­nen Ju­den emp­fan­den Cor­byns Re­ak­ti­on als zu be­lie­big. Als es am 18. April im bri­ti­schen Un­ter­haus zu ei­ner De­bat­te zu La­bours An­ti­se­mi­tis­mus­af­fä­re kam, ver­liess Cor­byn wie­der­holt den Saal. Wäh­rend der De­bat­te be­rich­te­ten die ge­mäs­sig­ten La­bour-ab­ge­ord­ne­ten Lu­cia­na Ber­ger und John Mann von den wüs­ten an­ti­se­mi­ti­schen Het­ze­rei­en und Dro­hun­gen, de­nen sie und ih­re Fa­mi­li­en sich auf­grund ih­rer Kri­tik an der Par­tei­füh­rung seit Mo­na­ten aus­ge­setzt se­hen. Bei­de Po­li­ti­ker er­hal­ten täg­lich Hun­der­te an­ti­se­mi­ti­scher Tweets. Vie­le sind mit dem Hash­tag #Je­re­my­cor­by­n4pm (Je­re­my Cor­byn for Pri­me Mi­nis­ter) ver­se­hen. Die mo­de­ra­te­ren Tweets be­schul­di­gen die par­tei­in­ter­nen Ab­weich­ler, Je­re­my in den Dreck zie­hen zu wol­len; in an­de­ren ist von ei­ner jü­di­schen oder zio­nis­ti­schen Ver­schwö­rung die Re­de; die ra­di­kals­ten stos­sen Dro­hun­gen aus. Die von se­phar­di­schen und as­ke­na­si­schen Ju­den ab­stam­men­de Ber­ger be­merk­te in ih­rer Re­de, in der Par­tei­lin­ken ge­hö­re An­ti­se­mi­tis­mus heu­te zur Nor­ma­li­tät. Wer es wa­ge, dar­auf hin­zu­wei­sen, wer­de ver­steckt oder of­fen ge­mobbt oder gar be­droht.

Han­delt es sich bei Cor­byn und sei­ner be­acht­li­chen Fan­ge­mein­de um An­ti­se­mi­ten? Aus­ser in Fäl­len, wo sich je­mand aus­drück­lich an­ti­se­mi­tisch äus­sert, lässt sich die­se Fra­ge nicht be­ant­wor­ten. Je­der ver­ant­wor­tungs­vol­le Psych­ia­ter wird Ih­nen ver­si­chern, dass man Men­schen nicht in die See­le schau­en kann. Bei der Fra­ge, ob ei­ne Person An­ti­se­mit sei, han­delt es sich al­so in der Re­gel um die fal­sche Fra­ge.

Die ein­zig re­le­van­te Fra­ge, die sich bei die­sem The­ma stellt, lau­tet: Hat sich je­mand an­ti­se­mi­ti­scher Denk­mus­ter oder Bil­der be­dient oder die Be­nut­zung sol­cher Denk­mus­ter oder Bil­der als le­gi­tim be­zeich­net? Im Fal­le Cor­byns und vie­ler, die ihn seit Wo­chen durch dick und dünn ver­tei­di­gen, lässt sich die zwei­te Fra­ge leicht be­ant­wor­ten. Der La­bour-par­tei­chef hat­te sich 2012 auf Face­book ge­gen die Ent­fer­nung ei­nes Wand­bilds des ame­ri­ka­ni­schen Graf­fi­ti­künst­lers Ka­len Ocker­man ali­as Me­ar One aus­ge­spro­chen. Nach­dem An­woh­ner sich über das Ge­mäl­de an der Brick La­ne im Lon­do­ner East End be­schwert hat­ten, lies­sen es die Stadt­be­hör­den von To­wer Ham­lets ent­fer­nen.

Auf dem meh­re­re Qua­drat­me­ter gros­sen Wand­ge­mäl­de sind sechs al­te, grim­mig drein­schau­en­de weis­se Män­ner zu se­hen, die mit­ein­an­der ei­ne Art

Mo­no­po­ly spie­len und Geld­schei­ne zäh­len. Vier von ih­nen ha­ben auf­fäl­lig gros­se oder ha­ken­för­mi­ge Na­sen. Auf dem Brett, auf dem die sechs Män­ner ihr geld­gie­ri­ges Spiel trei­ben, sieht man auch Ra­ke­ten, Waf­fen, rau­chen­de Schlo­te, Fa­b­ri­ken, vil­len­ar­ti­ge Häu­ser so­wie die ame­ri­ka­ni­sche Frei­heits­sta­tue. Dar­un­ter be­fin­den sich nur sche­men­haft dar­ge­stell­te, ge­knech­te­te Ge­stal­ten von dunk­ler Haut­far­be. Sie sind nackt. Am obe­ren Bild­rand sieht man das Sym­bol der Ge­heim­ge­sell­schaft Il­lu­mi­na­ti. Mit an­de­ren Wor­ten: Beim Wand­bild mit dem Ti­tel «Free­dom for Hu­ma­ni­ty» han­delt es sich, für den historisch nicht völ­lig un­be­darf­ten Be­trach­ter gut er­kenn­bar, um ei­ne an­ti­se­mi­ti­sche Karikatur.

Nach den Vor­wür­fen be­dau­er­te Cor­byn, das Werk von Me­ar One nicht ge­nau ge­nug be­trach­tet zu ha­ben. Über BBC News liess er am 23. März die­ses Jah­res ver­lau­ten: «Ich be­dau­re auf­rich­tig, dass ich das Wand­bild, zu dem ich mich da­mals äus­ser­te, nicht ge­nau­er be­trach­tet ha­be. Die Aus­sa­ge des Bil­des ist tief ver­stö­rend und an­ti­se­mi­tisch.» Dass sei­ne Par­tei ein An­ti­se­mi­tis­mus­pro­blem ha­be, be­stritt er. Der An­ti­se­mi­tis­mus, so be­merk­te er in den letz­ten Wo­chen wie­der­holt, sei ein Übel und müs­se aus der Ge­sell­schaft aus­ge­merzt wer­den. Aus­ser­halb des Krei­ses der Cor­byn treu Er­ge­be­nen über­zeug­te sei­ne Ant­wort kaum je­man­den.

Cor­byn wuss­te wohl, wel­che Bot­schaft das Ge­mäl­de mit den Mo­no­po­ly spie­len­den Grei­sen ent­hielt. Ge­nau­so wie er wuss­te, wor­um es ging, als er sich im Un­ter­haus, sechs Mo­na­te vor 9/11, ge­gen ein Ver­bot von al-qai­da und an­de­ren ter­ro­ris­ti­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen aus­sprach. Oder als er im Fe­bru­ar 2006 auf ei­nem Pro­test­marsch in London die Mo­ham­med-ka­ri­ka­tu­ren des dä­ni­schen «Jyl­lands-pos­ten» mit gros­ser Ve­he­menz ver­ur­teil­te. Das Werk von Me­ar One hat­te Cor­byn 2012 mit Be­zug auf die Mei­nungs­frei­heit ver­tei­digt. Bei der is­lam­kri­ti­schen Karikatur, die in der dä­ni­schen Zei­tung 2006 er­schie­nen war, hat­te er das Ar­gu­ment der Mei­nungs­frei­heit noch als ras­sis­ti­sches Täu­schungs­ma­nö­ver ta­xiert.

Da­ge­gen gab sich Ka­len Ocker­man ganz un­ver­krampft, als ihm Kri­ti­ker vor­war­fen, er ha­be mit sei­nem Wand­ge­mäl­de ei­ne jü­di­sche Welt­ver­schwö­rungs­sze­ne dar­stel­len wol­len. Auf die Lo­sung «An­griff ist die bes­te Ver­tei­di­gung» set­zend, mein­te er 2015 auf Face­book: «Ei­ni­ge der äl­te­ren weis­sen Ju­den un­ter den Be­woh­nern hat­ten ein Pro­blem da­mit, dass ich die von ih­nen ver­ehr­ten Roth­schilds und War­burgs etc. als die Dä­mo­nen dar­ge­stellt ha­be, die sie nun ein­mal sind.»

«Weis­se Ju­den» – die For­mu­lie­rung ist in­ter­es­sant und auf­schluss­reich. War­um sprach Ocker­man nicht ein­fach von «Ju­den», son­dern von «weis­sen Ju­den»? Der Grund da­für lässt sich un­schwer eru­ie­ren. Er wirft ein Schlag­licht auf die Welt­sicht der ra­di­ka­len Nach­kriegs­lin­ken, die der Graf­fi­ti­ma­ler in sei­nen viel be­ach­te­ten Ge­mäl­den zum Aus­druck bringt. In Ocker­m­ans Bild­spra­che ver­kör­pern die al­ten Ju­den die Kul­mi­na­ti­on des rei­chen, a prio­ri im­pe­ria­lis­ti­schen und des­halb mit un­aus­lösch­li­cher Schuld be­la­de­nen Wes­tens.

Ein be­son­ders sub­ti­ler Kommentar zur Ver­knüp­fung von mo­der­nem An­ti­se­mi­tis­mus und post­ko­lo­nia­lis­ti­scher Be­frei­ungs­ideo­lo­gie stammt vom kri­ti­schen Mar­xis­ten Mois­he Pos­to­ne. Der jüngst ver­stor­be­ne Ide­en­his­to­ri­ker der Uni­ver­si­ty of Chicago sah in der «pseu­do­eman­zi­pa­to­ri­schen Di­men­si­on» die­ses An­ti­se­mi­tis­mus den Haupt­grund, wes­halb er auf die Lin­ke ei­ne so gros­se An­zie­hungs­kraft aus­übe: «Vor ei­nem Jahr­hun­dert be­zeich­ne­te die Rech­te in Deutsch­land die glo­ba­le Welt­herr­schaft als ein Pro­dukt von Ju­den und Bri­ten. Aus der Op­tik der heu­ti­gen Lin­ken ist sie da­ge­gen das Pro­dukt Is­ra­els und der USA. Das Denk­mus­ter ist das­sel­be. Wir ha­ben es mit ei­ner Form des An­ti­se­mi­tis­mus zu tun, der sich pro­gres­siv und ‹an­ti­im­pe­ria­lis­tisch› gibt. Das macht ihn für die Lin­ke zu ei­ner ech­ten Ge­fahr.»

Es geht al­so in die­ser Ge­schich­te nicht um das Ge­wis­sen Je­re­my Cor­byns oder um den Zu­stand der bri­ti­schen Lin­ken. Es geht nicht dar­um, je­man­den zu dif­fa­mie­ren oder rein­zu­wa­schen. In ei­ner Zeit, da jü­di­sche Schu­len und In­sti­tu­tio­nen welt­weit nur un­ter strengs­ten Si­cher­heits­vor­keh­run­gen ihr Tag­werk ver­rich­ten kön­nen, soll­te man sich auch nicht dar­über strei­ten, ob der An­ti­se­mi­tis­mus im An­stei­gen be­grif­fen sei. Cor­byn und Gleich­ge­sinn­te ge­hen von der Prä­mis­se aus, ins Reich des Gu­ten füh­re nur die Zer­stö­rung des Bö­sen. Sie glau­ben an die un­an­tast­ba­re Wahr­heit und Tu­gend­haf­tig­keit der ei­ge­nen po­li­ti­schen Sa­che. Die­ser Über­le­gen­heits­glau­be kenn­zeich­net die ra­di­ka­le Lin­ke. Sei­ne Nähr­stof­fe be­zieht er aus der mit mi­li­tant an­ti­west­li­chen Res­sen­ti­ments ge­spick­ten po­li­ti­schen Land­schaft der Nach­kriegs­zeit.

Ka­len Ocker­man hat sein Wand­ge­mäl­de nicht zu­fäl­lig «Free­dom for Hu­ma­ni­ty» ge­nannt. Die Vor­stel­lung, wo­nach die Be­frei­ung der ge­knech­te­ten Mensch­heit am ehes­ten ge­lin­ge, in­dem man Mo­no­po­ly spie­len­den Grei­sen mit un­über­seh­ba­ren Na­sen den Kampf an­sagt, scheint Cor­byn ir­gend­wie ein­ge­leuch­tet zu ha­ben. Me­ar One und Je­re­my. Zwei weis­se Män­ner — ein Ge­heim­nis.

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