War­um ha­be ich nie je­man­dem da­von er­zählt?

Ju­not Díaz über sei­ne Ver­ge­wal­ti­gung.

Das Magazin - - News - Von Ju­not díaz

X—,

letz­te Wo­che war ich wie­der in Am­herst. Zum ers­ten Mal seit Jah­ren, seit wir uns dort be­geg­net sind. Ich hat­te ge­hofft, du wür­dest auch kom­men, ha­be so­gar nach dir Aus­schau ge­hal­ten, aber du warst nir­gends zu se­hen. In den we­ni­gen Mi­nu­ten, die wir uns da­mals un­ter­hal­ten ha­ben, hast du stolz für N.Y.C. ge­trom­melt, des­halb ver­mu­te ich, dass du wie­der hin­ge­zo­gen bist, aber viel­leicht hat­test du auch kei­ne Zeit oder wuss­test nicht, dass ich in der Stadt war. Ich se­he noch vor mir, wie du zum Si­gnie­ren an­ge­stan­den hast, an­ge­spannt, oh­ne mit je­man­dem ein Wort zu re­den. Ich ha­be er­war­tet, du wür­dest mich bit­ten, ein Ma­nu­skript von dir zu le­sen oder dir bei der Su­che nach ei­nem Agen­ten zu hel­fen, aber statt­des­sen hast du mich auf den se­xu­el­len Miss­brauch in mei­nen Bü­chern an­ge­spro­chen. Lei­se hast du mich ge­fragt, ob ich so et­was selbst er­lebt hät­te.

Da­mit hast du mich völ­lig über­rum­pelt.

Ich wünsch­te, ich hät­te dir in die­sem Mo­ment die Wahr­heit gesagt, aber da­mals hat­te ich zu viel Angst. Ich hat­te zu viel Angst und klam­mer­te mich zu sehr an mei­ne Mas­ke. Mit ir­gend­wel­chem Schwach­sinn bin ich ei­ner rich­ti­gen Ant­wort aus­ge­wi­chen. Und das wars. Ich ha­be dei­ne Bü­cher si­gniert. Du dach­test, ich wür­de wei­ter auf dich ein­ge­hen, und als ich das nicht tat, hast du ent­täuscht ge­wirkt. Ent-

täuscht und gott­ver­las­sen. Ich hät­te et­was sa­gen kön­nen, ir­gend­et­was, aber statt­des­sen ha­be ich mich dem Nächs­ten in der Schlan­ge zu­ge­wandt und ge­lä­chelt. Aus dem Au­gen­win­kel ha­be ich be­ob­ach­tet, wie du die Bü­cher lang­sam in dei­nen Ruck­sack ge­steckt hast und ge­gan­gen bist. Nach der Si­gnier­stun­de konn­te ich gar nicht schnell ge­nug aus dem ver­damm­ten Am­herst, vor dir und dei­ner Fra­ge flie­hen. Ich bin weg­ge­lau­fen, wie im­mer. Als wä­re der Tod per­sön­lich hin­ter mir her. In den ers­ten Ta­gen da­nach ha­be ich mir Sor­gen ge­macht, ich hat­te Angst, ich hät­te mich ver­ra­ten. Doch dann setz­ten die al­ten Ver­drän­gungs­me­cha­nis­men ein. Ich schob al­les von mir. Be­grub es. Wie im­mer.

Aber ver­ges­sen ha­be ich es nie. We­der un­ser kur­zes Ge­spräch noch dei­ne Ent­täu­schung. Oder wie du mit ein­ge­zo­ge­nem Kopf den Hör­saal ver­las­sen hast.

Ich weiss, dass es Jah­re zu spät kommt, aber es tut mir leid, dass ich dir nicht ge­ant­wor­tet ha­be. Es tut mir leid, dass ich dir nicht die Wahr­heit gesagt ha­be. Dei­net­we­gen und auch mei­net­we­gen. Die­se Wahr­heit hät­te uns bei­den ge­hol­fen, glau­be ich. Sie hät­te mir (und viel­leicht dir) vie­les er­spa­ren kön­nen. Aber ich hat­te Angst. Das ha­be ich im­mer noch – ei­ne Angst wie Kon­ti­nen­te und das Meer da­zwi­schen –, trotz­dem wer­de ich spre­chen, denn wie die Schrift­stel­le­rin und Fe­mi­nis­tin Aud­re Lor­de mich ge­lehrt hat, wird mein Schwei­gen mich nicht schüt­zen. X—

Ja, ich ha­be es selbst er­lebt.

Ich wur­de ver­ge­wal­tigt, als ich acht Jah­re alt war. Von ei­nem Er­wach­se­nen, dem ich ab­so­lut ver­traut ha­be. Nach­dem er mich ver­ge­wal­tigt hat­te, hat er gesagt, ich müs­se am nächs­ten Tag wie­der zu ihm kom­men, sonst wür­de ich «Är­ger krie­gen».

Und weil ich schreck­li­che Angst hat­te und nicht klar den­ken konn­te, ging ich am nächs­ten Tag zu ihm und wur­de wie­der ver­ge­wal­tigt. Ich ha­be noch nie je­man­dem er­zählt, was pas­siert ist, aber heu­te er­zäh­le ich es dir.

Und je­dem, der be­reit ist zu­zu­hö­ren.

Die­se vio­la­ción. Es gibt auf der Welt nicht ge­nug Pa­pier, um zu be­schrei­ben, was sie mir an­ge­tan hat. Wä­re der gan­ze Pla­net mein Tin­ten­fass, wür­de es im­mer noch nicht ge­nü­gen. Die­ser Scheiss hat mei­nen ei­ge­nen Pla­ne­ten ent­zwei­ge­ris­sen, er hat mich aus je­der Um­lauf­bahn ge­schleu­dert, in die licht­lo­sen Wei­ten des Alls, in de­nen Le­ben un­mög­lich ist. Ich kann ehr­lich be­haup­ten, que ca­si me de­struyó. Nicht nur die Ver­ge­wal­ti­gun­gen, son­dern auch all die Fol­gen: die Qua­len, die Ver­bit­te­rung, die Selbst­vor­wür­fe, der as­co, die Ge­heim­hal­tung um je­den Preis. Das al­les hat mei­ne Kind­heit ka­putt­ge­macht. Es hat mei­ne Ju­gend ka­putt­ge­macht. Mein gan­zes Le­ben. Dass ich Do­mi­ni­ka­ner bin und Im­mi­grant und afri­ka­ni­sche Vor­fah­ren ha­be, hat mich nicht so sehr ge­prägt wie mei­ne Ver­ge­wal­ti­gun­gen. Für das Da­von­lau­fen ha­be ich mehr Ener­gie auf­ge­wandt als da­für zu le­ben. Ich konn­te nicht be­grei­fen, war­um ich mich nicht ge­wehrt ha­be, war­um ich ei­ne Erek­ti­on hat­te, wäh­rend ich ver­ge­wal­tigt wur­de, wo­mit ich das ver­dient hat­te. Und im­mer hat­te ich Angst – Angst, die Ver­ge­wal­ti­gung hät­te mich «ver­dor­ben», Angst, ich wür­de «er­wischt wer­den», Angst, Angst, Angst. «Ech­te» do­mi­ni­ka­ni­sche Män­ner wer­den schliess­lich nicht ver­ge­wal­tigt. Und wenn ich kein «ech­ter» Do­mi­ni­ka­ner war, war ich nichts. Die Ver­ge­wal­ti­gung schloss mich von Männ­lich­keit, von Lie­be, von al­lem aus.

An das Kind da­vor kann ich mich kaum noch er­in­nern. Trau­ma­ta sind Zei­t­rei­sen­de, ein Uro­bo­ros, der sich in die Ver­gan­gen­heit streckt und ver­schlingt, was frü­her war. Nur Bruch­stü­cke blei­ben üb­rig. Ich er­in­ne­re mich, dass ich Ge­heim­codes lieb­te und die Bü­cher über En­cy­clo­pe­dia Brown und pas­telón und lan­ge Fuss­mär­sche, um her­aus­zu­fin­den, was jen­seits mei­nes Vier­tels in New Jer­sey war­te­te. Nachts hat­te ich leb­haf­te Träu­me, oft über «Star Wars» und mein al­tes Le­ben in der Do­mi­ni­ka­ni­schen Republik, in Azua, mei­nem ei­ge­nen Ta­tooi­ne. Mein Eng­lisch spre­chen­des Ich lern­te ich ge­ra­de erst ken­nen, freun­de­te mich ge­ra­de erst mit ihm an – und dann war es schon ver­schwun­den.

Kei­ne Träu­me von Raum­schif­fen mehr, kein Azua, kein Ich. Nur das an­hal­ten­de Ge­fühl ei­ner Welt aus den Fu­gen und die un­er­träg­li­che Er­in­ne­rung da­ran, ge­walt­sam pe­ne­triert wor­den zu sein.

Mit elf litt ich un­ter ei­ner De­pres­si­on und da­zu un­ter un­kon­trol­lier­ba­rer Wut. Mit drei­zehn konn­te ich mich nicht mehr im Spie­gel be­trach­ten – und wenn ich mal aus Ver­se­hen mein Spie­gel­bild sah, zuck­te ich zu­rück, als hät­ten mich die Nes­sel­fä­den ei­ner Qual­le im Ge­sicht ge­trof­fen. (Was ich sah? Das Ver­bre­chen, mei­ne grau­si­ge Er­nied­ri­gung, und wenn mich je­mand zu lan­ge an­starr­te, lief ich weg oder fing Streit an.)

Mit vier­zehn hielt ich mir ei­ne der Pis­to­len mei­nes Va­ters an den Kopf. (Er hat­te sich Jah­re zu­vor aus dem Staub ge­macht, aber gross­zü­gig ein paar sei­ner Waf­fen da­ge­las­sen.) Ich hat­te Pro­ble­me zu Hau­se. Ich hat­te Pro­ble­me in der Schu­le. Ich litt un­ter un­glaub­li­chen Stim­mungs­schwan­kun­gen. Weil ich nie je­man­dem er­zählt hat­te, was pas­siert war, nahm mei­ne Fa­mi­lie ein­fach an, so sei ich nun ein­mal – un mal­di­to lo­co. Und wäh­rend an­de­re Ju­gend­li­che das ers­te Ver­knallt­sein und die ers­te Lie­be aus­lo­te­ten, muss­te ich mit in­trusi­ven Er­in­ne­run­gen an mei­ne Ver­ge­wal­ti­gung fer­tig wer­den, die mich so quäl­ten, dass ich mei­nen Kopf ge­gen die Wand schla­gen muss­te.

Na­tür­lich be­kam ich nie ir­gend­ei­ne Art von Hil­fe oder ei­ne The­ra­pie. Ich ha­be es ja nie je­man­dem gesagt. In ei­ner so gros­sen Fa­mi­lie wie mei­ner – mit fünf Kin­dern – wird man leicht

über­se­hen, selbst wenn man zu­grun­de geht. Nach ei­nem mei­ner de­pres­si­ven Schü­be riet mei­ne Mut­ter mir, ich sol­le be­ten. Dar­über konn­te ich nicht ein­mal la­chen.

Wenn ich nicht völ­lig ne­ben der Spur war, las ich al­les, was ich in die Fin­ger be­kam, und spiel­te ta­ge­lang Dun­ge­ons & Dra­gons. Ich ver­such­te zu ver­ges­sen, aber man ver­gisst nie. Am schlimms­ten war es nachts – dann ka­men die Träu­me. Alb­träu­me, in de­nen ich von mei­nen Ge­schwis­tern ver­ge­wal­tigt wur­de, von mei­nem Va­ter, mei­nen Leh­rern, von Frem­den, von Kin­dern, mit de­nen ich be­freun­det sein woll­te. Oft wa­ren die Träu­me so ver­stö­rend, dass ich mir auf die Zun­ge biss, und am nächs­ten Mor­gen spuck­te ich Blut ins Wasch­be­cken.

Es dau­er­te nicht lan­ge, bis mei­ne No­ten völ­lig ab­sack­ten. In Tests, im gan­zen Quar­tal, schliess­lich in kom­plet­ten Kur­sen. Zu­erst flog ich aus dem Hoch­be­gab­ten­pro­gramm mei­ner High­school und spä­ter aus den Fort­ge­schrit­te­nen­kur­sen. Im Un­ter­richt nick­te ich ent­we­der ein oder las Bü­cher von Ste­phen King. Ir­gend­wann ging ich ein­fach nicht mehr hin. Schul­freun­de ent­frem­de­ten sich, die Freun­de zu Hau­se be­grif­fen es schlicht nicht.

Im letz­ten High­school­jahr, als al­le an­de­ren ih­re Zu­sa­gen fürs Col­le­ge be­ka­men, schlug ich ei­nen an­de­ren Weg ein: Ich ver­such­te, mir das Le­ben zu neh­men. Das pas­sier­te, nach­dem ich wäh­rend ei­ner tie­fen De­pres­si­on plötz­lich wie be­ses­sen von ei­nem um­wer­fend süssen Mäd­chen aus der Schu­le war. Für ein paar Wo­chen lich­te­te sich mei­ne Düs­ter­nis, und ich war mir ab­so­lut si­cher, wenn die­ses Mäd­chen sich mit mir ver­ab­re­den wür­de, wenn es mich vö­geln wür­de, wä­ren all mei­ne Lei­den ge­heilt. Kei­ne bö­sen Er­in­ne­run­gen mehr. In letz­ter Zeit hat­te ich in ei­ner Dau­er­schlei­fe «Ex­ca­li­bur» ge­se­hen, des­halb glaub­te ich fest an wundersame Wie­der­auf­er­ste­hun­gen. Als ich end­lich mei­nen Mut zu­sam­men­nahm und sie um ei­ne Ver­ab­re­ dung bat und sie Nö sag­te, war es ein Ge­fühl, als hät­te mir die Welt jetzt end­gül­tig die Tür vor der Na­se zu­ge­schla­gen.

Am nächs­ten Tag schluck­te ich al­le Ta­blet­ten, die von der Krebs­be­hand­lung mei­nes Bru­ders üb­rig ge­blie­ben wa­ren, drei Fläsch­chen voll. Hat nicht funk­tio­niert.

Weisst du, war­um ich es am Tag da­nach nicht noch ein­mal ver­sucht ha­be?

Weil die Post mei­ne ein­zi­ge Col­le­ge­zu­sa­ge brach­te. Ich war da­von aus­ge­gan­gen, dass ich kein Col­le­ge be­su­chen wür­de, und hat­te völ­lig ver­ges­sen, dass noch Ant­wor­ten auf mei­ne Be­wer­bun­gen aus­stan­den. Aber als ich den Brief las, war es, als hät­te sich die Tür zur Welt wie­der ei­ne Win­zig­keit ge­öff­net.

Ich er­zähl­te nie­man­dem, dass ich ver­sucht hat­te, mich um­zu­brin­gen. Noch et­was, das ich tief in mir ver­grub.

Ich sa­ge oft, das Col­le­ge ha­be mich ge­ret­tet. Was zum Teil stimmt. Die Rut­gers, mit dem Bus nur ei­ne St­un­de von zu Hau­se ent­fernt, war mei­nem al­ten Le­ben so fremd und so vol­ler Mög­lich­kei­ten, dass ich zum ers­ten Mal seit Lan­gem so et­was wie Si­cher­heit ver­spür­te, et­was, das Hoff­nung na­he­kam. Viel­leicht lag es an die­ser An­ders­ar­tig­keit oder an mei­nem ab­grund­tie­fen Selbst­hass oder mei­nem bren­nen­den Le­bens­hun­ger nach dem Sui­zid­ver­such, je­den­falls er­fand ich mich in mei­nem ers­ten Jahr am Col­le­ge von Grund auf neu. Ich glau­be, im drit­ten Jahr hät­te mich nie­mand von mei­ner High­school wie­der­er­kannt. Ich ver­wan­del­te mich in ei­nen Läu­fer, ei­nen Ge­wicht­he­ber, ei­nen Ak­ti­vis­ten, hat­te Freun­din­nen, war «be­liebt». An der Rut­gers be­grub ich nicht nur die Ver­ge­wal­ti­gung, son­dern auch den Jun­gen, der ver­ge­wal­tigt wor­den war – und warf mei­ne Fa­mi­lie, mein Lei­den, mei­ne De­pres­si­on, mei­nen Sui­zid­ver­such gleich mit in die Gru­be. Al­les, was ich vor der Rut­gers ge­we­sen war, ver­barg ich hin­ter ei­ner Ada­man­tium­mas­ke der Nor­ma­li­tät. Und ei­nes kannst du mir glau­ben: Als ich die Mas­ke erst ein­mal auf­ge­setzt hat­te, hät­te sie mir kei­ne Macht der Welt vom Ge­sicht reis­sen kön­nen.

Die Mas­ke war stark.

Nur wird dir je­der Freu­dia­ner sa­gen, dass Trau­ma­ta stär­ker sind als je­de Mas­ke; man kann sie we­der be­gra­ben noch tö­ten. Sie sind Wie­der­gän­ger, die nie­mals auf­ge­ben, Geis­ter, die ei­nen ewig ver­fol­gen. Die Alb­träu­me, die In­tru­sio­nen, das Ver­ste­cken, die Zwei­fel, die Ver­wirrt­heit, die Selbst­vor­wür­fe, die Sui­zid­ge­dan­ken – sie ver­schwan­den nicht ein­fach, weil ich mein Um­feld, mei­ne Fa­mi­lie, mein Ge­sicht be­gra­ben hat­te. Sie ver­folg­ten mich. Wäh­rend der ge­sam­ten Col­le­ge­zeit. Wäh­rend der Ar­beit an mei­nem Mas­ter. Wäh­rend mei­nes gan­zen Be­rufs­le­bens. Bis in mein In­tim­le­ben. (Auch in mei­ne Tex­te dran­gen sie ein, aber du wärst er­staunt, wie leicht man die Wahr­heit um­schrei­ben kann.)

Egal, wie weit ich we­g­lief oder was ich er­reich­te oder mit wem ich zu­sam­men war – sie ver­folg­ten mich.

Er­in­nerst du dich, dass ich in Am­herst mit dir über In­ti­mi­tät ge­spro­chen ha­be? Ich glau­be, ich ha­be gesagt, In­ti­mi­tät sei un­ser ein­zi­ges Zu­hau­se. Wie iro­nisch, dass ich den gan­zen Tag lang über In­ti­mi­tät schrei­be und re­de; ich ha­be im­mer von ihr ge­träumt, nur wirk­lich er­reicht ha­be ich sie nie. Wie soll man auch Lie­be in sei­nem Le­ben ha­ben, wenn man sich strikt wei­gert, sich selbst zu zei­gen, wenn man hin­ter ei­ner Mas­ke weg­ge­sperrt ist?

Ich weiss noch, wie ich im Col­le­ge mit mei­ner ers­ten Freun­din zu­sam­men­ge­kom­men bin. Ich dach­te, ich hät­te es ge­schafft – ich wä­re ge­ret­tet. Al­les, was ich frü­her war, wür­de of­fi­zi­ell aus­ra­diert wer­den, all mei­ne schreck­li­chen Träu­me wür­den ver­schwin­den. Aber so funk­tio­niert die Welt nicht. Die­ses Mäd­chen und ich stan­den to­tal auf­ein­an­der, wir la­gen stän­dig zu­sam­men in un­se­ren schma­len Wohn­heim­bet­ten – aber weisst du was? Wir ha­ben nicht mit­ein­an­der ge­

schla­fen. Kein ein­zi­ges Mal. Ich konn­te nicht. Wenn wir kurz da­vor wa­ren zu vö­geln, fuh­ren mir die In­tru­sio­nen, die ekel­er­re­gen­den Er­in­ne­run­gen an mei­nen Miss­brauch, bis ins Mark. Na­tür­lich ha­be ich es ihr nicht er­klärt. Ich ha­be nur gesagt, ich wol­le war­ten. Sie hat mir mei­ne Aus­re­den nicht ab­ge­nom­men, hat ge­fragt, was los sei, aber ich ha­be nie et­was gesagt. Ich ha­be Schwei­gen be­wahrt. Nach ei­nem Jahr ha­ben wir uns ge­trennt.

Ich dach­te, mit ei­nem an­de­ren Mäd­chen wä­re es viel­leicht ein­fa­cher, aber das war es nicht. Ich ver­such­te es im­mer und im­mer wie­der. Erst in mei­nem drit­ten Col­le­ge­jahr ver­lor ich mei­ne Jung­fräu­lich­keit. Das Mäd­chen lern­te ich in ei­nem Se­mi­nar für krea­ti­ves Schrei­ben ken­nen. Sie war ein ExHip­pie und Ex­hard­core­punk und ei­ne echt Lie­be, die wun­der­schön schrieb und ei­ne Tä­to­wie­rung auf dem Kopf trug und beim ers­ten Mal, als wir im Bett wa­ren, nicht mal frag­te, ob ich Jung­frau sei, sie zog ein­fach ihr Kleid aus, und dann pas­sier­te es. Ich hät­te fast ei­ne Par­ty ge­schmis­sen.

Doch ich hät­te wis­sen müs­sen, dass es nicht so ein­fach sein wür­de. J— und ich wa­ren zwei Jah­re zu­sam­men, aber ich ver­stell­te mich im­mer, ver­steck­te mich. Die Mas­ke war stark.

Sie hat si­cher ge­spürt, dass ich völ­lig ver­korkst war, aber wahr­schein­lich hat sie das als üb­li­che Ghet­to­spin­ne­rei­en ab­ge­tan. Sie lieb­te mich wie ver­rückt. Hat mich nach Hau­se zu ih­rer Fa­mi­lie mit­ge­nom­men, die mich auch to­tal moch­te. Das war die ers­te rich­tig in­tak­te Fa­mi­lie, in die ich ge­kom­men bin. Man soll­te mei­nen, das wä­re et­was Gu­tes.

Falsch. Je län­ger die Be­zie­hung lief, je mehr ih­re Fa­mi­lie mich moch­te, des­to un­er­träg­li­cher wur­de es. Ein Mensch wie ich kann nur ein ge­wis­ses Mass an Nä­he aus­hal­ten, be­vor er die ver­damm­te Flat­ter macht. Ich hat­te lan­ge de­pres­si­ve Pha­sen, trank mehr als je zu­vor, vor al­lem an den Fei­er­ta­gen, wenn die an­de­ren be­son­ders fröh­ lich wa­ren. Ir­gend­wann hör­te ich mich aus hei­te­rem Him­mel sa­gen: Wir müs­sen Schluss ma­chen. Es gab nicht ein­mal ei­nen Aus­lö­ser. Ich hat­te ein­fach mei­ne Gren­ze er­reicht. Ich weiss noch, dass ich in der Nacht zu­vor Rotz und Was­ser ge­heult ha­be (und da­mals ha­be ich nie ge­weint). Ich woll­te nicht mit ihr Schluss ma­chen. Ich woll­te es nicht. Aber ich konn­te es nicht er­tra­gen, ge­liebt zu wer­den. Ge­se­hen zu wer­den.

War­um?, frag­te sie. War­um?

Und ich hat­te kei­ne Ant­wort. Da­nach kam C—, die in der D.R. ei­ne Men­ge Ge­mein­de­ar­beit leis­te­te. Und dann B—, die Ad­ven­tis­tin von Saint Thomas. Kei­ne die­ser Be­zie­hun­gen funk­tio­nier­te. Aber ich mach­te wei­ter.

Und so lief es ei­ne Wei­le lang, am Col­le­ge, wäh­rend des Mas­ter­stu­di­ums, in Brooklyn. Ich lern­te ein­schüch­ternd in­tel­li­gen­te Frau­en ken­nen, fing et­was mit ih­nen an, weil ich hoff­te, sie könn­ten mich hei­len, und dann stieg in mir die Angst auf, sie wür­den mich durch­schau­en, die Mas­ke schien Ris­se zu be­kom­men, und der Drang zu flie­hen, mich zu ver­ste­cken, wur­de im­mer stär­ker, bis ich schliess­lich den Ru­bi­kon er­reich­te – ent­we­der ver­trieb ich die no­via, oder ich such­te selbst das Wei­te. Aus­ser­dem schlief ich mich durch ei­ne Men­ge Bet­ten. Nor­ma­le Be­zie­hun­gen ge­nüg­ten nicht mehr als Dro­ge. Ich brauch­te här­te­ren Stoff, da­mit die Wun­de in mir nicht wei­ter auf­klaff­te und mich ver­schlang. Der ne­gro, der mit nie­man­dem schla­fen konn­te, wur­de zum ne­gro, der mit al­len schlief.

Ich ver­steck­te mich, ich trank, ich ging ins Fit­ness­stu­dio, ich trieb mich mit an­de­ren Frau­en her­um. Ich bau­te Mus­ter­häu­ser, und so­bald sie stan­den, gab ich sie auf. Klas­si­sche Trau­ma­psy­cho­lo­gie: an­nä­hern und zu­rück­zie­hen, an­nä­hern und zu­rück­zie­hen. Und da­bei an­de­re Men­schen ver­let­zen. Mei­ne De­pres­sio­nen setz­ten sich für Mo­na­te in mir fest, und in die­ser Fins­ter­nis keim­te der fah­le, töd­li­che Drang zum Sui­zid. Ei­ni­ge mei­ner Freun­de be­sas­sen Schuss­waf­fen; ich bat sie, auf kei­nen Fall wel­che mit­zu­brin­gen. Manch­mal folg­ten sie mei­ner Bit­te, manch­mal nicht.

Ir­gend­wie schaff­te ich es im­mer noch, zu schrei­ben — über ei­nen jun­gen Do­mi­ni­ka­ner, der im Ge­gen­satz zu mir nur leicht be­läs­tigt wor­den war. Der kei­ne Be­zie­hung auf­recht­er­hal­ten konn­te, weil er ein zu gros­ser Auf­reis­ser war. Da­mit schuf ich die per­fek­te Le­gen­de für mich. Und weil die Ge­sell­schaft uns Afro­la­tinx oh­ne­hin als per­ma­nent se­xu­ell ge­fähr­lich sieht, hat kaum je­mand be­merkt, was in mei­nen Tex­ten zwi­schen den Zei­len stand — dass Afro­la­tinx oft se­xu­ell ge­fähr­det sind.

Kurz vor mei­nem Mas­ter und dem Um­zug nach Brooklyn ver­öf­fent­lich­te ich mei­ne ers­te Ge­schich­te. Es ging um ei­nen do­mi­ni­ka­ni­schen Jun­gen, der auf dem Weg zu ei­nem an­de­ren Jun­gen, dem das Ge­sicht weg­ge­fres­sen wor­den war, se­xu­ell miss­braucht wur­de. (Ernst­haft.) Und so ver­rückt, wie das Le­ben manch­mal spielt, lan­de­te ich ei­nen li­te­ra­ri­schen Voll­tref­fer. Durch die­se ei­ne Ge­schich­te be­kam ich ei­nen Agen­ten, ich be­kam ei­nen Buch­ver­trag, ich wur­de im «New Yor­ker» ver­öf­fent­licht, und mit «Ab­tau­chen» er­schien mein ers­tes Buch, das sich zwar nicht ver­kauf­te, mir aber

Und weil ich sie mehr «lieb­te», als ich je ei­nen Men­schen ge­liebt hat­te, und weil ich et­was über mei­ne Ver­gan­gen­heit ent­hüllt hat­te, be­trog ich sie wie noch kei­ne Frau zu­vor.

mehr Pres­se ein­brach­te, als ein jun­ger Au­tor je ha­ben soll­te. Je­der an­de­re hät­te sich von die­ser Er­folgs­wel­le in den Son­nen­un­ter­gang tra­gen las­sen, aber so lief es nicht. In ge­wis­ser Wei­se woll­te ich be­kannt wer­den, kei­ne Fra­ge, ich sehn­te mich nach der Chan­ce, mein ech­tes Ge­sicht zu zei­gen, aber als der Au­gen­blick end­lich ge­kom­men war, konn­te ich es nicht; ich drück­te die Mas­ke ganz fest auf mich. Nach «Ab­tau­chen» hät­te ich in New York Ci­ty blei­ben kön­nen, statt­des­sen floh ich nach Sy­ra­cu­se mit sei­nem end­lo­sen Schnee und der Ab­ge­schie­den­heit, die ei­nen ver­schlingt. Ich schrieb kein Wort mehr.

In die Jah­re, in de­nen ich nicht schrieb, hät­ten gan­ze Au­to­ren­kar­rie­ren ge­passt. In die­ser Zeit lern­te ich S — ken­nen. Gä­be es ei­ne In­kar­na­ti­on von Black is be­au­ti­ful, wä­re es S— ge­we­sen; S—, die für un­se­re Be­zie­hung tau­send Jah­re Fa­mi­lie auf­ge­ge­ben hät­te. Es war egal; wir konn­ten nie Sex ha­ben. Die In­tru­sio­nen tra­fen mich im­mer, wo es am meis­ten schmerz­te. Ich wuss­te nie, mit wem ich schla­fen konn­te und mit wem nicht, be­vor ich es ver­such­te. S— fand ei­nen an­de­ren und hei­ra­te­te ihn schliess­lich. Ich wand­te mich an­de­ren Frau­en zu. Die Jah­re ver­gin­gen. Ich nahm nie die Mas­ke ab, such­te mir nie Hil­fe.

Und ei­ne Zeit lang hielt die Mit­te. Ei­ne Zeit lang.

Nie­mand kann sich ewig ver­ste­cken. Ir­gend­wann funk­tio­niert nicht mehr, was die Wahr­heit zu­rück­ge­hal­ten hat. Ir­gend­wann gibt es kei­ne Zuflucht mehr, kei­nen Aus­weg, kei­ne Tricks und kein Glück. Am En­de fin­det die Ver­gan­gen­heit dich.

Bei mir pas­sier­te es, weil ich je­man­den ken­nen lern­te: Y—. In dem Ro­man, den ich elf Jah­re nach «Ab­tau­chen» ver­öf­fent­lich­te, gab ich mei­nem Er­zäh­ler, Yu­ni­or, ei­ne gros­se Lie­be na­mens Lo­la, weil es in mei­nem Le­ben ei­ne gros­se Lie­be na­mens Y— gab. Sie war die Ma­ta­do­rin mei­ner Träu­me. Ei­ne Frau aus Washington Heights, die ei­ne staat­li­che Schu­le be­sucht hat­te, bis zum Um­fal­len ar­bei­te­te, nie ei­nem Streit aus dem Weg ging und Ochún an die Wand ge­tanzt hät­te.

Bei uns funk­te es wie ein Feu­er­werk. Als hät­ten un­se­re Vor­fah­ren uns an­ge­feu­ert. Ich war der do­mi­ni­ka­ni­sche ner­do, von dem sie im­mer ge­träumt hat­te. Das hat sie tat­säch­lich gesagt. Sie hat­te ja kei­ne Ah­nung. Ich wur­de von ih­rer Fa­mi­lie auf­ge­nom­men und sie von mei­ner. Und ih­re Mut­ter — Di­os mío, war die Se­ño­ra ver­narrt in mich. Ich war der Sohn, den sie nie hat­te. Und be­vor man «Lauf !» sa­gen konn­te, hat­te ich ei­ne wei­te­re ro­man­ti­sche Ge­schich­te ge­spon­nen, aber die­se war kom­ple­xer und ver­rück­ter als al­le zu­vor. Wir kauf­ten ei­ne Woh­nung in Har­lem. Wir ver­lob­ten uns in To­kio. Wir spra­chen über ge­mein­sa­me Kin­der. All­mäh­lich konn­te ich so­gar wie­der schrei­ben. Ne­gros, die ich zum ers­ten Mal sah, wa­ren stolz auf un­se­re Be­zie­hung und sag­ten es uns auch. Zwei «er­folg­rei­che» Do­mi­ni­ka­ner aus So­zi­al­bau­vier­teln, die sich lieb­ten? So sel­ten und so kost­bar wie ci­gua­pas.

Na­tür­lich zeich­ne­ten sich schon Pro­ble­me ab. In die­sem Jahr war ich min­des­tens sechs Mo­na­te lang de­pres­siv und/oder high oder be­trun­ken. Sex war mög­lich, aber nicht oft – die In­tru­sio­nen grätsch­ten da­zwi­schen wie ein Lie­bes­tö­ter in ei­ner höl­li­schen Mé­na­ge-à-trois.

Sex hin oder her, ich «lieb­te» sie mehr, als ich je ei­nen Men­schen ge­liebt hat­te. In ei­nem un­be­dach­ten Mo­ment er­zähl­te ich ihr so­gar, dass frü­her et­was ge­sche­hen war.

Et­was Schlim­mes.

Und weil ich sie mehr «lieb­te», als ich je ei­nen Men­schen ge­liebt hat­te, und weil ich et­was über mei­ne Ver­gan­gen­heit ent­hüllt hat­te, be­trog ich sie wie noch kei­ne Frau zu­vor.

Ich be­trog sie co­mo un mal­di­to per­ro.

Ich kann­te reich­lich Män­ner, die ein Dop­pel­le­ben führ­ten. Scheis­se, mein ei­ge­ner Va­ter war ei­ner von ih­nen ge­we­sen, zum ewi­gen Leid­we­sen mei­ner Fa­mi­lie. Und da zog ich los und er­füll­te mein er­erb­tes Schick­sal. Ich führ­te ein Dop­pel­le­ben wie in ei­nem Co­mi­cheft.

Y— be­kam so viel von mei­nem wah­ren Ich ab, wie ich ihr zei­gen konn­te. Sie leb­te mit mei­ner De­pres­si­on und mit mei­ner Wut, wenn ich nicht schrei­ben konn­te, und mit den we­ni­gen un­be­schwer­ten, kla­ren Zei­ten. Die an­de­ren Frau­en sa­hen vor al­lem mei­ne Mas­ke, bis ich ir­gend­wann oh­ne Er­klä­rung ab­tauch­te.

Die Mas­ke war stark.

Aber kei­ne Mas­ke ist so stark. Kei­ne Fas­sa­de so per­fekt. Kei­ne Lie­be so dumm. Ei­nes Tages ge­fiel Y— mei­ne Ant­wort nicht, als sie frag­te, wo ich ge­we­sen sei. Be­stimmt heg­te sie schon seit ei­ner Wei­le ei­nen Ver­dacht – vor al­lem, seit bei ei­ner mei­ner Le­sun­gen ei­ne Frau auf­ge­taucht und in Trä­nen aus­ge­bro­chen war, als ich Hal­lo sag­te.

Y— be­schloss, in mei­nen Mails her­um­zu­schnüf­feln, und weil ich es mit Pass­wör­tern nicht so hat­te und mei­ne Mails nicht lösch­te, fand sie nach nicht mal fünf Mi­nu­ten, was sie such­te.

Ein ge­bro­che­nes Herz kann ei­ne Welt aus­lö­schen. Bei ihr war es so. Es lösch­te ih­re und mei­ne Welt aus.

Ei­ne an­de­re Frau hät­te mich viel­leicht aus Prin­zip er­schos­sen, aber Y— druck­te nur al­le Mails zwi­schen mir und den gan­zen an­de­ren Frau­en aus, all mei­ne be­scheu­er­ten Ver­füh­rungs­ver­su­che, al­le Fotos, liess die Be­wei­se für mei­ne Be­trü­ge­rei­en bin­den und über­reich­te sie mir, als ich von ei­ner Rei­se zu­rück­kam.

Als ich be­griff, was sie mir da ge­ge­ben hat­te, wur­de ich ohn­mäch­tig.

Die üb­li­che Re­ak­ti­on, wenn die Welt un­ter­geht.

Ei­ni­ge Mo­na­te spä­ter ge­wann ich den Pu­lit­zer­preis für mei­nen Ro­man mit ei­nem do­mi­ni­ka­ni­schen Er­zäh­ler, der die Do­mi­ni­ka­ne­rin sei­ner Träu­me ver­liert, weil er sie stän­dig be­trügt. Als ich von dem Preis er­fuhr, war mein ers­ter Ge­dan­ke nicht: «Ich habs ge-

schafft», son­dern: «Viel­leicht bleibt sie jetzt bei mir.»

Das tat sie nicht. Ein paar Mo­na­te spä­ter kam sie zu Ver­stand und strich mich kom­plett aus ih­rem Le­ben. Sie be­hielt die Woh­nung, den Ring, ih­re Fa­mi­lie, un­se­re Freun­de. Ich be­kam Bos­ton. Wir sa­hen uns nie wie­der.

Als Kind ha­be ich mal ge­hört, Di­no­sau­ri­er sei­en so gross ge­we­sen, dass es bei töd­li­chen Ver­let­zun­gen ei­ne Wei­le dau­er­te, bis ihr zen­tra­les Ner­ven­sys­tem hin­ter­her­kam. So ging es mir auch. Nach­dem ich Y— ver­lo­ren hat­te, zog ich ganz nach Cam­bridge und ver­such­te et­wa ein Jahr lang, es ein­fach aus­zu­sit­zen. Ei­ne kur­ze Zeit lang dach­te ich ernst­haft, es wür­de von selbst bes­ser wer­den. Die Mas­ke war zer­split­tert, aber ich trug die Bruch­stü­cke, als wä­re nichts pas­siert. Man hät­te la­chen kön­nen, wä­re es nicht so tra­gisch ge­we­sen. Mit Sex woll­te ich das Loch fül­len, das ich in mein Herz ge­sprengt hat­te, aber das funk­tio­nier­te nicht. Was mich nicht da­von ab­hielt, es wei­ter zu ver­su­chen.

Ich ver­lor Wo­chen, ich ver­lor Mo­na­te, ich ver­lor Jah­re (zwei). Und dann wach­te ich ei­nes Mor­gens auf und kam buch­stäb­lich nicht aus dem Bett. Ein Oze­an der Trau­er war über mir zu­sam­men­ge­schla­gen, ein wein­dunk­les Meer aus Schmerz. Wäh­rend ei­nes be­trun­ke­nen Aus­set­zers woll­te ich mich aus der Dach­woh­nung ei­nes Freun­des in der D.R. stür­zen. Er hielt mich fest, be­vor ich ei­nen Fuss auf den Ho­cker vor mir set­zen konn­te, und liess mich erst los, als ich nicht mehr zit­ter­te.

In der Welt der The­ra­pie heisst es, vie­le wür­den erst Hil­fe su­chen, wenn sie völ­lig am Bo­den sind. Das ist nicht im­mer so, aber bei mir traf das ein­deu­tig zu. Ich muss­te fast al­les und noch ein biss­chen mehr ver­lie­ren. Und noch ein biss­chen mehr. Erst dann streck­te ich die Hand aus.

Ich hat­te Glück. Ich hat­te Freun­de um mich, die mir so­fort bei­stan­den. Durch die Uni­ver­si­tät war ich gut ver­si­chert. Ich traf auf ei­ne gross­ar­ti­ge The­ra­peu­tin. Sie hat­te schon Men­schen wie mich be­han­delt, und sie wid­me­te sich ganz mei­ner Hei­lung. Es dau­er­te Jah­re, schwe­re, zer­mür­ben­de Jah­re, aber sie füg­te wie­der zu­sam­men, was von mir üb­rig war. Ich glau­be, sie hat­te noch nie je­man­den ge­trof­fen, der sich so ge­gen ei­ne The­ra­pie sträub­te. Ich kämpf­te per­ma­nent da­ge­gen an. Aber ich ging im­mer wie­der zu ihr, und sie gab nie auf. Nach lan­gem Rin­gen und vie­len Rück­schlä­gen brach­te mei­ne The­ra­peu­tin mich all­mäh­lich da­zu, mei­ne Mas­ke ab­zu­le­gen. Nicht für im­mer, aber lang ge­nug, dass ich at­men, dass ich le­ben konn­te. Und als ich schliess­lich be­reit war, an den Ort zu­rück­zu­keh­ren, an dem ich zu­grun­de ge­rich­tet wur­de, war sie bei mir, sie hielt mei­ne Hand und liess nicht los.

Ich hat­te im­mer an­ge­nom­men, wenn ich je an die­sen Ort zu­rück­keh­ren soll­te, auf die­se In­sel, vor der mein Schiff an den Klip­pen zer­schellt war, wür­de ich nie ent­kom­men kön­nen, ich wür­de in die Tie­fe ge­so­gen und aus­ge­löscht wer­den. Doch was mich auf der In­sel er­war­te­te, war nicht mein Un­ter­gang, son­dern bei­na­he das Ge­gen­teil: mei­ne Ret­tung.

In die­ser Zeit schrieb ich kaum et­was. Gröss­ten­teils mar­kier­te ich Text­stel­len in mei­nen Lieb­lings­bü­chern. Vor al­lem die­sen Satz kreis­te ich min­des­tens ein Dut­zend Mal ein: «Dann um­fing mich Dun­kel­heit, und ich irr­te um­her oh­ne Ge­dan­ken und Zeit­ge­fühl, und ich wan­der­te auf We­gen, die ich nicht nen­nen will.»*

Und dann war da die­ser Ab­schnitt aus mei­nem ei­ge­nen Ro­man:

«Als es noch Hoff­nung gab, hat­te ich im­mer die­sen al­ber­nen Traum, dass wir die Sa­che noch ret­ten könn­ten, dass wir zu­sam­men im Bett lie­gen wie frü­her, mit lau­fen­dem Ven­ti­la­tor, über uns Rauch­schwa­den von un­se­rem Gras, und dass ich end­lich ver­su­chen wür­de, Wor­te aus­zu­spre­chen, die uns ret­ten könn­ten.

——— ——— ———. Aber be­vor ich die Lau­te for­men kann, wa­che ich auf. Mein Ge­sicht ist nass, und das sagt ei­nem, dass es nie­mals wahr wer­den wird. Nie­mals, nie.»

Seit dem Ab­sturz ist fast ein Jahr­zehnt ver­gan­gen. Ich bin nicht mehr der glei­che Mensch wie frü­her. Ich bin we­der der Typ, der kein Mäd­chen an­fas­sen kann, noch das Ar­sch­loch mit wech­seln­den Af­fä­ren. Zwei­mal die Wo­che be­su­che ich mei­ne The­ra­peu­tin. Ich trin­ke nicht (aus­ser in Ja­pan, wo ich mir ein Bier er­laubt ha­be). Ich ver­let­ze Men­schen nicht mehr mit mei­nen Lü­gen oder mei­nen Ent­schei­dun­gen, und wo ich Ab­bit­te leis­ten kann, über­neh­me ich die Ver­ant­wor­tung. Ich ha­be ge­lernt, dass Wie­der­gut­ma­chung nie en­det.

Ich bin so­gar mit je­man­dem zu­sam­men, und sie weiss al­les über mei­ne Ver­gan­gen­heit. Ich ha­be ihr er­zählt, was mir wi­der­fah­ren ist.

Ich ha­be es ihr er­zählt und auch mei­nen Freun­den. Selbst den här­tes­ten Jungs. Al­len ha­be ich es er­zählt, scheiss auf die Kon­se­quen­zen.

Das hät­te ich frü­her nie für mög­lich ge­hal­ten.

So vie­les hat sich ver­än­dert. Aber ei­ni­ges nicht. Es gibt im­mer noch Zei­ten, in de­nen die De­pres­si­on mich wie ein Ham­mer trifft und mir Mo­na­te ein­fach ent­glei­ten, Zei­ten, in de­nen die Sui­zid­ge­dan­ken zu­rück­kom­men. Mit dem Schrei­ben läuft es nicht wie frü­her, nicht wirk­lich. Aber es gibt gu­te Pha­sen, und nach und nach wer­den sie häu­fi­ger als die schlech­ten. Je­des Jahr füh­le ich mich we­ni­ger den To­ten, mehr den Le­ben­den zu­ge­hö­rig. Die In­tru­sio­nen sind sel­te­ner ge­wor­den, und wenn sie kom­men, wer­fen sie mich nicht mehr voll­kom­men um. Manch­mal ha­be ich im­mer noch die­se schreck­li­chen Träu­me, und sie sind wirk­lich wi­der­lich, aber we­nigs­tens ha­be ich jetzt das Rüst­zeug, um mit ih­nen fer­tig zu wer­den.

Und doch ...

Und doch ha­be ich, ob­wohl ich schon weit ge­ne­sen bin, das Ge­fühl, et-

was Wich­ti­ges, et­was Ent­schei­den­des wür­de mir ent­ge­hen. Der Drang, mich zu ver­ste­cken, mich von mei­nen Kol­le­gen, von an­de­ren Au­to­ren, von mei­nen Stu­den­ten, vom Kreis­lauf des Le­bens fern­zu­hal­ten, ist nach wie vor un­glaub­lich stark. Bei Re­den an Uni­ver­si­tä­ten und auf Kon­fe­ren­zen ha­be ich manch­mal über das ge­ne­ra­ti­ons­über­grei­fen­de Leid ge­spro­chen, das sys­te­mi­sche se­xu­el­le Ge­walt über die afri­ka­ni­sche Dia­spo­ra, über die Mit­glie­der mei­ner Com­mu­ni­ty ge­bracht hat. Aber war ich je­mals of­fen und ha­be gesagt, dass ich selbst ein Op­fer se­xu­el­ler Ge­walt war? Hier und da ha­be ich va­ge et­was an­ge­deu­tet, aber nie et­was Nach­weis­ba­res gesagt, nie ein­deu­tig for­mu­liert.

In den letz­ten Wo­chen ist die­ses boh­ren­de Ge­fühl, dass et­was un­er­le­digt ist, im­mer stär­ker ge­wor­den, zu­sam­men mit der alt­ver­trau­ten Angst – der Angst, je­mand könn­te her­aus­fin­den, dass ich als Kind ver­ge­wal­tigt wur­de. Es ist kein Zu­fall, dass ich seit Kur­zem her­um­rei­se, um mein ge­ra­de er­schie­ne­nes Kin­der­buch vor­zu­stel­len, und dass ich plötz­lich stän­dig von Kin­dern um­ge­ben bin und mehr als je zu­vor über mei­ne Kind­heit re­den muss. Da­bei ha­be ich Lü­gen er­zählt und über ei­nen Jun­gen ge­spro­chen, den es nie ge­ge­ben hat. Er hat nicht je­den Abend vier­mal die Schlös­ser an sei­ner Zim­mer­tür kon­trol­liert, hat sich nicht die Zun­ge durch­ge­bis­sen. Die Le­gen­den hal­ten wie­der Ein­zug. Manch­mal fühlt sich so­gar mor­gens mein Ge­sicht starr an.

Und dann stand bei ei­ner Si­gnier­stun­de – die­se fand im Bratt­le Thea­t­re in Cam­bridge statt – ei­ne jun­ge Frau in der Schlan­ge, die mir für mei­nen Ro­man und für Be­li dank­te, ei­ne der Haupt­fi­gu­ren. Be­li, die lie­be­voll-stren­ge do­mi­ni­ka­ni­sche Mut­ter, die im Lau­fe ih­res Le­bens im­mer wie­der ver­hee­ren­den se­xu­el­len Miss­brauch er­litt.

Mein Le­ben war Be­lis sehr ähn­lich, sag­te die jun­ge Frau, und dann brach sie oh­ne Vor­war­nung in Trä­nen aus. Sie woll­te noch wei­ter mit mir spre­chen, aber be­vor sie es konn­te, war sie so über­wäl­tigt, dass sie we­g­lief. Ich hät­te ver­su­chen kön­nen, sie auf­zu­hal­ten. Ich hät­te ihr nach­ru­fen kön­nen: Ich auch, ich auch. Ich hät­te es aus­spre­chen kön­nen: Ich wur­de auch ver­ge­wal­tigt.

Doch mir fehl­te der Mut. Ich wand­te mich dem Nächs­ten in der Schlan­ge zu und lä­chel­te.

Und weisst du was? Ich fühl­te mich gut hin­ter der Mas­ke. Ich fühl­te mich wie zu Hau­se.

Ich den­ke über dich nach, X—. Ich den­ke über die­se Frau im Bratt­le Thea­t­re nach. Ich den­ke über Schwei­gen, über Scham, über Ein­sam­keit nach. Über den Schmerz, den ich ver­ur­sacht ha­be. Ich den­ke über all die Jah­re und all das Le­ben nach, die mich das Ver­ste­cken und die Angst und der Schmerz ge­kos­tet ha­ben. Die Mas­ke hat mehr von mir be­kom­men als ich selbst. Aber vor al­lem den­ke ich dar­über nach, wie es sich an­ge­fühlt hat, die Wor­te aus­zu­spre­chen – da­mals mei­ner The­ra­peu­tin, mei­ner Part­ne­rin, mei­nen Freun­den zu sa­gen, dass ich ver­ge­wal­tigt wur­de. Und wie es sich an­fühlt, es hier zu sa­gen, wo die gan­ze Welt – viel­leicht auch du – es hö­ren kann.

To­ni Mor­ri­son hat ge­schrie­ben: «Al­les, was tot ist und wie­der zum Le­ben er­wacht, tut weh.» Wenn ein Kind ge­bo­ren wird, sa­gen wir auf Spa­nisch, es ha­be das Licht ge­schenkt be­kom­men. Und ge­nau­so fühlt es sich an, die­se Wor­te aus­zu­spre­chen, X—. Als hät­te ich ei­ne zwei­te Chan­ce auf das Licht be­kom­men.

Letz­te Nacht hat­te ich wie­der ei­nen Traum. Kei­nen schlech­ten. Ich war noch klein. Nur ein Jun­ge. Es hat­te mir noch nie­mand weh­ge­tan. Ein Flug­zeug ver­streu­te Fly­er für ei­nen Kampf von Jack Ve­ne­no, und wir Kin­der in Vil­la Jua­na rann­ten vol­ler Be­geis­te­rung her­um und sam­mel­ten die Fly­er ein.

Ich kann mich an die­sen Jun­gen kaum noch er­in­nern, aber ei­nen kur­zen Mo­ment lang bin ich wie­der er, und er ist ich.

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