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Das Magazin - - News - Auf Deutsch zu­letzt er­schie­nen: «Studs meets mu­sic: Studs Ter­kel im Ge­spräch mit gros­sen Mu­si­kern des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts». Kunst­mann, Mün­chen 2006. HANS UL­RICH OBRIST ist künst­le­ri­scher Di­rek­tor der Ser­pen­ti­ne Gal­le rie­sin London.

Bar­ba­ra Au­er

Es gibt vie­le gu­te Grün­de, nach Chicago zu rei­sen. Die schö­nen Hoch­häu­ser zum Bei­spiel, die Mu­se­en, der Mill­en­ni­um Park, der See, die Jazz­mu­sik oder die be­rüch­tig­te «Deep Dish Piz­za», dick wie ei­ne Rahm­tor­te. Der Grund mei­nes ers­ten Be­suchs En­de der 90erjah­re war aber ein an­de­rer. Er hiess Lou­is «Studs» Ter­kel. Ich bin kein Freund von Su­per­la­ti­ven, aber ver­mut­lich hat nie­mand mehr Men­schen in­ter­viewt als Ter­kel. Je­den Tag hat er sich für den Ra­dio­sen­der 98.7 WFMT ei­ne St­un­de lang mit je­man­dem un­ter­hal­ten, 45 Jah­re lang. Er sprach mit Bob Dy­lan, mit Ten­nes­see Wil­li­ams, Martin Lu­ther King, Si­mo­ne de Be­au­voir und Mu­ham­mad Ali. Er sprach aber auch mit de­nen, die nicht im Ram­pen­licht stan­den – mit Sol­da­ten, Ar­bei­tern und Ar­beits­lo­sen, weil er der Über­zeu­gung war, dass je­der ei­ne Ge­schich­te zu er­zäh­len hat, dass je­der Mensch im Be­sitz ei­ner Weis­heit ist, von der al­le et­was ler­nen kön­nen. Man muss nur die rich­ti­gen Fra­gen stel­len.

Gut fra­gen kann nur, wer gut zu­hö­ren kann, und das üb­te Ter­kel schon als Kind. Die El­tern führ­ten ein Ho­tel, und Ter­kel ver­brach­te sei­ne Ta­ge da­mit, Gäs­te in der Lob­by zu be­lau­schen. Spä­ter nahm er ein­fach auf, was die Men­schen um ihn her­um sag­ten, und fass- te das Ge­hör­te in Bü­chern zu­sam­men. Für sein ers­tes Buch, «Di­vi­si­on Street: Ame­ri­ca», frag­te er sie, wie es sei, in ei­ner ame­ri­ka­ni­schen Gross­stadt zu le­ben, für «Work» frag­te er nach ih­rer Ar­beit und für «The Good War», das ihm 1985 den Pu­lit­zer­preis be­scher­te, nach Er­leb­nis­sen im Zwei­ten Welt­krieg. Das Er­geb­nis die­ser Zu­hör-ma­ra­thons ist ein gros­ser Er­zähl­chor, viel­stim­mig, lehr­reich, mit­reis­send.

Ich hat­te da­mals, En­de der 90erjah­re, schon mit der Ar­chi­vie­rung mei­ner In­ter­views be­gon­nen, die ich, oft meh­re­re an ei­nem Tag, mit ver­schie­dens­ten Men­schen füh­re. Zu Ter­kel reis­te ich, weil ich mir von die­sem In­ter­view­gi­gan­ten ab­schau­en woll­te, wie er es macht. Tipps gab er mir je­doch kei­ne. Das heisst: Ich bin mir da nicht si­cher. Na­tür­lich ha­be ich auch mein Ge­spräch mit Ter­kel auf­ge­zeich­net, hat­te da­mals aber noch ei­ne um­ständ­li­che Film­ka­me­ra, die auf ei­nem wa­cke­li­gen Sta­tiv stand und dau­ernd um­kipp­te. Ter­kel sag­te, es sei gut, wenn der In­ter­view­er die tech­ni­schen Ge­rä­te nicht zu gut be­herrscht. Das lö­se die Stim­mung. Ich weiss nicht, ob er das ernst mein­te oder es nur sag­te, um mich in dem Mo­ment nicht in Ver­le­gen­heit zu brin­gen. Je­den­falls be­her­zi­ge ich sei­nen Rat bis heu­te.

Ter­kel bei ei­nem sei­ner le­gen­dä­ren In­ter­views.

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