«BES­SER NICHT ZU ZWEIT SCHLA­FEN»

Das Magazin - - Gesundheit - Text Fre­de­rik Jöt­ten Por­trät dan Wil­ton

Spit­zen­fuss­bal­ler kön­nen sich al­les kau­fen, aus­ser ge­sun­den Schlaf. Wenn ih­nen der fehlt, las­sen sie Nick Litt­le­ha­les ins Schlaf­zim­mer.

Nick Litt­le­ha­les, 57 Jah­re alt, ha­ger, An­zug­ho­se, Le­der­schu­he, steht an ei­nem son­ni­gen Früh­lings­mor­gen vor ei­nem Back­stein­häus­chen im ru­hi­gen Sü­den von Not­ting­ham. Der blaue Him­mel spie­gelt sich in sei­ner Bril­le. Trotz er­grau­ten Haars strahlt er Ju­gend­lich­keit aus. «Gu­tes Wet­ter – sehr un­ge­wöhn­lich hier», knurrt er. Litt­le­ha­les spricht ein rot­zi­ges Eng­lisch, auch wenn man das, was er sagt, eher in sanf­tem Yo­gal­eh­rer-ton ge­wöhnt ist. «Der Blick auf die Bäu­me, das Zwit­schern der Vö­gel – ich ha­be hier ge­ra­de ei­nen Ru­he­mo­ment ge­nos­sen.» Er nennt das «kon­trol­lier­te Er­ho­lungs­pha­se», con­trol­led re­co­very pha­se, kurz: CRP. «Wir ver­su­chen doch heu­te, im­mer mehr zu ma­chen und im­mer schnel­ler zu sein», sagt er. «Wir neh­men uns al­le die­se Mo­men­te weg – da hilft es, be­wusst ei­ne CRP ein­zu­le­gen.»

Oh­ne dass Litt­le­ha­les et­was da­für ge­tan hät­te, liegt sein The­ma plötz­lich im Trend: In ei­ner Zeit, da Acht­sam­keit und Me­di­ta­ti­on boo­men, rich­tet er den Fo­kus auf die na­tür­lichs­te al­ler Er­ho­lungs­me­tho­den – den Schlaf. Von al­len Sei­ten ge­rät die­ser un­ter Druck – stän­di­ge Er­reich­bar­keit, Smart­pho­ne, So­ci­al Me­dia, Net­flix. Aber Litt­le­ha­les, der Schlaf­coach der Spit­zen­sport­ler, zeigt wie man trotz­dem er­hol­sam ruht.

Er ist kei­ner, der das mo­der­ne Le­ben ver­teu­felt. Wäh­rend der Ar­beit mit Ath­le­ten hat er ge­lernt, prag­ma­ti­sche We­ge zu fin­den. Im Leis­tungs­sport gibt es die über­vol­len Ter­min­plä­ne und den stän­di­gen Druck, die heu­te viel­fach in der Ar­beits­welt zu fin­den sind, schon lan­ge. Wer weiss, wie je­mand vor ei­nem Cham­pi­ons-le­ague-fi­na­le Schlaf fin­det, der wird das auch für die Nacht vor ei­ner stres­si­gen Prä­sen­ta­ti­on sa­gen kön­nen. Das je­den­falls ist die Hoff­nung

sei­ner Kun­den und Le­ser. Litt­le­ha­les’ Buch «Sleep. Schla­fen wie die Pro­fis» ist in zehn Spra­chen über­setzt wor­den.

NickLitt­le­hal es bitte­thi nein. In die Drei­zim­mer ei­gen­tums­woh­nung im Erd­ge­schoss ist er ge­ra­de erst ein­ge­zo­gen – und es ist of­fen­sicht­lich, dass er Be­ruf und Pri­vat­le­ben kaum trennt. Im Wohn­zim­mer sta­peln sich Ma­trat­zen, auf dem Key­board an der Wand lie­gen zu­sam­men­ge­fal­te­te Bett­de­cken. Auf der Fens­ter­bank hin­ter dem grü­nen Oh­ren ses­sel sta­peln sich Bü­cher, al­le zum The­ma Schlaf.

Vor zwan­zig Jah­ren be­gann Litt­le­ha­les den eng­li­schen Pre­mier-le­ague-ver­ein Man­ches­ter Uni­ted zu be­ra­ten – die Bou­le­vard­pres­se mach­te sich über ihn lus­tig: Er brin­ge die Spie­ler ins Bett und de­cke sie zu. Aber kurz dar­auf ge­wann die Mann­schaft das Triple aus Cham­pi­ons Le­ague, Meis­ter­schaft und Po­kal. Dar­auf­hin en­ga­gier­ten wei­te­re Ver­ei­ne aus der Pre­mier Le­ague den Coach. Spä­ter folg­ten Re­al Madrid so­wie das Pro­fi-rad­team Sky mit Brad­ley Wigg­ins, der dar­auf­hin die Tour de Fran­ce ge­wann. Heu­te be­rät Litt­le­ha­les auch Man­ches­ter Ci­ty – die von Pep Guar­dio­la trai­nier­te teu­ers­te Mann­schaft der Welt.

Neu­lich war Litt­le­ha­les auf Haus­be­such bei ei­nem Pro­fi aus der Pre­mier Le­ague. Des­sen Ver­ein hat­te ihn be­auf­tragt her­aus­zu­fin­den, war­um der Spie­ler so schlecht schla­fe. Die­ser klag­te über stän­di­ge Mü­dig­keit, in­ner­halb we­ni­ger Wo­chen woll­te er sich be­reits zum zwei­ten Mal ei­ne neue Ma­trat­ze an­schaf­fen. Schon als sich die Haus­tür öff­ne­te, spür­te Litt­le­ha­les, dass in dem Heim et­was fun­da­men­tal schie­fief. Der Fuss­ball­star stand in Shorts in der Tür, und Nick Litt­le­ha­les weh­te, mit­ten im nass­kal­ten eng­li­schen Win­ter, aus dem Flur ein Hit­ze­schwall ent­ge­gen.

Das Haus war ein Pa­last, und es war da­rin 40 Grad warm. Nach der Be­grüs­sung in der Ein­gangs­hal­le liess sich Litt­le­ha­les ins Schlaf­zim­mer füh­ren – auch hier war die Tem­pe­ra­tur so hoch wie im üb­ri­gen Haus. Die Ma­trat­ze war ei­ne sehr di­cke, sehr teu­re Fe­der­kern­ma­trat­ze. Litt­le­ha­les bat den Fuss­bal­ler, sich hin­zu­le­gen – und die­ser sank über­haupt nicht ein.

«Das Ding hat­te of­fen­bar ein Ver­mö­gen ge­kos­tet und war viel zu hart», sagt Litt­le­ha­les. Vie­le Men­schen schlie­fen auf ei­ner zu fes­ten Un­ter­la­ge. Um das zu un­ter­strei­chen, legt Litt­le­ha­les sich auf die obers­te Ma­trat­ze des Sta­pels ne­ben dem So­fa – in Sei­ten­la­ge. «Die ein­zi­ge Schlaf­po­si­ti­on, die ich emp­feh­le – auf dem Rü­cken sind die Atem­we­ge ver­engt, und Bauch­schlä­fer ver­dre­hen die Wir­bel­säu­le.» Er zieht die Bei­ne ein we­nig an, legt die an­ge­win­kel­ten Ar­me vor den Ober­kör­per. Er sinkt mit der Schul­ter so tief ein, dass er mit der Sei­te des Kop­fes ge­ra­de auf der Ma­trat­ze liegt, oh­ne ein Kis­sen un­ter­le­gen zu müs­sen.

Die bei­den jun­gen Spie­ler al­ber­ten auf der Ma­trat­ze her­um, mach­ten Ko­pu­la­ti­ons­be­we­gun­gen, bis Thier­ry Hen­ry rief: «Es reicht!»

Wenn man die rich­ti­ge Ma­trat­ze ha­be, brau­che man, wenn über­haupt, nur ein sehr schma­les Kis­sen. Ganz an­ders sei es bei dem Fuss­bal­ler mit den Schlaf­pro­ble­men ge­we­sen. «Das Bett lag vol­ler di­cker Kis­sen, und weil die Ma­trat­ze so hart war, schlief er auf dem Bauch, in der Po­si­ti­on ei­nes Fall­schirm­sprin­gers im frei­en Fall.» Nick Litt­le­ha­les winkt miss­bil­li­gend ab. «Man kann die­se Leu­te nicht al­lein ein Schlaf­zim­mer ein­rich­ten las­sen – die wis­sen nicht, was sie tun.»

Litt­le­ha­les’ un­ge­wöhn­li­che Kar­rie­re be­gann oh­ne Aus­bil­dung. Wäh­rend der Schul­zeit be­trieb er vor al­lem Sport, Leichtathletik, Fussball, Cri­cket und Golf. Am meis­ten Spass mach­te ihm Fussball, aber über ein Pro­be­trai­ning bei ei­nem Viert­li­ga­ver­ein kam er nie hin­aus. Statt wie sei­ne Freun­de zu stu­die­ren, nahm er mit neun­zehn das An­ge­bot an, in ei­nem Golf­klub zu ar­bei­ten, man stell­te ihn hin­ter den Tre­sen des ver­eins­ei­ge­nen Shops. Das Ge­halt war be­schei­den, da­für konn­te er den Gross­teil des Tages trai­nie­ren. So wur­de er schnell zum Trai­ner mit Pro­fi­li­zenz. Fünf Jah­re lang gab er Golf­stun­den, dann hei­ra­te­te er sei­ne Freun­din, mit der er seit dem sech­zehn­ten Le­bens­jahr li­iert war. Mit vier­und­zwan­zig wur­de er zum ers­ten Mal Va­ter und stieg ins Mö­bel­ge­schäft sei­nes Schwie­ger­va­ters ein. Ei­nes der Pro­duk­te, das er ver­kauf­te, wa­ren: Ma­trat­zen.

Mit En­de zwan­zig wech­sel­te er in die In­dus­trie, fuhr für die Fir­ma Slum­ber­land aus Man­ches­ter durch die nord­eng­li­sche Pro­vinz, um den Mö­bel­ge­schäf­ten Ma­trat­zen zu ver­kau­fen. Er ar­bei­te­te sich rasch nach oben, wur­de Mar­ke­ting­chef. Als Ver­tre­ter von Old­ham Ath­le­tic, ei­nem Fuss­ball­klub, der in der Nach­bar­schaft der Ma­trat­zen­fa­brik spiel­te, ihn frag­ten, ob sei­ne Fir­ma nicht auf ih­ren Tri­kots wer­ben wol­le, sag­te er zu. So kam er als Spon­sor in die Fuss­ball­welt, die ihm als Spie­ler ver­schlos­sen ge­blie­ben war.

Auf ei­nem Emp­fang lern­te er Alex Fer­gu­son ken­nen, den le­gen­dä­ren Trai­ner von Man­ches­ter Uni­ted. Als ei­ner sei­ner Spie­ler über hart­nä­cki­ge Rü­cken­pro­ble­me klag­te, wand­te sich der Ver­ein dann an Litt­le­ha­les. Dank sei­ner Schlaf­tipps be­kam der Spie­ler die Be­schwer­den bes­ser in den Griff. Nach und nach ver­lang­ten im­mer mehr Fuss­bal­ler nach sei­nem Rat, und er er­kann­te: Von der Er­näh­rung bis zum Trai­ning war al­les im Le­ben der Pro­fi­fuss­bal­ler op­ti­miert – aber nie­mand küm­mer­te sich um die Ru­he­pha­sen.

Heu­te macht Litt­le­ha­les ge­nau das. Wenn er über sei­ne Kli­en­ten spricht, klingt er wie ein Mecha­ni­ker, der ein Au­to re­pa­riert hat. «Bei ei­nem Spie­ler des FC Li­ver­pool», er­zählt er, «hing qua­si an je­der Wand ein Flach­bild­schirm – al­lein in der Kü­che zwei. Und das wa­ren kei­ne klei­nen Fern­se­her, auf die man mal beim Ko­chen schaut, son­dern Ge­rä­te mit 1,80 Me­ter Bild­schirm­dia­go­na­le.» Es sei schwie­rig, den jun­gen Leu­ ten zu ver­mit­teln, dass so ein Dau­er­feu­er aus Ton und Bild nicht gut für sie sei. Zum Glück ha­be der Spie­ler auf ihn ge­hört. «Er hat das Haus ver­kauft und ein neu­es ge­baut – dies­mal ein Heim zum Le­ben an­stel­le ei­nes Ver­gnü­gungs­parks.»

Das Haus der Kli­en­ten lässt sich op­ti­mie­ren, aber Pro­fi­sport­ler sind viel un­ter­wegs. «Die Ma­trat­zen in den meis­ten Ho­tels tau­gen nichts», sagt Litt­le­ha­les. Er hat da­her ein «Sleep­kit», ein Schlaf­set, ent­wi­ckelt: ei­ne dün­ne Ma­trat­ze plus fla­ches Kis­sen und Bett­de­cke. Er bückt sich, holt ne­ben dem Ma­trat­zen­sta­pel ei­nen rie­si­gen See­sack her­vor. «Da­rin lässt sich das ge­sam­te Set ver­stau­en und wie ein Ruck­sack tra­gen.» Er zieht sich die Trä­ger des Sacks über und geht ein paar Me­ter durchs Wohn­zim­mer. «Ein Bett zum Mit­neh­men!» Jetzt klingt Nick Lit­telha­les, als ha­be er ein Welt­pro­blem ge­löst. Mit sei­nem Ni­schen­pro­dukt Sleep­kit fährt der ver­hin­der­te Leis­tungs­sport­ler Sie­ge ein, die er selbst nie er­rei­chen konn­te. Auf die­ser Un­ter­la­ge schlief zum Bei­spiel Brad­ley Wigg­ins, als er die Tour de Fran­ce ge­wann. «Meis­tens auf dem Bo­den, denn dort ist es küh­ler als im Bett, und Ho­tel­zim­mer sind oft zu warm.»

Nach­dem Man­ches­ter Uni­ted 1999 das Triple ge­won­nen hat­te, wur­de Lit­te­ha­les vom FC Ar­senal für ei­nen Vor­trag ein­ge­la­den. Bis da­hin wa­ren sei­ne Fuss­bal­ler­be­ra­tun­gen un­ent­gelt­lich ge­we­sen, Ar­senal aber zahl­te ihm sein ers­tes Ho­no­rar als Schlaf­coach – fast wä­re es auch schon sein letz­tes ge­we­sen.

Er be­gann zu re­den, sprach über die rich­ti­ge Ma­trat­ze, als zwei Spie­ler frag­ten, ob sie das von ihm mit­ge­brach­te Ex­em­plar aus­pro­bie­ren dürf­ten. Die bei­den al­ber­ten her­um, mach­ten Ko­pu­la­ti­ons­be­we­gun­gen, al­le lach­ten. So droh­te der Vor­trag im Cha­os zu en­den. Bis ein Spie­ler auf­stand und rief: «Das reicht! Wir sind hier, um uns das an­zu­hö­ren, al­so seid ru­hig.» Bei dem Spie­ler han­del­te es sich um Thier­ry Hen­ry, der so­eben mit Frank­reich Welt­meis­ter ge­wor­den war. Mit sei­ner Au­to­ri­tät sorg­te er da­für, dass Litt­le­ha­les nicht als Lach­num­mer in Er­in­ne­rung blieb.

Den­noch pass­te er sei­ne Prä­sen­ta­ti­on an. Er sprach nicht mehr von Schlaf, son­dern von men­ta­len und phy­si­schen Er­ho­lungs­pha­sen, nicht mehr von Ni­cker­chen, son­dern von CRPS. Er er­fand die R(eco­very)90-me­tho­de, das heisst, er teil­te Schlaf in Por­tio­nen à 90 Mi­nu­ten ein – so lan­ge dau­ert nicht nur ein Fuss­ball­spiel, son­dern auch der durch­schnitt­li­che Schlaf­zy­klus, in dem wir die ver­schie­de­nen Pha­sen vom Leicht­ über den Tief­ bis zum Rem-schlaf durch­lau­fen.

Schläft man nach der so­ge­nann­ten R90-me­tho­de, zählt man nicht mehr die St­un­den Schlaf pro Nacht, son­dern die Zy­klen, die man pro Wo­che ge­schla­fen hat – Er­ho­lung nach dem Leis­tungs­prin­zip.

Litt­le­ha­les er­fand da­mit Be­griff­lich­kei­ten, um har­ten Ker­len so et­was ver­meint­lich Un­männ­li­ches wie er­hol­sa­men Schlaf na­he­zu­brin­gen, und er­schuf da­mit sei­nen ei­ge­nen Be­ruf.

Nick Litt­le­ha­les setzt sich auf den Ses­sel. «Die Schlaf­zy­klen pro Wo­che zu zäh­len, nimmt den Druck von der ein­zel­nen Nacht. Egal ob du am nächs­ten Tag ein Cham­pi­ons-le­ague-fi­na­le zu spie­len hast oder ei­nen wich­ti­gen Ter­min im Job be­ste­hen musst: Es ist kein Pro­blem, wenn man zwei Näch­te in der Wo­che schlecht schläft – so­lan­ge man ge­nü­gend CRPS ein­baut.» Al­so Pau­sen, vom kur­zen Ab­schal­ten, wie er es eben vor der Tür ge­tan ha­be, bis zum aus­ge­dehn­ten Mit­tags­schlaf. «Der Job for­dert uns im­mer mehr, auf Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten möch­ten wir auch nicht ver­zich­ten. Dar­um ist der Acht­stun­den­schlaf, der im­mer emp­foh­len wird, heut­zu­ta­ge ein Mär­chen.»

Nick Litt­le­ha­les ist Mit­be­grün­der des bri­ti­schen Sleep Coun­cil und hat von den Schlaf­me­di­zi­nern ge­lernt: über die bes­te Lie­ge­po­si­ti­on, die Pha­sen des Schlafs und vor al­lem über die cir­ca­dia­ne Rhyth­mik, die Er­kennt­nis al­so, dass der Mensch ei­nen Ta­ges­ver­lauf hat, in dem es Pha­sen gibt, die na­tür­li­cher­wei­se für Schlaf vor­ge­se­hen sind. Der Ta­ges­rhyth­mus funk­tio­niert über Licht. Die­ses be­wirkt, dass das Hor­mon Me­la­to­nin, das uns mü­de macht, ab­ge­baut wird und wir wach wer­den. 2017 gab es für die Ent­de­ckung der mo­le­ku­la­ren Mecha­nis­men die­ser so­ge­nann­ten in­ne­ren Uhr den Me­di­zin-no­bel­preis, En­de der Neun­zi­ger­jah­re wa­ren die­se Zu­sam­men­hän­ge noch weit we­ni­ger be­kannt, vor al­lem nicht in der All­ge­mein­be­völ­ke­rung oder im Fussball.

An­ders als die Schlaf­for­scher ist Litt­le­ha­les ein Prak­ti­ker: Er setzt Theo­rie in Mass­nah­men um. Die meis­ten sind sinn­voll, ge­le­gent­lich wird er da­bei aber zu sche­ma­tisch, das gilt auch für die R90-me­tho­de. «Ein Schlaf­zy­klus kann 80 bis 120 Mi­nu­ten dau­ern», sagt Till Ro­en­ne­berg. Er ist Pro­fes­sor an der Lud­wig­ma­xi­mi­li­ans-uni­ver­si­tät in Mün­chen und ei­ner der füh­ren­den For­scher auf dem Ge­biet der cir­ca­dia­nen Rhyth­mik. «Des­halb wür­de ich mich nie­mals starr auf die 90 Mi­nu­ten fi­xie­ren, son­dern im­mer dar­auf ach­ten, was mir in­di­vi­du­ell Er­ho­lung ver­schafft.»

Auch Litt­le­ha­les’ Ma­trat­zen­phi­lo­so­phie ist nicht wis­sen­schaft­lich be­legt – es gibt schlicht kei­ne aus­rei­chen­de For­schung über die rich­ti­ge Schlaf­un­ter­la­ge. Aber Ärz­te küm­mern sich nur um pa­tho­lo­gi­sche Schlaf­stö­run­gen – zu ei­ner Ma­trat­ze, auf der man gut schläft, äus­sert sich kaum ein Me­di­zi­ner. Die Tipps für Pro­fi­sport­ler und Men­schen, die sich nicht als Schlaf­pa­ti­en­ten se­hen und trotz­dem bes­ser schla­fen wol­len, sind die er­folg­rei­che Ni­sche von Litt­le­ha­les.

Um zu de­mons­trie­ren, was man ge­gen schlaf­stö­ren­des Licht tun kann, bit­tet er in sein Bü­ro, ein schma­ler Raum in sei­ner Woh­nung. An der Wand steht ein Ikea-schreib­tisch, auf zwei Lein­wän­den hän­gen Zei­tungs­ar­ti­kel über sei­ne Ar­beit. Es ist Mit­tag, die Son­ne scheint durchs Fens­ter, und der Schlaf-

coach greift jetzt tief in die Trick­kis­te re­spek­ti­ve in ei­nen Papp­kar­ton, der un­ter dem Schreib­tisch steht. Er fischt ei­ne Rol­le schwar­zer Müll­sä­cke her­aus. «Da­mit kann man die Fens­ter ab­kle­ben, wenn sie nicht licht­dicht sind.» Er wirft die Müll­sä­cke zu­rück in den Kar­ton und holt ei­ne Rol­le schwar­zes Iso­lier­band her­vor. «Da­mit las­sen sich Stand-by-leuch­ten von Fern­se­hern und Feu­er­mel­dern ab­kle­ben.» Die Kis­te ent­hält aus­ser­dem ei­ne Lam­pe, die den Son­nen­auf­gang imi­tiert («Gu­ter Schlaf be­ginnt am Vor­mor­gen mit dem rich­ti­gen Auf­wa­chen»), und ei­nen ro­sa Hoo­die. «Aus Neo­pren», sagt Litt­le­ha­les. Der sei für Ex­trem­si­tua­tio­nen, et­wa wenn Al­pi­nis­ten in ei­ner Fels­wand schla­fen müss­ten.

Er schlüpft in den Hoo­die, zieht den Reiss­ver­schluss zu – die­ser en­det aber nicht, wie bei nor­ma­len Ober­tei­len, am Hals, son­dern über der Stirn, so­dass das Ge­sicht kom­plett ver­deckt ist. Litt­le­ha­les steht jetzt wie ei­ne ro­sa Mu­mie in sei­nem Bü­ro. «Die Leu­te fra­gen, ob es das nicht in ei­ner an­de­ren Far­be gibt», klingt es dumpf aus dem In­nern. Aber beim An­blick die­ser Far­be wer­de der Blut­druck ge­senkt, was be­ru­hi­gend wir­ke. «War­um soll­te man dann die zweit­bes­te Far­be neh­men?», tönt es durch den Reiss­ver­schluss. Litt­le­ha­les zieht den Ka­pu­zen­pul­li wie­der aus und holt ei­ne Tu­be ei­nes Spe­zi­al­kleb­stoffs her­vor, mit dem man sich die Lip­pen ver­sie­geln kann, um im Schlaf aus­schliess­lich durch die Na­se zu at­men.

Was hal­ten ei­gent­lich die Freun­din­nen der Fuss­bal­ler von die­sen Uten­si­li­en?

«Ge­ra­de Frau­en schät­zen es, wenn ihr Mann nicht durch den Mund at­met – dann schnarcht er we­ni­ger.»

Blick ins Schlaf­zim­mer des Schlaf­trai­ners. An der weis­sen Wand hän­gen Stoff­bah­nen mit auf­ge­druck­tem Back­stein­mau­er­werk, auf dem Bo­den ste­hen über­all Kar­tons mit Bett­wä­sche – at­mungs­ak­tiv und hy­po­all­er­gen –, die Litt­le­ha­les ver­kauft. Die Tren­nung von Schlaf und Ar­beit, die Litt­le­ha­les in sei­nem Buch pro­pa­giert, hält er selbst nicht ein. «Ich schla­fe gut und muss kei­ne sport­li­chen Höchst­leis­tun­gen voll­brin­gen, da muss ich nicht je­den Tipp selbst be­her­zi­gen.» Statt ei­nes Bet­tes gibt es ei­ne Ma­trat­ze, die auf dem Bo­den liegt. «Ir­gend­wo ha­be ich noch ein Bett­ge­stell», raunt Litt­le­ha­les. «Aber ich le­ge oh­ne­hin mehr Wert auf die Ma­trat­ze – al­les an­de­re ist Ver­zie­rung.»

Im Flur hängt ei­ne mit Blut­fle­cken be­druck­te Post­kar­te. Text: «I am in a bloo­dy re­la­ti­ons­hip» («Ich bin in ei­ner ver­damm­ten Be­zie­hung»). Es stellt sich her­aus: Nick Litt­le­ha­les ist seit ei­ni­ger Zeit Sin­gle. Nach 28 Jah­ren Ehe ha­ben sich sei­ne Frau und er 2012 ge­trennt. Da­nach war er noch ein paar­mal kurz li­iert, «aber man schleppt so ei­ni­ges mit sich her­um, was Be­zie­hun­gen nicht ein­fa­cher macht mit zu­neh­men­dem Al­ter».

Dem Schlaf in Be­zie­hun­gen hat er in sei­nem Buch ein ei­ge­nes Ka­pi­tel ge­wid­met. Wich­tigs­te Bot­schaft: Das ge­mein­sa­me Bett soll­te min­des­tens 1,80 Me­ter breit sein. «Als jun­ge Er­wach­se­ne schla­fen wir auf Ma­trat­zen, die min­des­tens 90 Zen­ti­me­ter breit sind. War­um soll­ten wir in ei­ner Part­ner­schaft we­ni­ger Platz brau­chen?»

Al­ler­dings scheint er kein Fan des zwei­samen Über­nach­tens zu sein: «Schnar­chen, An­at­men, Ge­zap­pel, Weg­zie­hen der Bett­de­cke und nächt­li­ches Auf­ste­hen – ein Part­ner im Bett kann vie­le Stör­fak­to­ren brin­gen.» Da­zu kä­men oft un­ter­schied­li­che Zu­bet­tund Auf­steh­zei­ten. «In ei­ner idea­len Welt», fin­det er, «wür­den wir die Zeit vor dem Schla­fen­ge­hen mit­ein­an­der ver­brin­gen und uns dann in ei­nen ei­ge­nen Raum zu­rück­zie­hen, um un­ge­stört zu schla­fen.»

Vie­len fal­le es schwer, sich das ein­zu­ge­ste­hen. Litt­le­ha­les er­in­nert sich an ein Spit­zen­sport­ler­paar, das er wäh­rend der Olym­pia­vor­be­rei­tung coach­te. «Er schnarch­te, sie warf sich häu­fig im Bett her­um – es war klar, dass es bes­ser für ih­re Leis­tungs­fä­hig­keit wä­re, wenn sie ge­trennt schlie­fen. Aber kei­ner von bei­den trau­te sich das vor­zu­schla­gen.»

Vie­le Sport­ler und Teams, die von ihm ge­coacht wur­den, sind er­folg­reich. Man­ches­ter Ci­ty ist ge­ra­de eng­li­scher Meis­ter ge­wor­den. Vor we­ni­gen Wo­chen war er beim FC Li­ver­pool, der das Fi­na­le der Cham­pi­ons Le­ague er­reicht hat. Zu­letzt hat sich der me­xi­ka­ni­sche Fuss­ball­ver­band ge­mel­det, um sich von ihm die Über­nach­tun­gen, Ho­tels und Zeit­plä­ne wäh­rend der WM im Som­mer pla­nen zu las­sen.

Das Ge­schäft läuft gut, wür­de man mei­nen, aber Litt­le­ha­les winkt ab. Er legt ei­nen Brief auf den Schreib­tisch, Brief­kopf des FC Li­ver­pool. «Ich war ei­nen Tag auf dem Klub­ge­län­de, zu­erst für ei­nen Vor­trag, dann für Ein­zel­ge­sprä­che», schnaubt er. «Und sie woll­ten nicht mal mei­nen nor­ma­len Ta­ges­satz be­zah­len.»

Der Klub ha­be so­gar über­legt, ein­fach ein paar Ex­em­pla­re sei­nes Buchs zu kau­fen, die Sei­ten ab­zu­fo­to­gra­fie­ren und an die Spie­ler zu schi­cken.

«Aber kei­ner von de­nen liest.» Litt­le­ha­les schüt­telt den Kopf. Am En­de ha­be er sich doch durch­ge­setzt und 1200 Pfund be­kom­men. «Lei­der wol­len die Men­schen nicht für gu­ten Schlaf be­zah­len – noch.»

Er bit­tet zu­rück ins Wohn­zim­mer und zieht ei­nen al­ten Le­der­kof­fer un­ter dem Fern­se­her her­vor. Dar­aus holt er ei­nen Bild­band und zeigt auf ei­nen Mann, der über ei­nem Renn­wa­gen lehnt: «Mein Va­ter – er hat die Ein­sprit­zung beim Ben­zin­mo­tor er­fun­den», sagt er. «Heu­te hat je­der Ben­zi­ner die­se Tech­nik – viel­leicht schläft ir­gend­wann je­der nach mei­ner R90me­tho­de.» Nick Litt­le­ha­les blickt vom Bild­band hoch. Er lacht nicht, er meint es ernst.

FRE­DE­RIK JÖT­TEN ist frei­er Jour­na­list. info@fre­de­rik-joet­ten.de

Bil­der aus der lau­fen­den Ar­beit «The sleep of the bel­oved» VONPAUL MA­RIA SCHNEGGENBURGER Cour­te­sy Ga­le­rie Jo­han­nes Fa­ber. Bei In­ter­es­se, sich fo­to­gra­fie­ren zu las­sen: www.paul­ma­ria­sch­neggen­bur­ger.com

Nick Litt­le­ha­les sieht aus wie ein bri­ti­scher Ma­trat­zen­ver­käu­fer – was er auch ist.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.