TEXT FINN CA­NO­NI­CA

Das Magazin - - «Svizzera 240» -

Lie­ber Andre­as

Be­freun­de­te Ar­chi­tek­ten ha­ben den Wett­be­werb für die Aus­stel­lung im schwei­zer pa­vil­lon an der dies­jäh­ri­gen Ar­chi­tek­tur­bi­en­na­le ge­won­nen. ihr pro­jekt heisst «sviz­ze­ra 240», es be­schäf­tigt sich mit dem schwei­zer Woh­nungs­bau der letz­ten jah­re – re­spek­ti­ve mit der Art und Wei­se, wie die­se neu­en Woh­nun­gen fo­to­gra­fiert wur­den. sie baten mich, mir ein paar ge­dan­ken da­zu zu ma­chen.

ich muss ge­ste­hen, die­se Bil­der fas­zi­nie­ren und er­schre­cken mich. sie zei­gen Woh­nun­gen, die in den letz­ten jah­ren von schwei­zer Ar­chi­tek­tur­bü­ros ge­baut wur­den. ich se­he über­wie­gend weis­se, von tie­fen­lo­sen ober­flä­chen be­stimm­te räu­me, die in ih­rer ma­kel­lo­sig­keit an kunst­ga­le­ri­en er­in­nern. es gibt rie­si­ge kü­chen mit po­ten­ten her­d­an­la­gen, raum­ho­he fens­ter und über­dach­te, aqua­ri­en­ar­ti­ge Bal­ko­ne, die ge­wis­ser­mas­sen das Wohn­zim­mer in den Aus­sen­raum ver­län­gern. ich schaue in die­se Woh­nun­gen, und es kommt das ge­fühl auf, als herr­sche in ih­nen ewi­ge ge­gen­wart; es gibt kei­ne An­knüp­fungs­punk­te an die ge­schich­te, nur er­starr­te Zeit. Zwar ist mir klar, dass das Bild ei­ner sa­che, al­so die re­prä­sen­ta­ti­on, und die sa­che selbst nicht das­sel­be sind. Den­noch er­lau­be ich mir rück­schlüs­se von den Bil­dern auf die rea­le si­tua­ti­on: Die heu­ti­ge Woh­nung – den­ke ich mir, die­se fo­to­gra­fi­en be­trach­tend – soll of­fen­bar ein äs­the­tisch be­ru­hi­gen­der ort sein, ein re­fu­gi­um vor den Zu­mu­tun­gen des All­tags, der per­ma­nen­ten Über­for­de­rung durch Über­ar­bei­tung, der dro­hen­den De­pres­si­on. sie spie­gelt un­ser Be­dürf­nis nach Ab­schot­tung, er­weckt aber gleich­zei­tig die il­lu­si­on, dass in­ner­halb die­ser pu­ris­ti­schen ku­lis­sen je­der­zeit ein neu­start des ei­ge­nen le­bens mög­lich wä­re.

ei­ni­ge mei­ner Be­kann­ten woh­nen in sol­chen, rein ar­chi­tek­to­nisch, ex­trem kon­ven­tio­nel­len räu­men. Wie du selbst weisst, be­ste­hen vie­le neue sied­lun­gen in der schweiz aus sol­chen Woh­nun­gen. Das Ar­chi­tek­tur­bü­ro hau­en­stein la ro­che sched­ler – du bist ei­ner der part­ner – spe­zia­li­sier­te sich auf Woh­nungs­bau. ihr habt ins­ge­samt et­wa 750 Woh­nun­gen ge­baut, von de­nen wohl ei­ni­ge aus­se­hen wie die hier ge­zeig­ten. mei­ne schwä­ge­rin und ih­re fa­mi­lie woh­nen in ei­ner von euch ent­wor­fe­nen Woh­nung; so­weit ich weiss, ge­fällt es ih­nen. in mir je­doch er­we­cken

die­se Woh­nun­gen die Vor­stel­lung, dass dar­in nur ein stan­dar­di­sier­tes, auf per­fek­tes Funk­tio­nie­ren als Kon­su­ment her­un­ter­ge­re­gel­tes Le­ben mög­lich ist. Ich will da­mit nicht sa­gen, dass die Alt­bau­woh­nung mit den ho­hen De­cken und dem Par­kett­bo­den im Haus aus dem 19. Jahr­hun­dert ein Dis­po­si­tiv der Frei­heit ist. Das wä­re dumm. Was ich je­doch mei­ne, ist, dass die­se neu­en Woh­nun­gen, gera­de weil ih­re for­ma­le Qua­li­tät so hoch ist, ei­ne Wer­tig­keit aus­strah­len, die fast lähmt. Ver­stehst du, was ich sa­gen will?

Da ist al­les so­li­de, al­les sehr hoch­ste­hend ge­baut: po­lier­te Gips­wän­de, glän­zen­des Chrom, ta­del­lo­se Schrei­ner­ar­beit bei den Ein­bau­schrän­ken, ho­he Fens­ter, nir­gend­wo stört ei­ne schie­fe Fu­ge, ei­ne her­vor­ste­hen­de Kan­te. In die­sen Räu­men, stel­le ich mir vor, be­wegt man sich, als be­fän­de man sich in ei­nem di­gi­tal be­ar­bei­te­ten Bild. Es ist die Ins­ze­nie­rung ma­xi­ma­ler Per­fek­ti­on, auch wenn da­mit ei­ne ge­wis­se Lan­ge­wei­le ein­her­geht. Un­wei­ger­lich in­ter­pre­tie­re ich die­se Woh­nun­gen auch als ei­ne Art räum­li­che Er­fah­rung un­se­res na­tio­na­len Cha­rak­ters.

Oder wie siehst du das?

Ei­ne Mehr­heit der Schwei­zer lebt nicht in ei­nem je­der­zeit ver­än­der­ba­ren Haus, son­dern in ei­ner ge­mie­te­ten Woh­nung. In ei­ner Woh­nung ist prak­tisch al­les fest­ge­legt. «Hier ist un­ser Schlaf­zim­mer, schaut mal, wie cool!, die of­fe­ne Kü­che, zum Chil­len ha­ben wir ein gros­ses Wohn­zim­mer; gril­lie­ren kön­nen wir auf der Ter­ras­se; und habt ihr schon die Rain­fall-show­er in un­se­rem Bad ge­se­hen?» So tönt es, wenn ei­nen Freun­de zu ei­ner Hou­se Tour in ih­rer neu­en Woh­nung ein­la­den – so sieht of­fen­bar das Ge­he­ge des mo­der­nen Men­schen aus. Aber müss­ten Ar­chi­tek­ten sich denn nicht stär­ker mit der Fra­ge aus­ein­an­der­set­zen, wel­che Mög­lich­kei­ten der Raum­or­ga­ni­sa­ti­on es sonst noch ge­ben könn­te? Woh­nun­gen, in de­nen ein an­de­res Le­ben mög­lich ist, weil nicht al­les so fest­ge­schrie­ben ist? Ei­ne Woh­nung, in der zum Bei­spiel Singles in Struk­tu­ren wie Gross­fa­mi­li­en le­ben könn­ten, wo mehr Flä­che ge­mein­schaft­lich ge­nutzt wer­den kann.

Ich fra­ge mich zum Bei­spiel im­mer, was ich im Wohn­zim­mer tun soll. Die Fa­mi­lie hockt ei­gent­lich im­mer in der Kü­che, nach dem Nacht­es­sen ver­schwin­den die Kin­der in ih­re Zim­mer, mei­ne Frau und ich blei­ben in der Kü­che sit­zen, oder wir ver­zie­hen uns zum Le­sen oder Net­flix­schau­en ins Schlaf­zim­mer. Nur das Wohn­zim­mer – es bleibt prak­tisch im­mer un­be­nutzt. Wo­zu al­so baut ihr noch klas­si­sche Wohn­zim­mer?

Mir scheint, es gibt im Woh­nungs­bau kei­ne Uto­pi­en mehr, wie das in den 60er-jah­ren der Fall war. Ar­chi­tek­tu­ren al­so, die es Men­schen er­laub­ten, un­kon­ven­tio­nel­le Le­bens­mo­del­le zu tes­ten. Aus­ser im ge­nos­sen­schaft­li­chen Woh­nungs­bau. Dort wird viel aus­pro­biert. Es gibt Sied­lun­gen, in de­nen tei­len­des Woh­nen mög­lich ist, wie die Kalk­brei­te in Zü­rich. Es gibt da of­fen­bar Mehr­zweck­räu­me, ei­ne Bi­b­lio­thek, ge­teil­te Dach­gär­ten, ei­ne Ca­fe­te­ria im Hof etc. Es ist be­stimmt schön, dort zu woh­nen – wenn man die­sen Le­bens­stil sucht. Aber will ei­ne Mehr­heit so woh­nen? Ich ha­be den Ein­druck, die­se Wohn­for­men sind be­son­ders für ei­ne so­zi­al pri­vi­le­gier­te Eli­te at­trak­tiv.

Aber vi­el­leicht sa­ge ich das auch nur, weil ich weiss, dass ich nicht für die Ge­mein­schaft ge­bo­ren bin; ich weiss ja nicht mal, wo ich mich ein­rei­hen soll, so­bald drei Leu­te zu­sam­men­ste­hen.

Es heisst, das Le­ben in der Stadt sei an­onym, man ken­ne sei­nen Nach­barn nicht mehr. Die meis­ten Bal­ko­ne der ab­ge­bil­de­ten Woh­nun­gen sind tat­säch­lich so ge­baut, dass man die Nach­barn nicht se­hen kann. Der Schwei­zer will halt nichts mit sei­nen Nach­barn zu tun ha­ben, mag ei­ne Er­klä­rung sein. Und wenn schon – was ist dar­an schlecht? Mir scheint, das Stadt­le­ben, der Stadt­raum ist so­zi­al ge­nug. Die meis­ten ha­ben oh­ne­hin den gan­zen Tag mit an­de­ren Leu­ten zu tun, oder sie glau­ben zu­min­dest, es wä­re so, wenn sie mit­hil­fe von raf­fi­nier­ter Tech­nik ver­meint­lich Ge­mein­schaft bil­den. Es kann sein, dass ich zu viel in die Bil­der die­ser Woh­nun­gen hin­ein­in­ter­pre­tie­re. Am En­de geht es doch vor al­lem dar­um, halb­wegs preis­wer­ten Wohn­raum in mög­lichst ho­her Qua­li­tät für mög­lichst vie­le Men­schen be­reit­zu­stel­len. Den­noch glau­be ich, dass man­che ge­sell­schaft­li­chen Phä­no­me­ne sich eben auch räum­lich nie­der­schla­gen – das ist ja auch der Grund, wes­halb Ar­chi­tek­tur in­ter­es­sant ist.

Ich sass üb­ri­gens vor ein paar Ta­gen bei ei­nem Nacht­es­sen ne­ben dem Ar­chi­tek­ten Mi­ke Guy­er und sprach auch ihn auf die­se Neu­bau­woh­nun­gen an. Guy­er mein­te, es ge­be schon Al­ter­na­ti­ven: Bau­her­ren könn­ten Woh­nun­gen so­zu­sa­gen im Roh­bau an­bie­ten, wie das in Hol­land der Fall sei. Wie dann zum Bei­spiel Kü­che und Bad aus­se­hen sol­len, wo Herd, Ba­de­wan­ne, Wand­schrän­ke und nur tren­nen­de Wän­de hin­kom­men, das kön­ne man dann den künf­ti­gen Be­woh­nern über­las­sen. Was hältst du da­von?

Vie­le Grüs­se, Finn

FINN CA­NO­NI­CA ist «Ma­ga­zin»-chef­re­dak­tor; finn.ca­no­ni­ca@das­ma­ga­zin.ch

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