BRIEF AN EI­NEN AR­CHI­TEK­TEN

Das Magazin - - «Svizzera 240» - TEXT ANDRE­AS LA RO­CHE

Lie­ber finn

Dan­ke für dei­nen Brief.

Auch auf mich übt die­se Bil­der­flut ei­nen höchst zwie­späl­ti­gen ein­druck aus, und in vie­lem muss ich dir recht ge­ben. ich schwan­ke zwi­schen trot­zi­ger Ver­tei­di­gung mei­nes Be­rufs­stan­des und ka­pi­tu­la­ti­on. stau­nend blät­te­re ich hin und her, und schnell be­ginnt die­se schein­bar harm­los an­ge­leg­te An­samm­lung ih­re Wir­kung zu ent­fal­ten. Wo­her rührt die­se Wir­kung? War­um die­se end­lo­se Wie­der­ho­lung des im­mer glei­chen? Ant­wor­ten müs­sen her!

Die meis­ten auf die­sen Bil­dern ge­zeig­ten in­nen­räu­me ge­hö­ren wohl zu grös­se­ren Über­bau­un­gen, even­tu­ell sied­lun­gen. Und in die­ser Art von Woh­nungs­bau herr­schen ei­ge­ne öko­no­mi­sche Be­din­gun­gen. für ex­pe­ri­men­te wird die luft dünn. Als fol­ge do­mi­nie­ren die re­pe­ti­ti­on, das funk­tio­na­le und das sche­ma­ti­sche – nicht die in­di­vi­dua­li­tät. Dies auch aus Angst der Auf­trag­ge­ber, am markt vor­bei­zu­pla­nen. Bau­her­ren kön­nen nicht drei­hun­dert Woh­nun­gen mit run­den ecken und mit Wän­den in psy­che­de­li­schen far­ben er­stel­len las­sen, um dann fest­zu­stel­len, dass nie­mand so woh­nen will. hin­zu kommt das pri­mat der nor­men. ei­ner un­sicht­ba­ren macht gleich. fast je­des Bau­teil, das du auf die­sen Bil­dern siehst, ist heu­te durch min­des­tens ei­ne norm be­legt – ten­denz stark zu­neh­mend. Aber nicht markt und nor­men al­lein for­men Woh­nun­gen, na­tür­lich sind wir Ar­chi­tek­ten nicht un­schul­dig. Wir ha­ben un­se­re Vor­lie­ben, Vor­bil­der und Vor­stel­lun­gen, was ei­ne gu­te Woh­nung aus­macht. Zwar ist der ent­wer­fe­ri­sche spiel­raum in die­sen Bau­auf­ga­ben eng, schliess­lich gilt es, Wohn­raum für mög­lichst vie­le men­schen zu schaf­fen.

stell dir die Ar­beit an die­sen grund­ris­sen so vor: Wir ar­bei­ten mit den im­mer glei­chen räu­men (für die im­mer glei­chen mensch­li­chen Be­dürf­nis­se) – kü­che, Bad, Zim­mer, Bal­kon usw. –, als wä­ren es schach­fi­gu­ren auf ei­nem ver­klei­ner­ten Brett, das we­ni­ger fel­der auf­weist. Die spiel­mög­lich­kei­ten sind noch im­mer er­staun­lich gross, und es ist uns Ar­chi­tek­ten über­las­sen, die spe­zi­el­len kom­bi­na­tio­nen und über­ra­schen­de Va­ri­an­ten in die­sem spiel zu fin­den. so ge­se­hen, ent­spre­chen die hier ge­zeig­ten in­nen­räu­me ziem­lich ex­akt dem gröss­ten ge­mein­sa­men nen­ner al­ler am ent­wurf be­tei­lig­ten in­ter­es­sen.

Dei­ne Ir­ri­ta­ti­on hat be­stimmt auch da­mit zu tun, dass ei­ne an sich ver­trau­te Sa­che – die Woh­nung –, die du ge­wöhn­lich be­lebt siehst, so kon­se­quent men­schen­und mö­bel­leer da­her­kommt. Ei­ne un­ter Ar­chi­tek­ten äus­serst be­lieb­te Darstel­lung. Du schreibst, die­se Bil­der stam­men aus Pu­bli­ka­tio­nen und von Home­pages der Ar­chi­tek­ten, wer­den von ih­nen al­so be­wusst ver­wen­det. Aber war­um in die­ser Äs­t­he­tik? Ist es die Angst der Ar­chi­tek­ten, es könn­te von We­sent­li­chem ab­ge­lenkt wer­den, vom rei­nen, kla­ren Ent­wurfs­ge­dan­ken? Da­bei gä­be es durch­aus Al­ter­na­ti­ven: Bil­der von be­wohn­ten Räu­men, ent­stan­den ein Jahr nach Be­zug, die ganz an­de­res er­zäh­len wür­den.

Es ist vi­el­leicht hilf­reich, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die­se Bil­der in ei­nem be­son­de­ren Mo­ment ent­ste­hen. Sie zei­gen die Woh­nun­gen in ei­nem Zu­stand, den es so nur für ganz kur­ze Zeit gibt: Der Bau ist fer­tig, die Bau­rei­ni­gung ab­ge­schlos­sen, auf Glanz­o­ber­flä­chen dür­fen kei­ne Fin­ger­ab­drü­cke, auf den Bö­den kei­ne Spu­ren mehr hin­ter­las­sen wer­den. Al­les war­tet auf die ers­ten Be­woh­ner. Die Ar­chi­tek­ten neh­men Ab­schied. Sie strei­fen durch ih­ren Ent­wurf, be­gut­ach­ten und prü­fen ihn. Die Fo­tos die­nen ih­nen als Ver­ge­wis­se­rung und Be­wei­se des ei­ge­nen Kön­nens, als Lohn für die jah­re­lan­ge Ar­beit. Na­tür­lich hält man auf den Fo­tos nur fest, was man für ge­lun­gen hält: in­ter­es­san­te Raum­fol­gen, über­ra­schen­de Per­spek­ti­ven und sorg­fäl­ti­ge De­tails. Ar­chi­tek­ten sind ver­ständ­li­cher­wei­se stolz auf die­sen Mo­ment, da ihr Werk noch ein­mal ma­xi­mal glänzt, be­vor es ein Mie­ter mit sei­nen per­sön­li­chen Sa­chen be­setzt.

Vi­el­leicht zei­gen die­se lee­ren Woh­nun­gen aber auch ei­ne Hal­tung der Ar­chi­tek­ten ge­gen­über den künf­ti­gen Be­woh­nern: Man will ih­nen nicht zu viel vor­schrei­ben. Gera­de weil die­se Woh­nun­gen so ge­ne­risch sind, von Grund­riss und Aus­bau nichts Ei­gen­wil­li­ges ha­ben, las­sen sie sich gut mit Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­den in­di­vi­dua­li­sie­ren. Die Räu­me in ei­nem sol­chen Ge­bäu­de sind klar kon­fi­gu­riert, um es tech­nisch zu sa­gen, aber in der in­di­vi­du­el­len An­eig­nung blei­ben sie of­fen in­ter­pre­tier­bar. Als Ar­chi­tek­ten be­we­gen wir uns stets in die­sem Span­nungs­feld: Sol­len wir Räu­me of­fen las­sen oder sie fest­le­gen? An­ek­do­ten le­gen­dä­rer Ar­chi­tek­ten er­zäh­len von die­sem Ver­hält­nis, in de­nen sie den Be­woh­nern vor­schrie­ben, wel­che Pan­tof­feln sie zu tra­gen ha­ben, um die voll­kom­me­ne Har­mo­nie zwi­schen Haus und (von den Ar­chi­tek­ten mit­ent­wor­fe­nen) Mö­beln nicht zu stö­ren.

Man wirft uns Ar­chi­tek­ten häu­fig vor, wir wol­len uns sel­ber ver­wirk­li­chen; hier hast du nun das Ge­gen­teil da­von.

Du sug­ge­rierst, Mie­ter wür­den in ste­ri­len Woh­nun­gen mit stan­dar­di­sier­ten Mö­beln ein sche­ma­ti­sches Le­ben füh­ren. Du traust den Be­woh­nern zu we­nig zu! Manch­mal ha­be ich die Ge­le­gen­heit, von uns ge­bau­te Woh­nun­gen nach der Ver­mie­tung zu be­su­chen – du wür­dest stau­nen, wie ver­schie­den, in den glei­chen Woh­nungs­ty­pen, ge­wohnt wird – oft ab­so­lut ent­ge­gen den Vor­stel­lun­gen, die wir uns ge­macht hat­ten, wie man in un­se­ren Räu­men le­ben soll­te. Vie­le Be­woh­ner schaf­fen sich ih­ren ganz ei­ge­nen Le­bens­raum, der mit den ge­zeig­ten Auf­nah­men nichts mehr ge­mein hat.

Ich blät­te­re noch­mals durch die­se Samm­lung, und mir fällt ein klei­nes, aber wich­ti­ges De­tail auf: das Bün­di­ge. Hier ver­stan­den als et­was, das in ei­ner Ebe­ne zu et­was an­de­rem liegt; der Zim­mer­bo­den läuft bün­dig auf den Bal­kon­bo­den hin­aus, der Tür­rah­men ist bün­dig in die Wand ge­senkt, die Kü­chen­ab­de­ckung bün­dig zu den Schub­la­den und die Bal­kon­brüs­tung wahr­schein­lich bün­dig mit der Fas­sa­de. Die Bün­dig­keit als ein zeit­ty­pi­sches Phä­no­men. Die Norm ver­langt nach Bün­dig­keit, eben­so der Bau­herr – und oft sucht sie auch der Ar­chi­tekt. Was bün­dig ist, ver­schwin­det in der Flucht, springt nicht vor, wirft kei­ne Schat­ten und stört den Blick nicht. Mit ein Grund, wes­halb die­se Bil­der­ga­le­rie der­art strom­li-

nien­för­mig da­her­kommt. Dem Bün­di­gen kann das Sper­ri­ge ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den. Das Sper­ri­ge stellt sich in den Weg, eckt an, for­dert auf. Wir kämp­fen oft für das Sper­ri­ge und kön­nen es in sel­te­nen Fäl­len auch bau­en. Aber es ist schon so, wir le­ben in ei­ner Zeit, in der vie­les, nicht nur Ge­bau­tes, gna­den­los be­gra­digt wird. Auch dies ein Grund für die von dir fest­ge­stell­te Gleich­för­mig­keit in die­sen Bil­dern.

Spre­chen wir noch über zwei von dir spe­zi­ell er­wähn­te Räu­me: Wohn­zim­mer und Bal­kon. Das Wohn­zim­mer, schreibst du, sei dein Pro­blem. Ich ver­mu­te, ihr lebt in ei­ner Alt­bau­woh­nung oh­ne Fern­se­her. Alt­bau­woh­nung des­halb, weil ihr euch in der Kü­che ver­sam­meln könnt, oh­ne durch ei­nen of­fe­nen Raum mit dem Wohn­zim­mer ver­bun­den zu sein. Und hät­tet ihr ei­nen Fern­se­her, wür­det ihr das Wohn­zim­mer be­nut­zen. Denn für die meis­ten ist es nach wie vor der Ort, wo die­ses Ge­rät steht. Nur dort kön­nen sie die mons­trö­sen Bild­schir­me plat­zie­ren, mit­samt den So­fa­land­schaf­ten da­vor. Was dei­ne Be­zeich­nung des Bal­kons als Aqua­ri­um be­trifft, hast du ei­nen Punkt ge­trof­fen: Ar­chi­tek­ten spre­chen von «ein­ge­zo­ge­nen Bal­ko­nen». Tat­säch­lich ist die­ser Ty­pus sehr ver­brei­tet und kann durch­aus als Sym­ptom ge­se­hen wer­den. Je­de Form nach­bar­schaft­li­cher Rei­bung soll ver­mie­den wer­den. Kom­mu­ni­ka­ti­on über die Bal­ko­ne ist nicht er­wünscht. Der ein­ge­zo­ge­ne Bal­kon rahmt den Blick hin­aus in die Welt wie ein Bild (kein Wun­der, lie­ben vie­le Ar­chi­tek­ten die­se Rah­men). Der Be­woh-

ner als Be­trach­ter. Ein aus­kra­gen­der Bal­kon da­ge­gen bie­tet an­de­res, macht den Be­woh­ner zum Teil­neh­mer am Um­feld. Auch hier wie­der: das Bün­di­ge ver­sus das Aus­kra­gen­de und Schat­ten­wer­fen­de.

Schliess­lich be­klagst du den Man­gel an Uto­pi­en im Woh­nungs­bau, er­wähnst die Bau­ge­nos­sen­schaf­ten. Die Fra­ge nach dem uto­pi­schen Po­ten­zi­al der Ar­chi­tek­tur ist ei­ne viel dis­ku­tier­te. Man kann sich auf den Stand­punkt stel­len, dass Ar­chi­tek­ten mit ih­ren Bau­ten so­zu­sa­gen ein Aprio­ri schaf­fen soll­ten; al­so bau­en, wo­von sie über­zeugt sind, dass es ir­gend­wann ak­zep­tiert sein wird, weil es gut ist. Ein nüch­ter­ner Ar­chi­tekt wür­de eher sa­gen, es sei eben nicht die Auf­ga­be der Ar­chi­tek­tur zu be­stim­men, wie die Men­schen zu woh­nen ha­ben. Die­se Fra­ge müs­se je­de Ge­sell­schaft erst für sich selbst be­ant­wor­ten, die Ar­chi­tek­tur lie­fe­re dann das Ge­wünsch­te.

An die­ser Stel­le möch­te ich die Bil­der der In­nen­räu­me kurz ver­las­sen und den Blick nach aussen len­ken, hin zum Städ­te­bau. Die Fra­ge stellt sich, ob Uto­pi­en nur in den Woh­nun­gen statt­fin­den müs­sen, zu­mal in Miet­woh­nun­gen, die ja für ei­ne be­schränk­te Zeit für uns Stadt­no­ma­den ge­macht sind. Wie ge­sagt han­delt es sich bei die­sen Bil­dern mehr­heit­lich um Woh­nun­gen aus gros­sen Über­bau­un­gen. Dort wie­der­um be­steht oft die Mög­lich­keit, ja ei­gent­lich die Pflicht, gan­ze Stadt­tei­le neu zu gestal­ten. Zü­rich bei­spiels­wei­se (aber auch an­de­re Schwei­zer Städ­te) wan­delt sich schnell und ra­di­kal in den ehe­ma­li­gen

In­dus­trie­quar­tie­ren, aber auch in den Ge­nos­sen­schafts­quar­tie­ren der Nach­kriegs­zeit. Ich den­ke, dort wä­ren Uto­pi­en ge­fragt, und da er­füllt un­se­re Stadt manch­mal so­gar ei­ne ge­wis­se Vor­bild­funk­ti­on. Letzt­lich bin ich der tie­fen Über­zeu­gung, dass dem Um­feld der Woh­nung ei­ne viel grös­se­re Be­deu­tung zu­kommt als der Woh­nung sel­ber. Als Bei­spiel könn­te man hier die Ge­nos­sen­schaft Kalk­brei­te in Zü­rich an­füh­ren, die tat­säch­lich Ide­en tes­tet, die auch von kon­ser­va­ti­ve­ren Ak­teu­ren dis­ku­tiert und ei­nes Ta­ges vi­el­leicht so­gar auf­ge­nom­men wer­den. Du mel­dest zwar dein Un­be­ha­gen an ge­gen­über ei­nem all­zu kom­mu­ni­ta­ris­ti­schen Le­bens­stil in die­ser Über­bau­ung. Nun, das sei dir über­las­sen. Doch ei­ne wich­ti­ge Un­ter­schei­dung muss ge­macht wer­den: Das ei­ne ist die Idee der Wohn­form; das an­de­re sind die Kri­te­ri­en, nach de­nen die Be­woh­ner aus­ge­sucht wer­den. Wich­tig ist doch, dass über­haupt mit Wohn- und Le­bens­for­men ex­pe­ri­men­tiert wird. Nur so wird sich auch das An­ge­bot an Woh­nun­gen öff­nen und ver­brei­tern. Ich wet­te, du wohnst in ei­ner Alt­bau­woh­nung.

Herz­lich, Andre­as

ANDRE­AS LA RO­CHE ist Dipl. Arch. ETH und Part­ner bei Hau­en­stein La Ro­che Sched­ler Ar­chi­tek­ten Zü­rich. Ein Buch mit Ar­bei­ten des Bü­ros er­schien im Quart Ver­lag als Nr. 69 in der Rei­he De aedi­bus – Zeit­ge­nös­si­sche Ar­chi­tek­ten.

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