LIE­BER DJ AN­TOI­NE,

Das Magazin - - Max Küng -

ei­ne Wei­le her, seit ich das letz­te Mal über Sie ge­schrie­ben ha­be. Ich hab nach­ge­schaut: Es war vor acht Jah­ren. Und da­mals ging es um ei­ne Ent­schul­di­gung. Ja, ich muss­te mich ein­fach ent­schul­di­gen, denn ich hat­te zu­vor ge­schrie­ben, Sie sei­en der Obe­lix der Schwei­zer Hou­se-sze­ne. Mit Obe­lix hat­te ich Sie we­gen Ih­res Hangs zu gu­tem Es­sen und ins­be­son­de­re zu ex­tra­va­gan­ter Klei­dung ver­gli­chen. Die­ser Ver­gleich mit Obe­lix war wirk­lich fehl am Platz. Ja, und weil mich mein Ge­wis­sen so arg plag­te, ha­be ich mich dann nach ein paar schlaf­lo­sen Näch­ten eben ent­schul­digt – und Obe­lix hat die Ent­schul­di­gung dann ja auch an­ge­nom­men.

Apro­pos Ge­wis­sen und schlaf­lo­se Näch­te: Ich weiss nicht, ob Sie je mit dem Lie­ge­wa­gen von Zü­rich nach Ham­burg ge­fah­ren sind. Und mit Lie­ge­wa­gen mei­ne ich kei­nen Rolls-roy­ce mit hin­ten Box­spring­bet­ten und ei­ner Kis­te ver­schie­den wei­cher Kis­sen drin, son­dern den nachts ver­keh­ren­den Zug, des­sen Sitz­bän­ke zu Prit­schen um­funk­tio­niert wer­den. Es ist ja ei­ne to­tal ro­man­ti­sche Idee: schla­fend auf ei­ser­nen Rä­dern durch die Nacht und durch fast ganz Deutsch­land zu fah­ren. Das Pro­blem je­doch: Als wir in Ham­burg ein­fuh­ren, da bin ich nicht auf­ge­wacht. Nicht weil ich noch tief schlief, son­dern weil ich gar nie ein­ge­schla­fen war, denn die­se Lie­ge­wa­gen der ÖBB sind der­art, dass man un­mög­lich schla­fen kann. Ma­chen Sie das ja nie! Es ist schön und no­bel, die Welt zu ret­ten, zu wis­sen, dass man an­statt 1,4 Ton­nen CO2 (Flug­rei­se) dank Zug bloss ei­nen Bruch­teil da­von ver­schul­det, aber ehr­lich ge­sagt: Was nützt ei­nem die schö­ne Na­tur, wenn man dann wie ein Zom­bie durch sie hin­durch­wankt? Ma­chen Sie sich ei­gent­lich Ge­dan­ken über die Um­welt? Ich den­ke, das ist schwie­rig, oder? Denn es liegt wohl in der Na­tur ei­nes her­um­jet­ten­den Su­per­stars, dass sein öko­lo­gi­scher Fuss­ab­druck nicht der ei­nes Schmet­ter­lings ist, son­dern eher je­ner ei­nes quer zu lie­gen ge­kom­me­nen Hin­kel­steins.

Dar­um geht es aber gar nicht, son­dern um den of­fi­zi­el­len Song zur Fuss­ball­welt­meis­ter­schaft, wel­chen der Schwei­zer Ver­band bei Ih­nen in Auf­trag ge­ge­ben hat­te. Er trägt den schlich­ten Ti­tel «Ole Ole» – und kaum wur­de er dem Volk prä­sen­tiert, er­gos­sen sich im In­ter­net Hohn, Spott und Är­ger. Man mein­te, es sei kein wür­di­ger Fuss­ball­song, son­dern ein dump­fer Auf­ruf zu Aus­schwei­fun­gen, zu Ge­schlechts­ver­kehr und über­mäs­si­gem Al­ko­hol­kon­sum. Zu­dem kam so man­chem spa­nisch vor, dass vor al­lem auf Spa­nisch ge­sun­gen wird. Ich bin die­ser schö­nen Spra­che lei­der nicht mäch­tig, aber Goog­le Trans­la­tor sag­te mir, dass es in Ih­rem Lied im Gros­sen und Gan­zen dar­um ge­he, sich auf der Er­de zu be­trin­ken und auf dem Mond auf­zu­wa­chen, es ge­he um gei­le Hüf­ten und Tail­len, um Schreie vor Lust und die an­ge­kün­dig­te Ab­sicht, die gan­ze Nacht Lie­be ma­chen zu wol­len. Und so wei­ter. Be­son­ders schön: «Du bist wie ein tro­pi­sches Kli­ma auf Aru­ba.» Aru­ba! Wenn man das hört, dann will man doch so­fort in den Lie­ge­wa­gen lie­gen und dort­hin fah­ren. Aru­ba! La is­la fe­liz!

Ich weiss auch nicht, was die Leu­te ha­ben, die sich nun be­kla­gen. Ihr Song passt doch per­fekt zum Fussball! Der Re­frain «Ole Ole» ist sach­be­zo­gen ma­xi­mal mi­ni­mal. Er sagt al­les, was es über Fussball zu sa­gen gibt. Und nebst dem run­den Le­der geht es im Le­ben ja ei­gent­lich um die gu­te al­te Trie­b­ab­fuhr so­wie den kon­trol­lier­ten Kon­troll­ver­lust durch al­ko­ho­li­sche Ge­trän­ke. Bloss die im Fussball kul­ti­vier­te Her­ab­set­zung von Geg­nern und an­de­rer Min­der­hei­ten fehlt in Ih­rem Werk kom­plett; dies hät­ten Fa­rid Bang und sein Kol­le­ge Kol­le­gah doch bes­ser hin­be­kom­men.

Da­mals üb­ri­gens, als ich mich bei Obe­lix für den Ver­gleich mit Ih­nen ent­schul­digt hat­te, da fand die Fuss­ball­welt­meis­ter­schaft in Süd­afri­ka statt. Der of­fi­zi­el­le Wm-song der Na­ti kam von Po­lo Ho­fer – Gott hab ihn se­lig –, er hiess «Man­ne, mir bly­be dran­ne». Es war, das kann man wohl sa­gen, ein rich­ti­ger Scheiss­song, to­tal ab­ge­löscht und de­pres­siv, was al­ler­dings gut zur Leis­tung der Schwei­zer Mann­schaft ge­passt hat. Er­in­nern Sie sich noch an das gräss­li­che null zu null ge­gen Hon­du­ras in der Voll­mond­nacht von Blo­em­font­ein?

Aber da­mals war da­mals. Heu­te ist heu­te. Und ich sag bloss: Aru­ba, Aru­ba!

Max Küng

Song zum The­ma: «Sleep» von Max Rich­ter, und zwar die 8-St­un­den-ver­si­on, er­schie­nen bei Deut­sche Gram­mo­phon, 2015.

MAXKÜNGis­tRe port er bei« Das Ma­ga­zin »; Il­lus­tra­ti­on SATOSHI HA­SHI­MO­TO

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