WAS EIN BILD KANN

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Den ers­ten Film von Pio Cor­ra­di sah ich 1985 auf der Piaz­za Gran­de in Lo­car­no. Er hiess «Hö­hen­feu­er», sein Re­gis­seur war Fre­di Mu­rer. Cor­ra­di war der Ka­me­ra­mann, die von ihm ge­schaf­fe­nen Bil­der – und ein Film be­steht ja aus Tau­sen­den von Bil­dern – sind in mei­nem kul­tu­rel­len Ge­dächt­nis hän­gen ge­blie­ben. Aber wo­her rührt die­se Macht von Bil­dern? Wes­halb hat sich die­se Sze­ne (ab­ge­bil­det auf dem Co­ver die­ses Hef­tes) mit Bel­li auf dem So­fa, in ih­rem Schoss der Kopf des ge­hör­lo­sen Bru­ders, der den Arm aus­ge­streckt hat in Rich­tung ih­rer Brust, so tief in mei­ne Er­in­ne­rung ge­gra­ben? Liegt es an der sorg­fäl­ti­gen Kom­po­si­ti­on, die an ei­ne Pie­tà er­in­nert, oder an Bel­lis lei­se trau­ri­gem Blick, der das kom­men­de Un­glück be­reits an­deu­tet?

Ein gu­tes Bild, mein­te der fran­zö­si­sche Phä­no­me­no­lo­ge Mau­rice Mer­leau-pon­ty (1908–1961), bil­det nicht ein­fach die äus­se­re Er­schei­nung ab, son­dern es be­fä­higt uns, et­was wahr­zu­neh­men, es legt et­was of­fen, was wir zu­vor nicht er­kannt ha­ben. So wie ein Ro­man es uns er­mög­licht, ei­ne Er­fah­rung zu ma­chen, die wir nicht ge­kannt oder nicht als sol­che er­kannt ha­ben.

Pio Cor­ra­di stand bei Hun­der­ten von Fil­men hin­ter der Ka­me­ra, er ist ei­ner der gröss­ten Schwei­zer Bil­der­ma­cher. Er­win Koch hat den Künst­ler und sein Le­bens­werk für uns por­trä­tiert. Sei­te 8

Pio Cor­ra­di im März 2018

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