Pio Cor­ra­di hat dem Schwei­zer Film mit sei­ner Ka­me­ra ein un­ver­wech­sel­ba­res Ge­sicht ge­ge­ben.

Oh­ne Pio Cor­ra­di wä­re das Schwei­zer Film­we­sen ein an­de­res – Sze­nen aus dem Le­ben ei­nes Bil­der­ma­chers.

Das Magazin - - Contents - V o n Er­win koch

1

Er stellt die Krü­cken an die Wand, stützt sich mit bei­den Hän­den auf den Tisch, setzt sich lang­sam und fragt aus blei­chem Ge­sicht: Was willst du wis­sen? Al­les. Dann frag, sagt Pio Cor­ra­di, Fo­to­graf und Ka­me­ra­mann. Wo, wann, wie wur­dest du ge­bo­ren? Am 19. Mai 1940 im Schlaf­zim­mer mei­ner El­tern in Buck­ten, Ba­sel­land, ganz nor­mal, un­ter Schmer­zen. Dei­ne äl­tes­te Er­in­ne­rung?

2

Der Bub, viel­leicht fünf Jah­re alt, kur­ze Ho­se, quert das Ge­lei­se der Bahn, Sissach–läu­fel­fin­gen–ol­ten, tritt in den Wald, es ist Som­mer 1945, der Krieg vor­bei, kein Of­fi­zier mehr im Haus, das der Va­ter, Bau­meis­ter in Buck­ten, ge­baut hat­te, 500 Ein­woh­ner, Ba­sel­land­schaft. Pio, das jüngs­te von sechs Ge­schwis­tern, geht ei­ni­ge Schrit­te, bückt sich zu ei­nem Wurm, schweigt, setzt sich ne­ben das Tier, wagt nicht, es zu be­rüh­ren: Du hast es gut, brauchst kei­ne Bei­ne. Das Kind geht durch den Wald, es kennt je­den Weg, steigt schliess­lich auf ei­nen Fels, sei­nen Fels, viel­leicht drei Me­ter hoch, und hockt sich ins Moos und war­tet und schweigt und sieht das Licht, das durchs Laub der Bäu­me bricht. Es gibt min­des­tens zehn Grün, denkt Pio. Die Mut­ter fragt: Wo warst du so lan­ge? Beim Licht, sagt der Bub.

3

Dei­ne Kind­heit? Pio, schmal und dünn ge­wor­den, halb so schwer wie einst, trom­melt die Fin­ger auf den hel­len Tisch, schaut zur Wand, trom­melt und schaut zur Tür, Spi­tal Af­fol­tern am Al­bis, ers­ter Stock, Auf­ent­halts­raum. Das schöns­te Er­leb­nis mei­ner Kind­heit? Es gab vie­le, sagt er. Das schlimms­te?

4

Der Va­ter des Va­ters hat ein schwe­res Mo­tor­rad und ei­ne lan­ge le­der­ne Ja­cke. Pio, jetzt sechs, setzt sich auf die Mo­to Guz­zi und legt sich zum Spiel in die Kur­ven des Hom­bur­ger­tals. Der Gross­va­ter, St­ein­hau­er, stammt aus Man­tua und hat­te zwei Söh­ne. Der äl­te­re starb auf der Strasse von Sissach nach Buck­ten, es war Nacht, es reg­ne­te, ein Mo­tor­rad­un­fall. Der jün­ge­re, Pi­os Va­ter, woll­te Schuh­ma­cher wer­den, über­nahm nun, da der Bru­der tot, lust­los das Bau­ge­schäft, Cor­ra­di Gm­bh. Er hei­ra­te­te ei­ne Frau na­mens Mar­tha Bür­gin, Toch­ter der Wirts­leu­te zum Mond, im Dorf gab es drei Gast­hö­fe, den Mond, die Son­ne, den Ster­nen. Sie ge­bar sechs Kin­der, trug je­des zur Tau­fe nach Rüm­lin­gen in die re­for­mier­te Kir­che. Die Schwie­ger­mut­ter, katholische Ita­lie­ne­rin, be­stand auf ita­lie­ni­sche Na­men, Bru­no, Li­via, Eleo­no­ra, En­ri­co, Ro­mea, Pio. Hei­lig­abend fei­ert man zwei­mal, zu­erst mit den El­tern im Haus, das der Va­ter ge­baut hat­te, dann, hun­dert Me­ter wei­ter, bei den Gros­s­el­tern, die nur Ita­lie­nisch spre­chen. Der Va­ter re­det nicht viel, er hat ei­nen Last­wa­gen, ein Au­to, Pio sitzt ne­ben ihm und schweigt. Er möch­te ihn fra­gen, wes­halb er sel­ten lacht.

5

Pio steht im Dach­zim­mer, das ab und zu, wenn er nicht in Pa­ris ist, ein On­kel be­wohnt, Fritz Bür­gin (1917–2003), Bild­hau­er, und öff­net ei­ne Ka­me­ra, dann ei­ne zwei­te, ei­ne drit­te, in je­der ein Film.

6

An man­chen Aben­den sit­zen jun­ge Frau­en in der Stu­be am Aus­zieh­tisch und bin­den bun­tes Pa­pier zu Ro­sen, for­men die Ro­sen zu den Wap­pen der Dör­fer, die im Som­mer nach Buck­ten kom­men, um hier ein Turn­fest zu fei­ern, ein Ge­s­angs­fest, ein Mu­sik­fest. Pio, sechs Jah­re jün­ger als die Zweit­jüngs­te, muss nicht ins Bett, er steht ne­ben den Frau­en, ver­liert sich in den Far­ben, im Ge­wäsch der Frem­den.

7

Das Kind lädt Koh­le in ei­ne Schub­kar­re, die Ei­sen­bah­ner aus der Lo­ko­mo­ti­ve war­fen, Sissach–läu­fel­fin­gen–ol­ten, bringt die Koh­le nach Hau­se, Ma­ma schiebt sie in den Ofen. Ma­ma sagt: Du gibst mir warm.

8

Pio wagt nicht, den Va­ter zu fra­gen, wes­halb er nie lacht.

9

Was be­reust du? Er schiebt die schma­len Schul­tern hoch, trom­melt die Fin­ger auf den klei­nen hel­len Tisch. Wo­für schämst du dich?

10

Der Bub, viel­leicht sie­ben, trägt am Rü­cken ei­nen Sack, da­rin zwei Meis­sel, Fritz, der Bild­hau­er, trägt drei Häm­mer und sein jüngs­tes Werk, das bron­ze­ne Ab­bild von Carl Spit­te­ler (1845–1924), Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger, Bür­ger von Benn­wil, Ba­sel­land­schaft. Es ist Som­mer, viel­leicht 1947, frü­her Mor­gen. On­kel und Nef­fe wan­dern hin­auf nach Kä­n­er­kin­den, dann hin­ab nach Dieg­ten und wie­der hin­auf zum nächs­ten Hü­gel, nach zwei St­un­den sind sie in Benn­wil. Fritz holt die Plas­tik aus dem Sack, schlägt Lö­cher in ei­nen St­ein, schraubt das Ge­sicht des Dich­ters fest. Kin­der schau­en zu, ei­nes, nicht äl­ter als Pio flüs­tert: So sieht ein Künst­ler­bub aus. Fritz und Pio set­zen sich in die Gar­ten­wirt­schaft ne­ben­an, es­sen Rös­ti mit Spie­ge­lei, bes­ser als zu Hau­se in Buck­ten. Der On­kel sagt: Geh den Weg, den du ge­hen musst, es gibt kei­nen bes­se­ren. Der Nef­fe fragt: Was meinst du?

11

Pio, Schü­ler der zwei­ten Klas­se, Ge­samt­schu­le Buck­ten, legt dem Va­ter sein Zeug­nis hin. Der Va­ter dreht sich weg und sagt: Zeig es der Ma­ma.

12

Ein Bru­der der Mut­ter, On­kel Hans, Leh­rer und Mu­si­ker, setzt sich sonn­tags an den Tisch und re­det auf die Kin­der ein, wer kein In­stru­ment spie­le, ver­pas­se das Le­ben. Er zieht ei­ne Gei­ge aus ei­nem schwar­zen Kas­ten, reicht sie dem Jüngs­ten. Pio fasst sie am Hals und schlägt sie über die Kan­te des Tischs, Sai­ten reis­sen, das Griff­brett springt, Pio, viel­leicht neun, duckt sich un­ter den Tisch, rennt ins Zim­mer ei­ner Schwes­ter, das im Schloss ei­nen Schlüs­sel hat, schliesst sich weg und ge­horcht den El­tern nicht, die ihm be­feh­len, aus dem Raum zu kom­men. Sie stel­len Lei­tern ans Fens­ter, Pio ver­rie­gelt die Lä­den, bleibt drei St­un­den lang im Exil, ver­lässt es erst, als sie ge­lo­ben, ihn nicht zu be­stra­fen, we­der mit Wor­ten noch mit Gei­gen.

13

Er ist im Bett, Mon­tag­mor­gen, sie­ben Uhr, das Te­le­fon schellt, und Pio, elf ge­wor­den, weiss, nun ist sie tot. Seit ei­nem hal­ben Jahr liegt Ma­ma im Spi­tal zu Ba­sel, Ma­ma hat Krebs. Am Di­ens­tag liegt ih­re Lei­che in der Stu­be, be­la­gert von Blu­men und Ver­wand­ten, Pio war­tet in sei­nem Zim­mer, Ma­ma ist tot. Wenn du sie noch se­hen willst, dann jetzt, gleich schlies­sen sie den Sarg, sagt On­kel Fritz, der Bild­hau­er, der un­ter dem Dach ein Zim­mer hat und ei­nes in Pa­ris. Pio steht ne­ben dem Sarg, sieht das gel­be Ge­sicht der Mut­ter, die­ses to­te gel­be Ge­sicht, je­mand setzt den De­ckel auf, Pio sieht ihr Ge­sicht, sieht es durch ei­nen letz­ten schma­len Spalt. Draus­sen zieht ein Ge­wit­ter auf, die Welt blitzt und don­nert, dann be­ginnt es zu reg­nen, draus­sen war­tet das Pferd des Nach­barn, dem To­ten­wa­gen längst vor­ge­spannt. End­lich trägt man Ma­ma aus dem Haus und schiebt sie auf den Kar­ren, der sich plötz­lich be­wegt und das Dorf ver­lässt, ge­folgt vom Um­zug de­rer, die zu ih­rer Be­er­di­gung wol­len, es reg­net, es reg­net und don­nert, und je­mand legt ei­ne De­cke über das Pferd. Ir­gend­wo, viel­leicht auf hal­bem Weg, stellt man sich un­ter Bäu­me und war­tet und war­tet und zieht dann wei­ter nach Rüm­lin­gen, drei­hun­dert Men­schen, wo der Fried­hof ist. Die Mut­ter ver­schwin­det in schwar­zer Er­de, Ma­ma ver­sinkt im Loch, Ma­ma. Pio, elf, re­det kaum noch, sucht die Nä­he sei­ner Schwes­ter Eleo­no­ra, weint. Mit Schwes­ter und Gross­mut­ter reist er nach Pa­ris zu On­kel Fritz, Fritz hört Jazz, Sid­ney Be­chet, Wild Cat Blues, «Pe­ti­te fleur».

14

Dem Deutsch­leh­rer der Be­zirks­schu­le Sissach ge­fällt, wie der Bub Ge­dich­te vor­trägt. Er be­fiehlt ihn in al­le Klas­sen der Schu­le, und Pio, der ei­ne Sechs er­hält, aber schlech­te Auf­sät­ze schreibt, sagt auf: Im Wal­lis liegt ein stil­ler Ort, ge­heis­sen Aro­leid. Es seufzt ein Gram im Na­men fort, seit lang ent­schwund­ner Zeit. Ein Berg­hirt hing in Tods­ge­fahr am steils­ten Fir­nen­rand. Ihn stiess hin­un­ter dort der Aar, wo kei­ner mehr ihn fand. Auf grü­ner Mat­te sass sein Weib, das Kind ins Gras ge­legt, sass sie und schaut’ mit star­rem Leib hin­über, un­be­wegt. Hin­über, wo im Däm­mer­blau der Berg zur Tie­fe schwand, und mit des Gip­fels Sil­berau so still am Him­mel stand. Voll bit­trer Sehn­sucht sprang sie auf und ging im Mat­ten­grün mit schwan­kem Schritt und ir­rem Lauf und heis­sem Au­

gen­glühn. Da schreit ein Kind, ein Flü­gel saust wohl über ih­rem Haupt – mit ih­rem Kind zur Hö­he braust der Aar, der es ge­raubt! Noch sieht das Wi­ckel­band sie wehn in der kris­tall­nen Luft, dann sieht sie’s wie ein Pünkt­lein stehn im fer­neblau­en Duft. Dann nichts mehr, nie, so­lang sie lebt! – Sie nahm kein Trau­er­kleid. Doch von dem Leid, das dort noch webt, der Ort heisst Aro­leid.

15

Wem bist du ewig dank­bar? Was kannst du dir nicht ver­zei­hen? Al­so, sagt er, was das Be­ruf­li­che an­geht, so ha­be ich, glau­be ich, nie et­was ge­lie­fert, was voll­kom­men un­brauch­bar war, un­an­sehn­lich, Schrott. Es gibt ei­ni­ge Fil­me, die ich bes­ser nicht ge­dreht hät­te, klar. Ich muss­te über die Run­den kom­men, auch klar.

16

Viel­leicht ist es Som­mer 1954. In Sissach, Ba­sel­land­schaft, steigt Pio, be­glei­tet von ei­nem Klas­sen­freund und dem Ma­the­ma­tik­leh­rer der Be­zirks­schu­le, der bei­de das Fo­to­gra­fie­ren lehr­te, in den Zug, viel­leicht ist es Som­mer 1953. Sie rei­sen nach Mai­land, dann nach Si­zi­li­en und que­ren die In­sel, fo­to­gra­fie­ren, was ih­nen ge­fällt, Men­schen, Kir­chen, Tem­pel, und schla­fen in Her­ber­gen. Ei­nes Nachts tritt ein Frem­der in ih­re Kam­mer, Pio, aus Angst, der Mann könn­te ein Räu­ber sein, steckt sich die Ka­me­ra, die ihm der Leh­rer ge­lie­hen hat, un­ters Hemd, ei­ne Ko­dak Re­ti­na 24a, zieht den Schlaf­sack bis zum Hals, er schwitzt, kann nicht schla­fen. Am Mor­gen hat er Läu­se, setzt sich mit Freund und Leh­rer in ei­nen Zug, reist wei­ter, der Lo­ko­mo­tiv­füh­rer fährt los und kommt jetzt, der Zug in Be­we­gung, aus dem Füh­rer­stand, geht lang­sam durch die Wa­gen und schaut sich die Men­schen an, ein­mal, zwei­mal, setzt sich wie­der in sei­ne Ka­bi­ne und flüs­tert, als Pio und der Freund den Zug ver­las­sen: Che bel­li ra­gaz­zi.

17

Er sitzt am Aus­zieh­tisch in der Stu­be, Buck­ten, Ba­sel­land­schaft, krümmt sich über Bal­sa­holz, Pio ist vier­zehn, baut sich ei­nen Flie­ger. Hin­ter dem Dorf stellt er sich auf ei­nen Hü­gel und schiebt das Ge­schöpf in den Wind, das schöns­te, bes­te, das er je hat­te. Es fliegt und fliegt, quert das ers­te Tal, das zwei­te, ver­schwin­det hin­ter Kä­n­er­kin­den. So sieht die Frei­heit aus, denkt der Bub.

18

Manch­mal träumt er von Ma­ma.

19

Was ist ein gu­ter Fo­to­graf, ein gu­ter Ka­me­ra­mann? Al­so, sagt er end­lich, im Spiel­film bin ich nie glück­lich ge­wor­den. Mei­ne Stär­ke, wenn ich denn ei­ne ha­be, ist das Do­ku­men­ta­ri­sche, das Ech­te, Un­ge­spiel­te. Lie­ber als mit Schau­spie­lern ha­be ich es mit ge­wöhn­li­chen Leu­ten zu tun. Sie zu be­ob­ach­ten, oft stun­den­lang, mich in sie hin­ein­zu­den­ken, das ist viel­leicht mei­ne Be­ga­bung. Zu ah­nen, wie sie re­agie­ren, was sie als Nächs­tes tun. Um die­sen Mo­ment dann ein­zu­fan­gen, dis­kret, lei­se, mit An­stand. Ich kann nicht vor­aus­se­hen, wann sie et­was tun, aber ich kann ver­mu­ten, dass sie et­was tun.

20

Das Zeug­nis un­ter­schreibt nun Pa­pa.

21

Tro­cke­ne Brust­fell­ent­zün­dung, Pio ist fünf­zehn, Pleu­ri­tis sic­ca, Sa­na­to­ri­um Pro Ju­ven­tu­te, Davos. Ein Pa­ti­ent, we­ni­ge Jah­re äl­ter, leiht ihm ein Buch, Jazz op­tisch, 71 Sei­ten, Dut­zen­de von Fo­to­gra­fi­en. End­lich sieht Pio, wie die aus­se­hen, die ihn nachts vors Ra­dio ho­len, Diz­zy Gil­le­spie, Mi­les Da­vis, The­lo­nious Monk. Je­den Frei­tag­nach­mit­tag stellt ein Leh­rer sei­nen Pro­jek­tor in den Saal, sech­zehn Mil­li­me­ter, und zeigt ame­ri­ka­ni­sche Fil­me, un­ter­bricht hie und da und brei­tet aus, wie die Sze­ne ent­stand, Schnitt und Ge­gen­schnitt, To­ta­le, Halb­to­ta­le, De­tail, nah, halb­nah. Als Pio die Kli­nik nach drei Mo­na­ten ver­lässt, weiss er: Er will zum Film, nicht als Schau­spie­ler, nicht als Re­gis­seur, son­dern als der, der Bil­der macht.

22

Es ist Sams­tag­nach­mit­tag, Pio schliesst sich in sein Zim­mer weg, hört, was er sich auf ei­ner Post­kar­te ge­wünscht hat, ei­ne Stim­me sagt: Und jetzt er­fül­len wir den Wunsch von Pio Cor­ra­di aus Buck­ten, Ba­sel­land, ei­gent­lich sind es zwei, «West End Blues», zu­erst ge­spielt von Lou­is Arm­strong, dann von Roy El­dridge. Pio er­schrickt: Was denkt jetzt das Dorf ? Dass ich ein Ge­stör­ter bin? Am Abend, wie fast je­den Abend, tritt er in die Kä­se­rei und holt Milch, kei­ner dreht sich zu ihm.

23

In der Zei­tung liest er, der be­kann­te Schwei­zer Re­gis­seur Kurt Früh stel­le in Sissach sei­nen neu­en Film vor, «Bä­cke­rei Zür­rer», Pio hört ihn sa­gen, be­vor je­mand Ka­me­ra­mann wer­de, soll­te er Fo­to­graf sein. Pio, sieb­zehn, ver­lässt das Dorf und zieht nach Ba­sel zu ei­ner Schwes­ter, im Mu­sik­haus Jeck­lin kauft er für 120 Fran­ken ein al­tes Sa­xo­fon, nimmt St­un­den am Kon­ser­va­to­ri­um und be­sucht die Kunst­ge­wer­be­schu­le, macht ei­ne Leh­re als Fo­to­graf.

24

Hat Fo­to­gra­fie­ren mit Lie­be zu tun? Pio, blei­ches Ge­sicht, weis­ses Haar, fal­tet die Hän­de, schweigt. Man kann es so se­hen, sagt er plötz­lich, ich ge­be mir Mü­he, die Men­schen, die ich vor mei­ner Ka­me­ra ha­be, mit Re­spekt zu be­han­deln, ich will sie nicht zu Schau­spie­lern ma­chen, zu Aus­füh­ren­den, ich will ih­nen nicht be­feh­len, was sie zu tun ha­ben, ich will sie nicht auf ei­nen Dreh­buch­satz hin­un­ter­müllen, nicht auf ei­ne Fi­gur, auf ei­ne Ge­schich­te, ei­ne Rol­le, ich weiss nicht, ob man das ver­steht.

Pio ist vier­zehn, baut sich ei­nen Flie­ger. Schiebt das Ge­schöpf in den Wind, das schöns­te, bes­te, das er je hat­te. So sieht die Frei­heit aus, denkt der Bub.

25

Der Leh­re ent­kom­men, leiht er sich ei­ne Bo­lex, sech­zehn Mil­li­me­ter, be­fiehlt ei­nen Kol­le­gen auf den Lies­ta­ler Aus­sichts­turm, filmt, wie der übers Ge­län­der will, filmt, wie ei­ne Pup­pe vom Turm fällt, dann den Kol­le­gen, der im Gras liegt, auf­steht, sich schüt­telt und weg­rennt. Wer zum Film will, muss zu den Leu­ten, die Fil­me ma­chen, Pio zieht nach Zü­rich, be­wirbt sich als Ka­me­raas­sis­tent und ar­bei­tet für we­nig Geld. Hal­te das Ding, lehrt Rue­di Wer­ner, Ka­me­ra­mann von Ro­man Brod­mann (1920–1990), hal­te die Ka­me­ra so, als steck­te sie in ei­nem Schraub­stock, un­ver­rück­bar und si­cher. Ein hal­bes Jahr lang ar­bei­tet Pio an der Sei­te von Ge­or­ges Alex­ath (1910–1979), Mit­be­grün­der der Schwei­zer Film­wo­chen­schau. Alex­ath dreht ei­nen Film für die Welt­aus­stel­lung Montreal 1967, Pio merkt sich, was der Al­te tut, wo­für er sich ent­schei­det, To­ta­le, Halb­to­ta­le, De­tail, manch­mal leuch­ten sechs Schein­wer­fer auf, sechs­mal zehn­tau­send Watt. Kaum ist der Film ge­dreht, as­sis­tiert er dem Ka­me­ra­mann des be­rühm­ten rus­si­schen Re­gis­seurs Gri­go­ri Alex­an­drow (1903–1983), in die Schweiz ge­kom­men, um sein neus­tes Werk zu schaf­fen, «Le­nin in der Schweiz». Pio sieht zu, wie Alex­an­drow, Weg­ge­fähr­te Ei­sen­steins, sei­ne Mo­ti­ve wählt, wie er sie be­ob­ach­tet und um­kreist, wort­los, ge­dul­dig, und schliess­lich be­schliesst, sie in ei­nem be­stimm­ten Win­kel zu fil­men. Das Ein­fa­che, denkt Pio, ist das Wah­re, die Plan­se­quenz, das Wünsch­ba­re, ei­ne lan­ge Ein­stel­lung, un­ter­bro­chen von kei­nem Schnitt.

26

Pio, nun 42, dreht «Trans­at­lan­tique», Buch und Re­gie: Hans­ul­rich Schlumpf, die Ge­schich­te ei­nes Eth­no­lo­gen, der mit dem letz­ten Li­ni­en­schiff nach Bra­si­li­en reist, um zu er­grün­den, wie Ein­ge­bo­re­ne le­ben, 1982. Auf dem Schiff Eu­ge­nio C. sieht er ei­nen Mann, schma­les Ge­sicht, gros­se Hän­de, ei­nen bra­si­lia­ni­schen Land­ar­bei­ter, der zwei Jah­re lang in Spa­ni­en war, kein Geld hat und nun zu­rück in sei­ne Hei­mat fährt, leer, ent­täuscht, Pio fragt den Mann, ob er ihn fo­to­gra­fie­ren dür­fe, er drückt ab, nur ein­mal, und weiss, dass er nie ein bes­se­res Bild ma­chen wird.

27

Er steht vor ei­nem glä­ser­nen Treib­haus, die Tür ist of­fen, Pio tritt ein und sieht Pflan­zen, die er noch nie­mals ge­se­hen hat. Lang­sam dre­hen sich die Blät­ter zu ihm, sie ha­ben Ge­sich­ter, Vo­gel­ge­sich­ter. Und ir­gend­wo steht ein Mann. Was sind das für We­sen?, fragt Pio. Zum ers­ten Mal, sagt der Mann, sei es ihm ge­lun­gen, Blu­men mit Vö­geln zu paa­ren. Sei­nen

Traum er­zählt Pio der Frau, die er seit Ta­gen filmt, Ma­rie-loui­se von Franz, spä­te Mit­ar­bei­te­rin von C. G. Jung, be­kannt für ih­re psy­cho­lo­gi­schen Deu­tun­gen von Mär­chen und al­che­mis­ti­schen Tex­ten. Ihr Traum, Herr Cor­ra­di, ist zu fan­tas­tisch, als dass ich ihn deu­ten könn­te.

28

1984, Am­steg, Kan­ton Uri, Pio und Fre­di Mu­rer, Re­gis­seur, ste­hen vor dem Ho­tel und schau­en hin­auf zum Berg, es ist Mor­gen, Mu­rer dreht «Hö­hen­feu­er», das Dra­ma ei­ner Berg­bau­ern­fa­mi­lie, die Ge­schich­te ei­ner ver­bo­te­nen Lie­be, es reg­net und reg­net, Mu­rer schimpft. Sei doch froh, sagt Pio, bes­tes Wet­ter für die Gül­len­sze­ne.

29

In New York sitzt er ne­ben Men­schen mit Aids, ta­ge­lang, sitzt und war­tet und schweigt, 1988, «Bai­ley Hou­se: To Li­ve As Long As You Can», Re­gie: Alain Kla­rer, Ka­me­ra: Pio Cor­ra­di. Ei­ner, Abel, ver­schiebt sein Ster­ben von Tag zu Tag, bis Pio wie­der ne­ben ihm sitzt, kei­ne Ka­me­ra da­bei.

30

Er steht auf dem Deck der Eu­ge­nio C., schaut den Leu­ten zu und ahnt, dass et­was ge­sche­hen wird. Drei Schwes­tern re­den über ih­ren Va­ter, der sich, im Lie­ge­stuhl schla­fend, wei­gert, für im­mer zu­rück­zu­keh­ren nach Ar­gen­ti­ni­en. Pio setzt die Ka­me­ra an, die Frau­en re­den und schimp­fen, der Va­ter er­wacht, ver­steht nicht, spricht mit ge­schlos­se­nen Au­gen, fragt end­lich: Was kann ein Mann von 83 Jah­ren noch er­war­ten? 89, Pa­pa, sagt die Toch­ter. Der Va­ter: Und wenn ich dann in Bu­e­nos Ai­res bin, sag mir, wo­mit kann ich mich dort be­schäf­ti­gen? Was soll ich ar­bei­ten? Die Toch­ter: War­um ar­bei­ten? Va­ter: Mit 83 Jah­ren. Ant­wor­te mir. Sag ich nicht die Wahr­heit? Und ich sa­ge dir noch et­was, schreit der Va­ter ... Toch­ter: Du kannst nicht mehr ar­bei­ten, Pa­pa. Va­ter: Ihr seid Frau­en, da­von ver­steht ihr nichts. Toch­ter: Pa­pa, ob du willst oder nicht, du kommst mit uns. Im­mer hef­ti­ger wird der Streit, im­mer en­ger die Trau­be der Frem­den, die zu­hö­ren und lau­schen und la­chen, und Pio denkt: Viel­leicht die bes­te Sze­ne, die ich je dreh­te, ei­ne Plan­se­quenz.

31

Ti­bet, 1996, er hockt im Zelt ei­ni­ger Män­ner, die sich zum See Ts­ent­so auf­ma­chen, um dort Salz zu ge­win­nen, die Män­ner re­den we­nig, sie sit­zen und spin­nen, ru­fen ih­re Göt­ter an, ei­ner steht auf und schaut aus dem Zelt, prüft den Him­mel, das Land, setzt sich hin, spinnt Wol­le und schweigt, Pio filmt, zwei Mi­nu­ten, drei, vier, viel­leicht die bes­te Sze­ne. Sechs Wo­chen lang ist er mit vier Män­nern un­ter­wegs, vier­tau­send Me­ter über dem Meer, abends setzt er sich zu ih­nen, de­ren Spra­che er nicht ver­steht, drückt Schwei­zer Haut­creme aus der Tu­be, reibt je­dem die ris­si­gen Hän­de ein.

32

Es ist der 20. Ju­ni 2016, ein Mon­tag, Pio emp­fängt in Köln den Eh­ren­preis des Deut­schen Ka­mer­a­prei­ses. Mit sei­ner ru­hi­gen und warm­her­zi­gen Art schaf­fe es der Schwei­zer Ka­me­ra­mann Pio Cor­ra­di, Ver­bin­dun­gen zu sei­nen Prot­ago­nis­ten auf­zu­bau­en. Aus­ge­stat­tet mit Em­pa­thie, dre­he er in je­dem Kul­tur­kreis aus­ser­ge­wöhn­lich na­he, bild­ge­wal­ti­ge und aus­drucks­star­ke Fil­me. Pio steht auf und nickt und lä­chelt, weiss nicht, wo­hin mit sei­nen Hän­den.

33

Ist der Tod ein Skan­dal? Fra­gen stellst du. Ist der Tod ein Skan­dal? Ob Skan­dal oder nicht, er kommt. Pio schaut zur Wand, zwei Bil­der, ein Steg führt hin­aus auf ei­nen blau­en See, da­ne­ben die Ti­ger­en­te. Was wä­re die Al­ter­na­ti­ve? Das ewi­ge Le­ben. Ein Le­ben, das nie auf­hört, nie, nie, nie. Grau­en­haft.

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Er steht auf ei­ner Roll­trep­pe im Flug­ha­fen Zü­rich, ver­liert den Halt und stürzt, De­zem­ber 2017. Pio, 77 Jah­re alt, schüt­telt sich, nimmt sei­nen Kof­fer, der Rü­cken schmerzt, das Bein, dann fliegt er nach Ma­rok­ko, der Film, den er dreht, wird «Pas­si­on» heis­sen, Re­gie: Chris­ti­an Lab­hart. Zu­rück in Zü­rich geht er end­lich zum Arzt, man röntgt zwei­mal, macht schliess­lich ein MRI und ent­deckt, Zu­fall, ein Pro­sta­takar­zi­nom, Ab­le­ger in den Kno­chen. Die Ärz­te ver­schrei­ben Mor­phin und schla­gen wei­te­re Un­ter­su­chun­gen vor, ei­ne Strah­len­the­ra­pie zur Kon­trol­le der Schmer­zen. Will ich nicht, sagt Pio. Am 20. März 2018 steigt er in Zü­rich aus dem Bus, geht vier Schrit­te, dann bricht der Ober­schen­kel. Ope­ra­ti­on im Zürcher Stadt­spi­tal Triem­li, Re­ha­bi­li­ta­ti­on in Af­fol­tern am Al­bis. Manch­mal kommt Pia, die Frau, die er seit dreis­sig Jah­ren liebt, und bringt Post, manch­mal ein Jour­na­list, Pio, glaubst du an ein Le­ben nach dem Tod? Er grinst. Aus die Maus, sagt er, al­les schwarz, wie da­mals in Buck­ten, Ba­sel­land, als ich die Ka­me­ra mei­nes On­kels öff­ne­te, al­les schwarz. Pio, er­zähl mir vom Tod dei­ner Mut­ter. Er dreht sich weg und weint.

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So schwie­rig und schlimm, stel­le ich mir vor, kann ster­ben nicht sein. Je­der tut es, noch kei­ner ist ge­schei­tert.

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Pio sitzt zu Hau­se am klei­nen run­den Tisch, Zü­rich, Kreis drei, drit­ter Stock, ei­ne Fla­sche Co­la vor sich, das Han­dy, es ist En­de April 2018, ein hel­ler war­mer Samstag, Pio sagt: Wär schön zu wis­sen, wie es dem Land­ar­bei­ter geht, der mit uns auf der Eu­ge­nio C. war, sei­ne Hän­de wie Schau­feln, ein Ge­sicht aus Wür­de und Stolz.

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