Seit sech­zig Jah­ren steht erst­mals kein Cas­tro an Ku­bas Spit­ze. Die Jun­gen wol­len den­noch weg. Von

Der neue prä­si­dent ist erst seit kur­zem im Amt, aber di­ie jun­ge Ge­ne­ra­ti­on hat be­reits mit ihm ab­ge­schlos­sen. für sie ist der so­zia­lis­mus tot.

Das Magazin - - Contents - Jan chris­toph wiech­mann

In die­sen his­to­ri­schen Ta­gen des Macht­wech­sels hat die Staats­an­ge­stell­te Li­san­dra Cas­tro ei­nen Traum, ei­nen re­vo­lu­tio­nä­ren Traum, wie sie fin­det, den Traum ih­rer gan­zen Ge­ne­ra­ti­on. Sie al­le träu­men da­von, dass das ge­schieht:

Schon zu An­fang sei­ner Amts­zeit wird der neue Prä­si­dent Ku­bas, Mi­guel Díaz-ca­nel, ver­kün­den: Scheiss auf das Sys­tem. Ich ha­be all die Jahr­zehn­te den li­ni­en­treu­en Kom­mu­nis­ten ge­spielt, um jetzt die Dik­ta­tur zu be­en­den. Ich ge­be euch Mei­nungs­frei­heit, freie Wah­len und frei­en Zu­gang zum In­ter­net. Ku­ba­ner, ihr seid frei! Li­san­dra, 26, blickt be­geis­tert, als hät­te sie den Mas­ter­plan für den Sturz der al­ten Ord­nung ent­wor­fen.

Ist das rea­lis­tisch?

«Im­mer­hin steht zum ers­ten Mal seit sech­zig Jah­ren kein Cas­tro an der Spit­ze», sagt sie.

Doch wei­ter­hin ein Kom­mu­nist. «Aber zum ers­ten Mal kein Mi­li­tär. Und kein Greis.»

Aber gibt es ir­gend­ein An­zei­chen für ei­ne Wen­de?

«Eher nicht», ant­wor­tet Li­san­dra lei­se und senkt den Kopf, die lan­gen blon­den Lo­cken fal­len ihr ins Ge­sicht, auf ih­rem Ober­arm leuch­tet das knall­ro­te Tat­too ei­ner Herz­da­me. «Ich ge­be dem Neu­en ein Jahr», fährt sie schliess­lich fort. «Wenn sich nichts än­dert, ver­las­se ich Ku­ba – wie al­le mei­ne Freun­de vor­her.»

Es ist ein tro­pisch heis­ser Mor­gen En­de April. Li­san­dra, selbst er­klär­te Geg­ne­rin des Re­gimes, sitzt im «Cu­ba Li­bro», ei­nem eng­li­schen Buch­la­den und Treff­punkt von Frei­den­kern, wie es ihn vor zehn Jah­ren auf Ku­ba nie ge­ge­ben hät­te. Am Ein­gang hängt die Re­gen­bo­gen­fah­ne, die es eben­so we­nig zu se­hen gab. Aus Li­san­dras Mund spru­deln Sät­ze, die sie ge­gen­über Aus­län­dern eben­falls nicht ge­wagt hät­te zu sa­gen – al­le­samt Zeug­nis­se für den Wan­del im Ein­par­tei­en­staat.

«Aber wenn ich mei­ne Kri­tik of­fen auf der Strasse sa­ge, wer­de ich fest­ge-

nom­men», fügt sie hin­zu. «Das gilt wei­ter­hin.»

Was weiss sie über den Neu­en? «Nicht viel mehr als den Na­men – wie al­le.» Díaz-ca­nel, 58, zwei Kin­der, Elek­tro­in­ge­nieur, Je­ans­trä­ger, Beat­les­fan. Aber li­ni­en­treu, ein Tech­no­krat.

Seit dem 19. April ist Díaz-ca­nel nun Ku­bas Prä­si­dent. Er wur­de nicht vom Volk ge­wählt, son­dern von 605 kom­mu­nis­ti­schen Ab­ge­ord­ne­ten. Sech­zig Jah­re nach der ku­ba­ni­schen Re­vo­lu­ti­on, an­ge­führt von Fi­del Cas­tro und Che Gue­va­ra, steht zum ers­ten Mal kein Cas­tro an der Spit­ze des Ka­ri­bik­staats. Fi­dels Bru­der Raúl Cas­tro al­ler­dings bleibt wei­ter­hin Vor­sit­zen­der der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei. Bis 2021. Dann wird er neun­zig Jah­re alt sein.

Li­san­dra ist ei­gent­lich Lek­to­rin im Staats­ver­lag Uni­on (Mo­nats­ge­halt 25 Eu­ro), ver­dient als Scout für Airbnb aber das Zehn­fa­che. «Nach mei­nem Lin­gu­is­tik­stu­di­um woll­te mich der Staat in die Zen­sur­be­hör­de ste­cken. Das ha­be ich ab­ge­lehnt. Sie droh­ten mir dar­auf­hin, mein Di­plom zu ent­zie­hen, fan­den aber noch ei­ne Stel­le im Ver­lag. Tod­lang­wei­lig da! Wir ge­ben im­mer wie­der die­sel­be sys­tem­treue Li­te­ra­tur her­aus.»

Sie kennt kei­nen ih­rer Ge­ne­ra­ti­on, der noch für den Staat ar­bei­tet. Ärz­te fah­ren Ta­xi. Leh­rer ar­bei­ten im Tou­ris­mus. Ar­chi­tek­ten ha­ben Tat­too­stu­di­os. Es ist ei­ne Um­keh­rung der al­ten Ver­hält­nis­se: Die Aka­de­mi­ker se­hen ih­re Zu­kunft in ein­fa­chen Jobs.

«Ich wuchs wie al­le mit Fi­del auf und ver­göt­ter­te ihn», er­zählt Li­san­dra. «Bis ich als Te­enager merk­te, was für ein Schwach­sinn die­ser Hel­den­kult ist. Heu­te glaubt kei­ner von uns noch an die so­zia­lis­ti­sche Re­vo­lu­ti­on. Un­se­re Ein­stel­lung ist ein Mix aus ‹Fuck them all› und ‹Ich mach mein Ding›.»

Es ist ei­ne Mei­nung, die wir über­all an­tref­fen in mehr als zwei Dut­zend Ge­sprä­chen mit jun­gen Ku­ba­nern. So­wohl in der Haupt­stadt als auch auf dem Land. So­wohl un­ter den Bes­ser-

ge­stell­ten als auch un­ter den Ar­men: Wer kann, ver­lässt Ku­ba. Wer nicht kann, sucht sich sei­ne Ni­sche ab­seits der Pl­an­wirt­schaft. Und ei­ni­ge su­chen gar den Wi­der­stand.

Li­san­dra muss jetzt los. Wi­der­stand war bis­her nicht ihr Ding. Aber die Zen­sur­be­hör­de will den Film ih­rer Freun­de nicht zu­las­sen, weil die­se es wa­gen, die gott­glei­che An­be­tung des Na­tio­nal­dich­ters Jo­sé Mar­tí zu hin­ter­fra­gen. «So klein­geis­tig sind die Macht­ha­ber», sagt sie. «Mal se­hen, wie sie re­agie­ren, wenn wir ein Sit-in ver­an­stal­ten, da­mit der Film doch er­scheint.»

Kur­ze Il­lu­si­on der Frei­heit

In den Ta­gen des Macht­wech­sels herrscht Er­nüch­te­rung auf Ku­ba. Nach­dem Raúl Cas­tro die Füh­rung 2006 von sei­nem Bru­der Fi­del über­nom­men hat­te, war ein Wan­del spür­bar. 580000 Ku­ba­ner gin­gen in die Pri­vat­wirt­schaft, sie er­öff­ne­ten Re­stau­rants, Pen­sio­nen, Na­gel­stu­di­os. Doch seit zwei Jah­ren schon ver­gibt der Staat kei­ne neu­en Li­zen­zen mehr. Un­ter Oba­mas Füh­rung hat­te es ei­ne An­nä­he­rung zwi­schen den al­ten Fein­den Ku­ba und USA ge­ge­ben. Ame­ri­ka­ni­sche Flug­li­ni­en flo­gen Ku­ba nach Jah­ren der Eis­zeit wie­der an, Tou­ris­ten­scha­ren ka­men, Jo­int Ven­tures wur­den an­ge­scho­ben. Doch die In­ves­ti­tio­nen aus den USA bre­chen un­ter Trump wie­der ein.

«Vor zwei Jah­ren hat­ten wir kurz die Il­lu­si­on der Frei­heit», sagt Li­san­dra. «Die Rol­ling Sto­nes ka­men, der Papst. Und Oba­ma. Er wur­de un­ser Held, jung, schwarz, cha­ris­ma­tisch. Das er­schien der al­ten Gar­de ge­fähr­lich. Trumps An­ti-ku­ba-hal­tung kam ihr ganz recht. Da konn­te sie mit Ver­weis auf den bö­sen Feind die Re­for­men wie­der stop­pen.»

Ist es nicht ge­fähr­lich, so of­fen Kri­tik zu äus­sern?

«Ich ha­be das von mei­nem Va­ter. Wenn frü­her der Strom aus­fiel, ging er auf den Bal­kon und sang Re­vo­lu­ti­ons­lie­der. Als wir des­we­gen Be­such von der Staats­si­cher­heit be­ka­men, hör­te er nicht auf. Ich bin nicht be­reit, mich zu än­dern.»

Wir er­le­ben auf die­ser Rei­se durch Ku­ba das Un­denk­ba­re: Ver­gli­chen mit frü­he­ren Be­su­chen re­den die jun­gen Men­schen frei­er. Sie su­chen nicht die Re­bel­li­on, aber sie wol­len et­was Neu­es. Sie schät­zen die Er­run­gen­schaf­ten der Re­vo­lu­ti­on – gu­te Schul­bil­dung, freie Ge­sund­heits­ver­sor­gung, ge­rin­ge Ge­wal­tra­te –, aber längst zei­gen sich auch hier De­fi­zi­te. Sie wol­len nicht Trumps Ga­ga-ame­ri­ka – aber In­ter­net, Mar­ken­schu­he, Han­dys, Frei­heit. Den An­schluss an die Welt.

Die gros­se Fra­ge ist: Wie kom­men sie da­hin in ei­nem re­pres­si­ven Staat?

Der Kom­mu­nis­ten­sohn Jio, 29, hat sich die Fra­ge oft ge­stellt. Er geht ei­nen Schritt wei­ter als Li­san­dra. Er re­det nicht nur mun­ter drauf­los, er pro­tes­tiert auch, bei­spiels­wei­se ge­gen das schlech­te Men­sa­es­sen an der Uni­ver­si­tät, wo er Gra­fik­de­sign stu­dier­te.

Dar­auf be­gann das, was Jio sein kaf­ka­es­kes Le­ben nennt. Er fer­tig­te bes­te Ar­bei­ten an, aber die Do­zen­ten lies­sen ihn durch­fal­len. «Ich konn­te sa­gen: Die­se Tas­se ist weiss, und sie ant­wor­te­ten: Nein, die ist schwarz.» Jahr für Jahr sus­pen­dier­te ihn der Di­rek­tor, ein Freund sei­nes li­ni­en­treu­en Va­ters. So ver­län­ger­te sich Ji­os Stu­di­um von fünf auf acht Jah­re.

Nach sei­nem Ab­schluss woll­te er ein Stu­dio für Gra­fik­de­sign auf­ma­chen, aber der Staat teil­te ihm mit: Es gibt kei­ne Li­zenz da­für. Jio woll­te dann ein Ca­fé er­öff­nen mit Ge­bäck­ver­kauf, aber der Staat sag­te: ent­we­der Kaf­fee­li­zenz oder Ge­bäck­li­zenz. Bei­des zu­sam­men geht nicht.

Jio, ein schma­ler Kerl mit lan­gen Haa­ren und Zot­tel­bart, ist ge­ra­de auf dem Weg zwi­schen zwei Pen­sio­nen in der Alt­stadt Ha­van­nas. Er ist jetzt Koch und macht das Früh­stück für Tou­ris­ten. Koch und Früh­stück ist er­laubt. Über­all in den Stras­sen hän­gen Bil­der Fi­del Castros, der nach sei­nem Tod Che Gue­va­ra als Kult­fi­gur Num­mer eins ab­ge­löst hat. An Fa­b­ri­ken prangt im­mer noch der Hin­weis: «So­zia­lis­mus oder Tod». Jio bit­tet uns in ei­ne Kaf­fee­rös­te­rei, wo die al­te Röst­ma­schi­ne im­mer­zu klap­pert, so­dass kein Spit­zel sei­ne Wor­te mit­hö­ren kann.

Der Gra­fik­de­si­gner steht je­den Mor­gen um vier auf und sucht in den Klein­gär­ten und auf den Märk­ten Ha­van­nas nach den bes­ten Zu­ta­ten der Man­gel­wirt­schaft. Er backt Brot mit Erd­nüs­sen und Ore­ga­no. Er be­nutzt flüs­si­ges Ei­gelb, um das Weiss auf dem Spie­ge­lei künst­le­risch zu be­ma­len. Das sind jetzt sei­ne krea­ti­ven Aus­brü­che: Ei­gelb­ma­len und Klein­gar­ten­be­su­che.

Die Iro­nie ist, dass er als un­ge­lern­ter Früh­stücks­koch das Viel­fa­che ei­nes Staats­an­ge­stell­ten ver­dient, 40 Eu­ro am Tag. «Ich ha­be in zwei Jah­ren mehr ver­dient als mein Va­ter in sei­nem Le­ben. Das führt zu gros­sen Span­nun­gen.»

Ji­os Va­ter ist im Pro­pa­gan­da­ap­pa­rat der Par­tei für die Zeit­schrift «Bo­he­mia» zu­stän­dig. Er sieht Ku­ba auf ei­nem gu­ten Weg. Jio hält ihm ent­ge­gen: «Schau dir die Scheis­se an. Die Men­schen ste­hen für al­les an. Es gibt nichts in den Lä­den. Du siehst die Schlan­gen nicht, weil du in ei­nem Di­enst­au­to fährst.»

«Wir ha­ben jetzt In­ter­net», ent­geg­net sein Va­ter.

«Ja, du als Mit­glied der Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne­rie. Das Volk hat WLAN nur in man­chem Park und nur ge­gen ei­nen Eu­ro pro St­un­de.»

«Wir sind Kom­mu­nis­ten in un­se­rer Fa­mi­lie», schreit sein Va­ter.

«Wir le­ben längst im Ka­pi­ta­lis­mus. Ich ver­die­ne an ei­nem Tag so viel wie du in zwei Mo­na­ten.»

Der So­zia­lis­mus ist tot

Das Ide­al der Gleich­heit auf Ku­ba ist schon längst pas­sé. Die Fra­ge lau­tet jetzt: Wie viel Un­gleich­heit will man zu­las­sen?

«Dar­an geht er zu­grun­de», sagt Jio spä­ter. «Er sieht die Wahr­heit – der So­zia­lis­mus ist tot –, will es aber nicht wahr­ha­ben. Er ist Al­ko­ho­li­ker wie vie­le im Re­gime. Er trinkt sei­nen plan­chao, ein Te­tra­pack Rum für ei­nen Eu­ro.»

Ein Mi­ni­dra­ma, das sich in Tau­sen­den Haus­hal­ten ab­spielt: Die Ju­gend folgt den Re­vo­luz­zern nicht mehr, und die grei­fen zum Rum. Jio sagt es so: «Wenn du nicht auf ei­nen Trip ge­hen kannst, schaffst du dir dei­nen Trip.»

Hast du kei­ne Angst, so of­fen zu re­den?

«Wir Ku­ba­ner le­ben in zwei Wel­ten. In der ei­nen kannst du dich aus­kot­zen, un­ter Freun­den und in der Fa­mi­lie. Und dann gibts die öf­fent­li­che, wo du nichts sa­gen darfst. Ich will die­se Dop­pel­zün­gig­keit nicht. Ich will nur ein­mal den­ken.»

Vor Kur­zem kam des­we­gen die Staats­si­cher­heit zu Be­such. Sie frag­te ihn aus über ei­nen Freund, der noch lau­ter pro­tes­tier­te als er. «Wie gehts dei­ner Freun­din?, frag­ten sie mich. Ich sag­te: Wo­her wisst ihr, dass ich ei­ne Freun­din ha­be? Wir wis­sen al­les, ant­wor­te­ten sie. Sag dei­nem Freund, er soll nicht mehr pro­tes­tie­ren. Ich sag­te: Ich ver­ra­te doch nicht mei­nen Freund.»

Kann dir das nicht ge­fähr­lich wer­den?, fra­gen wir auch ihn.

«Ich kann ent­we­der in Angst le­ben oder auf­recht le­ben.»

Und wenn die Staats­si­cher­heit das liest?

«Dann kommt mein kaf­ka­es­kes Le­ben zu­rück», sagt Jio. «Dann wer­den sie zu mei­ner Pen­si­on kom­men und sa­gen: ‹Zeig uns dei­nen Feu­er­schutz.› Wenn ich er­wi­de­re: ‹Es gibt kei­ne Be­stim­mung da­für›, dann wer­den sie sa­gen: ‹Doch, die gibt es. Wir schlies­sen hier­mit dei­ne Früh­stücks­pen­si­on.› Sie sa­gen dir nicht: ‹Du darfst dei­ne Mei­nung nicht frei äus­sern.› Sie fin­den ei­nen an­de­ren Weg, dich zu schi­ka­nie­ren.»

Di­gi­tal­ma­ga­zin oh­ne In­ter­net

Wenn Jio die Rei­bung mit dem Re­gime sucht, dann geht Abra­ham Ji­mé­nez, 29, noch ei­nen Schritt wei­ter. Er sucht die di­rek­te Kon­fron­ta­ti­on. Das Tref­fen mit dem Jour­na­lis­ten fin­det in ei­nem un­schein­ba­ren Ca­fé na­he der Kai­mau­er Ha­van­nas statt. An den Wän­den hän­gen Car­toons, die man mit et­was Fan­ta­sie als ei­ne Kri­tik an der Dik­ta­tur ver­ste­hen kann. An ei­nem Tisch in der Ecke sitzt ein jun­ger Mann in ge­bü­gel­tem Hemd und mit ei­nem Voll­bart, wie ihn Che Gue­va­ra hät­te tra­gen kön­nen.

«Ich wer­de ab­ge­hört», sagt Abra­ham schon zu Be­ginn des Ge­sprächs und zeigt auf sein Han­dy.

War­um schal­test du es nicht ab? «Ich ha­be nichts zu ver­ber­gen.» Das Ca­fé im Stadt­teil Ve­da­do dient gleich­zei­tig als Re­dak­ti­ons­bü­ro. Mit drei Mit­strei­tern bringt Abra­ham die vor zwei Jah­ren ge­grün­de­te di­gi­ta­le Zeit­schrift «Estor­nu­do» her­aus. Sie fol­gen ei­nem in Ku­ba ge­ra­de­zu re­vo­lu­tio­nä­ren Kon­zept: «Wir schrei­ben die Wahr­heit», sagt er. «Was die Par­tei­zei­tung ‹Gr­an­ma› nicht schreibt, das schrei­ben wir.» Ein di­gi­ta­les Ma­ga­zin oh­ne In­ter­net­zu­gang – ist das nicht ein Di­lem­ma?

«Ich muss wie al­le ei­nen Park fin­den, wo es WLAN gibt.»

Du wirst nicht be­ob­ach­tet? «Doch, mit Si­cher­heit.»

Auch bei die­sem Ge­spräch? «Kann sein.» Er mus­tert der Rei­he nach die Ti­sche im Ca­fé.

Abra­ham sieht sich als po­li­ti­schen Ge­fan­ge­nen. Er darf Ku­ba bis 2021 nicht ver­las­sen, auch nicht für die Ent­ge­gen­nah­me von Prei­sen und Ein­la­dun­gen von Uni­ver­si­tä­ten. «Mei­ne Freun­de sind im Aus­land, ich bin der Ein­zi­ge aus ei­ner Grup­pe von vier­zig, der noch hier ist.» Vie­le an­de­re su­chen ihr Glück in Sub­kul­tu­ren. Sie ha­ben Tat­too­stu­di­os (nicht le­gal) oder Skate­board­schu­len (nicht le­gal) oder Pier­cing­stu­di­os (nicht le­gal).

Und dei­ne Fa­mi­lie?

«Mein Va­ter und mei­ne Schwes­ter sind im Mi­li­tär, sie ver­tei­di­gen das Re­gime. Die Sta­si ist zu ih­nen ge­gan­gen, um Druck auf mich aus­zu­üben. Da ha­ben sie sich ent­schie­den: fürs Sys­tem und ge­gen den Sohn.»

Abra­ham schliesst für ei­nen Mo­ment die Au­gen, um sei­ne ei­ge­nen Wor­te zu ver­dau­en. «Das Sys­tem aber ist ge­schei­tert. Wenn sech­zig Jah­re nicht rei­chen für ei­ne Re­vo­lu­ti­on, soll­te man auf­ge­ben.»

Vie­le Ku­ba­ner ver­wei­sen auf die gu­te Bil­dung, wen­den wir ein.

«Der Ku­ba­ner ist ge­bil­det, rich­tig, man kann sich mit je­dem Stras­sen­keh­rer über Mo­zart un­ter­hal­ten. Aber es wird schlechter und kor­rupt. Leh­rer ver­ge­ben heu­te gu­te No­ten ge­gen Be­zah­lung.»

Die Me­di­zin ist gra­tis.

«Aber die Kran­ken­häu­ser sind schmut­zig, und du musst dir dei­ne ei­ge­ne Me­di­zin mit­brin­gen.»

Die Ge­wal­tra­ten sind die nied­rigs­ten in ganz Latein­ame­ri­ka.

«Das ein­zi­ge gros­se Plus. Aber das Sys­tem wird sich trotz­dem er­le­di­gen. Es ist ei­ne bio­lo­gi­sche Fra­ge. Heu­te will je­der nur noch sei­nen Pe­so ma­chen.»

Es war im ver­gan­ge­nen No­vem­ber, als die Staats­si­cher­heit bei Abra­ham er­schien. Neun St­un­den lang ver­hör­ten sie ihn. Sie nah­men ihm Com­pu­ter und Han­dy ab und block­ten den Zu­gang zur Web­site. «Sie woll­ten wis­sen, ob die Zeit­schrift aus dem Aus­ land fi­nan­ziert wird. Sie wuss­ten al­les über mich – Freun­din­nen, Lieb­ha­be­rin­nen, in­ti­me De­tails.»

Abra­ham blickt nun trau­rig drein. Er schaut auf die Uhr. Er muss noch ei­ne Re­por­ta­ge schrei­ben über Call­boys auf Ku­ba. Und im Fern­se­hen läuft Fussball, sei­ne gros­se Lei­den­schaft – und sei­ne letz­te.

«Ich ha­be al­les ver­lo­ren, Freun­de, Fa­mi­lie, selbst mei­ne Lie­be. Sie ist nach Me­xi­ko ge­gan­gen. Ich ha­be im­mer wie­der de­pres­si­ve Schü­be.»

Al­so hat der Staat dich klein­ge­kriegt?

«Nein. Die Ver­bo­te er­mu­ti­gen mich um­so mehr, die Wahr­heit zu schrei­ben.»

Auch an ihn geht die Fra­ge: Kei­ne Angst vor dem Staat?

Er ant­wor­tet nicht di­rekt. «Wenn sie mich auf dem Land ver­schwin­den las­sen, er­fährt es kei­ner. Nichts pas­siert. Mei­ne Fa­mi­lie wird nichts tun. Es ist eben ei­ne Dik­ta­tur.»

Al­les un­ter der Hand

Un­se­re Fahrt geht von Ha­van­na über buck­li­ge Pis­ten hin­aus übers Land. Auf den Fel­dern kom­men ne­ben al­ten Land­ma­schi­nen noch Och­sen­kar­ren zum Ein­satz. In gros­sen Städ­ten wie Ci­en­fue­gos sind ne­ben neu­en Ta­xis noch im­mer Pfer­de­kut­schen das Haupt­trans­port­mit­tel. Die Au­to­bahn ist je­den Tag so leer wie an ei­nem au­to­frei­en Sonn­tag in Deutsch­land. Ein Neu­wa­gen kos­tet wei­ter­hin so viel wie 1100 Mo­nats­ge­häl­ter.

Hin­ter dem Ort Ca­ma­juaní, im Schat­ten ei­ner qual­men­den Zu­cker­fa­brik, stos­sen wir auf die Fa­mi­lie Or­tíz*. Ei­ne ganz nor­ma­le Fa­mi­lie vom Land, die dem So­zia­lis­mus lan­ge die Treue hielt. Heu­te ar­bei­ten sie al­le auf pro­pia cu­en­ta, wie es auf Ku­ba heisst, auf ei­ge­ne Rech­nung. Rai­ken, der Va­ter, war mal Mecha­ni­ker in der staat­li­chen Zu­cker­fa­brik, hält heu­te aber Schwei­ne. Sei­ne Frau Anay war Leh­re­rin, ver­treibt nun Schu­he für Tou­ris­ten. Ihr Sohn Ali­an, 18, hat sein In­ge­nieur­stu­di­um ge­schmis­sen und ar­bei­tet jetzt als Schus­ter.

«Ich ha­be mei­nen Be­ruf als Leh­re­rin ge­liebt», sagt Anay, «aber man kann von dem Ge­halt nicht le­ben, 20 Eu­ro. Die Mie­te al­lein kos­tet 80 Eu­ro.»

Wie über­le­ben dann die zwei­hun­dert Ar­bei­ter der Fa­b­rik?

«Sie ver­kau­fen den Zu­cker un­ter der Hand», er­klärt ihr Mann. «Und re­pa­rie­ren ne­ben­bei Au­tos. Dem Arzt brin­ge ich Na­tu­ra­li­en zum Ter­min mit. Er be­han­delt den zu­erst, der am meis­ten mit­bringt.»

Auf den Hin­weis, dass es sich um Dieb­stahl und Kor­rup­ti­on han­delt, sa­gen sie: «Man muss Ver­ständ­nis ha­ben. Es geht ums Über­le­ben.»

Die acht Mit­glie­der der Gross­fa­mi­lie sit­zen ver­sam­melt in ei­ner Stu­be, die mit ih­ren ro­sa­far­be­nen Sa­tin­g­ar­di­nen aus den Fünf­zi­ger­jah­ren stam­men könn­te. Im Fern­se­hen gibt es nur Staats­pro­gram­me, wes­halb sie Usbsticks mit Us-se­ri­en kau­fen, ge­nannt paque­te. «Wir ha­ben es satt, nicht er­fah­ren zu dür­fen, was in der Welt pas­siert», sagt Anay.

Es ist Mit­tag, Anay ser­viert Yuk­ka, Boh­nen­ein­topf und Schwei­ne­fleisch. «Auf Rind­fleisch ste­hen fünf­und­zwan­zig Jah­re Haft», er­klärt Rai­ken in ei­ner sei­ner An­spie­lun­gen auf die Ab­sur­di­tä­ten des Sys­tems. «Wir dür­fen nur Milch­kü­he hal­ten, und die muss ich an den Staat ab­tre­ten. Schlacht­tie­re zu hal­ten, ist il­le­gal.» Sein Sohn Ali­an, 18, soll den Be­trieb mal über­neh­men, aber er will Ku­ba lie­ber ver­las­sen. Wie über­all auf der Welt will er am Wo­che­n­en­de tan­zen ge­hen. Weil es aber kei­nen Bus­ver­kehr gibt, muss er sich mit Freun­den ei­nen Vieh­trans­por­ter mie­ten. Im Ort ist In­ter­net nicht er­hält­lich, des­we­gen müs­sen sie auf den Markt­platz der nächs­ten Stadt ge­hen, den ein­zi­gen Ort mit WLAN im Um­kreis von fünf­zig Ki­lo­me­tern.

Ali­an, hast du Hoff­nung auf ei­ne Wen­de mit dem neu­en Prä­si­den­ten? «Null. Ich ken­ne ihn nicht mal.» Er kommt aus dei­ner Pro­vinz. «Wuss­te ich nicht.»

Was sind dei­ne Träu­me?

Er zählt auf: «Han­dy, Turn­schu­he, In­ter­net, Fahr­rad, Rei­sen, Jobs.»

Es ist wie über­all: Face­book und i-pho­nes ha­ben ei­nen grös­se­ren Sog als je­de Ideo­lo­gie. Der Le­bens­stil tri­um­phiert über je­de po­li­ti­sche Idee.

Auch an die Fa­mi­lie geht die Fra­ge: Kei­ne Angst, so of­fen zu re­den?

Anay ant­wor­tet: «Man hört heu­te über­all Be­schwer­den. Das war frü­her un­denk­bar. Po­li­zis­ten schau­en schon mal weg.» Wä­re ei­ne Re­bel­li­on denk­bar?

«Nein, aus­ge­schlos­sen.»

An Or­ten wie Ca­ma­juaní sitzt der ei­gent­li­che Wi­der­stand ge­gen das Sys­tem. Dem Staat will kei­ner mehr die­nen. Es ob­siegt der Rück­zug in die Pri­vat­wirt­schaft. Je­der er­fin­det sich ein­fach neu. Und im Zu­ge des­sen auch das Land.

Anay sagt – und zum ers­ten Mal klingt sie hoff­nungs­voll: «Wenn dem Re­gime kei­ner mehr dient, gibt es das Re­gime bald nicht mehr.»

* Na­me von der Re­dak­ti­on ge­än­dert.

Jio (rechts) ver­sucht früh­mor­gens das Bes­te auf Ha­van­nas Märk­ten zu er­gat­tern, da­mit er Tou­ris­ten ein gu­tes Früh­stück lie­fern kann.

hilft sei­ner Fa­mi­lie auf dem Land. Wie die meis­ten Jun­gen möch­te er weg von Ku­ba.

Ha­van­nas Alt­stadt ver­fällt, doch Tou­ris­ten hält das nicht da­von ab zu kom­men.

Für jun­ge Pio­nie­re ge­hö­ren po­li­ti­sche Ze­re­mo­ni­en im­mer noch zum Schul­all­tag..

Nach sei­nem Tod hatFi­del Cas­tro Che Gue­va­ra als Haup­ti­ko­ne ab­ge­löst.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.