ni­k­laus pe­ter

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über Kür­zest­ge­schich­ten

«Die Zwie­bel, das Ra­dies­chen und die To­ma­te glau­ben nicht, dass es den Kür­bis gibt. Sie hal­ten ihn für ei­ne lee­re Be­haup­tung. Der Kür­bis schweigt und wächst wei­ter.» So be­ginnt ei­ne Kurz­ge­schich­te von Jürg Schu­bi­ger, und so en­det sie auch schon, denn es ist ei­ne Kür­zest­ge­schich­te. Der Nach­teil: Kaum hat man zu le­sen be­gon­nen, ist sie zu En­de, wäh­rend man sich bei Tol­stois «Krieg und Frie­den» oder bei Tho­mas Manns «Jo­seph und sei­ne Brü­der» auf gut und gern drei wei­te­re Wo­chen Lek­tü­re freu­en kann. Der Vor­teil: Man muss nicht wie bei Dos­to­je­w­ski ein Per­so­nen­re­gis­ter an­le­gen, um Al­joscha, wenn er un­ter ei­ner neu­en Na­mens­va­ri­an­te auf­taucht, noch auf dem Ra­dar zu ha­ben. Vor al­lem aber: Kür­zest­ge­schich­ten sind auf­grund ih­rer Kür­ze stets so rät­sel­haft, dass man nicht wie bei «Mo­by Dick» ein­fach mit­segeln kann, son­dern in­ne­hal­ten muss: Was soll denn das? Kür­zest­ge­schich­ten ha­ben ei­nen ein­ge­bau­ten Ak­ti­vie­rungs­me­cha­nis­mus, der gleich nach dem letz­ten Punkt au­to­ma­tisch ein­setzt: Wes­halb wol­len und kön­nen die Zwie­bel, das Ra­dies­chen und die To­ma­te ein­fach nicht glau­ben, dass es den Kür­bis gibt? Weil so dick nicht mög­lich ist? Beim Ra­dies­chen kann man die­se Zwei­fel ja noch ver­ste­hen, aber bei der viel­schich­ti­gen Zwie­bel?!

Dann spielt man die Deu­tungs­mög­lich­kei­ten durch, und je län­ger man nach­denkt, des­to mehr Be­zü­ge fal­len ei­nem ein, und zu gu­ter Letzt weiss man, dass Kür­bis­se so gross sind, weil sie schwei­gen und wei­ter­wach­sen.

Ak­ti­vie­rung un­se­rer Fä­hig­keit zur Re­fle­xi­on – das ist auch der Grund, wes­halb es in der Bi­bel so vie­le Kür­zest­ge­schich­ten gibt, als Bei­spiel et­wa das Gleich­nis vom Senf­korn. Aber dar­über (und wie hier der Mecha­nis­mus funk­tio­niert) ha­ben wir ja schon mal dis­ku­tiert. Soll­ten Sies ver­ges­sen ha­ben, bit­te nach­le­sen. *

Ei­ne mei­ner Lieb­lings­kür­zest­ge­schich­ten stammt von Franz Kaf­ka und lau­tet: «Es wur­de ih­nen die Wahl ge­stellt, Kö­ni­ge oder der Kö­ni­ge Ku­rie­re zu wer­den. Nach Art der Kin­der woll­ten al­le Ku­rie­re sein. Des­halb gibt es lau­ter Ku­rie­re, sie ja­gen durch die Welt und ru­fen, da es kei­ne Kö­ni­ge gibt, ein­an­der selbst die sinn­los ge­wor­de­nen Mel­dun­gen zu. Gern wür­den sie ih­rem elen­den Le­ben ein En­de ma­chen, aber sie wa­gen es nicht we­gen des Di­enstei­des.»

Ich ver­mu­te, dass al­le Ku­rie­re oder Pöst­ler sein wol­len «nach Art der Kin­der» we­gen des klei­nen Di­enst­mo­tor­ra­des. Kö­nigs­wür­de hin­ge­gen sieht nach viel Ver­ant­wor­tung und Bür­de aus. Die jü­di­sche Mys­tik sagt, je­der Mensch wer­de mit ei­ner un­sicht­ba­ren Kro­ne auf dem Kopf ge­bo­ren, und der Sinn des Le­bens be­ste­he da­rin, bei sich sel­ber und bei an­de­ren die­se ge­heim­nis­vol­le Kro­ne und Wür­de zu ent­de­cken. Was es aber mit dem rät­sel­haf­ten Wi­der­ha­ken im Text, mit dem Di­ensteid, auf sich ha­ben könn­te, da müs­sen Sie sel­ber et­was gr­ü­beln, ich ha­be mei­ne Ver­mu­tun­gen, bin mir aber nicht si­cher. * Wenn Sie wirk­lich nach­le­sen wol­len: Sei­te 11 in mei­nem Buch «Schach­fi­gur – oder Schach­spie­ler. Denk­mo­del­le und Spiel­zü­ge auf den Fel­dern des Le­bens und der Re­li­gi­on», Ra­di­us Ver­lag 2018.

NI­K­LAUS PE­TER ist Pfar­rer am Frau­müns­ter in Zü­rich.

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