hans ul­rich obrist

Das Magazin - - Contents - HANS UL­RICH OBRIST ist künst­le­ri­scher Di­rek­tor der Ser­pen­ti­ne Gal­le­ries in Lon­don. Hans ul­rich Obrist

über sei­ne Weck­vor­lie­ben

Ich lie­be Ho­tels, be­son­ders we­gen ih­res Weck­diens­tes. Ich ge­hö­re zu den Früh­auf­ste­hern, aber es ist des­we­gen nicht so, dass mir das frü­he Auf­ste­hen be­son­ders leicht­fie­le. Mein We­cker klin­gelt um fünf. Meist schlum­me­re ich dann noch ein biss­chen, um dann ei­ne vier­tel oder hal­be St­un­de spä­ter auf­zu­ste­hen. Aber manch­mal schla­fe ich so fest wie­der ein, dass ich den Wie­der­ho­lungs­alarm nicht hö­re, und wa­che dann erst um sie­ben Uhr auf. In Ho­tels aber wird man an­ge­ru­fen. Das Te­le­fon ne­ben dem Bett klin­gelt laut und un­über­hör­bar, und wenn ich kei­ne Lust ha­be ab­zu­neh­men und noch ein we­nig lie­gen blei­ben möch­te, dann kann ich das ganz be­ru­higt tun, denn sie ru­fen ja im­mer wie­der an, und ir­gend­wann klop­fen sie auch an die Tür. Ich ha­be im Lau­fe der Jahr­zehn­te das Sys­tem des Ho­tel­weck­diens­tes im­mer wei­ter ver­fei­nert. In­zwi­schen ge­be ich drei bis vier Weck­zei­ten an, weil es mir gleich zwei Er­folgs­er­leb­nis­se bie­tet: beim ers­ten We­cken, weil ich noch ganz lan­ge wei­ter­schla­fen kann, und nach dem zwei­ten oder drit­ten We­cken, wenn ich dann wirk­lich auf­ste­he, weil ich auf den Bei­nen bin, be­vor der fi­na­le Weck­ruf kommt.

Frü­her war das an­ders. Da woll­te ich über­haupt nicht ein­schla­fen, aus Furcht, zu viel Zeit zu ver­lie­ren. In die- ser Zeit ha­be ich ge­lernt, dass es leich­ter ist, ge­gen den Schlaf zu kämp­fen als ge­gen das Auf­wa­chen, und dass man mit ein biss­chen Übung vie­le Näch­te durch­ar­bei­ten kann, oh­ne dass die Qua­li­tät der Ar­beit dar­un­ter lei­det (das tut nur der Kör­per).

En­de der Neun­zi­ger­jah­re war ich mit Hou Han­ru, ei­nem Ku­ra­tor, den ich ge­fragt hat­te, ob er mit mir ei­ne Aus­stel­lung asia­ti­scher Kunst für die Wie­ner Se­ces­si­on re­cher­chie­ren wol­le, in ei­nem Ho­tel in Hong­kong (wo ich, nachts in ei­nem Ho­tel­zim­mer, auch die­se Kolumne schrei­be). Un­se­re be­ruf­li­che Ko­ope­ra­ti­on ver­lief rei­bungs­los. Pro­ble­me gab es hin­ge­gen mit un­se­ren sehr ver­schie­de­nen Schlafrhyth­men. Denn da wir we­nig Geld hat­ten, muss­ten wir uns ein Ho­tel­zim­mer tei­len. Als Hou mü­de wur­de, woll­te er das Licht aus­ma­chen, ich je­doch woll­te ar­bei­ten. Mich ha­ben sein Schlaf­zwang und ihn mein Wach­zwang ir­gend­wann der­art zer­mürbt, dass er nur noch in End­los­schlei­fe «Ich will nicht ster­ben» sag­te und ich wie ein Man­tra «Aber ich will ar­bei­ten» ant­wor­te­te.

Da­her prä­zi­sie­re ich mei­nen ers­ten Satz: Ich lie­be Ho­tels — wenn ich ein Zim­mer für mich al­lein ha­be.

Wenn man nachts ar­bei­ten will, der Zim­mer­ge­nos­se aber schla­fen, dann gu­te Nacht. Oder man wählt die Bal­kon­lö­sung.

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