chris­ti­an sei­ler

Das Magazin - - Contents - C H R I S T I A N S E I L E R ist Re­por­ter bei «Das Ma­ga­zin».

über Kü­chen­mo­ral

Bei ei­ner Ver­an­stal­tung im Kunst­his­to­ri­schen Mu­se­um Wi­en re­zi­tier­te ein Schau­spie­ler vor dem Bild «Gros­ser Fisch­markt» von Joachim von San­drart ei­nen Text des Schrift­stel­lers Da­vid Fos­ter Wal­lace. Der Text heisst «Am Bei­spiel des Hum­mers», und der Schau­spie­ler be­müh­te sich nach Kräf­ten, die sprach­li­che, aber auch ana­ly­ti­sche Kraft des Tex­tes zu zer­stö­ren, in­dem er sei­ne be­schränk­ten Mit­tel der Schau­spiel­kunst bis an den An­schlag aus­reiz­te.

Es ge­lang ihm nicht. Der Text war stär­ker. Er ent­liess mich mit dem Ge­fühl gros­ser Ve­r­un­si­che­rung in den Abend.

Ich hat­te «Am Bei­spiel des Hum­mers» schon vor Jah­ren ge­le­sen. Es han­delt sich um ei­ne Re­por­ta­ge, die der vor zehn Jah­ren frei­wil­lig aus dem Le­ben ge­schie­de­ne Da­vid Fos­ter Wal­lace für das gross­ar­ti­ge Ma­ga­zin «Gour­met» ge­schrie­ben hat­te. Wal­lace reist nach Mai­ne, um am jähr­li­chen «Lobs­ter Fes­ti­val» teil­zu­neh­men. Und nach­dem er sich ge­konnt über den Man­gel an Ser­vi­et­ten und Di­xi-klos lus­tig ge­macht hat, dringt er plötz­lich zu der Kern­fra­ge vor, die auch dem Schau­spie­ler am Her­zen ge­le­gen sein dürf­te: «Ist es ei­gent­lich in Ord­nung, aus rei­ner Freu­de am Ge­nuss ein füh­len­des We­sen in ei­nen Topf mit ko­chen­dem Was­ser zu wer­fen?»

Wal­lace führt die­sen Ge­dan­ken in quä­len­der Aus­führ­lich­keit aus. Er er­zählt von den Fä­hig­kei­ten des Hum­mers, auch un­ter wid­ri­gen Um­stän­den – i.e. nach­dem er in Reu­sen ge­fan­gen und mit zu­ge­bun­de­nen Sche­ren in Schach­teln ver­frach­tet wur­de – zu über­le­ben, bis schliess­lich der Mo­ment der Zu­be­rei­tung ge­kom­men ist. Je­ner Mo­ment, in dem der be­nom­me­ne Hum­mer in Kon­takt mit dem ko­chen­den Was­ser kommt – um die Tat­sa­che, dass ein Tier bei le­ben­di­gem Leib ge­kocht wird, ein­mal mehr be­schö­ni­gend zu for­mu­lie­ren.

Wal­lace hin­ge­gen liegt nichts an Be­schö­ni­gung. Er be­schreibt in schmerz­haf­ter Ge­nau­ig­keit, was ge­schieht, so­bald der Hum­mer im Was­ser un­ter­ge­gan­gen ist: «Die­ses Krat­zen der Sche­ren an der Topf­wand, die Stös­se ge­gen den De­ckel, wenn der gan­ze Kör­per hin und her peitscht! Mit an­de­ren Wor­ten, der Hum­mer ver­hält sich nicht an­ders, als wir uns ver­hiel­ten, wür­de man uns in ko­chen­des Was­ser wer­fen, nur schrei­en kann er nicht. Al­ler­dings hört man im­mer wie­der, dass der Hum­mer beim Ko­chen ei­nen ho­hen Pfeif­ton von sich gibt. Noch deut­li­cher aus­ge­drückt, müss­te man sa­gen, der Hum­mer ver­hält sich so, als lit­te er ent­setz­li­che Qua­len. Man­che Kö­che fin­den die­sen Akt so un­er­träg­lich, dass sie aus der Kü­che flüch­ten und erst zu­rück­kom­men, wenn ih­nen die Eier­uhr sagt, dass es vor­bei ist.»

Es ist die­ser letz­te Satz, der seit­her in mir nach­klingt. Denn er be­schreibt in al­ler La­ko­nie, wie ich selbst mei­ne Au­gen vor den all­ge­gen­wär­ti­gen Gräu­eln der Vieh­hal­tung und -tö­tung ver­schlies­se, wäh­rend die Eier­uhr tickt. Das Pfei­fen des Hum­mers, vor dem ich flie­he, be­schreibt ja nicht den Vor­gang selbst – ich war viel­leicht drei- oder vier­mal an­we­send, als ein Krus­ten­tier im Topf ver­senkt wur­de, das ist zu ver­nach­läs­si­gen. Das un­ge­hör­te Pfei­fen ist ei­ne Me­ta­pher da­für, wie we­nig das Wis­sen dar­über be­wirkt, dass Schwei­ne und Hüh­ner un­ter ent­setz­li­chen Be­din­gun­gen ge­hal­ten und ge­tö­tet wer­den, dass Kü­he und Käl­ber zu ku­li­na­ri­schen Hoch­leis­tungs­ma­schi­nen ge­tunt sind, dass ei­ne in­dus­tria­li­sier­te Vieh­hal­tung sich ei­nen Dreck um mo­ra­li­sche Min­dest­stan­dards schert, so­lan­ge sie hin­ter ge­schlos­se­nen Tü­ren statt­fin­det, wo­hin sich nur hie und da ein paar Tier­schüt­zer mit ih­ren Ka­me­ras ver­ir­ren, die dar­auf­hin als Kri­mi­nel­le ver­femt wer­den.

Die Eier­uhr tickt, und ich weiss ge­nau, was in der Kü­che ge­ra­de pas­siert. Ich ha­be ein paar Schlüs­se dar­aus ge­zo­gen, kau­fe Fleisch und Ge­flü­gel in der Re­gel nur bei ver­trau­ens­wür­di­gen Quel­len und be­mü­he mich red­lich, gu­tes, fair be­zahl­tes Ge­mü­se zu be­kom­men und ei­nem red­li­chen Fle­xi­ta­ris­mus an­zu­hän­gen. Aber wenn ich Hun­ger ha­be und beim Thai gibt es das schar­fe Hühn­chen, stel­le ich die Fra­ge nach des­sen Le­ben und Ster­ben so we­nig wie beim ita­lie­ni­schen Metz­ger, der die gu­ten Sal­sic­ce macht, oder beim Ja­pa­ner, des­sen Su­shi für den Schmelz des Thun­fischs be­kannt sind.

Wenn ich in Ma­rok­ko über ei­nen Ber­ber­markt ge­he und da­bei zu­se­he, wie der Ge­flü­gel­händ­ler ei­nem Hühn­chen nach dem an­de­ren den Hals durch­schnei­det und die zap­peln­den Kör­per ins heis­se Was­ser wirft, um sie bes­ser rup­fen zu kön­nen, schlägt mir das Herz bis zum Hals. Da­bei ist die Of­fen­heit, mit der die­se Tie­re zu To­de kom­men, weit ehr­li­cher, viel­leicht so­gar mo­ra­li­scher als die Stil­le des Ster­bens, von der nur das Ti­cken der Eier­uhr zu hö­ren ist.

Ko­chen ist et­was Schö­nes – al­ler­dings, be­schö­nigt man nichts, nicht für den Hum­mer. War­um ver­schlies­sen wir uns auch in der Kü­che trotz­dem so oft den Tat­sa­chen?

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