max küng

Das Magazin - - Contents - M A X K Ü N G ist Re­por­ter bei «Das Ma­ga­zin»; Il­lus­tra­ti­on SATOSHI HA­SHI­MO­TO Max Küng

Lie­ber Klum­pen

in Ham­burg war ich, fe­ri­en­hal­ber, als ich ei­nen al­ten Be­kann­ten traf, den zu tref­fen ich nicht er­war­tet hat­te, da ich dach­te, er sei vor Jah­ren schon nach Leip­zig ge­zo­gen. Ich traf ihn an ei­ner Ver­nis­sa­ge in ei­ner ehe­ma­li­gen Schu­le in St. Pau­li, die noch im­mer über ih­re zwei al­ten Ein­gän­ge ver­fügt, ei­nen für Mäd­chen, den an­de­ren für Jun­gen, denn frü­her trenn­te man noch nicht den Müll, die Men­schen aber schon. Ham­burg üb­ri­gens war gross­ar­tig, viel zu lan­ge war ich nicht mehr dort ge­we­sen. Wo man U-bahn­sta­tio­nen Schlump nennt oder Müm­mel­manns­berg, da füh­le ich mich zu Hau­se. Und als ich auf der Su­che nach dem bes­ten Ham­bur­ger in ganz Ham­burg bei Dulf ’s an der Ka­ro­li­nen­stras­se sass und die Kar­te stu­dier­te, was las ich dort? Wie heisst der gröss­te Bur­ger dort? «Schlab­ber­max».

Der al­te Be­kann­te hat­te sei­ne Freun­din da­bei, die ich nicht kann­te, und höf­lich, wie es sei­ne Art schon im­mer ge­we­sen war, stell­te er sie mir vor. Sie heisst Al­mut mit Vor­na­men, mit Nach­na­men Hilf. «Was für ein gross­ar­ti­ger Na­me», sag­te ich und dach­te: «Al­mut Hilf, das wä­re ein per­fek­ter Na­me für bei­spiels­wei­se ei­ne Per­son beim Pan­nen­dienst, bei der Te­le­fon­für­sor­ge oder für ei­ne Ärz­tin.» Ob sie denn even­tu­ell Ärz­tin sei, frag­te ich, was sie ver­nein­te, wor­auf ich mein­te, dass der Na­me so gut sei, dass man ihn un­mög­lich in ei­nem Buch ver­wen­den kön­ne, oh­ne in den Ver­dacht zu ge­ra­ten, die Din­ge zu sehr zu kon­stru­ie­ren, an den Haa­ren her­bei­zu­zie­hen. Denn dies war und ist noch im­mer ei­nes der Pro­ble­me, mit de­nen ich mich rum­schla­ge: Na­men zu fin­den für das Per­so­nal ei­nes Ro­mans. Die Na­men sind ent­we­der zu lang­wei­lig oder wir­ken zu ge­sucht. Es scheint kei­ne rich­ti­gen Na­men zu ge­ben.

Al­mut Hilf ! Wie­der ein­mal sei die Rea­li­tät un­schlag­bar, mein­te ich, und dass dies sehr oft der Fall sei, erst kürz­lich sei ich bei Re­cher­chen auf ei­nen Spe­di­ti­ons­be­trieb na­mens Sau­er ge­stos­sen und dort auf ei­ne Da­me im Se­kre­ta­ri­at, die Ka­rin Tipp­mann heis­se. In ei­nem Ro­man? Un­glaub­wür­dig! Im ech­ten Le­ben? Echt! Zu­dem sei ich erst ges­tern an ei­nem Haus vor­bei­spa­ziert und ha­be die Ei­gen­heit ent­deckt, dass die im Hau­se tä­ti­gen Men­schen nicht an Tür­schil­dern an­ge­schrie­ben wa­ren, son­dern auf ei­ner in den Ra­sen ge­ramm­ten Ei­sen­ta­fel, und auf die­ser hät­te ich den Na­men ei­ner Ärz­tin ge­le­sen, die Schnee heis­se, und ich hät­te ge­dacht: Auch so ein Na­me, der zu schön ist, als dass man ihn er­fin­den dürf­te. Frau Dok­tor Schnee! Mein al­ter Be­kann­ter lä­chel­te, als er sag­te: «Dok­tor Bar­ba­ra Schnee an der Eims­büt­te­ler Chaus­see?» Ich dach­te nach, liess die Kom­bi­na­ti­on vom Klang des Fa­mi­li­en­na­mens mit dem Stras­sen­na­men noch ein­mal durch mein Ge­hirn lau­fen, be­jah­te – das muss­te die Strasse ge­we­sen sein, durch die ich ge­kom­men war auf dem Weg zur Fett­stras­se, wo ich im Re­stau­rant Vi­en­na ver­ab­re­det war. Er sag­te: «Frau Dok­tor Schnee an der Eims­büt­te­ler Chaus­see ist mei­ne Haus­ärz­tin. Und nicht nur ihr Na­me ist gut, sie ist ei­ne her­vor­ra­gen­de Ärz­tin, hat mir vor zehn Jah­ren das Le­ben ge­ret­tet.»

Wir re­de­ten noch ei­ne Wei­le über die Vor­zü­ge gu­ter Haus­ärz­tin­nen, über Ver­gan­ge­nes und Zu­künf­ti­ges, dann ver­ab­schie­de­ten wir uns von­ein­an­der. Ich gab ihm die Hand, doch das schien nicht rich­tig, al­so um­arm­ten wir uns kurz, weil es wirk­lich schön war, sich wie­der­ge­se­hen zu ha­ben nach all den Jah­ren, die gar nicht statt­ge­fun­den zu ha­ben schie­nen. Der al­te Be­kann­te kam mir mehr vor wie ein neu­er Freund. Und dann ging ich zur U-bahns­ta­ti­on, die auf den recht ge­wöhn­lich klin­gen­den Na­men St. Pau­li hört, hör­te im na­hen Fuss­ball­sta­di­on im letz­ten Spiel der Sai­son die Fans sin­gen, ehe sir­rend die U-bahn aus der Dun­kel­heit auf­tauch­te, krei­schend zum Ste­hen kam, und ich dach­te, als sich äch­zend die Tü­ren des Wag­gons öff­ne­ten: Hät­te ich die­se kur­ze Be­ge­ben­heit er­fun­den, nie­mand wür­de sie mir glau­ben, nie­mand.

Moin! Max

PS Song zum The­ma: «Il mio no­me é Nes­su­no» vom gleich­na­mi­gen Sound­track, En­nio Mor­ri­co­ne, 1973.

PPS Der Ham­bur­ger bei Dulf ’s üb­ri­gens war okay, das Fleisch sehr gut, aber zu viel Sos­se und des­halb als Gan­zes zu in­kon­sis­tent, zu­dem: die Pom­mes zu we­nig knusp­rig. Plus­punkt: freund­li­che Be­die­nung.

PPPS Du fragst dich nun si­cher, um wen es sich beim al­ten Be­kann­ten han­delt. Ich sag nur: Sein Na­me ist lang­wei­lig. Ehr­lich.

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