Ein tag im le­ben

Das Magazin - - Contents - Pro­to­koll CHRIS­TOPH ARIOLI Bild PRI­VAT

Vom Stu­den­ten zum Co­me­di­an

Den ei­nen, hol­ly­wood­mäs­si­gen Mo­ment, in dem es mir wie Schup­pen von den Au­gen fiel, gab es nicht. Die Ent­schei­dung, die Uni zu schmeis­sen und in Zu­kunft als Stand-up-co­me­di­an auf der Büh­ne zu ste­hen, er­gab sich viel­mehr aus ei­nem lang­wie­ri­gen Pro­zess, in dem sich ver­schie­de­nes ver­kno­te­te: Wäh­rend der Se­mes­ter­fe­ri­en fand ich ei­nen Job als Bar­kee­per, der mich fi­nan­zi­ell ab­si­cher­te. Die Uni war ein Krampf. Durch Se­mi­na­re bin ich zom­bie­ähn­lich ge­stol­pert, oh­ne je­den Fun­ken Lei­den­schaft; den Stoff stem­pel­te ich mir ge­ra­de­zu me­cha­nisch ins Ge­hirn. Sich die Ma­te­rie ma­nisch an­zu­eig­nen und das Ge­lern­te krea­tiv um­zu­for­men, ge­lang mir ein­fach nicht.

In Fremd­be­schrei­bun­gen mei­nes Cha­rak­ters fällt das Stichwort «Hu­mor» schon sehr früh. Auf Vor­trä­ge freu­te ich mich in der Schul­zeit im­mer. Ich be­rei­te­te mich kaum vor, stand vor der Klas­se und schwa­fel­te im Im­pro­mo­dus drauf­los – und räum­te ab.

Ich stam­me aus ei­nem aka­de­mi­schen Mi­lieu. Da wird er­war­tet, dass man stu­diert. Die Re­ak­ti­on mei­ner Mut­ter war mir die wich­tigs­te. Sie hat mei­nen Ent­scheid dann über­ra­schend neu­tral – ei­gent­lich po­si­tiv – auf­ge­nom­men. An­sons­ten scheint die Re­gel zu gel­ten: Je «er­wach­se­ner» das Ge­gen­über, des­to frü­her und for­dern­der wird mir im Ge­spräch die Fra­ge ge­stellt: «Al­so, du gehst dann schon ein­mal zu­rück an die Uni?» Wahr­schein­lich wirkt mein Selbst­zy­nis­mus wie ei­ne Be­ruhi- gungs­pil­le auf die Fra­gen­den. Ich ge­hö­re de­fi­ni­tiv nicht zur Spe­zi­es der ro­man­tisch ver­an­lag­ten «Traum­ver­fol­gungs­ty­pen», die ein ein­zel­nes Vor­ha­ben zu ei­ner Al­les-oder­nichts-si­tua­ti­on hoch­sti­li­sie­ren. Da­für bin ich zu dis­tan­ziert mir selbst ge­gen­über; da­für bin ich mir zu sehr dar­über im Kla­ren, dass mei­nem Vor­ha­ben et­was Ab­sur­des an­haf­tet.

Ich ste­he zwei-, drei­mal pro Wo­che auf der Büh­ne. Meis­tens be­su­che ich Open-mi­can­läs­se. Stets von der lei­sen Hoff­nung be­glei­tet, ir­gend­wann ei­nen Ta­l­ent­spä­her in Ek­s­ta­se zu ver­set­zen. In der Schweiz wä­re mein Ak­ti­ons­ra­di­us ein­ge­schränk­ter. Hier in Lon­don fin­det sich ei­ne Come­dy­kul­tur, die es in der Schweiz so nicht gibt. Je­den Tag läuft ir­gend­wo ir­gend­was. Die an­gel­säch­si­sche Stand-up­come­dy ist we­ni­ger künst­lich, we­ni­ger durch­or­ga­ni­siert als et­wa das klas­si­sche Kabarett. Im Ide­al­fall gleicht sie ei­nem Mä­del, das bier­trin­kend in ei­ner Bar steht und ei­ner Men­schen­trau­be um sich her­um sehr spon­tan ei­ne An­ek­do­te aus sei­nem Le­ben er­zählt.

Na­tür­lich neh­me ich auf der Büh­ne ei­ne Rol­le ein, aber die Ver­bin­dung mit mei­nem «au­then­ti­schen» Ich ist trotz al­ler Ver­frem­dung nicht ge­kappt. Ich stel­le auf der Büh­ne ei­ne ag­gres­si­ve­re, über­trie­be­ne­re Form mei­ner selbst dar. Pa­ra­do­xer­wei­se ha­be ich durch die Über­trei­bun­gen aber das Ge­fühl, ehr­li­cher als sonst zu sein: Weil sei­ne Kon­tu­ren stär­ker be­tont wer­den, er­scheint mein Ich ir­gend­wie kla­rer.

Manch­mal wün­sche ich mir, ich könn­te die Come­dy­sa­che mit mehr Nai­vi­tät an­ge­hen – die gif­ti­gen Bis­se des Selbst­zwei­fels wä­ren dann si­cher we­ni­ger. Aber viel­leicht dient mir die Dis­tanz als Schutz und ver­leiht dem Vor­ha­ben Be­harr­lich­keit: Weil ich mei­ne Ab­sich­ten nicht un­nö­tig mit Be­deu­tung auf­blä­he, wer­den sie bei den ers­ten hef­ti­gen Ge­gen­win­den nicht gleich fort­ge­weht.

Ich be­trach­te je­den Auf­tritt als ei­ne Übung. Mei­ne Tex­te pas­se ich den Pu­bli­kums­re­ak­tio­nen an. Mer­ke ich, dass bei der Haupt­poin­te nie­mand lacht, bei Wit­zen im Span­nungs­auf­bau aber die Höl­le los ist, baue ich den Text dann ent­spre­chend um. Mein Ziel ist die ste­te Per­fek­tio­nie­rung: Je­der Auf­tritt soll bes­ser sein als der vor­an­ge­gan­ge­ne.

THEO­DOR DEBRUNNER-HALL (23) ging von Ba­sel nach Lon­don, um zu stu­die­ren. Nun ist er dort zu dem Stan­dup-co­me­di­an ge­wor­den, der er war.

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