Die Ex­tre­mis­mus­for­sche­rin Ju­lia Eb­ner loggt sich bei Neo­na­zis und Is­la­mis­ten ein. Von Chris­tof Gertsch

Wie ent­steht Hass? Die Wis­sen­schaft­le­rin Ju­lia Eb­ner loggt sich bei Is­la­mis­ten und Rechts­ex­tre­men ein. Wer ihr Buch liest, sieht die welt mit an­de­ren Au­gen.

Das Magazin - - News - Text Chris­tof Gertsch Bil­der Jel­ka von lan­gen

Ein Mitt­woch­nach­mit­tag im Mai, Flug­ha­fen Berlin-schö­ne­feld: Ei­ne jun­ge Frau er­scheint in der An­kunfts­hal­le, sie trägt ei­nen weis­sen Man­tel und ein Fou­lard und zieht ei­nen klei­nen Roll­kof­fer hin­ter sich her. Sie sieht aus, als wä­re sie für ein ver­län­ger­tes Wo­che­n­en­de hier, ein biss­chen Kul­tur, ein paar Glä­ser Wein, nichts Wil­des, bloss aus­span­nen. Sie nimmt ihr Han­dy aus der Ho­sen­ta­sche, scrollt rauf und run­ter, man könn­te den­ken, sie checkt den Wet­ter­be­richt oder den Bus­fahr­plan. In Wahr­heit hat die jun­ge Frau ge­ra­de nach­ge­se­hen, ob sie wäh­rend ih­res Flugs von Lon­don ei­ne wich­ti­ge Un­ter­hal­tung in den Rechts­ex­tre­men- und Is­la­mis­ten-chats ver­passt hat, bei de­nen sie Mit­glied ist.

Ju­lia Eb­ner, 26, ge­bür­ti­ge Wie­ne­rin, ist Ex­tre­mis­mus­for­sche­rin am In­sti­tu­te for Stra­te­gic Dia­lo­gue in Lon­don. Aber sie sitzt nicht bloss am Schreib­tisch und stu­diert Bü­cher, sie geht, wie es ein In­ter­view­er der Deut­schen Wel­le spä­ter an die­sem hek­ti­schen Tag for­mu­lie­ren wird, «da­hin, wo es ge­fähr­lich ist». Ju­lia Eb­ner gibt sich als ös­ter­rei­chi­sche Pa­trio­tin aus, um sich un­ter die An­hän­ger der ul­tra­na­tio­na­lis­ti­schen Eng­lish De­fence Le­ague zu mi­schen. Sie mimt die Ji­ha­dis­mus-in­ter­es­sier­te, um ei­ne Ver­an­stal­tung der Hizb ut-tahr­ir zu in­fil­trie­ren, ei­ner in vie­len Län­dern ver­bo­te­nen is­la­mis­ti­schen Ver­ei­ni­gung. Sie wird in Si­cher­heits­kon­trol­len auf­ge­hal­ten, weil sie Hetz­schrif­ten und in­ter­nes Schu­lungs­ma­te­ri­al ex­tre­mis­ti­scher Or­ga­ni­sa­tio­nen mit sich trägt.

Und: Sie kre­iert Avat­are und Fa­kePro­fi­le, um sich in ge­schlos­se­ne In­ter­net­grup­pen von Ex­tre­mis­ten ein­zu­schleu­sen. Die ame­ri­ka­ni­sche Al­tRight-be­we­gung, die ita­lie­ni­schen Na­zis, die Ji­ha­dis­ten in Sy­ri­en und im Irak – bei al­len liest Ju­lia Eb­ner mit, an man­chen Ta­gen (und zu ih­rem Leid­we­sen auch in man­chen Näch­ten) scrollt sie sich stun­den­lang durch Bot­schaf­ten der Wut, sieht Bil­der von Schän­dun­gen, Auf­ru­fe zum Ter­ror, Vi­de­os von Köp­fun­gen. Al­les un­der­co­ver na­tür­lich, aber ir­gend­wann fliegt sie meist auf, und dann wird es ge­fähr­lich.

Im­mer wie­der ge­rät Ju­lia Eb­ner ins Vi­sier or­ches­trier­ter Hass­kam­pa­gnen, in der On­line- eben­so wie in der Off­line-welt. Tau­sen­de Ex­tre­mis­ten aus al­ler Welt be­tei­li­gen sich dar­an, an­ge­feu­ert von ih­nen na­he­ste­hen­den Me­di­en wie «Ga­tes of Vi­en­na», «Ji­had Watch», «Gel­ler Re­port» und «Breit­bart». Ju­lia Eb­ner wird als «nai­ve jü­di­sche Jour­na­lis­tin» dif­fa­miert oder als «mus­li­mi­sche Kon­ver­ti­tin, die für ei­ne ter­ro­ris­ti­sche Or­ga­ni­sa­ti­on ar­bei­tet». Die wil­des­ten Ver­schwö­rungs­theo­ri­en sind in Um­lauf, Mord- und Ver­ge­wal­ti­gungs­dro­hun­gen, die teils so rea­lis­tisch sind, dass die Si­cher­heits­be­hör­den ein­schrei­ten. In ei­nem Fall er­mit­tel­te die An­ti-ter­ro­ris­mus-ab­tei­lung der Lon­do­ner Po­li­zei mo­na­te­lang, oh­ne Er­folg – Ex­tre­mis­ten ver­ste­hen sich bes­tens dar­auf, im Netz ih­re Spu­ren zu ver­schlei­ern. Da­her ab­sol­vier­te Ju­lia Eb­ner meh­re­re Si­cher­heits­trai- nings. Sie lern­te, wie sie her­aus­fin­det, ob sie auf der Stras­se ver­folgt wird, und wie sie ih­re Woh­nung ein­bruch­si­cher macht. Na­he­lie­gen­de Fra­ge: War­um setzt sie sich die­sem Ri­si­ko aus?

«Neh­men wir ein Ta­xi?» Ju­lia Eb­ner hat es ei­lig. Zu­erst ei­ne Auf­zeich­nung für die Zdf-sen­dung «Berlin di­rekt», dann das Live-in­ter­view bei der Deut­schen Wel­le, tags dar­auf ein Auf­tritt an der In­ter­net­kon­fe­renz re:pu­bli­ca. Und zwei Ta­ge spä­ter die Rei­se nach Sin­ga­pur, wo man sie an ei­ner Ta­gung für Si­cher­heits- und Ge­heim­dienst­be­auf­trag­te er­war­tet.

Ju­lia Eb­ner hat ein Buch ge­schrie­ben, «Wut – Was Is­la­mis­ten und Rechts­ex­tre­me mit uns ma­chen», im Herbst er­schien es auf Eng­lisch, jetzt auf Deutsch. Seit­her ha­ben sie die bei-

den La­ger noch stär­ker im Vi­sier, denn die The­se, die sie in dem Buch ver­tritt, trifft Rechts­ex­tre­me und is­la­mis­ti­sche Ex­tre­mis­ten an ei­ner be­son­ders emp­find­li­chen Stel­le.

Im Kern lau­tet die The­se: Rechts­ex­tre­me und Ji­ha­dis­ten ste­hen sich zwar dia­me­tral ge­gen­über – die ei­nen weh­ren sich ge­gen die «Is­la­mi­sie­rung des Wes­tens», die an­de­ren ge­gen die «Ver­west­li­chung des Is­lam» –, aber sie ha­ben mehr ge­mein, als ih­nen lieb ist.

Bei­de ge­hen da­von aus, dass wir uns in ei­nem Krieg der Kul­tu­ren be­fin­den. Bei­de ver­su­chen, die­sen Kon­flikt zu be­schleu­ni­gen und die Ge­sell­schaft in ei­nen End­kampf zu füh­ren. Und bei­de wol­len ih­re Ran­di­deo­lo­gi­en in den Main­stream über­füh­ren. Um die­ses Ziel zu er­rei­chen, ver­wen­den sie ähn­li­che Stra­te­gi­en. Und sind da­bei auf Ge­deih und Ver­derb auf­ein­an­der an­ge­wie­sen. Sie brau­chen ein­an­der für die Re­kru­tie­rung und Mo­bi­li­sie­rung von Ge­folgs­leu­ten, be­feu­ern und ver­stär­ken sich ge­gen­sei­tig. Oder wie Ju­lia Eb­ner schreibt: «Weil die Ein­nah­me der Op­fer­rol­le und die Dä­mo­ni­sie­rung der je­weils an­de­ren Sei­te Hand in Hand ar­bei­ten, ste­hen Ex­tre­mis­ten in ei­ner für bei­de Sei­ten vor­teil­haf­ten Be­zie­hung zu­ein­an­der. Um ei­ne stim­mi­ge Ge­schich­te er­zäh­len zu kön­nen, braucht das Op­fer ei­nen Tä­ter eben­so sehr, wie der Tä­ter ein Op­fer braucht.»

Die Wis­sen­schaft hat ei­nen Be­griff für den Ef­fekt, den Ju­lia Eb­ner un­ter­sucht, er lau­tet: wech­sel­sei­ti­ge Ra­di­ka­li­sie­rung. Lan­ge war das Phä­no­men un­zu­rei­chend er­forscht, Eb­ners Buch ist ei­ne der ers­ten ver­tief­ten Ar­bei­ten da­zu. Wer es ge­le­sen hat, sieht die Welt mit an­de­ren Au­gen.

«Zum Bran­den­bur­ger Tor, bit­te», sagt Ju­lia Eb­ner zum Fah­rer, als sie sich ins Ta­xi setzt. Sie lehnt sich zu­rück und legt das Han­dy kurz zur Sei­te, Ak­ku­stand: sechs Pro­zent. Ex­tre­mis­mus­for­sche­rin, sagt sie, sei sie mehr aus Zu­fall ge­wor­den, «es hät­te auch Um­welt­schutz sein kön­nen», ein­fach ei­ne Bran­che, die ver­sucht, im Klei­nen et­was Po­si­ti­ves zu be­wir­ken. Aber je län­ger sie über ih­ren Wer­de­gang spricht und je auf­fäl­li­ger der Fah­rer in den Rück­spie­gel schaut, of­fen­sicht­lich in­ter­es­siert an der Ge­schich­te sei­nes Fahr­gas­tes, des­to deut­li­cher wird: So zu­fäl­lig war es viel­leicht doch nicht, dass sie 2015 bei der Quil­li­am Foun­da­ti­on zu ar­bei­ten be­gann, ei­nem an­ti­is­la­mis­ti­schen Thinktank, des­sen Be­son­der­heit dar­in be­steht, dass er nicht von For­schern oder Po­li­ti­ke­rin­nen ge­grün­det wur­de, son­dern von Aus­stei­gern aus der is­la­mis­ti­schen Sze­ne. Ei­ner ih­rer Bü­ro­kol­le­gen kann­te Osa­ma Bin La­den.

Fik­ti­ve bes­te Freun­din

Als Kind, sagt sie, sei sie ei­ne Stre­be­rin ge­we­sen. Sie lern­te viel, las hau­fen­wei­se Bü­cher, fuhr fürs Le­ben gern Ein­rad. «Das war mei­ner Be­liebt­heit wahr­schein­lich nicht ge­ra­de zu­träg­lich.» Das Mob­bing fing an, als sie drei­zehn war, und wur­de so schlimm, dass sie das Gym­na­si­um wech­seln muss­te und ihr Fall im Wie­ner Stadt­schul­rat be­spro­chen wur­de. Das schärf­te ih­ren Ge­rech­tig­keits­sinn und führ­te ihr die zer­stö­re­ri­sche Kraft vor Au­gen, die Grup­pen­dy­na­mi­ken ent­fal­ten kön­nen. Es war ei­ne Zeit, in der ein fik­ti­ver Cha­rak­ter ih­re bes­te Freun­din war: Her­mio­ne Gran­ger, die Fi­gur aus «Har­ry Pot­ter» mit dem en­zy­klo­pä­di­schen Wis­sen und den Ver­sa­gens­ängs­ten, war ihr psy­cho­lo­gi­scher An­ker. Sie dach­te: «Wenn Her­mio­ne cool ist, kann es so schlimm nicht sein, als Stre­be­rin zu gel­ten.»

Zu­erst stu­dier­te sie In­ter­na­tio­na­les Ma­nage­ment und Phi­lo­so­phie in Wi­en, dann war ihr das ei­ne zu kon­kret und das an­de­re zu abs­trakt. Sie schrieb sich für In­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen und In­ter­na­tio­na­le Ge­schich­te ein, be­kam ein Sti­pen­di­um von der Pe­king Uni­ver­si­ty, ver­fass­te ih­re ers­te Mas­ter­ar­beit – The­ma: chi­ne­si­sche In­ves­ti­tio­nen in den afri­ka­ni­schen Mi­ne­ral­stoff­sek­tor. Dann zog sie nach En­g­land, die zwei­te Mas­ter­ar­beit an der Lon­don School of Eco­no­mics han­del­te von is­la­mis­ti­schen Selbst­mord­at­ten­tä­te­rin­nen. Zu der Zeit fuhr sie häu­fig nach Pa­ris, ihr Freund war Fran­zo­se, ei­ner sei­ner bes­ten Freun­de ent­kam beim Bat­a­clan­an­schlag nur knapp dem Tod. Das Er­eig­nis präg­te sie. Als die Quil­li­am Foun­da­ti­on ihr ei­nen Job an­bot, sag­te sie zu.

Ju­lia Eb­ner steu­ert auf den Ein­gang des Ho­tels Kem­pin­ski zu und setzt sich in die Lob­by. Als sie sieht, dass der Cap­puc­ci­no 7.50 Eu­ro kos­tet, hat sie die Be­stel­lung be­reits auf­ge­ge­ ben. Ne­ben ih­rem Ge­schlecht und Al­ter ist das ein be­son­ders häu­fi­ges The­ma in den Hetz­jag­den ge­gen sie: der Vor­wurf, sie ma­che die­sen Job nur, weil sie da­mit stein­reich wer­de. «Das ist so falsch, dass sich die Wi­der­re­de gar nicht lohnt», sagt sie und lacht.

Über­haupt scheint sie mit dem Hass, den sie auf sich zieht, er­staun­lich ge­las­sen um­zu­ge­hen. Na­tür­lich ha­be es an­fäng­lich Mo­men­te ge­ge­ben, in de­nen sie sich ein­bil­de­te, ver­folgt zu wer­den, beim Jog­gen et­wa, und sich zu Hau­se zwei­mal ver­ge­wis­ser­te, dass die Tür ab­ge­schlos­sen ist. Aber das ha­be sich ge­legt. Das Bü­ro der Quil­li­am Foun­da­ti­on in Lon­don, wo sie bis 2017 ar­bei­te­te, be­fand sich auf ei­ner von den Si­cher­heits­be­hör­den er­stell­ten Lis­te von Top­ter­ror­an­griffs­zie­len, ge­nau wie je­nes von «Char­lie Heb­do» in Pa­ris. Sie sagt: «Wenn du tag­ein, tag­aus mit Leu­ten zu­sam­men bist, die un­ter is­la­mis­ti­schen Ex­tre­mis­ten als Ver­rä­ter gel­ten, ge­wöhnst du dich ziem­lich schnell an die Ge­fahr.» Wirk­lich?

«Wirk­lich. Ich ha­be früh an­ge­fan­gen, die Be­dro­hung zu re­la­ti­vie­ren. Hät­te ich be­reits ei­ne Fa­mi­lie, wür­de ich mit der Ge­fahr an­ders um­ge­hen. Dann wür­de ich mir nach all den Dro­hun­gen in den letz­ten Mo­na­ten bes­ser über­le­gen, ob ich noch ein­mal et­was pu­bli­zie­re oder über­haupt noch in der Öf­fent­lich­keit auf­tre­te. Um mein ei­ge­nes Le­ben ha­be ich im Mo­ment kei­ne Angst, es ist noch im­mer viel wahr­schein­li­cher, dass ich Op­fer ei­nes ge­wöhn­li­chen Un­glücks wer­de.»

Un­gleich be­sorg­ter macht sie die Be­dro­hung, der die Ge­sell­schaft aus ih­rer Sicht aus­ge­setzt ist. Noch han­delt es sich bei den ex­tre­mis­ti­schen Grup­pie­run­gen um Ran­der­schei­nun­gen, in Deutsch­land zum Bei­spiel wa­ren 2016 laut dem Bun­des­kri­mi­nal­amt et­wa 23000 Men­schen in rechts­ex­tre­men Or­ga­ni­sa­tio­nen ak­tiv, die Zahl der Sala­fis­ten be­lief sich auf rund 8000.

Sie hat ei­ne Steck­do­se ge­fun­den, um ihr Han­dy auf­zu­la­den, und öff­net die App von Te­le­gram, ei­nem In­stan­tMes­sa­ging­di­enst ver­gleich­bar mit Whats­app. Te­le­gram ist ei­ner der be­lieb­tes­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le un­ter Ex­tre­mis­ten, ne­ben dem Sky­peähn­li­chen Di­s­cord und den Web­sei­ten 4chan und 8chan, ei­ner Art Schwar­zes Brett im Netz.

Ju­lia Eb­ner hat am ei­ge­nen Leib er­fah­ren, was es mit ei­nem macht, wenn man im In­ter­net zu viel Zeit mit Ex­tre­mis­ten ver­bringt: «Ich ver­lor die Hoff­nung, es ver­zerr­te kom­plett mei­ne Wahr­neh­mung. Die­se gan­zen apo­ka­lyp­ti­schen Zu­kunfts­vi­sio­nen, die­ses Ge­re­de vom End­kampf – es ist ei­ne Ge­hirn­wä­sche, sehr düs­ter. Plötz­lich konn­te ich nach­voll­zie­hen, war­um die Leu­te, die sich an die­sen Or­ten auf­hal­ten, glau­ben, dass das, was dort dis­ku­tiert wird, der Mehr­heits­mei­nung ent­spricht. Wenn du dich dank dem In­ter­net mit Gleich­ge­sinn­ten aus al­ler Welt ver­knüp­fen kannst, wirkt dei­ne Grup­pe gar nicht mehr so klein.»

Ge­gen­wär­tig be­ob­ach­tet sie je rund zwan­zig ver­schlüs­sel­te Ka­nä­le von Rechts­ex­tre­men und Is­la­mis­ten, manch­mal sind es auch deut­lich mehr, et­wa wenn sie er­fah­ren will, wie Ex­tre­mis­ten auf Wah­l­er­geb­nis­se in den USA, in Ita­li­en, in Frank­reich re­agie­ren. Wie sie in die Grup­pen rein­kommt, kann sie nicht im De­tail er­läu­tern, «sonst fliegt mei­ne Tar­nung auf». Nur so viel: Die Ad­mi­nis­tra­to­ren der Chats sind wach­sa­mer ge­wor­den.

Frü­her ge­nüg­te es, von ir­gend­wo­her ei­nen Link zu er­hal­ten, in­zwi­schen muss Ju­lia Eb­ner im­mer öf­ter ei­nen Fra­ge­bo­gen aus­fül­len, um als Grup­pen­teil­neh­me­rin ak­zep­tiert zu wer­den. Bei Rechts­ex­tre­men et­wa: «Was macht dich zu ei­ner Pa­trio­tin? Bist du ak­tiv in an­de­ren pa­trio­ti­schen Be­we­gun­gen? Glaubst du, dass sich kon­ser­ va­ti­ve Wer­te mit pro­gres­si­ven Ide­en ver­ein­ba­ren las­sen?» Und manch­mal braucht es ein rich­ti­ges Be­wer­bungs­ge­spräch, dreis­sig bis sech­zig Mi­nu­ten lang via In­ter­net­kon­fe­renz.

Dass sie seit der Buch­pu­bli­ka­ti­on Me­di­en­auf­trit­te hat, macht sol­che Ge­sprä­che nicht leich­ter. Als sie sich an ei­nem Sonn­tag­abend vor we­ni­gen Wo­chen an den Com­pu­ter setz­te, um von drei Ad­mi­nis­tra­to­ren des bei­na­he mi­li­tä­risch struk­tu­rier­ten Netz­werks «Re­con­quis­ta Ger­ma­ni­ca» in­ter­viewt zu wer­den, imi­tier­te sie ei­nen baye­ri­schen Dia­lekt, weil sie be­fürch­te­te, dass man ihr Wie­ne­risch er­kennt.

«Re­con­quis­ta Ger­ma­ni­ca» or­ga­ni­siert sich vor al­lem über die App Di­s­cord. Nach aus­sen hin prä­sen­tiert sich die Platt­form als ein sa­ti­ri­sches Pro­jekt von Ga­mern, in Wahr­heit ver­sam­meln sich dort Rechts­ex­tre­me mit dem Ziel, die AFD zu stär­ken. Via Di­s­cord ko­or­di­niert das Netz­werk On­line­atta­cken auf po­li­ti­sche Geg­ner, Me­di­en, In­sti­tu­tio­nen – und auf Ju­lia Eb­ner («Du musst vor­sich­tig sein, Ju­lia, un­se­re Fang­ar­me rei­chen bis nach En­g­land»). Jetzt droht ihr neu­es Un­ge­mach, denn sie ist auf­ge­flo­gen, nur dar­um kann sie die An­ek­do­te er­zäh­len.

Na­tür­lich ist Ju­lia Eb­ner nicht die Ein­zi­ge, die im Netz die Kom­mu­ni­ka­ti­on von Ex­tre­mis­ten über­wacht. Sie tauscht sich re­gel­mäs­sig mit For­schern an­de­rer In­sti­tu­tio­nen aus, auch um den vie­len Hass psy­chisch zu ver­ar­bei­ten, und wenn sie in ei­nem Chat auf ei­ne Un­ter­hal­tung stösst, in der kon­kre­te Plä­ne für ein At­ten­tat oder ei­ne On­line­hetz­jagd dis­ku­tiert wer­den,

«Ich ver­lor die Hoffung, es ver­zerr­te kom­plett mei­ne Wahr­neh­mung. Es ist ei­ne Ge­hirn­wä­sche.»

in­for­miert sie die Be­hör­den. Aber sie fin­det, dass das, was sie tut, noch im­mer von zu we­ni­gen ge­macht wird, zu­mal sich die Ex­tre­mis­ten be­wusst sind, dass sie aus­spio­niert wer­den.

Manch­mal exis­tiert ein Ka­nal nur we­ni­ge Ta­ge, und wer die Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht auf­merk­sam ver­folgt, ver­passt die Informationen, die zum neu­en Chat füh­ren. Die Über­wa­chung dürf­te in Zu­kunft noch schwie­ri­ger wer­den, so­wohl Rechts­ex­tre­me als auch is­la­mis­ti­sche Ex­tre­mis­ten ar­bei­ten an ei­ge­nen tech­ni­schen Lö­sun­gen, um von den Be­hör­den nicht mehr so leicht ab­ge­stellt wer­den zu kön­nen (wo­bei die Be­hör­den man­che Ka­nä­le auch be­wusst of­fen las­sen).

«Tin­der für Na­zis»

Ei­ne die­ser Lö­sun­gen heisst «Pa­tri­ot Peer», die Iden­ti­tä­re Be­we­gung Ös­ter­reich hat sie letz­tes Jahr vor­ge­stellt. «Wir sind vie­le», steht auf der Web­site. Die Ma­cher sa­gen, ih­re App sei «für die schwei­gen­de Mehr­heit» be­stimmt. Weil die App pri­mär die Ver­net­zung zum Ziel hat – der «Pa­trio­tenRa­dar» zeigt an, wie vie­le Gleich­ge­sinn­te sich in un­mit­tel­ba­rer Nä­he be­fin­den –, wur­de sie auch schon als «Tin­der für Na­zis» be­zeich­net.

«Pa­tri­ot Peer» ist ein gu­tes Bei­spiel, auf wen es Rechts­ex­tre­me und auch is­la­mis­ti­sche Ex­tre­mis­ten ab­ge­se­hen ha­ben: die Ge­ne­ra­ti­on Z, al­so die nach­1995ge­bo­re­nen. Ju­lia­eb­ner­führt in ih­rem Buch zahl­rei­che Be­le­ge da­für auf, wie An­füh­rer ex­tre­mis­ti­scher Grup­pie­run­gen zur In­dok­tri­na­ti­on der Jun­gen auf­ru­fen, gan­ze Stra­te­gie­pa­pie­re er­klä­ren, wie das ge­lin­gen soll.

Sie sagt: «Ex­tre­mis­ten sind wah­re Ex­per­ten dar­in, die­se Ge­ne­ra­ti­on an­zu­spre­chen. Sie ver­wen­den die Spra­che von Com­pu­ter­spie­len und neh­men mit ih­ren Co­des und Re­fe­ren­zen Be­zug auf die In­ter­net­kul­tur. Zu­dem sind man­che der Ka­nä­le, über die sie sich aus­tau­schen, wie ein Ga­me auf­ge­baut. Man kann, wenn man be­son­ders ak­tiv ist, Punk­te sam­meln und in der Hier­ar­chie auf­stei­gen.»

Punk­te be­kommt man zum Bei­spiel, in­dem man Be­le­ge lie­fert, dass man die Bot­schaf­ten der Ex­tre­mis­ten ver­brei­tet, in den so­zia­len Me­di­en eben­so wie in der Off­line-welt. Die­ses spie­le­ri­sche Ele­ment führt da­zu, dass sich völ­lig apo­li­ti­sche Men­schen an­ge­zo­gen füh­len. Die Ex­tre­mis­ten füh­ren ei­nen Kampf um die Her­zen und Köp­fe der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on, und Ju­lia Eb­ner ist im­mer wie­der scho­ckiert, wie er­folg­reich sie da­bei sind. «Vie­le, die um Auf­nah­me in ei­ne die­ser Grup­pie­run­gen buh­len, sind min­der­jäh­rig.»

Die so­zia­len Netz­wer­ke ha­ben die Mo­bi­li­sie­rung neu­er An­hän­ger leich­ter ge­macht, weil nie­mand, der on­line mit Ex­tre­mis­ten ver­kehrt, so­zia­le Äch­tung fürch­ten muss: Wer ver­mei­den will, dass die Fa­mi­lie, die Ar­beits­kol­le­gen, die Freun­de von sei­ner Ge­sin­nung er­fah­ren, legt sich ein­fach ein Fake-pro­fil zu – so wie Ju­lia Eb­ner, bloss aus an­de­ren Grün­den.

Is­la­mis­ti­sche Ex­tre­mis­ten nut­zen die­sen Um­stand neu­er­dings, in­dem sie zum Cy­ber-ka­li­fat auf­ru­fen. Ju­lia Eb­ner hat be­ob­ach­tet, dass es manch­mal schon reicht, ei­nen mus­li­mi­schen Na­men zu tra­gen, um an­ge­schrie­ben zu wer­den. Und den Rechts­ex­tre­men kommt das In­ter­net oh­ne­hin ent­ge­gen: «Die Mar­ke Na­zi wird dort ge­ra­de neu de­fi­niert. Kei­ner muss sich mehr ei­ne Glat­ze ra­sie­ren, um sich un­ter Gleich­ge­sinn­ten aus­zu­wei­sen.»

Ge­ne­rell gilt: Ex­tre­mis­ten se­hen sich selbst nie als sol­che, ein Ex­tre­mist ist im­mer nur der an­de­re. In ih­ren Un­der­co­ver-re­cher­chen hat Ju­lia Eb­ner vie­le Ex­tre­mis­ten ken­nen ge­lernt, die sie für sym­pa­thi­scher hielt als man­che Men­schen in der Lon­do­ner Tu­be.

In­zwi­schen ist ihr Han­dy­ak­ku zu im­mer­hin 47 Pro­zent auf­ge­la­den, sie er­le­digt ein paar Te­le­fo­na­te, dann macht sie sich auf den Weg zum ers­ten Fern­seh­in­ter­view des Abends. Das Haupt­stadt­stu­dio des ZDF, wo man sie er­war­tet, be­fin­det sich ein paar Fuss­mi­nu­ten vom Kem­pin­ski ent­fernt.

«So ein hüb­scher Man­tel», sagt die Maskenbildnerin ent­zückt, als sie Ju­lia Eb­ner am Emp­fang ab­holt. «Sie ha­ben Glück, dass ich über­haupt noch hier bin. So jung und schön, wie Sie sind, hat sich der Re­dak­tor wahr­schein­lich ge­dacht: Die braucht kei­ne Mas­ke. Die­se Män­ner, nicht?»

Ju­lia Eb­ner lä­chelt freund­lich. In Ge­dan­ken ist sie bei dem The­ma, über das sie gleich Aus­kunft ge­ben wird. Es geht um die «Ge­mein­sa­me Er­klä­rung 2018», ei­nen im März ver­öf­fent­lich­ten Auf­ruf, der ge­gen ei­ne «Be­schä­di­gung Deutsch­lands» durch ei­ne «il­le­ga­le Mas­sen ein­wan­de­rung» ein­steht, wie es auf der Web­site heisst. Ne­ben Per­so­nen, die dem Neu­rech­ten-spek­trum und da­mit ei­nem po­li­ti­schen Rand­phä­no­men zu­zu­ord­nen sind, zäh­len zu den Erst un­ter zeich­nern auch pro­mi­nen­te Au­to­ren, Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Künst­ler. Als die Ka­me­ra läuft, sagt Ju­lia Eb­ner: «Das ist ei­ne der zen­tra­len Stra­te­gi­en von Rechts­ex­tre­men. Sie ver­su­chen, Kon­ser­va­ti­ve, Bür­ger­li­che und In­tel­lek­tu­el­le als Sprach­rohr zu ver­wen­den, um Be­grif­fe wie Um­vol­kung oder Re­mi­gra­ti­on in die Mit­te zu be­för­dern, teil­wei­se auch Ver­schwö­rungs theo­ri­en .»

Als die Auf­zeich­nung be­en­det ist, muss Ju­lia Eb­ner wei­ter zur Deut­schen Wel­le. Im Ta­xi kommt sie auf den Echo­kam­mer-ef­fekt zu spre­chen, ein komm uni­kat ions wis­sen­schaft­li­ches Kon­zept, das be­schreibt, wie es durch den vir­tu­el­len Um­gang mit Gleich­ge­sinn­ten zu ei­ner Ve­ren­gung der Welt­sicht kommt. Das Kon­zept ist nicht neu, ähn­lich wie beim ver­gleich­ba­ren Be­griff der Fil­ter­bla­se, der 2011 vom In­ter­net ak­ti­vis­ten Eli Pa­ri­ser ge­prägt wur­de und seit­her als Er­klä­rung für al­le mög­li­chen Netz­phä­no­me­ne her­hal­ten muss, gibt es Kri­ti­ker, die den Ef­fekt für über­trie­ben hal­ten.

Kampf um Ge­schich­ten

Ju­lia Eb­ner ge­hört nicht da­zu, sie sieht im Echo­kam­mer-ef­fekt den Haupt­grund für das Er­star­ken ex­tre­mis­ti­scher Po­si­tio­nen im Netz. Ers­tens weil man aus so­zi­al­psy­cho­lo­gi­schen Ex­pe­ri­men­ten wis­se, dass Grup­pen­ein­stel­lun­gen im Ver­lauf von Dis­kus­sio­nen in der Re­gel ex­tre­mer wer­den. Und zwei­tens weil man in die­sem Fall eben von zwei Echo­kam­mern spre­chen müs­se, ei­ner auf rechts­ex­tre­mer und ei­ner auf is­la­mis­ti­scher Sei­te, die sich ge­gen­sei­tig ver­stärk­ten.

«Das funk­tio­niert so», sagt sie und zückt wie­der ihr Han­dy. Sie zeigt Tweets, von de­nen sie si­cher­heits­hal­ber Screen­shots an­ge­fer­tigt hat, weil man­che Ac­counts von Twit­ter nach we­ni­gen St­un­den ge­löscht wer­den, und klickt sich bei­na­he blind­lings durch Te­le­gram- und Di­s­cord-ka­nä­le. Sie scheint sich in die­sen Chats so gut aus­zu­ken­nen, dass man manch­mal das Ge­fühl hat, sie könn­te die Un­ter­hal­tun­gen auch aus dem Kopf zi­tie­ren.

Für ge­wöhn­lich kommt sie gut klar oh­ne lan­ge Mo­no­lo­ge. Die Tv-auf­trit­te ha­ben sie ge­lehrt, sich in kna­cki­gen Sät­zen aus­zu­drü­cken. Aber jetzt holt sie aus, und man merkt schnell, dass ihr das wich­tig ist und man bes­ser dran­bleibt, wenn man et­was ver­ste­hen will. «Der Kampf, den die Ex­tre­mis­ten füh­ren, ist ein Kampf um Ge­schich­ten. Und im Netz las­sen sich die be­son­ders gut ver­brei­ten. Es ist ei­ne pa­ra­do­xe Mi­schung aus Kon­kur­renz und Ko­ope­ra­ti­on. Nach ei­nem An­schlag auf ein Flücht­lings­heim oder in ei­ner Fuss­gän­ger­zo­ne ge­ben so­wohl Rechts­ex­tre­me als auch Is­la­mis­ten häu­fig die­sel­ben Qu­el­len an, sie nut­zen ähn­li­che Hash­tags und be­zie­hen sich in ih­ren Posts so­gar auf­ein­an­der. Ih­re Nar­ra­ti­ve be­ru­hen oft auf ei­ner Mi­schung aus rea­len Be­ge­ben­hei­ten und er­fun­de­nen oder über­trie­be­nen De­tails.»

Der Ta­xi­fah­rer ver­ge­wis­sert sich der Adres­se.

«Ein Bei­spiel: In ei­nem Vo­r­ort von Lon­don de­mons­trie­ren bri­ti­sche Ul­tra­na­tio­na­lis­ten ge­gen die Is­la­mi­sie­rung des Wes­tens. Es sind ein paar Hun­dert, viel­leicht ein paar Tau­send Leu­te. Im Netz tei­len sie Bil­der und Vi­de­os des Mar­sches, und die Na­zis in Ita­li­en, die Iden­ti­tä­ren in Ös­ter­reich, die Neu­rech­ten in Deutsch­land, die Alt­righ­tAn­hän­ger in den USA – sie al­le sha­ren, ret­weeten, li­ken. Aber das ist eben nicht al­les, denn da gibt es ja noch ei­ne an­de­re Echo­kam­mer, die der is­la­mis­ti­schen Ex­tre­mis­ten, und die sha­ren, ret­weeten und li­ken die Posts der bri­ti­ schen Ul­tra­na­tio­na­lis­ten eben­falls. ‹Seht her!›, schrei­ben sie da­zu. ‹Der Wes­ten hasst uns!›»

Zur Nor­ma­li­tät sti­li­siert

Das Ta­xi steht im Stau, der Fah­rer fragt, ob er ei­nen Um­weg neh­men soll.

«Dass es nicht der gan­ze Wes­ten ist, der sie hasst, son­dern ein klei­ner Teil, wird in die­sem Nar­ra­tiv selbst­ver­ständ­lich ver­schwie­gen, denn dann fie­le ja die Le­gi­ti­ma­ti­on für den ei­ge­nen Kampf weg. In der Echo­kam­mer der is­la­mis­ti­schen Ex­tre­mis­ten wird die Echo­kam­mer der Rechts­ex­tre­men zur Nor­ma­li­tät sti­li­siert und um­ge­kehrt.»

Ju­lia Eb­ner at­met durch.

Um ei­ne Ah­nung von der Wucht zu er­hal­ten, die hin­ter ex­tre­mis­ti­scher In­ter­net­pro­pa­gan­da steckt, hilft es, die­se Zahl zu ken­nen: 235000 – so vie­le Ac­counts hat Twit­ter al­lein im Jahr 2016 ab­ge­schal­tet, da man sie als is­la­mis­tisch er­ach­te­te.

Doch hier ist die Er­zäh­lung noch nicht zu En­de, denn wie in der Of­f­lineWelt, et­wa mit der «Ge­mein­sa­men Er­klä­rung 2018», ist es auch in der On­line­welt das Ziel der Ex­tre­mis­ten, mit ih­ren Bot­schaf­ten die Echo­kam­mern zu ver­las­sen. Wie ih­nen das ge­lingt, zeigt Ju­lia Eb­ner in ih­rem Buch an Ma­ri­ne Le Pens Bei­spiel.

Die Che­fin des Front Na­tio­nal, der neu­er­dings Ras­sem­ble­ment Na­tio­nal heisst, wur­de 2015 von der Po­li­zei ver­hört, weil sie auf Twit­ter grau­sa­me Ma­te­ria­li­en des IS ge­teilt hat­te, dar­ un­ter Bil­der ei­ner ent­haup­te­ten Gei­sel. Mit ih­ren mehr als ei­ner Mil­li­on «Li­kes» hat­te Le Pen auf Face­book ein grös­se­res So­ci­al­me­dia­pu­bli­kum als der da­ma­li­ge Prä­si­dent François Hol­lan­de und sein Pre­mier­mi­nis­ter Ma­nu­el Valls zu­sam­men.

Ähn­li­ches lässt sich in vie­len Län­dern be­ob­ach­ten. Der Twit­ter­ac­count von Tom­my Ro­bin­son, ei­ner füh­ren­den Stim­me der bri­ti­schen Ul­tra­na­tio­na­lis­ten, hat­te vor sei­ner Lö­schung fast so vie­le Fol­lo­wer wie je­ner der Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May. Die is­la­mis­ti­sche Or­ga­ni­sa­ti­on «Die wah­re Re­li­gi­on», die von der deut­schen Bun­des­re­gie­rung in­zwi­schen ver­bo­ten wur­de, hat­te auf Face­book im De­zem­ber 2016 über 165000 «Ge­fällt mir»­an­ga­ben, das sind mehr, als die Sei­te der CDU da­mals hat­te. Und so wei­ter.

Der Grund ist für Ju­lia Eb­ner klar: Ex­tre­mis­ti­sche Po­si­tio­nen zie­hen in den ef­fekt­ha­sche­ri­schen und ner­vö­sen so­zia­len Me­di­en mehr Pu­bli­kum an als ge­mäs­sig­te Stim­men, dar­um fällt es Ex­tre­mis­ten in der Re­gel auch leich­ter als Ge­mäs­sig­ten, sich un­ter­ein­an­der zu ver­bin­den. Und eben: Er­schwe­rend kommt hin­zu, dass bei­den Po­len ge­hol­fen ist, wenn je­mand wie Ma­ri­ne Le Pen in Frank­reich oder ein Afd-po­li­ti­ker in Deutsch­land ei­nen Post von is­la­mis­ti­schen Ex­tre­mis­ten teilt. Die­se wech­sel­sei­ti­ge Ra­di­ka­li­sie­rung funk­tio­niert auch in der Off­line­welt, Ju­lia Eb­ner be­legt das in ih­rem Buch mit zwei Bei­spie­len. Das ei­ne nennt sie die

Die 26-Jäh­ri­ge be­kommt we­gen ih­rer Re­cher­chen im In­ter­net viel Hass zu spü­ren; in­zwi­schen hat sie ge­lernt, mit den Ge­walt­dro­hun­gen um­zu­ge­hen.

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