ja­kob Tan­ner über un­lieb­sa­me Stras­sen­na­men

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In sei­nem zu Be­ginn des Kal­ten Krie­ges pu­bli­zier­ten Ro­man «1984» schil­dert Ge­or­ge Or­well die Kon­trol­le ei­nes to­ta­li­tä­ren Über­wa­chungs­staats. Die Ma­xi­me des «Gros­sen Bru­ders» lau­tet: «Wer die Ver­gan­gen­heit kon­trol­liert, kon­trol­liert die Zu­kunft. Wer die Ge­gen­wart­kon­trol­liert, kon­trol­liert­die Ver­gan­gen­heit.» Zu­stän­dig für Letz­te­res ist das «Mi­ni­wahr» (Mi­nis­te­ri­um für Wahr­heit), das his­to­ri­sche Er­zäh­lun­gen um­schreibt, Ar­chi­ve auf­da­tiert und Un­per­so­nen «va­po­ri­siert».

Or­well hat­te mit sei­ner sar­kas­ti­schen Dys­to­pie die Dik­ta­tu­ren sei­ner Zeit, die sta­li­nis­ti­sche So­wjet­uni­on und den ge­ra­de be­sieg­ten Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, im Au­ge. Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Ver­gan­gen­heit, Ge­gen­wart und Zu­kunft las­sen sich al­ler­dings auch in De­mo­kra­ti­en fest­stel­len. In mar­kan­tem Un­ter­schied zur Kon­trol­le von oben geht es hier um Aus­hand­lungs­pro­zes­se von un­ten. Die­se sind auf ein brei­tes Wis­sen über die Ver­gan­gen­heit an­ge­wie­sen, das – nicht nur, aber vor­wie­gend – von ei­ner der For­schungs­frei­heit ver­pflich­te­ten Ge­schichts­wis­sen­schaft pro­du­ziert wird.

Seit ei­ni­ger Zeit wer­den ge­schichts­po­li­ti­sche Kon­tro­ver­sen durch For­de­run­gen nach ei­nem Um­bau von Ge­dächt­ni­sor­ten und wei­te­ren Ein­grif­fen in Er­in­ne­rungs­land­schaf­ten (ins­be­son­de­re bei Plät­zen und Stras­sen­na­men) aus­ge­löst. Ge­gen sol­che Vor­ha­ben wird oft das Or­well’sche Schre­ckens­bild her­auf­be­schwo­ren, und es wird ar­gu­men­tiert, um ei­ne Ge­sell­schaft, die öf­fent­li­che Räu­me von un­lieb­sa­men Na­men und Mo­nu­men­ten «säu­bern» wol­le, sei es sei schlecht be­stellt.

Auf rechts­ex­tre­men Web­sites wie Me­di­pe­dia wird in die­se Dis­kus­si­on mit dem selbst­ent­waff­nen­den Hin­weis in­ter­ve­niert, Adolf Hit­ler ha­be sich höchst­per­sön­lich ge­gen das Umt­au­fen von Stras­sen und Plät­zen ge­wandt. Tat­säch­lich bat der Dik­ta­tor En­de April 1933 in ei­ner Pres­se­er­klä­rung, «da­von ab­se­hen zu wol­len, his­to­ri­sche Be­zeich­nun­gen zu ver­än­dern». Dies gel­te selbst­ver­ständ­lich nicht für «die Na­men der No­vem­ber­ver­bre­cher», die al­le zu ver­schwin­den hät­ten, wo­bei dann auf die «al­ten Be­zeich­nun­gen» zu­rück­ge­grif­fen wer­den sol­le. Das na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Re­gime be­trieb den­noch ei­ne ag­gres­si­ve Sym­bol­po­li­tik, de­ren Kehr­sei­te die ter­ro­ris­ti­sche Re­pres­si­on ge­gen all je­ne war, die in Deutsch­land nach dem Ers­ten Welt­krieg ei­ne de­mo­kra­ti­sche Re­vo­lu­ti­on an­streb­ten (ali­as «No­vem­ber­ver­bre­cher»). Nach der Be­frei­ung 1945 war des­halb ei­ne gross an­ge­leg­te Ab­bruch­ak­ti­on von­nö­ten.

Das Pro­blem mit den «al­ten Be­zeich­nun­gen» blieb je­doch wei­ter be­ste­hen – nicht nur in Deutsch­land, son­dern in vie­len Län­dern, so auch in der Schweiz. In jüngs­ter Zeit führ­te die eu­ro­pa­wei­te ideo­lo­gi­sche Po­la­ri­sie­rung zu ei­ner Er­wei­te­rung der his­to­ri­schen Kampf­zo­ne. En­ga­gier­te Bür­ge­rin­nen und Bür­ger neh­men es nicht mehr hin, dass die Na­men von (bei­na­he nur) Män­nern, die sich als Ras­sis­ten, Ko­lo­nia­lis­ten, Mi­li­ta­ris­ten so­wie Ge­walt­an­hän­ger her­vor­ta­ten, «ve­r­ewigt» wer­den. Sie plä­die­ren für ei­nen auf men­schen­recht­li­che Stan­dards be­zo­ge­nen Um­gang mit der Ge­schich­te.

Die­ses An­lie­gen ei­ner sym­bo­li­schen Re­pa­ra­ti­on gilt es ernst zu neh­men – im Be­wusst­sein dar­um, dass die­ses im­mer nur punk­tu­ell um­ge­setzt wer­den kann. Wer hier mit Vor­wür­fen wie «Ge­schichts­ex­or­zis­mus» oder «Re­vi­sio­nis­mus» han­tiert, hat das Pro­blem nicht be­grif­fen. Die­ses be­steht viel­mehr in ei­nem dif­fe­ren­zie­ren­den Zu­gang. Es bie­ten sich im­mer ver­schie­de­ne Op­tio­nen an. Der Uni­ ver­si­tät Lau­sanne wä­re zu emp­feh­len, die schon 1937 als Skan­dal be­zeich­ne­te Ver­lei­hung ei­nes Eh­ren­dok­tors an Mus­so­li­ni zu­rück­zu­neh­men. Ei­ne Um­be­nen­nung des Ber­ner Berg­gip­fels «Agas­siz­horn» wä­re ge­eig­net, die öf­fent­li­che Re­fle­xi­on über Ras­sis­mus zu för­dern. In Lu­zern tut man gut dar­an, den Tou­ris­ten­ma­gnet «Lö­wen­denk­mal» durch ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on zu er­gän­zen, die auf düs­te­re Aspek­te der Ge­schich­te der Al­ten Eid­ge­nos­sen­schaft hin­weist. Weil die eu­ro­päi­sche Auf­klä­rung ein am­bi­va­len­tes Pro­jekt war (und bleibt) – we­der auf sei­ne hel­le noch sei­ne dunk­le Sei­te zu re­du­zie­ren –, wer­den vie­le De­bat­ten nicht ein­deu­tig ent­schie­den wer­den kön­nen. Was aber zählt, sind die in­for­mier­te Mei­nungs­bil­dung und der Wil­le zur de­mo­kra­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung.

JA KOB TA NNER ist eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Zü­rich.

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