hans ul­rich obrist­chro­mo- Lu­mi­na­ris­ti­sches

Das Magazin - - News - www.mu­see-or­say.fr H A NS U LR ICH OBR IST ist künst­le­ri­scher Di­rek­tor der Ser­pen­ti­ne Gal­le­ries in Lon­don.

Als mir als jun­gem Mann in Pa­ris das Geld aus­ging, muss­te ich mir et­was ein­fal­len las­sen. Zu­vor hat­te ich ein Sti­pen­di­um der Car­tier-stif­tung, aber als die­se ein­nah­me­quel­le ver­sieg­te und ich von mei­nen klei­nen Aus­stel­lun­gen (in mei­ner Kü­che, mei­nem Ho­tel­zim­mer) nicht le­ben konn­te, ent­schloss ich mich, Tex­te über Kunst zu schrei­ben und die­se an Zei­tun­gen un­d­ma­ga­zi­ne zu ver­kau­fen. Ich leb­te da­mals in ei­nem bil­li­gen und ziem­lich her­un­ter­ge­kom­me­nen Ho­tel na­mens« Carl­ton ». Ur­sprüng­lich, sag­te mir je­mand, ha­be es «Carl­ton Pa­lace» ge­heis­sen, aber das «Pa­lace»-schild sei ir­gend­wann her­un­ter­ge­fal­len. Ich be­wohn­te ein Zim­mer­chen im obers­ten Stock, in das man mit ei­nem die­ser sehr en­gen fran­zö­si­schen Auf­zü­ge ge­lang­te. Nach­dem ich in die­sem ein­mal für vier St­un­den fest­steck­te, ent­wi­ckel­te ich ei­ne Auf­zu­g­pho­bie und be­nutz­te nie wie­der ei­nen Mi­ni­lift. Wes­halb ich einst bei ei­nem Stu­dio­be­such in São Pau­lo zu Fuss in den 45. Stock lau­fen muss­te. An das Ate­lier ha­be ich nur blas­se Er­in­ne­run­gen, der Weg da­hin steht mir aber noch deut­lich vor Au­gen.

Ei­nen der ers­ten Tex­te schrieb ich da­mals über Ge­or­ges Seu­rat und sei­nen Ent­de­cker und För­de­rer Fé­lix Fé­né­on, die ich bei­de sehr be­wun­de­re. Seu­rat wird ja oft fälsch­li­cher­wei­se als Im­pres­sio­nist oder als Po­in­til­list be­zeich­net, weil er die­se Pünkt­chen­tech­nik ent­wi­ckelt hat, aber auch die­ses La­bel greift viel zu kurz. Seu­rat fas­zi­nier­te an der im­pres­sio­nis­ti­schen Avant­gar­de das Licht in den Ge­mäl­den. Aber die Kom­po­si­ti­on, teils auch die Su­jets, lehn­te er, der an den Al­ten Meis­tern ge­schult war, ab. Hin­zu kam ein bren­nen­des In­ter­es­se an der Na­tur­wis­sen­schaft, und so schuf er, halb Künst­ler, halb Ex­pe­ri­men­ta­tor, den Chromo-lu­mi­na­ris­mus – ei­ne Tech­nik, für die er die Far­be nicht flä­chig und ver­mischt, son­dern in ein­zel­nen Farb­punk­ten auf die Lein­wand auf­trug. Der Ge­dan­ke da­hin­ter war, dass die Far­ben, die sich erst in der Wahr­neh­mung des Be­trach­ters mi­schen, so ih­re ma­xi­ma­le Leuchtkraft ent­fal­ten.

Ich weiss nicht, was ich gross­ar­ti­ger fin­de: Seu­rats Ge­mäl­de, die so­wohl ma­le­risch als auch ma­the­ma­tisch wir­ken, oder das Au­ge Fé­né­ons, der die­ses un­glaub­li­che Ta­lent ent­deck­te und för­der­te – ge­gen den Wi­der­stand von Tra­di­tio­na­lis­ten und Avant­gar­dis­ten.

Als mich al­so vor Kur­zem das Pa­ri­ser Mu­sée d’or­say ein­lud, aus dem Be­stand ein ein­zi­ges Bild für ei­ne Son­der­schau aus­zu­wäh­len, fiel mei­ne Wahl na­tür­lich auf Ge­or­ges Seu­rat. Und ich wohn­te in ei­nem Ho­tel mit ei­nem gros­sen, neu­en Lift.

Man muss an die Ge­mäl­de Ge­or­ges Seu­rats (1859–1891) sehr nah her­an­ge­hen, um zu er­ken­nen, wie viel Ma­the­ma­tik und Phy­sik in ih­nen steckt.

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