ein TAG im le­ben Zum Ge­mein­de­vor­sitz ge­zwun­gen

( 31) ist Ge­mein­de­prä­si­dent von Sim­plon – ob­wohl er gar nicht kan­di­diert hat.

Das Magazin - - News - Pro­to­koll BARBARA SPY­CHER Bild PRI­VAT

Am 16. Ok­to­ber 2016 war ich auf der Al­pe Chluis­mat­ta und sass mit mei­nen El­tern beim Mit­tag­es­sen, als das Han­dy klin­gel­te. Der da­ma­li­ge Ge­mein­de­prä­si­dent teil­te mir mit, dass ich in den Ge­mein­de­rat von Sim­plon ge­wählt wor­den sei – ob­wohl ich gar nicht kan­di­diert hat­te! Doch das Wal­lis ist ei­ner der Kan­to­ne mit Amts­zwang, sprich: Oh­ne «wich­ti­gen» Ge­gen­grund muss man ei­ne Wahl an­neh­men. Doch in un­se­rem 320-Ein­woh­ner-dorf hat­te sich nie­mand für den Ge­mein­de­rat zur Ver­fü­gung ge­stellt. Ei­ni­ge Wo­chen vor der Wahl be­kam ich mit, dass mein Na­me und der ei­nes Kol­le­gen im Dorf auf­ge­bo­ten wur­den. Erst mit dem An­ruf des Prä­si­den­ten aber wur­de mei­ne Wahl re­al. Ei­ner­seits freu­te ich mich über den Rück­halt im Dorf, an­de­rer­seits spür­te ich die Last der Ver­ant­wor­tung. Das wur­de mir am sel­ben Nach­mit­tag auf dem Dorf­platz noch be­wuss­ter. Dort wird bei uns das Wah­l­er­geb­nis ver­kün­det. Et­wa fünf­zig Leu­te hat­ten sich ver­sam­melt, ich spür­te ih­re Er­leich­te­rung über die Wahl – zu­gleich ih­re Er­war­tun­gen.

Seit dem 1. Ja­nu­ar 2017 bin ich ne­ben­amt­li­cher Ge­mein­de­prä­si­dent von Sim­plon. Da­für be­kom­me ich im Jahr 16000 Fran­ken Ent­schä­di­gung plus Sit­zungs­zu­la­gen und Spe­sen. Ich fin­de die Ar­beit in­ter­es­sant. Un­se­re Schwer­punk­te sind In­fra­struk­tur, sanf­ter Tou­ris­mus, Land­wirt­schaft und Ar­beits­plät­ze. So wer­den wir die sech­zig­jäh­ri­gen Was­ser- lei­tun­gen er­set­zen und prü­fen, ei­nen his­to­ri­schen Wan­der­weg für Bi­ker aus­zu­bau­en. Bi­ker gel­ten als in­ter­es­san­te Tou­ris­ten – jung, dy­na­misch, spen­da­bel –, aber Wan­de­rer könn­ten sich ge­stört füh­len. Hier ste­hen wir im Span­nungs­feld zwi­schen Tra­di­ti­on und In­no­va­ti­on. Ein ähn­li­ches Span­nungs­feld er­le­ben wir im Ge­mein­de­rat, wenn wir über Bau­ge­su­che ent­schei­den. Der Dorf­kern von Sim­plon ist im In­ven­tar der schüt­zens­wer­ten Orts­bil­der der Schweiz ein­ge­tra­gen. Ei­nen ge­wis­sen Er­mes­sens­spiel­raum ha­ben wir bei den Fas­sa­den­far­ben. Un­ser Dorf­kern ist weiss und grau, und das muss auch so blei­ben, aber bei wei­ter ent­fern­ten Häu­sern sind wir ku­lan­ter. Wir sind ja na­he an Ita­li­en, wo die Häu­ser bunt sind, und ir­gend­wie se­hen sich die Sim­pi­ler gern als Ita­lie­ner und möch­ten mit far­bi­gen Fas­sa­den Le­bens­freu­de ins Dorf ho­len.

Ich bin in Sim­plon auf­ge­wach­sen, ging nur fürs Geo­ma­tik­stu­di­um in die «Üs­ser­schwiiz» und füh­le mich dem Bau­ern­hof mei­ner El­tern und dem Dorf ver­bun­den. Da­her liegt mir die Zu­kunft der Ge­mein­de am Her­zen. Auch mei­ne vier Ge­mein­de­rats­kol­le­gen wur­den ins Amt ge­zwun­gen. Trotz­dem sind wir ei­ne gu­te, en­ga­gier­te Grup­pe. Po­si­tiv über­rascht bin ich auch über den of­fe­nen Aus­tausch un­ter den Wal­li­ser Ge­mein­den. Vie­le Ge­mein­den kämp­fen mit ähn­li­chen Her­aus­for­de­run­gen wie wir: mit der Ab­wan­de­rung, der Zu­nah­me kom­mu­na­ler Auf­ga­ben oder der Um­stel­lung auf pa­pier­lo­se Bü­ros. Das Mot­to ist: Je­des Pro­blem, das ei­ne Ge­mein­de hat, hat ei­ne an­de­re schon ge­löst.

Die ein­schnei­dends­te Ve­rän­de­rung für mi­chist, das­sich­viel­we­ni­ger Frei­zeit­ha­be. Ich in­ves­tie­re bis zu zwan­zig St­un­den pro Wo­che ins Ge­mein­de­prä­si­di­um. Mit mei­ner Ar­beit als In­ha­ber ei­nes Ver­mes­sungs­bü­ros sum­miert sich das. Zu Be­ginn war das hart, weil ich das Ge­fühl hat­te, dass mein Um­feld dar­un­ter lei­det. Ich kann et­wa mei­nen El­tern sel­te­ner auf dem Hof hel­fen. Doch es hat sich gut ein­ge­pen­delt. Ich ar­bei­te sechs Ta­ge und hal­te mir strikt ei­nen Tag frei. Es freut mich, wie viel Rück­sicht mei­ne Freun­din, die Fa­mi­lie und die Kol­le­gen mir ent­ge­gen­brin­gen. Wenn ich am Sams­tag den Ge­mein­de­rat an ei­ner Ge­ne­ral­ver­samm­lung ei­nes Ver­eins ver­tre­te, ma­chen wir mit Kol­le­gen halt am Sonn­tag ab. Wir be­su­chen gern Ver­an­stal­tun­gen in der Re­gi­on, zum Bei­spiel den Wa­ter­s­li­de-con­test in Sim­plon oder das Gi­li­hü­s­i­ne auf der Bett­me­r­alp, ei­ne ur­tüm­li­che Form des Hor­nus­sens. Muss ich den El­tern mal ab­sa­gen, sa­gen sie: «Ja, in Got­tes Na­men, du hast jetzt das Amt!»

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.