max küng Lie­ber Klum­pen

Das Magazin - - News - MAX KÜNG ist Re­por­ter bei« Das Ma­ga­zin »; Illustration SATOSHIHA SHIMOTO MAX KÜNG

in Ber­neck war ich, und wenn du nun denkst, das lie­ge ir­gend­wo bei Bern ums Eck, dann denkst du falsch, denn Ber­neck fin­det sich dort, wo das Land schon fast zu En­de und Ös­ter­reich ist, zwei Dut­zend Ki­lo­me­ter hin­ter St. Gal­len.

Wes­halb ich dort war? Ich ging ein Au­to an­schau­en, ei­nen Vol­vo, er war im In­ter­net aus­ge­schrie­ben. Ich weiss, du ver­drehst nun die Au­gen, weil ich dich ja im­mer voll­sül­ze, wie su­per mein Ško­da sei, da er nichts an­de­res sein will als das, was er ist: ein prak­ti­sches Au­to. Es gibt wirk­lich kei­nen Grund, ein an­de­res Au­to zu kau­fen (mal ab­ge­se­hen vom Um­stand der un­schö­nen kri­mi­nel­len Ma­chen­schaf­ten von des Tsche­chen deut­schen Ver­wand­ten, den Die­sel­gangs­tern aus Wolfs­burg). Trotz­dem sah ich mir den Vol­vo an, weil: Sonst hät­te ich in der Zeit si­cher­lich et­was Düm­me­res ge­tan. Er ist sil­ber­far­ben, und auf dem In­fo­blatt stand, er sei schon zwei­mal um die Welt ge­fah­ren und ha­be ein be­heiz­ba­res Lenk­rad. Ich weiss, du ver­drehst die Au­gen noch mehr, so sehr, dass man nur noch Weiss sieht, weil ich dich stets voll­la­be­re, wie öde die Welt sei, da al­le Au­tos lang­wei­lig schwarz sei­en oder sil­bern. Und dann schau ich mir ei­nen Sil­ber­fisch an? Höchst wi­der­sprüch­lich, in der Tat.

Ich be­sah mir al­so den Wa­gen von aus­sen und von in­nen, der Händ­ler reich­te mir den Schlüs­sel, und ich fuhr durchs Dorf, dann berg­wärts, dann tal­wärts, dann zu­rück. Ich bräuch­te Be­denk­zeit, sag­te ich dem Händ­ler. Selbst­ver­ständ­lich, sag­te der. Dann ging ich spa­zie­ren, denn wenn man schon ein­mal an ei­nem Ort ist, an dem man noch nie zu­vor war, dann soll­te man sich um­se­hen. Ich hat­te ge­le­sen: Im ka­tho­li­schen Kirch­turm hängt die dritt­schwers­te Glo­cke des Lan­des, 88 Zent­ner schwer, ge­gos­sen im Jahr 1938. Aus dem­sel­ben Jahr stammt et­was an­de­res, das es zu se­hen gibt, an der Au­er­stras­se.

Die Au­er­stras­se wur­de ge­ra­de frisch ge­teert, die zit­tern­den und dröh­nen­den Wal­zen wa­ren just vor der Lie­gen­schaft an der Ar­beit, de­ret­we­gen Ber­neck einst in den Me­di­en war: dem Ha­ken­kreuz­haus. In der Zeit des Zwei­ten Welt­kriegs hät­ten na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Mit­ar­bei­ter der ge­gen­über­lie­gen­den Ger­be­rei die Fas­sa­de ver­ziert, und ob­wohl oft über­stri­chen, sei das Ha­ken­kreuz im­mer wie­der er­schie­nen wie ein Spuk – es sei noch heu­te zu se­hen. Und es stimmt, es prangt noch im­mer an der Fas­sa­de des Hau­ses mit den ver­ram­mel­ten Fens­tern, auch wenn man ge­nau hin­schau­en muss, um es noch zu er­ken­nen. Aber ist es nicht oft so, dass man ge­nau hin­schau­en muss?

Ich liess das Kreuz und den Ma­schi­nen­lärm hin­ter mir, ging wei­ter zur Mehr­zweck­hal­le, fand die Tü­re of­fen vor. Ber­neck ist ja be­kannt­lich be­kannt vor al­lem we­gen ei­nes Man­nes, ei­nes hier Hei­mat­be­rech­tig­ten, der es zum Hei­li­gen ge­bracht hat. Ich muss­te nicht lan­ge su­chen, im En­trée hängt ihm zu Eh­ren un- weit des De­fi­bril­la­tors und des Schirm­stän­ders ei­ne Vi­tri­ne, dar­in ein si­gnier­tes Ten­nis­ra­cket und zwei Au­to­gramm­kar­ten: Ro­ger Fe­de­rer ist Ber­ne­cker. Scheints hät­te man ihn gern als Eh­ren­gast ein­ge­la­den, zur Ein­wei­hung der Mehr­zweck­hal­le, er aber sei lei­der ver­hin­dert ge­we­sen.

We­nig spä­ter kam ich an ein Wirts­haus, zu je­nem Zeit­punkt, als der Blick auf die Uhr be­stä­tig­te, was der Ma­gen mir schon ei­ne gan­ze Wei­le mit­zu­tei­len ver­such­te: Mit­tag. Das Wirts­haus hiess Och­sen. Und weisst du was? Das Es­sen im Och­sen ist nicht gut. Weil: Es ist sehr gut! Wä­re ich Ver­fas­ser ei­ner Gas­tro­no­mie­ko­lum­ne, so wür­de ich ei­ne Ode an den Och­sen ver­fas­sen. Wolfs­barsch gab es, mit Cas­hew­ker­nen und fei­ner Min­ze, da­zu Spar­gel aus Die­pold­sau, am Mor­gen frisch ge­sto­chen, ei­ne Sup­pe vor­aus, ei­nen Sa­lat auch noch, al­les von höchs­ter Qua­li­tät und für 26 Fran­ken, das Zwei­er­li vom haus­ei­ge­nen Weis­sen gä­be es für acht Fränk­li da­zu, und die Be­die­nung war von ei­ner Freund­lich­keit, dass ich mein­te, gar nicht in der Schweiz zu sein, son­dern im Vor­arl­ber­gi­schen schon.

Nach dem Mit­tag­es­sen spa­zier­te ich zu­rück zum Au­to­händ­ler und be­sah den V70 noch ein­mal von al­len Sei­ten. Ein Kick ge­gen den Pneu, dann wuss­te ich, was zu tun war. Es gab kei­nen Grund, ihn zu kau­fen. Al­so kauf­te ich ihn. Denn Din­ge zu tun, die man so­wie­so tun muss, das ist ein­fach. Schwie­rig ist es, die Din­ge zu tun, die man nicht zu tun braucht.

Max

PS Su­per Song, nicht nur für al­le, die sich gern Oc­ca­sio­nen an­schau­en: «Lueg doch gnau» von Guy Man­don, 2017.

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