Pla­da aus Pra­to:

im tos­ka­ni­schen pra­to wer­den mar­ken­klei­der und lu­xus­hand­ta­schen «ma­de in ita­ly» an­ge­fer­tigt – in­zwi­schen fast nur noch von Chi­ne­sen.

Das Magazin - - Contents - Text D. T. Max

In der tos­ka­ni­schen Stadt ar­bei­ten vor­wie­gend Chi­ne­sen für die ita­lie­ni­sche Lu­xus­in­dus­trie.

An­fang der neun­zi­ger­jah­re tauch­ten in den ge­wer­be­ge­bie­ten rings um pra­to, ei­ner stadt zwan­zig ki­lo­me­ter nord­west­lich von flo­renz, die ers­ten chi­ne­si­schen Ar­beits­mi­gran­ten auf. fast al­le ka­men aus Wenz­hou, ei­ner ha­fen­stadt süd­lich von shang­hai. für die Chi­ne­sen war der kul­tur­schock nicht so gross wie er­war­tet. «Die ita­lie­ner wa­ren freund­lich», er­in­ner­te sich ei­ner der ers­ten neu­an­kömm­lin­ge. «man duz­te sich, genau wie bei uns. Die fa­mi­lie be­deu­te­te ih­nen al­les.» in der tos­ka­na do­mi­nier­ten klei­ne Be­trie­be und Werk­stät­ten das ge­schäfts­le­ben, nicht viel an­ders als in Wenz­hou, ei­ner stadt, die von ei­nem so star­ken Un­ter­ neh­mer­geist er­füllt war, dass sie sich ma­os kol­lek­ti­vie­rungs­po­li­tik wi­der­setzt hat­te. pra­to war be­kannt für sei­ne Ate­liers, die Be­klei­dung und le­der­wa­ren für die gros­sen mo­de­la­bels pro­du­zier­ten. Wer be­reit war, schwarz und für stück­lohn zu ar­bei­ten, für den gab es hier gu­te mög­lich­kei­ten. Vie­le Wenz­houa­ner fan­den in pra­to ei­nen job. «Die ita­lie­ner wa­ren schlau, sie ha­ben die Chi­ne­sen als su­b­un­ter­neh­mer an­ge­heu­ert», er­zähl­te mir Don gio­van­ni mo­mig­li, ein pries­ter, des­sen ge­mein­de ei­ne gros­se Zahl der ers­ten chi­ne­si­schen mi­gran­ten auf­nahm. «Und dann wa­ren sie über­rascht, als die Chi­ne­sen an­fin­gen, sich selbst­stän­dig zu ma­chen.»

mit­te der 1990er rich­te­ten sich die Wenz­houa­ner mit ih­ren tex­til­be­trie­ben in klei­nen ga­ra­gen ein, die ih­nen meist auch als schlaf­stät­te dien­ten. Bald über­nah­men sie leer ste­hen­de Werk­stät­ten, die mie­te be­zahl­ten sie bar. na­tür­lich stell­ten die Be­hör­den kei­ne fra­gen. All­mäh­lich aber ge­riet das pra­ten­ser ge­schäfts­mo­dell un­ter dem Druck der glo­ba­li­sie­rung ins Wan­ken. für ita­lie­ner wur­de es im­mer schwie­ri­ger, in der tex­til­in­dus­trie ein Aus­kom­men zu fin­den, und manch ei­ner freu­te sich über das geld, das die Chi­ne­sen in die lo­ka­le Wirt­schaft brach­ten. Wer als hand­wer­ker kei­ne Ar­beit mehr hat­te, konn­te zu­min­dest als Ver­mie­ter geld ver­die­nen.

in den nul­ler­jah­ren ka­men im­mer mehr Chi­ne­sen in die tos­ka­na. Zwi­schen Wenz­hou und rom wur­de ein non­stop­flug ein­ge­rich­tet. man­che mi­gran­ten ka­men mit tou­ris­ten­vi­sum und blie­ben ein­fach. An­de­re be­zahl­ten men­schen­schmugg­lern viel geld, das sie dann ab­zah­len muss­ten – ei­ne form bru­ta­ler leib­ei­gen­schaft. Dass die Chi­ne­sen von früh bis spät in die nacht

ar­bei­te­ten, über­rasch­te vie­le Ita­lie­ner, für die meh­re­re Wo­chen be­zahl­ter Ur­laub im Jahr und fünf Mo­na­te Mut­ter­schafts­ur­laub selbst­ver­ständ­lich wa­ren.

Die Wenz­houa­ner Ar­bei­ter im­por­tier­ten bil­li­ge Stof­fe aus Chi­na und pro­du­zier­ten pron­to mo­da – Hem­den und Ho­sen und Frei­zeit­ja­cken aus Po­ly­es­ter. Die­se Ar­ti­kel gin­gen an Gross­händ­ler und wur­den in der gan­zen Welt auf Bil­lig­märk­ten ver­kauft.

Die chi­ne­si­schen Be­trie­be ex­pan­dier­ten all­mäh­lich und be­gan­nen, für Mar­ken im mitt­le­ren Seg­ment wie Gu­ess und Ame­ri­can Eag­le Out­fit­ters zu pro­du­zie­ren. Und seit zehn Jah­ren ar­bei­ten sie auch für Guc­ci, Pra­da und an­de­re Lu­xus­la­bels. Ac­ces­soires und Hand­ta­schen, die das be­gehr­te Eti­kett «Ma­de in Ita­ly» tra­gen, wer­den zwar in Ita­li­en her­ge­stellt, aber oft von chi­ne­si­schen Bil­lig­ar­bei­tern. Vie­le die­ser Pro­duk­te wer­den von Rei­chen in Shang­hai und Pe­king ge­kauft. Von die­sem in­ter­kul­tu­rel­len Ar­ran­ge­ment pro­fi­tie­ren aber nicht nur ita­lie­ni­sche Mar­ken: Ein chi­ne­si­scher Le­der­fa­bri- kant in Pra­to bei­spiels­wei­se trug kürz­lich ei­ne 40000-Dol­lar-uhr der Lu­xus­mar­ke Bul­ga­ri.

«Wie Af­fen»

In­zwi­schen sind mehr als zehn Pro­zent der zwei­hun­dert­tau­send Ein­woh­ner von Pra­to Chi­ne­sen. Laut Fran­ces­co Nan­nuc­ci, dem Chef der Kri­mi­nal­po­li­zei, le­ben et­wa zehn­tau­send Chi­ne­sen oh­ne Pa­pie­re in der Stadt. Es heisst, Pra­to sei, nach Pa­ris, die zweit­gröss­te chi­ne­si­sche Ge­mein­schaft in Eu­ro­pa. Aus­ser­dem ist es die ita­lie­ni­sche Stadt mit dem höchs­ten An­teil von Im­mi­gran­ten, zu de­nen auch zahl­rei­che Nord­afri­ka­ner zäh­len.

Vie­le Ein­hei­mi­sche, die frü­her in der Tex­til- und Le­der­in­dus­trie ar­bei­te­ten, sind nicht gut auf die chi­ne­si­schen Ein­wan­de­rer zu spre­chen. Sie sa­gen, den Chi­ne­sen ge­he es nur um Kos­ten und Tem­po, Äs­t­he­tik sei ne­ben­säch­lich für sie. Zu­dem ha­be «der Chi­ne­se» kei­ne Ah­nung, wie man ele­gan­te Klei­der und Ac­ces­soires her­stellt. Si­mo­na In­no­cen­ti, ei­ne Le­der­hand­wer­ke­rin, be­rich­tet, dass ihr Mann, ein Hand­ta­schen­ma­cher, durch die chi­ne­si­sche Bil­lig­kon­kur­renz aus dem Ge­schäft ver­drängt wor­den sei. «Sie ko­pie­ren, sie imi­tie­ren, sie schaf­fen nichts Ei­ge­nes. Sie sind wie Af­fen.»

Zwar ha­ben die Chi­ne­sen die Ma­nu­fak­tur­be­trie­be von Pra­to wie­der­be­lebt, trotz­dem lehnt man sie ab, oder sie wer­den so­gar ge­hasst. Ein­hei­mi­sche wer­fen ih­nen vor, sie hät­ten Kri­mi­na­li­tät, Ban­den­krie­ge und Müll in die Stadt ge­bracht. Chi­ne­si­sche Werk­statt­be­sit­zer, sa­gen vie­le, igno­rier­ten Ge­sund­heits­vor­schrif­ten und zahl­ten kei­ne Steu­ern. Sie wür­den Schu­len und Kran­ken­häu­ser nut­zen, oh­ne sich an den Kos­ten zu be­tei­li­gen. An­fang der Neun­zi­ger schrie­ben Ita­lie­ner, die in Ge­gen­den mit ho­hem An­teil von Im­mi­gran­ten ar­bei­te­ten, ei­nen Brief an die chi­ne­si­sche Re­gie­rung, in dem sie um Ver­lei­hung der chi­ne­si­schen Staats­an­ge­hö­rig­keit ba­ten: «Wir sind sechs­hun­dert ehr­li­che Ar­bei­ter, die das Ge­fühl ha­ben, als sei­en wir be­reits Bür­ger Ih­res gros­sen Lan­des.»

Der merk­wür­digs­te Vor­wurf al­ler­dings lau­te­te, dass die Chi­ne­sen in der Tos­ka­na nicht ster­ben. Oder zu­min­dest kei­ne Lei­chen hin­ter­las­sen. Be­reits 1991 ging die Re­gio­nal­re­gie­rung der Fra­ge nach, war­um in Pra­to und Um­ge­bung in den vor­an­ge­gan­ge­nen zwölf Mo­na­ten kein ein­zi­ger chi­ne­si­scher To­des­fall re­gis­triert wor­den war. 2005 war die­ses Rät­sel noch im­mer nicht ge­löst. In je­nem Jahr wur­den mehr als tau­send chi­ne­si­sche Ein­wan­de­rer, aber nur drei To­des­fäl­le re­gis­triert. Ein­hei­mi­sche ver­mu­te­ten, dass chi­ne­si­sche Gangs­ter die Lei­chen ver­schwin­den lies­sen und de­ren Päs­se dann an Neu­an­kömm­lin­ge ver­kauf­ten – wo­bei man sich den Um­stand zu­nut­ze mach­te, dass für Eu­ro­pä­er al­le Chi­ne­sen ir­gend­wie gleich aus­sa­hen.

Die Kla­gen der Pra­ten­ser wa­ren nicht frei von Neid, ver­rie­ten aber auch ei­nen ge­wis­sen Re­spekt für Leu­te, die sie mit ih­ren ei­ge­nen Waf­fen ge­schla­gen hat­ten. Ge­ne­rell aber miss­trau­en vie­le Ita­lie­ner den Chi­ne­sen, sie wer­fen ih­nen vor, nicht ge­nug zum wirt­schaft­li­chen Le­ben bei­zu­tra­gen.

Si­mo­na In­no­cen­ti, die Le­der­hand­wer­ke­rin, sagt: «Die Chi­ne­sen ge­hen hier nicht ein­mal ein­kau­fen. Sie ha­ben ei­nen Lie­fer­wa­gen, der von Be­trieb zu Be­trieb fährt und Heft­pflas­ter, Tam­pons und Hühn­chen ver­kauft. Und im hin­te­ren Teil des Wa­gens steht ein Dampf­ko­cher mit Reis.» Die Schat­ten­wirt­schaft der chi­ne­si­schen Werk­stät­ten in Pra­to be­güns­tigt Steu­er­hin­ter­zie­hung. Nach Er­mitt­lun­gen des ita­lie­ni­schen Fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums über du­bio­se Geld­über­wei­sun­gen in Hö­he von fünf Mil­li­ar­den Dol­lar leis­te­te die Bank of Chi­na, de­ren Mai­län­der Fi­lia­le die Hälf­te die­ser Trans­fers ab­ge­wi­ckelt ha­ben soll, im ver­gan­ge­nen Jahr ei­ne Rück­zah­lung von mehr als zwan­zig Mil­lio­nen Dol­lar. Vie­le Geld­über­wei­sun­gen sind nach Aus­kunft der Be­hör­den un­ver­steu­er­te Ge­win­ne chi­ne­si­scher Be­trie­be oder Geld, das durch die Pro­duk­ti­on ge­fälsch­ter ita­lie­ni­scher Mar­ken­ar­ti­kel ge­ne­riert wur­de.

In Ita­li­en wer­den Er­mitt­lun­gen die­ser Art oft sehr lax an­ge­gan­gen. Es än­dert aber nichts dar­an, dass vie­le Chi­ne­sen sich als will­kom­me­ne Sün­den­bö­cke emp­fin­den. «Wir ha­ben die­se Art der Ge­schäfts­füh­rung nicht er­ fun­den», er­klär­te ein Fir­men­in­ha­ber. «In Sü­dita­li­en gibt es Leu­te, die noch viel schlim­mer als die Chi­ne­sen sind.» Sei­ner Mei­nung nach sind sei­ne Lands­leu­te un­be­liebt, weil sie här­ter ar­bei­ten und er­folg­reich sind. Im Gross­raum Pra­to al­lein sind et­wa sechs­tau­send Be­trie­be chi­ne­si­scher Un­ter­neh­mer an­ge­mel­det. Fran­ces­co Xia, Mak­ler und Vor­sit­zen­der ei­ner so­zia­len Or­ga­ni­sa­ti­on, die sich um jun­ge Si­no­ita­lie­ner küm­mert, sag­te: «Die Chi­ne­sen füh­len sich wie die Ju­den der 1930er. Pra­to hat­te ei­ne mas­si­ve Wirt­schafts­kri­se, und jetzt gibt es hier ei­ne Schicht neu­rei­cher Chi­ne­sen, die teu­re Au­tos fah­ren, ihr Geld in Re­stau­rants auf den Kopf hau­en und sich nach der neu­es­ten Mo­de klei­den. Das sorgt für bö­ses Blut.»

Kein Wort Ita­lie­nisch

In ei­ner Zeit, in der über­all in Eu­ro­pa frem­den­feind­li­che Tö­ne zu hö­ren sind, führt die ita­lie­ni­sche Rech­te die de­mo­gra­fi­schen Ve­rän­de­run­gen in Pra­to als Be­weis da­für an, dass ge­han­delt wer­den muss. Im Fe­bru­ar et­wa er­klär­te der rech­te Se­na­tor Pa­tri­zio La Pie­tra im In­ter­view mit ei­ner Lo­kal­zei­tung, dass man ge­gen die «öko­no­mi­sche Il­le­ga­li­tät der Chi­ne­sen» vor­ge­hen müs­se und dass die Schat­ten­wirt­schaft «die Re­gi­on zu­grun­de ge­rich­tet ha­be.» Aus­ser­dem sei­en Tau­sen­de Ar­beits­plät­ze ver­nich­tet wor­den und zahl­rei­che Fa­mi­li­en müss­ten hun­gern. Sol­che Be­haup­tun­gen stos­sen in Pra­to auf of­fe­ne Oh­ren. Bei den Par­la­ments­wah­len im März er­ziel­ten in der Tos­ka­na, die seit dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs im­mer links ge­wählt hat, rech­te und po­pu­lis­ti­sche Par­tei­en dop­pelt so vie­le Stim­men wie die linken. Gio­van­ni Don­zel­li, der der neo­fa­schis­ti­schen Par­tei Fra­tel­li d’ita­lia an­ge­hört und im März in die Ab­ge­ord­ne­ten­kam­mer ge­wählt wur­de, sag­te: «Die Chi­ne­sen ha­ben ih­re ei­ge­nen Re­stau­rants und ih­re ei­ge­nen Ban­ken – ja so­gar ih­re ei­ge­ne Po­li­zei. Da­mit scha­den sie der Wirt­schaft in dop­pel­ter Hin­sicht. Ers­tens, weil sie un­fair mit den an­de­ren Un­ter­neh­men in der Re­gi­on kon­kur­rie­ren, und zwei­tens, weil das Geld nicht wie­der in die tos­ka­ni­sche Wirt­schaft ge­steckt wird.» Er füg­te hin­zu, dass er ein­mal ver­sucht ha­be, mit chi­ne­si­schen El­tern an der Schu­le sei­ner Kin­der zu spre­chen. «Sechs, sie­ben Jah­re sind sie schon im Land, und noch im­mer spre­chen sie kein Wort Ita­lie­nisch», schimpf­te er. «Weil sie es nicht nö­tig ha­ben.»

Die Alt­stadt von Pra­to, um­ge­ben von ei­ner Mau­er, die aus der Früh­re­nais­sance da­tiert, ist ein pit­to­res­kes Ge­wirr von Stras­sen und Gas­sen. Bei mei­nem Be­such im Fe­bru­ar sah ich an ei­nem Sonn­tag Ein­hei­mi­sche beim mit­täg­li­chen Spa­zier­gang, man­che hat­ten Päck­chen da­bei, die die Na­men der bes­ten Kon­di­to­rei­en der Stadt tru­gen, und im­mer wie­der blie­ben sie vor Schau­fens­tern ste­hen. Der Dom ist mit wun­der­ba­ren Fres­ken von Fil­ip­po Lip­pi aus­ge­malt – laut Va­sa­ri «das Bes­te, was die­ser ge­schaf­fen hat» –, und in ei­ner präch­ti­gen Ka­pel­le wird die Sa­cra Cin­to­la auf­be­wahrt, der Ma­ri­en­gür­tel aus Zie­gen­wol­le, ge­wis­ser­mas­sen das Ur­klei­dungs­stück von Pra­to.

In der Chi­na­town, aus­ser­halb der Stadt­mau­ern, wa­ren Fa­mi­li­en mit an­de­ren Päck­chen un­ter­wegs – meist mit ge­dämpf­ten Teig­ta­schen dar­in. Rei­che Chi­ne­sen aus der Um­ge­bung mach­ten Ver­wand­ten­be­such in der Stadt. Ich sah fast nur BMW, Au­di oder Mer­ce­des (meh­re­re Ita­lie­ner sag­ten, kein Chi­ne­se wür­de sich in ei­nem Fi­at Pan­da bli­cken las­sen). Laut ei­ner Stu­die, 2015 von ei­ner re­gio­na­len Wirt­schafts­agen­tur durch­ge­führt, tra­gen die Chi­ne­sen mehr als sie­ben­hun­dert Mil­lio­nen Eu­ro zur Wirt­schaft der Pro­vinz Pra­to bei, was et­wa elf Pro­zent des Ge­samt­um­fangs ent­spricht.

Ich fuhr ins chi­ne­si­sche Vier­tel von Pra­to. Es mach­te ei­nen her­un­ter­ge­kom­me­nen Ein­druck. Vie­le Fens­ter wa­ren mit De­cken ver­hängt. Als ich ei­ni­ge Ta­ge spä­ter Po­li­zis­ten bei Raz­zi­en be­glei­ten konn­te, er­fuhr ich, dass sich hin­ter die­sen Fens­tern meist Sweat­shops ver­ber­gen: In un­ge­heiz­ten Räu­men sit­zen die Ärms­ten der Neu­an­kömm­lin­ge, oft Il­le­ga­le, und nä­hen Kra­gen an Hem­den oder bun­te Strei­fen auf Jog­ging­ho­sen. Die­se Ho­sen ge­hen für acht Eu­ro pro Stück an Gross­händ­ler – ein Fünf­tel des­sen, was sie kos­ten wür­den, wenn sie le­gal von Ita­lie­nern her­ge­stellt wor­den wä­ren.

Die chi­ne­si­schen Tex­til­be­trie­be sind meist klei­ne Werk­stät­ten. Nach mei­nem Be­such in der Alt­stadt fuhr ich durch die Vor­städ­te von Pra­to. Über­all an den Fas­sa­den sind chi­ne­si­sche Schrift­zei­chen zu se­hen ne­ben

eng­li­schen Na­men wie Norm­co­re, Feel Good oder Miss & Yes. Die weit­läu­fi­gen, fla­chen Ge­bäu­de sind voll­ge­stopft mit Werk­stät­ten und Show­rooms, wo in­ter­es­sier­te Käu­fer Mus­ter in Au­gen­schein neh­men und Be­stel­lun­gen auf­ge­ben kön­nen. Die Un­ter­neh­mens­be­ra­te­rin Jes­si­ca Mo­lo­ney sag­te mir: «Wenn Sie fünf­hun­dert bis tau­send Stück brau­chen und drei bis sechs Mo­na­te war­ten kön­nen, dann ge­hen Sie nach Chi­na. Wenn Sie aber nur zwei Wo­chen Zeit ha­ben und hun­dert Stück brau­chen, dann ge­hen Sie nach Pra­to.» Sie füg­te hin­zu: «TJ Ma­xx ist hier über­all prä­sent. Ich ken­ne nie­man­den, der nicht mit die­sem Un­ter­neh­men zu­sam­men­ar­bei­tet.»

Pra­to be­deu­tet «Wie­se», und selbst hier, in­mit­ten von Ge­bäu­den, die an ei­nen Flug­ha­fen er­in­ner­ten, gab es Grün­flä­chen mit hüb­schen Pi­ni­en. Auf ei­nem die­ser Plät­ze fand im Ju­ni 2016 ei­ne Pro­test­kund­ge­bung wü­ten­der Chi­ne­sen statt. 2013 wa­ren bei ei­nem durch Kurz­schluss ver­ur­sach­ten Brand in ei­ner Werk­statt na­mens Te­re­sa Mo­da sie­ben chi­ne­si­sche Ar­bei­ ter ums Le­ben ge­kom­men. Sie hat­ten in dem Ge­bäu­de ge­ar­bei­tet und ge­schla­fen. Ein Op­fer hat­te noch ver­sucht, durch ein ver­git­ter­tes Fens­ter ins Freie zu ge­lan­gen. «Ich konn­te ih­re To­des­schreie im In­nern des Ge­bäu­des hö­ren», sag­te ein Ca­ra­bi­nie­re, der beim Lö­schen des Feu­ers mit­ge­hol­fen hat­te, dem «Cor­rie­re del­la Se­ra».

Nach dem Brand er­klär­ten die Be­hör­den, die Ar­beits­schutz­be­stim­mun­gen, ge­setz­li­cher Min­dest­lohn und Hy­gie­ne­vor­schrif­ten soll­ten künf­tig auch für Chi­ne­sen gel­ten. Bei Raz­zi­en wur­den zahl­rei­che nicht re­gis­trier­te Werk­stät­ten ent­deckt. Zwi­schen 2014 und 2017 wur­den mehr als acht­tau­send chi­ne­si­sche Be­trie­be über­prüft. Die Kon­trol­leu­re ka­men nachts und un­an­ge­kün­digt, be­vor die Be­sit­zer auf­räu­men oder den Be­trieb dicht­ma­chen und wo­an­ders un­ter ei­nem an­de­ren Na­men neu er­öff­nen konn­ten. Die­se Raz­zi­en, die im Rah­men der Ak­ti­on La­voro Si­cu­ro («Si­che­rer Ar­beits­platz») statt­fan­den, rich­te­ten sich of­fi­zi­ell nicht ge­gen ei­ne be­stimm­te Be­völ­ke­rungs­grup­pe. Aber je­der­mann sprach von «chi­ne­si­schen Raz­zi­en», auch der Initia­tor des Pro­jekts, Ren­zo Ber­ti, der Di­rek­tor für Prä­ven­ti­on im Ge­sund­heits­amt der Re­gi­on Tos­ka­na. Ber­ti wies dar­auf hin, dass sich die Ar­beits­be­din­gun­gen in den chi­ne­si­schen Tex­til­be­trie­ben ver­bes­sert hät­ten. Zu Be­ginn sei­en in 93 Pro­zent der über­prüf­ten Be­trie­be Ge­set­zes­ver­stös­se fest­ge­stellt wor­den, von ver­bo­te­nen Un­ter­künf­ten bis zu nicht iso­lier­ten Strom­ka­beln. In­zwi­schen lie­ge die Quo­te bei 35 Pro­zent. «Wir tre­ten ih­nen auf die Füs­se», sag­te Ber­ti. «Wir be­wir­ken et­was.»

Auch ge­gen die chi­ne­si­sche Kri­mi­na­li­tät geht die Po­li­zei vor. Im Ja­nu­ar wur­de Zhang Naiz­hong ver­haf­tet, mut­mass­li­cher Kopf der si­no­ita­lie­ni­schen Ma­fia, die nach Po­li­zei­an­ga­ben in Pra­to stark prä­sent ist. Fran­ces­co Nan­nuc­ci be­zeich­ne­te Zhang als «Pa­ten» und füg­te la­chend hin­zu: «Sie ha­ben das Ge­schäft von uns ge­lernt.» (Auch ita­lie­ni­sche Gangs­ter sind in Pra­to ak­tiv, aber zwi­schen den bei­den

Grup­pen gibt es kei­ne Kon­tak­te.) Nach Nan­nuc­cis Schät­zung be­zah­len 80 Pro­zent der chi­ne­si­schen Tex­til­be­trie­be Schutz­gel­der an Zhangs Or­ga­ni­sa­ti­on, die auch das Dro­gen­ge­schäft, die Pro­sti­tu­ti­on und das Glücks­spiel kon­trol­liert .( Ein Er­mitt­lungs­rich­ter mel­de­te kürz­lich Zwei­fel an­den vor­lie­gen­den Be­wei­sen an, aber Z hang bleibt in Un­ter­su­chungs­haft .) Die Po­li­zei hat­te Zhang auf dem Weg von Rom nach Pra­to be­schat­tet. Un­ter­wegs wech­sel­te er acht­mal das Fahr­zeug, um Ver­fol­ger ab­zu­schüt­teln, er wur­de in ei­nem Chi­na re­stau­rant be­ob­ach­tet, wo chi­ne­si­sche ge­schäfts­leu­te der rei­he nach an sei­nem Tisch er­schie­nen und sich ver­neig­ten, und schliess­lich hat­te man ihn in ei­nem Ho­tel in Pra­to ver­haf­tet. Nan­nuc­ci war zu­frie­den mit der Ope­ra­ti­on, aber ent­täuscht, dass er von den chi­ne­si­schen Pra­ten­sern we­nig Un­ter­stüt­zung be­kam. «Über­all stösst man auf Schwei­gen», sag­te er.

Wü­ten­de Chi­ne­sen

Für die Chi­ne­sen sind die Raz­zi­en und Zhangs Ver­haf­tung in ers­ter Li­nie ei­ne Schi­ka­ne. Ein chi­ne­si­scher Un­ter­neh­mer zog so­gar ei­ne Waf­fe, als die Po­li­zei sei­nen Be­trieb in­spi­zier­te (die sich als Spiel­zeug­pis­to­le er­wies). Ar­man­do Chang, der in Pra­to ein Rei­se­bü­ro be­sitzt, sag­te: «Wenn die Ita­lie­ner ei­ne Er­mitt­lung durch­füh­ren, stel­len sie erst ei­ne Theo­rie auf und ver­su­chen dann, die pas­sen­den Fak­ten zu fin­den.» Er ha­be noch nie von ei­ner lo­ka­len chi­ne­si­schen Ma­fia ge­hört. «Ich ken­ne das aus Bru­ce-lee-fil­men, aber hier ha­be ich das noch nie ge­se­hen.»

Ei­ni­ge chi­ne­si­sche Ge­schäfts­leu­te mein­ten, es sei kein Zu­fall, dass kurz vor den Wah­len deut­lich mehr Raz­zi­en durch­ge­führt wur­den.

Wäh­rend ei­ner Raz­zia im Ju­ni 2016 ge­riet ein äl­te­rer Chi­ne­se mit ei­nem Po­li­zis­ten an­ein­an­der, als er den Be­trieb, in dem er ar­bei­te­te, ver­las­sen woll­te. Der Mann, der ein Klein- kind auf dem Arm trug, wur­de an­geb­lich ge­schubst, das Ba­by fiel hin und zog sich Ver­let­zun­gen zu. In den so­zia­len Netz­wer­ken ver­brei­te­te sich die Nach­richt in Win­des­ei­le, und we­nig spä­ter ver­sam­mel­ten sich Hun­der­te von Chi­ne­sen auf ei­nem Platz, skan­dier­ten Ru­fe, war­fen St­ei­ne und Fla­schen. Die Po­li­zei lös­te die De­mons­tra­ti­on auf, und die Re­gio­nal­re­gie­rung kün­dig­te noch mehr Raz­zi­en an. In die­ser Si­tua­ti­on schal­te­te sich das chi­ne­si­sche Aus­sen­mi­nis­te­ri­um ein und rief die ita­lie­ni­schen Be­hör­den zur Mäs­si­gung auf. (Fast al­le ge­bür­ti­gen Chi­ne­sen in Pra­to be­hal­ten ih­ren chi­ne­si­schen Pass.) Bei­de Sei­ten ver­spra­chen, künf­tig zu­sam­men­zu­ar­bei­ten, aber die Si­tua­ti­on bleibt an­ge­spannt. Lu­ca Zhou, Di­rek­tor des ita­lie­ni­schen Zweigs von Ra­mu­ni­on, ei­ner chi­ne­si­schen Wohl­fahrts­or­ga­ni­sa­ti­on, sag­te: «Sie ver­mie­ten uns die Fa­b­ri­ken, aber mit uns spre­chen wol­len sie nicht.»

An je­nem Sonn­tag über­quer­te ich den Platz, auf dem der Pro­test statt­ge­fun­den hat­te, und kam zu ei­nem gros­sen Fa­b­rik­ge­bäu­de, an des­sen Fas­sa­de noch «BP Stu­dio» stand, der Na­me ei­nes flo­ren­ti­ni­schen Mo­de­hau­ses, das frü­her hier an­säs­sig war. Wä­sche hing an ei­ner Lei­ne. Die Ar­bei­ter, die am Ein­gang stan­den, mus­ter­ten mich mür­risch, lies­sen mich aber ein­tre­ten. Im In­nern war ein rie­si­ger Saal, so gross wie ein Fuss­ball­feld. Ar­bei­te­rin­nen (und auch ein paar Män­ner) sas­sen in lan­gen Rei­hen un­ter Ne­on­licht und näh­ten Le­der­sa­chen. Die Ar­beit schien kein En­de zu neh­men: Ei­ni­ge Män­ner schlie­fen, hat­ten den Kopf auf den Ar­beits­tisch ge­legt. In den Ecken spiel­ten Kin­der oder schau­ten fern. Blu­sen, knall­ro­te Ta­schen aus Kunst­le­der und Schlüs­sel­an­hän­ger wa­ren or­dent­lich ge­sta­pelt, fer­tig zum Ab­trans­port. Dies war ei­ne ty­pi­sche Pron­to mo­da- Fa­b­rik, die Klei­der und Ac­ces­soires in ho­hem Tem­po pro­du­zie­ren kann – in ei­ner Zeit, in der es nicht mehr um sai­so­na­le Mo­de­trends geht, son­dern nur noch dar­um, rasch auf ei­ne Flut von Ins­ta­gram-bil­dern zu re­agie­ren.

«Ex­trem an­pas­sungs­be­reit»

Ein chi­ne­si­scher Tex­til­un­ter­neh­mer, den ich En­ri­co nen­ne (die meis­ten chi­ne­si­schen Mi­gran­ten neh­men ita­lie­ni­sche Vor­na­men an), war be­reit, mir sei­nen Pro­duk­ti­ons­be­trieb zu zei­gen. Er hat­te mich um An­ony­mi­tät ge­be­ten, da die Zu­lie­fe­rer gros­ser Mo­de­häu­ser ver­trag­lich zu Still­schwei­gen ver­pflich­tet sind. 1988, als En­ri­co drei­zehn war, ver­liess er mit sei­ner Mut­ter Wenz­hou in Rich­tung Ita­li­en. Die Ein­hei­mi­schen sei­en an­fangs freund­lich ge­we­sen, er­zähl­te er, doch als im­mer mehr Wenz­hou­er ka­men, sei da­mit bald Schluss ge­we­sen. Er selbst ha­be aber nie in Er­wä­gung ge­zo­gen, wie­der zu­rück­zu­keh­ren. «Wir Chi­ne­sen sind tra­di­tio­nell ex­trem an­pas­sungs­be­reit», sag­te er. Als Un­ter­neh­mer hal­te er sich strikt an die Ge­set­ze – er hat so­gar ei­ne Be­triebs­ren­te für sei­ne Ar­bei­ter ein­ge­führt. Er räum­te aber ein, dass nicht al­le chi­ne­si­schen Un­ter­neh­mer sich an die Vor­schrif­ten hal­ten. «Wenn man die all­zu streng be­folgt, kommt man nicht weit. Ein Chi­ne­se, der ei­ne Ab­kür­zung nimmt, ar­bei­tet trotz­dem hart. Ein Ita­lie­ner, der die glei­che Ab­kür­zung nimmt, ar­bei­tet sie­ben, acht St­un­den. Ein Chi­ne­se zwölf.»

In En­ri­cos Be­trieb, in dem vor al­lem Le­der­wa­ren pro­du­ziert wur­den, herrsch­te ei­ne deut­lich bes­se­re At­mo­sphä­re als in den Fa­b­ri­ken, die ich bei den Raz­zi­en ge­se­hen hat­te. Meis­tens wohn­ten dort die Be­triebs­lei­ter an­geb­lich al­lein in den an­gren­zen­den Schlaf­zim­mern – wor­auf die Be­am­ten auf die vie­len auf­ge­reih­ten San­da­len zeig­ten. Dann wur­den die Ge­bäu­de nach il­le­ga­len Ar­bei­tern durch­sucht, und ein Fi­nanz­in­spek­tor forsch­te nach Hin­wei­sen auf Bar­zah­lun­gen. Bei ei­ner Raz­zia sah ich, wie ein Ge­sund­heits-

«Ein Chi­ne­se denkt nur, dass er so und so vie­le Ta­schen an­fer­ti­gen muss. Für mei­ne Be­grif­fe sind die Ita­lie­ner die bes­ten Hand­wer­ker der Welt.»

in­spek­tor in ei­nen Reis­ko­cher schau­te, der auf ei­nem Kor­ri­dor stand, und ei­nen Kol­le­gen frag­te: «Was für ei­ne Scheis­se fres­sen die hier?» – «Ei­ne Art Sup­pe», sag­te der Kol­le­ge ach­sel­zu­ckend. Am En­de wird meist ein Buss­geld fest­ge­setzt, das sich auf ein paar Hun­dert Eu­ro be­läuft. Il­le­ga­le Mi­gran­ten wer­den auf die Po­li­zei­wa­che ge­bracht, wo sie we­nig zu be­fürch­ten ha­ben. Nur sel­ten wer­den sie län­ger fest­ge­hal­ten oder nach Chi­na ab­ge­scho­ben, weil sie kei­ne Do­ku­men­te ha­ben.

Im Ge­gen­satz zu die­sen pri­mi­ti­ve­ren Werk­stät­ten er­in­ner­te mich En­ri­cos Be­trieb an ei­ne gut or­ga­ni­sier­te Fa­b­rik für Elek­tro­nik. Die Ar­bei­ter nah­men in ei­nem rich­ti­gen Spei­se­saal ih­re Mahl­zei­ten ein und tru­gen sau­be­re Ar­beits­klei­dung. Die Strom­lei­tun­gen wa­ren pro­fes­sio­nell ver­legt. Die Ar­bei­ter wa­ren in se­pa­ra­te Teams ein­ge­teilt: Die ei­nen brach­ten das Le­der in Form, an­de­re näh­ten die Tei­le zu­sam­men, an­de­re wa­ren für das In­nen­fut­ter zu­stän­dig und wie­der an­de­re für Schnal­len und Tra­ge­rie­men. Die zur Ver­ar­bei­tung vor­ge­se­he­nen Le­der­stü­cke la­gen or­dent­lich auf Roll­wa­gen be­reit, wie Thun­fisch­schei­ben in ei­ner Sus­hiThe­ke. «Mein Be­trieb ist et­was Be­son­de­res», sag­te En­ri­co stolz. «Be­rühm­te Mar­ken lie­fern uns das Ma­te­ri­al, und wir stel­len das fer­ti­ge Pro­dukt her.»

Die ita­lie­ni­sche Mo­de­bran­che ist seit Lan­gem be­müht, Kos­ten zu sen­ken, oh­ne Ab­stri­che bei der Qua­li­tät zu ma­chen. In den 1970ern und 1980ern funk­tio­nier­te das Pra­ten­ser Werk­statt­sys­tem rei­bungs­los, aber in den Neun­zi­gern, als auf der gan­zen Welt Han­dels­schran­ken fie­len, sa­hen die Mo­de­häu­ser ei­ne güns­ti­ge Ge­le­gen­heit, die sie so­fort er­grif­fen. Konn­te man «Ma­de in Ita­ly»-pro­duk­te nicht in Ost­eu­ro­pa oder Chi­na pro­du­zie­ren? Die Ent­wür­fe wür­den noch im­mer in Mai­land oder Flo­renz an­ge­fer­tigt, so­dass das Her­kunfts­eti­kett kein kom­plet­ter Schwin­del war. Doch dies­be­züg­li­che Be­rich­te si­cker­ten durch, und die füh­ren­den Mar­ken sa­hen sich enor­mem Druck aus­ge­setzt, ih­re Pro­duk­te ehr­li­cher zu ver­mark­ten. Im Jahr 2010 lan­cier­te San­to Ver­sace – ein Po­li­ti­ker, der zu­gleich Vor­stands­chef des Mo­de­hau­ses Ver­sace ist – ei­nen Ge­setz­ent­wurf, der ei­nen ty­pisch ita­lie­ni­schen Kom­pro­miss vor­sah: So­fern min­des­tens zwei Pro­duk­ti­ons­schrit­te in Ita­li­en statt­fin­den, soll­te das End­pro­dukt das be­gehr­te Eti­kett tra­gen dür­fen. Die be­rühm­ten Mo­de­un­ter­neh­men such­ten wei­ter nach Mög­lich­kei­ten, wie das Eti­kett «Ma­de in Ita­ly» aus­sa­ge­kräf­tig blei­ben und man trotz­dem kos­ten­güns­tig wirt­schaf­ten konn­te.

Wäh­rend mei­nes Rund­gangs durch En­ri­cos Be­trieb sah ich in ei­ner Ecke Dut­zen­de von Pra­da-ak­ten­ta­schen ste­hen. Die­sel­ben Ta­schen hat­te ich kurz zu­vor in Flo­renz in ei­nem Ge­schäft ge­se­hen – für zwei­tau­send Dol­lar das Stück. Ne­ben den Pra­da-ta­schen hin­gen an ei­nem Ha­ken Le­der­ta­schen von Dol­ce& Gab­ba­na mit den ty­pi­schen «Dg»-schnal­len. Ei­ne Ecke war re­ser­viert für Ta­schen ei­ner re­nom­mier­ten fran­zö­si­schen Fir­ma, die eben­falls für rund zwei­tau­send Dol­lar ver­kauft wur­den. Auf ei­nem Tisch lag ein Mus­ter aus Kar­ton. En­ri­co zeig­te mir das La­ger, wo die­se Schät­ze all­abend­lich ein­ge­schlos­sen wur­den.

«100 % Ita­lia­no»

Ich dach­te an mei­nen Be­such in Scan­dic­ci, dem Ort bei Flo­renz, der als Zen­trum des ita­lie­ni­schen Le­der­hand­werks gilt. Ich hat­te mich dort mit And­reaa­list­ri­ge­trof­fen, des­sen­werk­statt ge­spickt war mit Zeug­nis­sen drei­er Ge­ne­ra­tio­nen von Le­der­hand­wer­kern. Er ha­be für Guc­ci ge­ar­bei­tet, er­zähl­te er, für Dol­ce& Gab­ba­na und Pra­da, ha­be aber da­ge­gen pro­tes­tiert, dass die­se Un­ter­neh­men mit Leu­ten zu­sam­men­ar­bei­ten, die ge­gen die Ar­beits­ge­set­ze ver­stos­sen. Alis­tri hat vor meh­re­ren Jah­ren das Kon­sor­ti­um «100% Ita­lia­no» ins Le­ben ge­ru­fen, das für die kor­rek­te Ein­hal­tung der ar­beits­recht­li­chen Vor­schrif­ten kämpft, aber sei­ne Wor­te hat­ten ei­nen un­ver­kenn­ba­ren Un­ter­ton. «‹Ma­de in Ita­ly› be­deu­tet: von Ita­lie­nern ge­macht!», sag­te er. Rings­um in den Re­ga­len la­gen wun­der­schö­ne Hand­ta­schen aus wei­chem Le­der. Aber genau sol­che Ta­schen wur­den auch in En­ri­cos Werk­statt her­ge­stellt.

Ein an­de­rer chi­ne­si­scher Un­ter­neh­mer in Pra­to, hier Ar­turo ge­nannt, emp­fing mich in sei­nem Bü­ro. Vor ihm auf dem Tisch la­gen zwei ele­gan­te Guc­ci-ta­schen. Die gros­sen Mar­ken, sag­te er, hät­ten al­le­samt ei­ge­ne Werk­stät­ten. (In Scan­dic­ci sah ich ei­ne neue Fa­b­rik, an de­ren Fas­sa­de in gros­sen Let­tern «Pra­da» prang­te.) «Aber sie ver­kau­fen zehn­tau­send Ta­schen im Mo­nat», fuhr Ar­turo fort. «Wie wol­len sie so vie­le Ta­schen pro­du­zie­ren? Sie schnei­den das Le­der zu und ma­chen die Pro­to­ty­pen, das wars.» Er füg­te hin­zu, dass er An­fra­gen von Pra­da ab­ge­lehnt ha­be, weil das Un­ter­neh­men nicht gut ge­nug zah­le. (Pra­da er­klär­te in ei­nem State­ment, man pfle­ge en­ge Be­zie­hun­gen zu tra­di­tio­nel­len ita­lie­ni­schen Hand­werks­be­trie­ben.)

Nach Schät­zun­gen ei­nes drit­ten chi­ne­si­schen Un­ter­neh­mers, den ich Lu­i­gi nen­ne, ar­bei­ten mehr als hun­dert chi­ne­si­sche Werk­stät­ten in der Tos­ka­na für die gros­sen Mo­de­häu­ser. Je­der die­ser Be­trie­be zieht fünf bis zehn Su­b­un­ter­neh­mer her­an, wenn es um Ar­beits­schrit­te wie das An­nä­hen von Schul­ter­rie­men und das Po­lie­ren geht. Al­le Un­ter­neh­mer, die ich in­ter­view­te, konn­ten sich in der Lan­des­spra­che ver­stän­di­gen, aber Lu­i­gi sprach wirk­lich flies­send Ita­lie­nisch. Er sag­te, er ha­be für Chloé, Bur­ber­ry, Fen­di, Ba­len­cia­ga, YSL und Cha­nel ge­ar­bei­tet. «Hand­werk­lich ge­se­hen ist Cha­nel top», sag­te er (er ver­wen­de­te den eng­li­schen Aus­druck). «Sie stel­len die höchs­ten An­sprü­che an Qua­li­tät.» Für ein Un­ter­neh­men wie Fen­di zu ar­bei­ten, sei für ei­nen Chi­ne­sen nicht leicht. Man müs­se sich «die ita­lie­ni­sche Men­ta­li­tät zu ei­gen ma­chen» und sich ei­ne Hand­ta­sche «mit ita­lie­ni­schen Au­gen vor­stel­len». Er fuhr fort: «Ein Chi­ne­se denkt nur, dass er so und so vie­le Ta­schen an­fer­ti­gen muss, aber bei je­der Ta­sche gibt es ei­ne ge­naue Vor­stel­lung da­von, was sie ver­mit­teln soll. Für mei­ne Be­grif­fe sind die Ita­lie­ner die bes­ten Hand­wer­ker der Welt.»

Ar­turos Be­trieb war sau­ber und or­ga­ni­siert. Die Ar­bei­ter, die das Le­der färb­ten, tru­gen Schutz­mas­ken. Ich er­fuhr, dass die ers­ten fer­ti­gen Ex­em­pla­re ei­nes je­wei­li­gen Pro­dukts von Ver­tre­tern der Mo­de­häu­ser ge­prüft wür­den, der Rest der Be­stel­lung wür­de dann nach ih­ren Spe­zi­fi­ka­tio­nen er­le­digt. Guc­ci ist be­kannt für de­tail­lier­te An­wei­sun­gen und prä­zi­se Vor­ga­ben hin­sicht­lich Zahl und Län­ge der Sti­che. Kom­pe­ten­te Mit­ar­bei­ter sind da­her un­ver­zicht­bar.

Ar­turo er­läu­ter­te mir die wirt­schaft­li­che Sei­te ei­nes Be­triebs, der für

Lu­xus­ar­ti­kel­her­stel­ler ar­bei­tet. Er be­kommt ei­ne Pau­schal­sum­me für ei­nen Auf­trag, un­ab­hän­gig von der er­for­der­li­chen Ar­beits­zeit. Die ers­ten Ta­schen sei­en ein Mi­nus­ge­schäft, aber mit je­dem wie­der­hol­ten Hand­griff wür­den sei­ne Ar­bei­ter schnel­ler und könn­ten pro­fi­ta­bler ar­bei­ten. Bei Auf­trä­gen für Guc­ci be­kom­me er durch­schnitt­lich acht­zehn Eu­ro die St­un­de. Er zeig­te mir ei­ne Ta­sche, die mit dem be­kann­ten Lo­go des Un­ter­neh­mens, zwei ver­schränk­ten Gs, ver­se­hen war, und sag­te: «Die­ser Stoff kos­tet fünf­zehn Eu­ro der Me­ter. Aber von die­sem Stoff wer­den Aber­mil­lio­nen Me­ter pro­du­ziert, al­so be­zah­len sie da­für nicht fünf­zehn, son­dern viel­leicht zehn Eu­ro. Das Le­der hier kos­tet zwi­schen fünf­zehn und zwan­zig Eu­ro, der Reiss­ver­schluss zwei Eu­ro. Plus das Geld, das sie uns be­zah­len. Das sind die Kos­ten. Das fer­ti­ge Pro­dukt kommt dann für das Zehn- oder Fünf­zehn­fa­che auf den Markt.» Die er­fah­rens­ten Ar­bei­ter in den an­ge­se­hens­ten chi­ne­si­schen Fa­b­ri­ken ver­die­nen rund zwei­tau­send Eu­ro im Mo­nat.

Lu­i­gi er­zähl­te mir, dass die gros­sen Mo­de­häu­ser seit ei­ni­ger Zeit ge­nau­er dar­auf ach­ten, wem sie Auf­trä­ge ge­ben, un­d­in­spek­tio­nen­von­sub­un­ter­neh­mern in­zwi­schen selbst durch­füh­ren. «Ich ha­be je­des Jahr sie­ben Prü­fun­gen von sie­ben Mar­ken­fir­men», sag­te er. «Ar­beits­be­din­gun­gen, Ver­trags­klau­seln, Si­cher­heit – die gan­ze Fir­ma wird un­ter die Lu­pe ge­nom­men.» Al­le chi­ne­si­schen Un­ter­neh­mer be­stä­tig­ten, es sei nütz­lich, ei­nen ita­lie­ni­schen Ge­schäfts­part­ner zu ha­ben. Lu­i­gi hat­te ei­nen sol­chen Part­ner, und in sei­nem Be­trieb ar­bei­te­ten zu­dem meh­re­re ita­lie­ni­sche An­ge­stell­te. So kom­me man leich­ter an Auf­trä­ge: Die gros­sen­mo­de­häu­s­er­hät­ten­dann­mehr Ver­trau­en. Und kein Mo­de­haus wür­de ihm für ei­nen Auf­trag we­ni­ger Geld bie­ten als ei­nem ita­lie­ni­schen Be­trieb.

Im Jahr 2014 sprach ein ita­lie­ni­scher Hand­wer­ker mit der In­ves­ti­ga­ti­vjour­na­lis­tin Sa­b­ri­na Gi­an­ni­ni. Guc­ci hat­te ihm ei­nen grös­se­ren Auf­trag ge­ge­ben, aber die Be­zah­lung war so ge­ring – vier­und­zwan­zig Eu­ro pro Ta­sche –, dass er ei­nen chi­ne­si­schen Su­b­un­ter­neh­mer an­heu­er­te, des­sen Ar­bei­ter ei­nen Vier­zehn­stun­den­tag hat­ten und die Hälf­te des­sen ver­dien­ten, was er be­kam. In den Lä­den wur­den die fer­ti­gen Ta­schen dann für acht­hun­dert bis zwei­tau­send Dol­lar an­ge­bo­ten. Ein Guc­ci-in­spek­tor er­klär­te, er ha­be kei­nen Grund, sich nach den Ar­beits­be­din­gun­gen der An­ge­stell­ten zu er­kun­di­gen. (Guc­ci be­zeich­ne­te Gi­an­ni­nis Re­por­ta­ge als «falsch» und «an der Rea­li­tät vor­bei». In den letz­ten Jah­ren ha­be man die Kon­trol­le der Zu­lie­fer­be­trie­be, ein­schliess­lich der Su­b­un­ter­neh­mer, ver­schärft und rund sieb­zig Be­trie­be auf die «schwar­ze Lis­te» ge­setzt.)

1200 Eu­ro Mo­nats­lohn

In der jüngs­ten Zeit sind vie­le chi­ne­si­sche Un­ter­neh­mer da­zu über­ge­gan­gen, Ar­bei­ter aus Län­dern wie Sy­ri­en, Pa­kis­tan und Se­ne­gal ein­zu­stel­len. Meh­re­re Wo­chen vor mei­ner An­kunft in Pra­to fand dort ei­ne Pro­test­kund­ge­bung vor ei­nem Be­trieb statt, der re­gel­mäs­sig als Su­b­un­ter­neh­mer für ei­ne Fir­ma ar­bei­tet, die be­kann­te Mo­de­häu­ser mit Me­tall­pro­duk­ten be­lie­fert. Der chi­ne­si­sche Be­sit­zer hat­te ab­rupt den Be­trieb ein­ge­stellt, al­le Ar­bei­ter, mehr­heit­lich Se­ne­ga­le­sen, ent­las­sen und ih­nen den Lohn vor­ent­hal­ten. Der Mann wur­de in der Nä­he ent­deckt, in ei­nem an­de­ren Be­trieb, der ihm ge­hör­te, und er er­klär­te sich be­reit, ih­nen in der Werk­statt den Lohn aus­zu­be­zah­len. Die Ar­bei­ter kehr­ten zu­rück, der Ei­gen­tü­mer be­grüss­te sie am Ein­gang und bat sie, ei­nen Mo­ment zu war­ten, er wol­le das Geld ho­len. Er ver­schwand dann durch ei­nen Hin­ter­aus­gang und stieg dort in ein war­ten­des Au­to.

Nach die­ser slap­stick­haf­ten Far­ce emp­fahl die Ge­werk­schaft den Ar­bei­tern, öf­fent­lich zu pro­tes­tie­ren. Ei­ner der Teil­neh­mer er­zähl­te mir spä­ter, dass er nur 1200 Eu­ro mo­nat­lich be­kom­men ha­be, oh­ne So­zi­al- und Kran­ken­ver­si­che­rung, und al­le hät­ten in ei­nem un­ge­heiz­ten Raum ar­bei­ten müs­sen. Er er­in­ner­te sich, dass er an Pro­duk­ten für Un­ter­neh­men wie Fer­ra­ga­mo, Pra­da und Di­or ge­ar­bei­tet ha­be. Der Vor­ar­bei­ter ha­be ge­brüllt, sie soll­ten «schnel­ler, noch schnel­ler ar­bei­ten». (Of­fi­zi­ell er­hiel­ten die Ar­bei­ter ei­nen hö­he­ren Lohn, so wie es das Ge­setz vor­schreibt, aber laut ei­nem Ge­werk­schafts­ver­tre­ter muss­ten sie dem Be­sit­zer den «zu­sätz­li­chen» Be­trag zu­rück­er­stat­ten.) Die Werk­statt ist mitt­ler­wei­le still­ge­legt, die Ar­bei­ter ha­ben ih­ren Lohn nie be­kom­men. Aber ein Be­trieb im sel­ben Ge­bäu­de, das dem­sel­ben Chi­ne­sen ge­hört, ist wei­ter ak­tiv. Im Fe­bru­ar er­hielt die­ser Be­trieb vom sel­ben Su­b­un­ter­neh­mer ei­nen Auf­trag, 785 Cha­nel-gurt­schnal­len zu be­ar­bei­ten.

Mas­si­mo d’aze­glio, der pie­mon­te­si­sche Schrift­stel­ler und Po­li­ti­ker, soll nach der Ei­ni­gung Ita­li­ens 1861 aus­ge­ru­fen ha­ben: «Ita­li­en ha­ben wir ge­schaf­fen, nun müs­sen wir die Ita­lie­ner schaf­fen.» Doch bis vor Kur­zem hat kaum je­mand dar­an ge­dacht, dass man auch durch Ein­wan­de­rung Ita­lie­ner wer­den kann. Bei ei­ner der Raz­zi­en frag­te ich ei­ne Ita­lie­ne­rin, die als Dol­met­sche­rin fun­gier­te, war­um nicht Wenz­houa­ner als Dol­met­scher ein­ge­setzt wür­den: Dann wür­den die Ar­bei­ter ver­mut­lich be­reit­wil­li­ger ant­wor­ten und könn­ten nicht mehr in ih­rem hei­mat­li­chen Dia­lekt mit­ein­an­der spre­chen, den nicht ein­mal Hoch­chi­ne­sisch Spre­chen­de ver­ste­hen. Sie ant­wor­te­te un­be­küm­mert: «Weil wir Ita­lie­ner sind.»

Die Tos­ka­ner mö­gen sich der Il­lu­si­on hin­ge­ben, sie könn­ten sich von den Kräf­ten der Glo­ba­li­sie­rung ab­schot­ten, doch an­ge­sichts der im­mer kom­ple­xe­ren wirt­schaft­li­chen Be­zie­hun­gen zwi­schen Ita­li­en und Chi­na ist die­ses Trug­bild kaum noch auf­recht­zu­er­hal­ten. Das Pro-kopf-ein­kom­men in Wenz­hou ist heu­te das Hun­dert­fa­che des­sen, was es sei­ner­zeit be­trug, als die Emi­gra­ti­on nach Pra­to ein­setz­te. Die Fol­ge ist, dass die Loh­ner­war­tun­gen in den chi­ne­si­schen Fa­b­ri­ken in Pra­to stei­gen. Rei­se­bü­ro­be­sit­zer Ar­man­do Chang be­rich­te­te, dass nicht mehr so vie­le Chi­ne­sen kä­men. Manch ei­ner keh­re so­gar wie­der zu­rück. «In Wenz­hou kann man mehr Geld ver­die­nen», sag­te En­ri­co und wies dar­auf hin, dass er auf­grund der ge­stie­ge­nen Ein­kom­mens­er­war­tun­gen in Wenz­hou sei­nem chi­ne­si­schen Ma­na­ger mehr zah­le, als er ei­nem Ita­lie­ner zah­len wür­de.

Die chi­ne­si­sche Com­mu­ni­ty in Pra­to ent­wi­ckelt sich wei­ter. Vie­le Ein­wan­de­rer­kin­der, die seit ih­rer Ge­burt in Ita­li­en le­ben, in­ter­es­sie­ren sich für an­de­re Din­ge als die Tex­til- und Le­der­wa­ren­in­dus­trie. «Un­se­re Kids wol­len kei­ne Ta­schen an­fer­ti­gen», klag­te Ar­turo. Ei­ner sei­ner Freun­de be­stä­tig­te:

«Al­le wol­len jetzt an der Boc­co­ni stu­die­ren!» (Die Boc­co­ni ist ei­ne pri­va­te Eli­te­uni­ver­si­tät in Mai­land.) In dem net­ten chi­ne­si­schen Bis­tro «Ra­vio­li di Cris­ti­na» – Ita­lie­ner be­zeich­nen chi­ne­si­sche Teig­ta­schen als «chi­ne­si­sche Ra­vio­li» – lern­te ich die acht­zehn­jäh­ri­ge Chi­ne­sin Lui­sa ken­nen. Ihr Va­ter be­lie­fert chi­ne­si­sche Werk­stät­ten mit Kaf­fee­au­to­ma­ten. Die Pra­ten­ser Chi­ne­sen däch­ten nur ans Geld, sag­te sie, des­we­gen ha­be sie fast nur ita­lie­ni­sche Freun­de. Als der jun­ge chi­ne­si­sche Kell­ner, der mit ihr flir­te­te, sie auf ei­nen ko­rea­ni­schen Pop­song auf­merk­sam mach­te, emp­fahl sie ih­rer­seits ei­nen Song des New Yor­ker Du­os Chains­mo­kers. An ih­rer Schu­le, der Tech­ni­schen Ober­schu­le Tul­lio Buz­zi am öst­li­chen Rand von Pra­to, ge­be es nur we­ni­ge chi­ne­si­sche Schü­ler, des­halb – aber auch we­gen der Spe­zia­li­sie­rung auf tech­ni­sche Fä­cher – ha­be sie sich für die­se Schu­le ent­schie­den. «Am An­fang be­ach­ten ei­nen die an­de­ren nicht», sag­te sie. Doch mit der Zeit sind Freund­schaf­ten ent­stan­den. «Manch­mal hö­re ich noch im­mer ras­sis­ti­sche Sprü­che, sie nen­nen mich Gelb­ge­sicht, aber da la­che ich nur.»

Die Ita­lie­ne­rin De­bo­rah Sar­men­to, die in Pra­to ei­nen Nach­hil­fe­zir­kel ge­grün­det hat für chi­ne­si­sche Kin­der, de­ren El­tern von früh bis spät ar­bei­ten, sieht die Mi­gra­ti­ons­fra­ge ge­las­se­ner als vie­le ih­rer Nach­barn. Die Pra­ten­ser, sag­te sie, soll­ten sich auf ih­re Tra­di­ti­on be­sin­nen und zu­gleich von den Chi­ne­sen ler­nen. «Wir ha­ben im­mer wie­der un­ter Fremd­herr­schaft ge­lebt», sag­te sie. «Erst die Etrus­ker, dann die Lan­go­bar­den, dann die Flo­ren­ti­ner und die Spa­nier. Wir sind mit die­ser Si­tua­ti­on fer­tig ge­wor­den, weil wir uns un­se­rer Wur­zeln be­wusst wa­ren. Da ver­steht man erst rich­tig, was es heisst, aus Pra­to zu sein.»

Ei­ge­ne Ent­wür­fe

Sa­ra Lin, ei­ne 38-jäh­ri­ge Mo­de­de­si­gne­rin mit ei­ner blon­den Sträh­ne im schwar­zen Haar, ist eben­falls ein Sym­bol des Wan­dels. Mit sie­ben kam sie mit den El­tern nach Ita­li­en. Ihr Va­ter ar­bei­te­te in ei­nem Tex­til­be­trieb bei Mai­land, ih­re Mut­ter hat­te ei­ne Klei­der­fa­brik in der Tos­ka­na. Zu­erst war Sa­ra ver­wirrt: «Die Ita­lie­ner sa­hen für mich al­le gleich aus. Man konn­te ih­re Ge­sich­ter nicht un­ter­schei­den.» Doch sie ge­wöhn­te sich rasch ein und war in der Schu­le er­folg­reich, auch weil sie gut in Ma­the­ma­tik war. Als Te­enager kehr­te sie für zwei Jah­re nach Chi­na zu­rück, um ihr Chi­ne­sisch zu ver­bes­sern und die Kul­tur ken­nen zu ler­nen. Sie fühl­te sich nicht wohl: «Die Ge­sell­schaft war ras­sis­ti­scher als hier!»

Nach dem Schul­ab­schluss ging sie in die Mo­de­in­dus­trie. Spä­ter fer­tig­ten sie und ihr Mann Ta­schen für Va­len­ti­no und Guc­ci an. Doch sie woll­te mehr – sie woll­te ih­re ei­ge­nen Ent­wür­fe ma­chen. 2008 er­warb sie die Rech­te an der einst be­rühm­ten Flo­ren­ti­ner Hand­ta­schen­mar­ke Des­mo. «Zu­erst stiess ich auf viel Wi­der­stand bei den Flo­ren­ti­nern.» Aber ge­mein­sam mit ei­nem ita­lie­ni­schen Ge­schäfts­part­ner ge­lang es ihr, Ta­schen zu kre­ieren, die ein paar Hun­dert Dol­lar kos­ten. (Auf der Web­site von Des­mo heisst es, dass die Ta­schen «Ma­de in Tu­sca­ny» sind und von Ex­per­ten an­ge­fer­tigt wer­den.) Spä­ter hat­te Lin ei­ne noch ehr­gei­zi­ge­re Idee – ei­ne «zu­sam­men­setz­ba­re Hand­ta­sche», die «Pop Bag». Man nimmt ver­spiel­te Kom­po­nen­ten – Vor- der­sei­te, Rück­sei­te, ver­stell­ba­re Rie­men usw. – und baut sich sei­ne ei­ge­ne Ta­sche. Die Far­be der ein­zel­nen Tei­le kann man wäh­len. Es ist ei­ne mo­der­ne amü­san­te Va­ri­an­te des­sen, was vie­le an­de­re Chi­ne­sen in Pra­to ma­chen: Ta­schen zu­sam­men­bau­en.

Sa­ra sag­te, sie ver­bin­de die Hart­nä­ckig­keit der Chi­ne­sen – «Als ich vor neun­zehn Jah­ren schwan­ger war, stand ich mit­tags in der Werk­statt, und um drei be­kam ich das Ba­by» – mit der Fle­xi­bi­li­tät der Ita­lie­ner. Von Chi­na ha­be sie die Dis­zi­plin, Ita­li­en bie­te ihr die Frei­heit, sich zu ver­wirk­li­chen. «In Chi­na ist es so: Was ein Mann mit ei­nem Wort er­reicht, da­für braucht ei­ne Frau fünf Wör­ter. In Chi­na braucht ei­ne Frau sehr viel Wil­lens­stär­ke und Ener­gie. In Ita­li­en ist es um­ge­kehrt: Ei­ne Frau, ein Wort. Ein Mann, fünf Wör­ter.»

2016 er­öff­ne­te sie in der Via Cali­ma­la in Flo­renz ih­ren ers­ten Pop Bag Shop. Und vor ein paar Wo­chen er­öff­ne­te sie ei­nen klei­nen La­den im Ti­me War­ner Cen­ter in New York. Ur­sprüng­lich hat­te sie sich et­was ähn­lich Schi­ckes vor­ge­stellt wie in Flo­renz, aber Man­hat­tan ist weit ent­fernt von Pra­to, und Sa­ra Lin ist ei­ne kühl rech­nen­de Un­ter­neh­me­rin. Ih­re Pop Bags wer­den auch in Chi­na ver­kauft. Auf mei­ne Fra­ge, ob ihr zu­gu­te­kom­me, dass sie in Chi­na ge­bo­ren ist, sag­te sie nur: «Ich weiss es nicht. Wir ha­ben das noch nicht un­ter­sucht.»

Die Chi­ne­sen ka­men zum Ar­bei­ten nach Nord­ita­li­en, heu­te be­sit­zen sie Klei­der­fa­bri­ken.

In Pra­to le­ben 200000 Men­schen – je­der Zehn­te mit ei­nem chi­ne­si­schen Pass.

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