EIN TAG IM LE­BEN

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ei­ner glück­li­chen As­sis­ten­tin

Am ers­ten Ar­beits­tag nach drei Mo­na­ten in Mit­tel­ame­ri­ka klin­gel­te mein Han­dy, doch ich ver­pass­te den An­ruf. Am Abend hör­te ich die Com­box ab. Alec von Graf­fen­ried, frisch ge­wähl­ter Stadt­prä­si­dent von Bern, Kan­di­dat der Grü­nen Frei­en Lis­te, woll­te mich spre­chen. Vor mei­ner Rei­se ar­bei­te­te ich als Pro­jek­tas­sis­ten­tin bei der­sel­ben Bau­fir­ma wie er, da­her kann­te ich ihn. Den­noch war ich über­rascht. Ich rief zu­rück. Er sag­te, er brau­che ei­ne As­sis­ten­tin, ich sol­le mich be­wer­ben. Ihn wür­de es sehr freu­en, wenn ich sei­ne As­sis­ten­tin wür­de, weil er wis­se, dass wir gut zu­sam­men­ar­bei­ten. Und für ihn sei es ge­nau­so ei­ne neue Her­aus­for­de­rung wie für mich.

Viel Zeit zu ent­schei­den blieb mir nicht. Der Stel­len­an­tritt war ab so­fort – lan­ge wür­de die an­de­re As­sis­ten­tin im Ge­ne­ral­se­kre­ta­ri­at die Ar­beit nicht mehr al­lein be­wäl­ti­gen kön­nen. Ich schlief ei­ne Nacht dar­über, dann be­warb ich mich. Sechs Wo­chen spä­ter sass ich im Er­la­cher­hof in der Ber­ner Alt­stadt im Vor­zim­mer des Stadt­prä­si­den­ten.

Ge­gen­über der Bau­fir­ma hat­te ich zwar ein schlech­tes Ge­wis­sen. Aber so ei­ne Chan­ce hat man nicht al­le Ta­ge, und nach­tra­gend war nie­mand.

Das Bü­ro ist wun­der­schön, mit ho­hen De­cken, Par­kett, Blick auf ei­nen Gar­ten und die Aa­re. Ich füh­re die Agen­da des Stadt­prä­si­den­ten. Klingt ein­fach, ist schwie­rig. Alecs Wo­che be­ginnt am Mon­tag um 8 Uhr und dau­ert bis am Frei­tag um 21 Uhr. Je­den Abend hat er An­läs­se oder Sit­zun­gen, häu­fig auch am Wo­che­n­en­de. Ich muss ab­schät­zen, was Prio­ri­tät hat. Als er An­fang 2017 neu im Amt war, ver­such­te er, mög­lichst al­le Ein­la­dun­gen an­zu­neh­men. Aber er hat in­zwi­schen ge­lernt, dass das un­mög­lich ist und er nicht gleich­zei­tig über­all sein kann. Nach zwei Mo­na­ten hat­te ich Mit­leid mit ihm und plan­te ihm ei­nen frei­en Abend ein. Dar­auf­hin mein­te er, dass dies nicht nö­tig sei, er ar­bei­te gern.

Ich be­ar­bei­te auch sei­ne Brie­fe und EMails, manch­mal Hun­der­te pro Tag, be­grüs­se sei­nen Be­such, ko­or­di­nie­re, wer Re­den schreibt, le­ge Un­ter­la­gen be­reit. Es sind ei­ne Men­ge Auf­ga­ben, aber ich kann gut or­ga­ni­sie­ren. Das ha­be ich ge­lernt, als ich Geo­gra­fie­stu­di­um, Ne­ben­job und fünf Hand­ball­trai­nings pro Wo­che un­ter ei­nen Hut brin­gen muss­te.

Ich mag es, dass im­mer et­was los ist und ich An­lauf­stel­le für al­les bin. Sel­ber Po­li­ti­ke­rin zu sein, reiz­te mich da­ge­gen nie. Ich füh­le mich wohl mit mei­ner Rol­le im Hin­ter­grund. Doch ich fin­de es sehr in­ter­es­sant, hin­ter die Ku­lis­sen zu bli­cken. Ob­wohl ich in mei­ner Funk­ti­on nicht an Sit­zun­gen, Dis­kus­sio­nen und der­glei­chen teil­neh­me, be­kom­me ich mit, wel­che Ge­schäf­te ak­tu­ell sind, und ler­ne die po­li­ti­schen Ab­läu­fe ken­nen. Die­se dau­ern oft­mals Mo­na­te, zum Bei­spiel schon nur das Auf­stel­len ei­ner Weih­nachts­tan­ne auf dem Bahn­hof­platz. Mit­un­ter muss es aber auch sehr schnell ge­hen – et­wa dann, wenn De­mons­tra­tio­nen statt­fin­den und al­le Me­di­en so­fort ei­ne Stel­lung­nah­me vom Stadt­prä­si­den­ten wol­len. Oder wenn ein Pro­mi ei­ne Son­der­be­wil­li­gung für­ei­nen­startspät­nachts­vom­flug­ha­fen­bernBelp braucht. Letz­te­res ist al­ler­dings die Aus­nah­me.

Ein we­nig wie bei den Royals wäh­ne ich mich, wenn ich den Chauf­feur des Di­enst­wa­gens be­stel­le. Das ist aber nur sel­ten der Fall, weil Alec meis­tens mit dem Ve­lo fährt. Als Stadt­prä­si­dent ist er eher der be­son­ne­ne Ver­mitt­ler, kein gros­ser Sprü­che­klop­fer, aber das war er auch frü­her nicht. Ich wä­re er­staunt ge­we­sen, hät­te das Amt ihn ver­än­dert. Er kommt fast je­den Mor­gen mit ei­nem La­chen ins Bü­ro und be­dankt sich oft für un­se­re Ar­beit, selbst bei klei­nen Din­gen.

Zwar rad­le ich am Abend mit vol­lem Kopf nach Hau­se. Aber im­mer glück­lich, die Her­aus­for­de­rung an­ge­nom­men zu ha­ben. Ei­ne ge­naue Vor­stel­lung von mei­ner be­ruf­li­chen Zu­kunft ha­be ich nicht. Ich glau­be, wenn man of­fen und neu­gie­rig ist, kommt das Rich­ti­ge zu ei­nem.

FA BIENNE Z UR BU­CHEN (30) dach­te nie an ei­nen Job in der Po­li­tik. Bis sie ei­nen An­ruf des Ber­ner Stadt­prä­si­den­ten be­kam.

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