MAX KÜNG

Das Magazin - - Contents - M a x K ü ng M A X K Ü NG ist Re­por­ter bei «Das Ma­ga­zin»; Il­lus­tra­ti­on SATOSHI H A SHIMOTO

Lie­ber Herr Leu­pi

Sie sind Grü­nen-po­li­ti­ker, Stadt­rat in Zü­rich und ha­ben als Pri­vat­mensch ei­ne Fünf­ein­halb­zim­mer­woh­nung zur Ver­mie­tung aus­ge­schrie­ben, für 5080 Fran­ken inkl. Ne­ben­kos­ten u. Gar­ten­sitz­platz – des­halb steht nun Ih­re Moral bzw. Ih­re Glaub­wür­dig­keit auf dem Prüf­stand, da Sie sich po­li­tisch ja stark für das So­zia­le ein­set­zen. Da passt ei­ne Woh­nung schlecht ins Bild, für die man min­des­tens 15000 Fran­ken Mo­nats­ein­kom­men mit­brin­gen soll­te. Und ich den­ke, was die meis­ten re­flex­ar­tig den­ken: Al­so ich könn­te mir die Woh­nung nicht leis­ten. Aber ich den­ke auch: Wer bin ich schon?

Da­mals, als Sie ge­wählt wur­den mit ei­nem Glanz­re­sul­tat, da kam ei­ne der 59082 Stim­men von mir. Aber die­se ei­ne Stim­me be­kom­men Sie in Zu­kunft nicht mehr. Nicht, weil Sie ei­ne Woh­nung für viel Geld ver­mie­ten wol­len, nein, das ist Ihr gu­tes Recht. Von mir aus kön­nen Sie die Woh­nung auch für 59082 Fran­ken im Mo­nat ver­mie­ten, Sie kön­nen so viel ver­lan­gen, wie Sie wol­len. Wenn Sie je­man­den fin­den, der so viel be­zah­len will, um in Zü­rich-wol­lis­ho­fen zu le­ben, in ei­ner Par­terre­woh­nung mit dem Haus­be­sit­zer dar­über hau­send, dann ha­ben Sie das Geld auch ver­dient, und ich sag­te: Cha­peau, Mon­sieur Leu­pi!

Nein, mei­ne Stim­me be­kom­men Sie nicht mehr, weil ich das In­se­rat ge­se­hen ha­be und dort ein Fo­to von dem Haus, in dem die­se Woh­nung liegt. Das Haus ist in je­nem Rot­ton ge­stri­chen, der mich im­mer zur Weiss­glut treibt, wenn ich ihn an den Fas­sa­den se­he, et­wa beim Güm­me­len übers Land, die­sen bünz­li­gen Rot­ton, der schwer zu be­schrei­ben ist; als hät­te man zu viel Lachs ge­ges­sen und auch noch Rot­wein ge­trun­ken, und dann kam al­les wie­der hoch, an das er­in­nert mich der Farb­ton – vor al­lem aber ist er ein­fach gru­sig. Gruu­sig! Gruuu­sig!

Ich fra­ge mich: Sie sind doch ein Grü­ner, war­um ha­ben Sie das Haus dann nicht grün an­ma­len las­sen? Grün wirkt – es ist be­kannt – har­mo­ni­sie­rend und aber auch be­le­bend. Und es gibt so vie­le schö­ne Grün­tö­ne. Sal­bei­grün et­wa ist die Trend­far­be des Jah­res. Licht­grün er­in­nert an die glück­lich ma­chen­den Bli­cke in die mil­chig-trü­ben Stau­se­en wäh­rend herr­li­cher Wan­de­run­gen durch die Al­pen­welt. Mai­grün et­wa ist saf­tig, wie zar­te Bu­chen­blät­ter es sind. Oder Oliv­grün, bei dem man so­fort an ei­nen schat­ti­gen Apé­ro in den son­nen­heis­sen Som­mer­fe­ri­en in Li­gu­ri­en den­ken muss. Ei­ner mei­ner Lieb­lings­grün­tö­ne üb­ri­gens ist das bri­ti­sche «Bre­ak­fast Room Gre­en»; hät­ten Sie Ihr Haus so ge­stri­chen, ich sa­ge Ih­nen, das wä­re so schön ge­wor­den, Sie hät­ten je­den Mor­gen Lust, im ei­ge­nen Heim zu früh­stü­cken.

Ich ha­be die Fo­tos in Ih­rem In­se­rat lan­ge stu­diert und sie auch ei­nem be­freun­de­ten Ar­chi­tek­ten ge­zeigt, der bald den Kopf schüt­tel­te und mein­te, es sei kein schö­ner Um­bau ge­wor­den, nein, ganz und gar nicht. Er sprach von «zwang­haf­ter Ver­dich­tung», zu­dem sei die Woh­nung ein­deu­tig auf Op­ti­mie­rung und al­so Ren­di­ten­ma­xi­mie­rung ge­trimmt, al­so mit der schein­bar gros­sen Kel­le an­ge­rührt, mit Blick auf mög­li­che ho­he Miet­ein­nah­men, aber auf ei­ne äs­t­he­tisch ent­täu­schend an­spruchs­lo­se und vi­si­ons­ar­me Wei­se, so­dass sich der aus­füh­ren­de Ar­chi­tekt durch­aus da­für schä­men dür­fe. Die Aus­zeich­nung «Gol­de­ner Ha­se» der Ar­chi­tek­tur­zeit­schrift «Hoch­par­terre» wirds al­so wohl nicht ge­ben für Ih­ren Um­bau.

Und noch ein Tipp, zum Aus­rei­zen des mo­ne­tär Hol­ba­ren: Auf ei­nem Fo­to Ih­res Woh­nungs­in­se­ra­tes ist die Kü­che zu se­hen und dort ein un­ter dem Herd ver­bau­ter Back­ofen. Das ist schlecht, denn die Frau von heu­te – re­spek­ti­ve die Frau im Mann von heu­te –, sie ver­langt nach oben lie­gen­den Öfen, so­dass man den Bra­ten, oh­ne sich zu bü­cken, rein­schie­ben kann. So ist es heu­te scheints Stan­dard im ge­ho­be­nen Be­reich. Und so­wie­so: Ein Lift wä­re auch su­per ge­we­sen, um er­trags­mäs­sig noch ein Stock­werk hö­her zu fah­ren. Ich weiss, die Woh­nung ist Par­terre, aber egal – ein Lift kommt im­mer gut an bei Leu­ten, die Geld ha­ben, denn sie nei­gen zur Be­quem­lich­keit. Es braucht ihn zwar nicht, aber: Was braucht man denn schon wirk­lich im Le­ben? Eben.

Mit ver­dich­te­ten Grüs­sen: Max Küng

PS Song zum The­ma: «Gre­en» von Ken Nor­di­ne vom Al­bum «Co­lors», 1966. Oder, et­was we­ni­ger in­tel­lek­tu­ell: «Tut­to Ne­ro» von Ca­te­ri­na Ca­sel­li, auch 1966.

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