HANS UL­RICH OBRIST

Das Magazin - - Contents - Hans Ul­rich Obrist HANSULRICH OBRIST ist künst­le­ri­scher Di­rek­tor der Ser­pen­ti­ne Gal­le­ries in Lon­don.

über Ri­tua­le

In letz­ter Zeit hö­re ich stän­dig das Wort «Ri­tu­al». Mir er­zäh­len Men­schen von ih­ren Ess­ri­tua­len und Auf­steh­ri­tua­len, ich le­se bei So­zio­lo­gen über Dis­tink­ti­ons­ri­tua­le, und auch für His­to­ri­ker be­steht die Welt seit ein paar Jah­ren nicht mehr aus Dis­kur­sen, son­dern aus Ri­tua­len. Sie al­le stos­sen bei mir auf of­fe­ne Oh­ren, denn ich war schon im­mer ein Freund des Ri­tu­als. Ich pfle­ge de­ren ja meh­re­re: im­mer den ers­ten Flug des Ta­ges neh­men, je­den Mor­gen ein paar Sei­ten des­sel­ben Au­tors le­sen, je­den Tag ein Buch kau­fen, in Ve­ne­dig bei je­dem Be­such zu­erst in ein ganz be­stimm­tes An­ti­qua­ri­at ge­hen, und auch, dass ich so oft das Wort «Ri­tu­al» sa­ge, ist schon ein Ri­tu­al. Dass ich es so oft hö­re, ist hin­ge­gen neu. Und so ha­be ich mich zum ers­ten Mal ge­fragt, was genau ein Ri­tu­al denn ei­gent­lich ist.

Mein ers­ter in­ten­si­ver Kon­takt mit dem Wort kam durch die Lek­tü­re von Mar­ga­ret Me­ad, der ame­ri­ka­ni­schen Eth­no­lo­gin. In ih­ren Stu­di­en, et­wa je­ner bahn­bre­chen­den mit dem Ti­tel «Co­m­ing of Age in Sa­moa», hat sie das Le­ben von Men­schen in den un­ter­schied­lichs­ten Kul­tu­ren der Süd­see ana­ly­siert und de­ren Ta­ges­ und Jah­res­ab­lauf als ei­ne An­ein­an­der­rei­hung von Ri­tua­len be­schrie­ben. Ri­tua­le sind bei ihr Hand­lun­gen, die nach ei­nem mehr oder we­ni­ger fes­ten Mus­ter und nach zu­meist un­ge­schrie­be­nen, doch ver­bind­li­chen Re­geln ge­sche­hen. In­ter­es­san­ter­wei­se hat die Wis­sen­schaft jen­seits der Eth­no­lo­gie dann noch ei­ne Wei­le ge­braucht, bis sie fest­stell­te, dass auch Eu­ro­pä­er ein Le­ben nach fes­ten Re­geln füh­ren. Mit die­sem Sicht­wan­del hat sich auch die Be­wer­tung des Ri­tu­als ge­wan­delt. Galt es lan­ge Zeit als pri­mi­tiv, weil die Hand­lung qua­si au­to­ma­ti­siert aus­ge­führt wird, hat sich das Ri­tu­al in­zwi­schen in Rich­tung Hoch­kul­tur be­wegt (man den­ke nur an all die Bi­en­na­len oder die Salz­bur­ger Fest­spie­le).

Ich ha­be Ri­tua­le schon im­mer als et­was Po­si­ti­ves und Freu­di­ges emp­fun­den. Wür­de ich nicht je­den Tag ein Buch kau­fen – was hät­te ich nicht al­les ver­passt! In die schöns­ten Wor­te ge­klei­det hat das Ri­tu­al aber der Ar­chi­tekt Ja­mes Wi­nes, als ich mit ihm neu­lich durch New Yorks Stras­sen lief und er mir von ame­ri­ka­ni­schen Ein­kaufs­ri­tua­len er­zähl­te. Er sag­te: «Ri­tua­le la­den Men­schen da­zu ein, et­was zu tun, oh­ne ih­nen et­was vor­zu­schrei­ben.» Man kann sich in sie ver­sen­ken, wenn sie ge­fal­len, man kann es aber auch sein las­sen. Es ist wie mit den Bil­dern ei­ner Aus­stel­lung.

Auch ein Ri­tu­al: Wenn der ja­pa­ni­sche Künst­ler On Ka­wa­ra zum Pin­sel griff, mal­te er das Da­tum des Ta­ges – sein Le­ben lang.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.