NI­K­LAUS PE­TER

Das Magazin - - Contents - Ni­k­laus Pe­ter NI­K­LAUS PE­TER ist Pfar­rer am Frau­müns­ter in Zü­rich.

über Af­fen im Spie­gel

«Ein Buch ist ein Spie­gel, wenn ein Af­fe hin­ein­guckt, so kann frei­lich kein Apos­tel her­aus se­hen», schreibt Ge­org Chris­toph Lich­ten­berg. Er will mit die­sem Apho­ris­mus gu­te Bü­cher ge­gen blö­de Le­ser ver­tei­di­gen, hat er nicht recht? Aber er tut es auf Kos­ten der Af­fen, die mit blö­den Le­sern ei­gent­lich nichts zu schaf­fen ha­ben. Und lei­der, so muss man sa­gen, ist die­se Ab­wer­tung un­se­rer evo­lu­tio­när re­la­tiv na­hen Ver­wand­ten ei­ne schlech­te An­ge­wohn­heit, die im All­tag und in der Li­te­ra­tur im­mer wie­der vor­kommt: «Nach­äf­fen» sagt man, wenn man auf un­wür­di­ges Imi­tie­ren stösst. Und von Lud­wig Tiecks Thea­ter­fan­ta­sie, in der zum Gau­di­um ei­nes bür­ger­li­chen Pu­bli­kums ein Orang-utan mit ei­ner hö­he­ren Toch­ter ver­mählt wird, bis hin zu Ma­ni Mat­ters an sich wun­der­ba­rem Lied «Hem­mi­ge», in dem der Un­ter­schied von Mensch und «Schim­pans» dar­in ge­se­hen wird, dass «mir Hem­mi­ge hei» – im­mer müs­sen die Af­fen auf ei­ne et­was un­fai­re Art den Kür­ze­ren zie­hen. Wo­bei man ge­ra­de beim The­ma Se­xu­al­ver­hal­ten und mit ei­nem Sei­ten­blick auf Har­vey Wein­stein, Strauss-kahn, Trump & Co. sa­gen muss, dass Af­fen mit ih­rem so­li­den In­stinkt und di­rekt ver­ka­bel­ten Hem­mun­gen ein ge­ra­de­zu vor­bild­li­ches Paa­rungs­ver­hal­ten zei­gen.

Es gibt aber un­ter den li­te­ra­ri­schen Spie­geln auch löb­li­che Aus­nah­men, und das gross­ar­tigs­te Bei­spiel für mich ist Franz Kaf­kas «Be­richt für ei­ne Aka­de­mie». Dar­in be­rich­tet ei­ner über sein «äf­fi­sches Vor­le­ben», das mit dem Trau­ma be­ginnt, dass sei­ne Mut­ter in Afri­ka ge­tö­tet wird, er selbst als Af­fen­kind von ei­ner «Jagd­ex­pe­di­ti­on» ge­fan­gen und in ei­nem Kä­fig nach Eu­ro­pa ver­schifft wird. Und noch auf der Über­fahrt spürt er: Mei­ne ein­zi­ge Ret­tung könn­te es sein, Ar­tist im Zir­kus zu wer­den! Dies ge­lingt, das Af­fen­büb­chen wird im «Va­rié­té» «zi­vi­li­siert», ar­bei­tet sich hoch und wird zu gu­ter Letzt sel­ber er­folg­rei­cher Zir­kus­di­rek­tor. Die­sen Zi­vi­li­sie­rungs­pro­zess be­schreibt Kaf­ka mit küh­ler und doch an­teil­neh­men­der Prä­zi­si­on als Lei­dens- und (durch­aus am­bi­va­len­ten) An­pas­sungs­weg.

Sol­cher­art Lek­tü­re bringt uns ins Nach­den­ken dar­über, in­wie­fern Kul­tur und Zi­vi­li­sa­ti­on auch et­was mit Ge­walt und Macht des Stär­ke­ren zu tun ha­ben. Wenn der Af­fe aus dem Spie­gel die­ses Bu­ches her­aus­schaut, so se­hen wir ein Mit­ge­schöpf und ei­nen Lei­dens­ge­nos­sen.

Es freut mich na­tür­lich, dass es zwar nicht ge­ra­de­zu ein Apos­tel, aber doch ein ge­stan­de­ner Dich­ter­pfar­rer war, näm­lich der vor knapp an­dert­halb Jah­ren ver­stor­be­ne Kurt Mar­ti, der Sen­si­bi­li­tät zeig­te und in sei­nem «Klei­nen Bes­tia­ri­um» no­tier­te: «Wer weiss denn schon, ob Tie­re in Tier­parks oder in Zoo­lo­gi­schen Gär­ten nicht viel­leicht glau­ben, in ei­nem Men­schen­park oder ei­nem an­thro­po­lo­gi­schen Gar­ten zu sein? Auch glau­ben wir, dass z. B. die Af­fen uns, die Af­fen mög­li­cher­wei­se je­doch, dass wir sie nach­ah­men. Ah! Und erst ein Go­ril­la: hockt phi­lo­so­phisch da, kratzt sich ab und zu, be­trach­tet die Leu­te vor sei­nem Kä­fig und scheint zu den­ken: Ja, schaut nur her, auch ich bin ein Teil eu­rer Ge­schich­te!»

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