NI­NA KUNZ

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über FOMO, die Angst, et­was zu ver­pas­sen

Der mo­der­ne Mensch ist be­ses­sen da­von, sei­ne Zeit op­ti­mal zu nut­zen. Er will al­les aus sei­ner knap­pen Zeit raus­ho­len und packt sei­ne Ta­ge dar­um so voll, wie es nur geht. Sein Es­sen be­stellt er on­line, da­mit er kei­ne Zeit an der Co­op-kas­se ver­geu­det, im Zug hört er Pod­casts, um nicht ein­fach aus dem Fens­ter zu schau­en, und sei­ne Work-life-ba­lan­ce ist streng durch­ge­tak­tet von Ti­me-ma­nage­ment-apps wie «30/30» oder «IFTTT». So hetzt er von ei­nem Er­eig­nis zum nächs­ten – aus Angst, das Le­ben könn­te un­ge­nutzt an ihm vor­bei­zie­hen.

In an­dern Wor­ten: Der mo­der­ne Mensch lei­det an FOMO – der fe­ar of mis­sing out: Man kleis­tert sich den All­tag mit Ter­mi­nen zu, bucht aus­ge­fal­le-

ne Wee­kend­trips, scrollt sich al­le fünf Mi­nu­ten durch den Twit­ter-feed und wird chro­nisch un­ru­hig, weil man trotz all des Ef­forts fürch­tet, im Le­ben ir­gend­was zu ver­pas­sen. Die­ses ner­vö­se Her­um­wu­seln hat zu­min­dest in mei­nem Um­feld da­zu ge­führt, dass im­mer mehr Mit­men­schen ei­ne rich­ti­ge Ob­ses­si­on ent­wi­ckelt ha­ben, ih­re – so ver­dammt be­schränk­te – Zeit «rich­tig» zu nut­zen. Doch: Wie kom­men wir über­haupt dar­auf, wir hät­ten zu we­nig Zeit? Und war­um ha­ben wir trotz idea­lem Ti­me-ma­nage­ment nicht mehr da­von?

Dar­über hat sich auch der (in Ber­lin le­ben­de) Phi­lo­soph Byung-chul Han Ge­dan­ken ge­macht – und er kommt zu fol­gen­dem Schluss: Da das Le­ben in der Post­mo­der­ne nicht mehr durch ein Leit­nar­ra­tiv, et­wa die Re­li­gi­on, vor­be­stimmt wird, müs­sen wir uns den Sinn selbst ge­ben. Des­halb (und weil wir tat­säch­lich vie­le Frei­hei­ten ha­ben) zap­pen wir uns durch «Le­bens­op­tio­nen»: Wir ru­hen nicht im Hier, son­dern sind im­mer zu ei­nem Dort un­ter­wegs. Dies gibt uns das Ge­fühl, die Zeit sei ein er­bar­mungs­lo­ser Sog nach vor­ne. Denn im Ge­hetzt­sein zer­fällt das Jetzt zu ei­ner flüch­ti­gen «Ab­fol­ge von Ge­gen­war­ten». Oder ein­fa­cher ge­sagt: Wir ver­ges­sen, dass Fül­le nicht das­sel­be ist wie Er­fül­lung und dass ei­ne lan­ge Auf­zäh­lung von Er­eig­nis­sen noch kei­ne span­nen­de (Le­bens-)ge­schich­te ist.

Der Phi­lo­soph meint al­so, wir emp­fän­den die Zeit als im­mer ra­scher fort­stür­zend, weil wir sie mit un­se­rer Hy­per­ak­ti­vi­tät ato­mi­sie­ren: «Die Ge­gen­wart ist nur ein über­gangs punkt. Nichts ist. Al­les wird.» Wenn wir mit dem Kopf al­so stets beim nächs­ten Punkt auf der To-do-lis­te sind, ha­ben wir gar nichts vom au­gen­blick­li­chen Mo­ment. Der Phi­lo­soph at­tes­tiert, wir hät­ten das Ver­wei­len, die Kon­tem­pla­ti­on ver­lernt. Die Zeit zer­rinnt uns zwi­schen den Fin­gern, weil wir sie je­der Dau­er be­raubt ha­ben. In un­se­rem Wahn, die Zeit ef­fi­zi­ent zu nut­zen, wer­den wir zu tö­rich­ten Zeit-ver­nich­tern: «Wird aus dem Le­ben je­des be­schau­li­che Ele­ment aus­ge­trie­ben (…) er­stickt der Mensch im ei­ge­nen Tun.» Das tönt erst ein­mal grau­en­haft – doch das Gu­te dar­an ist, dass es für die FOMo-lei­den­den end­lich ein Heil­re­zept gibt: Ein­fach die To-do-lis­ten zer­reis­sen, nichts tun und ab­war­ten, bis die Zeit wie­der an Wei­te ge­winnt.

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