PHIL­IPP LO­SER

Das Magazin - - Contents - PhIL­IPP Lo­ser PHIL­IPP LO­SER ist «Ma­ga­zin»-ko­lum­nist und Re­dak­tor des «Ta­ges-an­zei­gers».

über ver­lo­re­ne Jah­re im Par­la­ment

Elf Uhr mor­gens im Bun­des­haus. Die Män­ner aus der Ro­man­die, Ge­schäfts­män­ner, sehr reich, im Ne­ben­amt Na­tio­nal­rä­te, be­stel­len die ers­te Stan­ge Bier. Ma­chen sie wäh­rend der Ses­si­on re­gel­mäs­sig. Die Ab­ge­ord­ne­te aus Zü­rich ge­niesst Son­ne und Al­pen­pan­ora­ma auf der hüb­schen Rau­cher­ter­ras­se. Der Stän­de­rat aus der In­ner­schweiz führt sei­ne Turn­er­grup­pe durch die Hal­len des ho­hen Hau­ses. Sel­fie-ti­me.

Wer wäh­rend der Som­mer­ses­si­on ei­nen Mor­gen im Bun­des­haus ver­bringt, in der Wan­del­hal­le oder auf der Be­su­cher­tri­bü­ne, der­kannz­um­schluss kom­men, dass in Bern ein über­di­men­sio­nier­tes Klas­sen­la­ger statt­fin­det. Auf je­den Fall ma­chen nicht al­le Par­la­men­ta­rie­rin­nen und Par­la­men­ta­ri­er den Ein­druck, sich wäh­rend der Be­ra­tun­gen der eid­ge­nös­si­schen Rä­te an den Rand ei­nes Burn-outs zu schuf­ten.

Es sei ih­nen zu gön­nen. Wenn die Po­li­ti­ker zu­sam­men­kom­men, ha­ben sie die har­te Ar­beit im bes­ten Fall be­reits hin­ter sich. Zä­he Kom­mis­si­ons­sit­zun­gen oh­ne Pu­bli­kum, da­für mit Ber­gen von Pa­pier. Kom­pli­zier­te Ma­te­rie, De­tail­fra­gen, Än­de­rungs­an­trä­ge, Be­schlüs­se. Und das dau­ert! Sie­ben vol­le Ta­ge beug­ten sich die Mit­glie­der der na­tio­nal­rät­li­chen Rechts­kom­mis­si­on bei­spiels­wei­se über die Ak­ti­en­rechts­re­vi­si­on, die nächs­te Wo­che im Na­tio­nal­rat be­ra­ten wird.

Ein­ge­brockt hat sich das Par­la­ment die Ar­beit sel­ber. Die Volks­ver­tre­ter hat­ten es ver­säumt, ei­nen taug- li­chen Ge­gen­vor­schlag zur Ab­zo­cker­initia­ti­ve vor­zu­le­gen. Nach­dem die Initia­ti­ve im März 2013 an­ge­nom­men wur­de, wie­sen die Rä­te die Ak­ti­en­rechts­re­vi­si­on, mit der sie sich da­mals schon mehr als fünf Jah­re be­schäf­tig­ten, an den Bun­des­rat zu­rück. Er soll­te die Ab­zo­cker­re­ge­lung in die Vor­la­ge ein­bau­en. Die Ar­beit am Mons­ter na­mens Ak­ti­en­recht be­gann von vor­ne.

Wie­der ar­bei­te­ten die Po­li­ti­ker. Wie­der jah­re­lang. Und die­ses Mal so­gar er­folg­reich. Die Rechts­kom­mis­si­on hat nicht nur die Ab­zo­cker­initia­ti­ve in das neue Ak­ti­en­recht ein­ge­baut, sie hat in der gi­gan­ti­schen Vor­la­ge gleich noch ei­nen taug­li­chen Ge­gen­vor­schlag zur Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve plat­ziert. Ei­nen ech­ten Kom­pro­miss!

Mit der Initia­ti­ve, die gros­sen Rück­halt in der Be­völ­ke­rung ge­niesst, sol­len Schwei­zer Fir­men ver­pflich­tet wer­den, Um­welt- und Men­schen­rechts­stan­dards auch im Aus­land ein­zu­hal­ten. Der Ge­gen­vor­schlag weicht das An­lie­gen ex­akt nur so stark auf, dass die Initi­an­ten – rund hun­dert NGOS und Hilfs­wer­ke – ih­re Vor­la­ge zu­rück­zie­hen kön­nen, oh­ne das Ge­sicht zu ver­lie­ren.

O sel­te­ne Stern­stun­de des hie­si­gen Par­la­men­ta­ris­mus! Doch lei­der ist die Ge­schich­te da­mit nicht zu En­de: Po­li­ti­ker von FDP, CVP und SVP wol­len den von der Kom­mis­si­on er­ar­bei­te­ten Ge­gen­vor­schlag zur Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve durch­fal­len las­sen. Auch die sehr wei­che Frau­en­quo­te für Un­ter­neh­men ab 250 Mit­ar­bei­ter – eben­falls Teil der ge­sam­ten Ak­ti­en­rechts­re­vi­si­on – hat bei den Rech­ten ei­nen schwe­ren Stand. Im Um­feld von Eco­no­mie­su­is­se will man so­gar noch wei­ter­ge­hen: Wirt­schafts­ver­tre­ter drän­gen mit im­mer grös­se­rer Ve­he­menz dar­auf, auf die ein­zel­nen Ge­schäf­te nicht ein­zu­tre­ten und die Ak­ti­en­rechts­re­vi­si­on schon vor Be­ginn der De­bat­te als Gan­zes zu ver­sen­ken. Ei­ne Stra­te­gie, die im Bun­des­haus er­staun­lich gros­sen Zu­spruch fin­det.

Mit ei­ner ein­zi­gen Ab­stim­mung kön­nen die Par­la­men­ta­ri­er die Ar­beit von Wo­chen, von Mo­na­ten, ja von Jah­ren rui­nie­ren. Es wä­re das Ge­gen­teil der viel ge­lob­ten Schwei­zer Kom­pro­miss­kul­tur: Weil ein De­tail aus ideo­lo- gi­schen Grün­den nicht passt, wird gleich al­les ka­putt­ge­macht.

Und nicht nur das: Wie da­mals bei der Ab­zo­cker­de­bat­te ris­kie­ren die Po­li­ti­ker, dass die Ur­he­ber der Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve ih­re Vor­la­ge doch nicht zu­rück­zie­hen – und an der Ur­ne ge­win­nen. Die Ar­beit wür­de wie­der bei null be­gin­nen. Welch un­sin­ni­ger und teu­rer Leer­lauf. Ei­gent­lich er­staun­lich, dass die Par­la­men­ta­ri­er bei sol­chen Aus­sich­ten ihr ers­tes Bier nicht schon viel frü­her be­stel­len.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.