Neu ent­deck­te Brie­fe Al­bert Ein­steins er­zäh­len von sei­ner Lie­be zu ei­ner jun­gen Aaraue­rin.

neu ent­deck­te Brie­fe zei­gen: Al­bert ein­stein hat wohl kei­ne frau mehr ge­liebt als sei­ne ju­gend­freun­din aus Aarau, ma­rie Winteler. Wäh­rend er über das schei­tern der Be­zie­hung hin­weg­kam, zer­brach sie dar­an.

Das Magazin - - Contents - Von MA­THI­AS PLÜSS

Der schatz la­gert im his­to­ri­schen mu­se­um am hel­ve­tia­platz in Bern. Zu ge­sicht be­kommt man ihn nicht, aber jour­na­lis­ten oder for­scher kön­nen fo­tos da­von ein­se­hen. er be­steht aus Dut­zen­den von Brie­fen und post­kar­ten, man­che ganz, an­de­re zer­fetzt – oft auch not­dürf­tig wie­der zu­sam­men­ge­klebt, ver­mut­lich durch die emp­fän­ge­rin. es sind die spie­gel­bil­der ei­nes le­bens, des­sen ris­se sich zu­letzt nicht mehr kit­ten lies­sen.

so setzt ei­ner der Brie­fe an. Der Au­tor ist nicht et­wa ein hoff­nungs­vol­ler jung­po­et, son­dern der bril­lan­tes­te kopf des 20. jahr­hun­derts, er­schaf­fer ei­nes hoch­abs­trak­ten Welt­bilds, das ge­wöhn­li­chen geis­tern kaum zu­gäng­lich ist: Al­bert ein­stein. Die emp­fän­ge­rin heisst ma­rie Winteler, ei­ne jun­ge frau aus Aarau mit «sanf­tem en­gels­ge­sicht­chen», «gol­di­gen händ­chen» und «treu­her­zi­gem» Blick. sie ist zu die­sem Zeit­punkt acht­zehn, er sech­zehn jah­re alt.

138 Brie­fe aus dem Um­feld die­ser Be­zie­hung ha­ben nach­fah­ren der fa­mi­lie Winteler 2011 ins Ber­ni­sche his­to­ri­sche mu­se­um ge­tra­gen. Vie­le da­von stam­men von Al­bert ein­steins hand – ma­ries Ant­wort­brie­fe sind lei­der nicht er­hal­ten. Dass von ei­ner Welt­fi­gur, bei der die his­to­ri­ker über jahr­zehn­te je­den Zet­tel zwei­hun­dert­mal um­dreh­ten, auf ein­mal der­art vie­le Do­ku­men­te auf­tau­chen, die ein neu­es licht auf sein le­ben wer­fen, ist ei­ne sen­sa­ti­on. es hat sei­ne Zeit ge­dau­ert, die Brief­tei­le zu­sam­men­zu­set­zen, zu tran­skri­bie­ren und zu edi­tie­ren, so­dass sie erst vor we­ni­gen Wo­chen er­schie­nen sind: im jüngs­ten Band der «Collec­ted pa­pers of Al­bert ein­stein».

Das prä­gen­de Aarau­er Jahr

im herbst 1895 trat der 16­jäh­ri­ge Al­bert ein­stein in Zü­rich zur Auf­nah­me­prü­fung der eth an, die da­mals noch po­ly­tech­ni­kum hiess. Die schu­le in mün­chen hat­te er ge­schmis­sen, weil ihm der mi­li­tä­ri­sche Um­gangs­ton am luit­pold­gym­na­si­um miss­fiel. für die eth war Al­bert ei­gent­lich noch zu jung; er fiel denn auch durch die prü­fung, ob­wohl er in ma­the­ma­tik und phy­sik bril­lier­te. Der rek­tor, der sein ta­lent er­kann­te, schlug ihm vor, in die kan­tons­schu­le Aarau ein­zu­tre­ten und dort die ma­tur zu ma­chen, wor­auf er prü­fungs­frei an die eth wech­seln kön­ne. so kam ein­stein im ok­to­ber 1895 nach Aarau. Bloss ein jahr blieb er hier. Aber es war ein ent­schei­den­des jahr, was sei­ne po­li­ti­sche ein­stel­lung, sei­ne wis­sen­schaft­li­che kar­rie­re und auch sei­ne her­zens­bil­dung be­trifft.

Al­bert ein­stein wohn­te bei der neun­köp­fi­gen fa­mi­lie Winteler. Der emp­fang war herz­lich, ein­stein fühl­te sich aus­ge­spro­chen wohl und nann­te sei­ne ga­s­t­el­tern schon nach kur­zer Zeit «ma­merl» und «pa­pa». Der fa­mi­li­en­va­ter jost Winteler war ein kau­zi­ger frei­geist – leh­rer für ge­schich­te und Al­te spra­chen an der kan­tons­schu­le, Vo­gel­kund­ler und pio­nier der mund­art­for­schung. er war für ein­steins po­li­ti­sches Den­ken eben­so prä­gend, wie es sei­ne toch­ter ma­rie für des­sen ge­fühls­welt wer­den soll­te.

Als ein­ge­fleisch­ter Ver­fech­ter der schwei­zer De­mo­kra­tie im­prä­gnier­te jost Winteler sei­nen pen­sio­när ein für al­le­mal ge­gen jeg­li­che form von na­tio­na­lis­mus und über­zeug­te ihn von den Vor­tei­len des hie­si­gen po­li­ti­schen sys­tems ge­gen­über dem deut­schen. Viel spä­ter, als in Deutsch­land die na­zis die macht über­nom­men hat­ten, schrieb ein­stein: «ich muss oft an pa­pa Winteler den­ken und an die se­her­haf­te rich­tig­keit sei­ner po­li­ti­schen An­sich­ten. ich ha­be es auch stets ge­fühlt, aber nicht in die­ser rein­heit und stär­ke.»

Die kan­tons­schu­le Aarau hat­te da­mals ei­nen aus­ge­zeich­ne­ten ruf. Der li­be­ra­le geist und die auf selbst­stän­dig­keit ge­rich­te­te er­zie­hung be­hag­ten dem frei­heits­lie­ben­den Al­bert sehr. Aus­ge­rech­net der rek­tor und phy­sik­leh­rer ein­steins war aber aus an­de­rem holz ge­schnitzt: «Au­gust tuch­schmid galt als erns­ter, au­to­ri­tä­rer typ, der ab und zu so­gar ohr­fei­gen ver­teil­te», sagt der ma­the­ma­ti­ker her­bert hun­zi­ker, der zu ein­steins Aarau­er Zeit forscht und bis vor kur­zem sel­ber an der kan­tons­schu­le un­ter­rich­te­te. «man ver­mu­te­te, dass ein­stein schlecht mit tuch­schmid aus­kam.»

Die neu­en Do­ku­men­te wi­der­le­gen die­se ein­schät­zung: of­fen­bar ha­ben sich die bei­den so­gar sehr gut ver­stan­den. in ei­nem Brief kurz vor sei­ner Abrei­se aus Aarau nach Zü­rich be­schreibt der spä­te­re no­bel­preis­trä­ger, wie ihm tuch­schmid ei­ne glän­zen­de for­scher­kar­rie­re vor­aus­sag­te:

noch ein jahr zu­vor hat­te ein­stein ganz an­de­re plä­ne: er hat­te vor, an der eth elek­tro­tech­nik zu stu­die­ren, in­ge­nieur zu wer­den und in die fa­mi­li­en­fir­ma ein­zu­stei­gen. nach dem Aarau­er jahr ging er tat­säch­lich an die eth, aber mit dem Ziel ei­ner wis­sen­schaft­li­chen kar­rie­re als theo­re­ti­scher phy­

«Erst ein Tag & doch schon ei­ne Ewig­keit, seit­dem ich nicht mehr Ih­re ge­lieb­ten Äug­lein ge­se­hen ha­be. O, wenn Sie so weg­fah­ren, Schätz­chen, so ist es, wie wenn die See­le der Welt weg­flö­ge, um ei­nen in süs­sen Träu­men voll se­li­ger Er­in­ne­rung & trös­ten­der Hoff­nung zu­rück­zu­las­sen...»

«Neu­lich hab ich von Rek­tor Tuch­schmid Ab­schied ge­nom­men. Er ent­warf mir ei­gen­hän­dig mein Zu­kunfts­bild: 4 Jah­re Stu­di­um, dann As­sis­tent, … Er sag­te, ich hät­te ganz das Zeug und das Stre­ben zu die­ser dor­nen­vol­len Lauf­bahn. Da heisst’s na­tür­lich auf al­le Be­quem­lich­kei­ten & An­nehm­lich­kei­ten die­ser Welt ver­zich­ten, aber das thut ja nichts.

Nie aber soll­te ich ei­ne Stel­le in ei­ner Mit­tel­schu­le an­neh­men, sonst sei es aus mit den gros­sen wis­sen­schaft­li­chen Zie­len.»

si­ker. Man darf da­von aus­ge­hen, dass der Rek­tor für den Sin­nes­wan­del ei­ne wich­ti­ge Rol­le spiel­te.

«Tuch­schmid spür­te of­fen­bar, dass Ein­stein et­was Be­son­de­res war, und för­der­te ihn», sagt Her­bert Hun­zi­ker. Ei­ne zu­vor eben­falls un­be­kann­te Be­ge­ben­heit ver­voll­stän­digt die­ses Bild: In den Se­mes­ter­fe­ri­en 1899 kam Ein­stein aber­mals nach Aarau, um bei Tuch­schmid phy­si­ka­li­sche Ex­pe­ri­men­te zu ma­chen. Des­sen Ka­bi­nett an der Kan­tons­schu­le war bes­ser aus­ge­stat­tet als man­ches Uni­ver­si­täts­la­bor. Die Ex­pe­ri­men­te hat­ten ver­mut­lich mit der Re­la­ti­vi­täts­theo­rie zu tun, die Ein­stein 1905 ver­öf­fent­lich­te.

Ma­rie

Die schö­ne Ma­rie war die jüngs­te der drei Winteler-töch­ter. Als Ein­stein im Ok­to­ber 1895 in der Fa­mi­lie auf­tauch­te, hat­te sie ge­ra­de das Leh­re­rin­nen­se­mi­nar in Aarau ab­ge­schlos­sen und war auf Stel­len­su­che. Ein­stein muss sich au­gen­blick­lich und bis in die Ze­hen­spit­zen in sie ver­knallt ha­ben. Die An­zie­hung war ge­gen­sei­tig. Noch vor Jah­res­en­de schrieb Ma­rie ein ers­tes Brief­chen an Ein­steins Mut­ter, die ent­zückt war über das, was sich da an­bahn­te.

Für bei­de war es die ers­te Lie­be. Dass Al­bert und Ma­rie ein Gschleipf hat­ten, ist schon lan­ge be­kannt. Die bis­he­ri­ge For­schung pfleg­te ih­re Be­zie­hung aber eher als ei­ne Art Ju­gend­flirt ab­zu­tun. Kein Wun­der, war doch vor dem Auf­tau­chen des Ber­ner Schat­zes bloss ein ein­zi­ger Brief von Al­bert an Ma­rie aus die­ser Zeit be­kannt und zwei von Ma­rie an Al­bert. Erst die neu­en Brie­fe zei­gen, wie lei­den­schaft­lich und an­dau­ernd die­se Lie­be war.

Mit­te Ja­nu­ar 1896 über­nimmt Ma­rie Winteler ei­ne Stell­ver­tre­tung an der Pri­mar­schu­le im na­hen Nie­der­lenz – in die­sem Mo­ment setzt der Brief­wech­sel ein. «Mein lie­bes Ma­rie­chen!», be­ginnt Al­bert sei­nen ers­ten Brief. «O, bei uns ist es jetzt so öd, so öd ge­wor­den, seit Sie uns durch­ge­brannt sind; und in mei­nem Hirn noch viel, viel öder und düm­mer.» Von nun an jagt ein Brief den an­de­ren. Die Sehn­sucht, die lan­ge Zeit bis zum nächs­ten Wie­der­se­hen ist ein wie­der­keh­ren­des The­ma. Da­bei ver­bringt Ma­rie al­le Wo­che­n­en­den, teil­wei­se auch den Mitt­woch, in ih­rem El­tern­haus und so­mit in Ein­steins Nä­he.

Der Ton der Brie­fe ist süss und schwär­me­risch: «Mäu­serl», «Schätz­chen», «Schelm­chen» nennt Al­bert sei­ne Ge­lieb­te oder dann «Ma­rie­chen», «Her­zens­ma­rie­chen», «Gold­ma­rie­chen». Der früh­rei­fe Te­enager for­mu­liert Sät­ze, die Ma­rie ihr Le­ben lang nicht ver­gisst. Oft spricht er von sei­ner Gei­ge – ver­mut­lich sind sich die bei­den beim ge­mein­sa­men Mu­si­zie­ren nä­her­ge­kom­men, denn Ma­rie spielt sehr gut Kla­vier.

«Welch un­end­li­ches Glück ist das Ge­fühl:

Wir sind ei­ne See­le zu sam­men! Die Mu­sik hat un­se­re See­len so herr­lich ver­bun­den. Die Lie­be macht uns gross und reich und kein Gott kann sie uns neh­men!»

Auf­fal­lend häu­fig spricht Al­bert von Würs­ten. Obszö­ni­tä­ten ge­hö­ren aber nicht zu sei­nem Re­per­toire, und ver­mut­lich ist ih­re Be­zie­hung zu je­nem Zeit­punkt noch pla­to­nisch. Viel­mehr sind die­se Stel­len wört­lich ge­meint: Sein «Kind­chen» er­scheint ihm et­was gar dünn. «Las­sen Sie sich die Wurst gut schme­cken Mau­serl, da­mit un­se­re Kur schö­ne Früch­te tra­ge. Wenn sie fer­tig ist krie­gen Sie so­fort wie­der ei­ne an­de­re.» Da­zu pas­sen wie­der­keh­ren­de Stel­len, die von Kirch­weih­nu­deln be­rich­ten, mit de­nen er sie of­fen­bar zu mäs­ten ge­denkt. Es han­delt sich um ei­ne def­ti­ge Spe­zia­li­tät aus Ein­steins baye­ri­scher Hei­mat – Küch­lein mit Rahm, Zu­cker, But­ter und Rum, aus­ge­ba­cken in viel Schmalz.

Der Brief­wech­sel oder zu­min­dest der in­ti­me Teil da­von muss vor Ein­steins gleich­alt­ri­gem Cou­sin ge­heim ge­hal­ten wer­den. Ro­bert Koch wohnt im Nach­bar­haus, geht auch an die Kan­ti und hat sich eben­falls in Ma­rie ver­liebt. Al­ler­dings ist Ro­bert längst nicht so reif, und mit sei­ner buch­hal­te­ri­schen Art hat der spä­te­re Jus­stu­dent ge­gen den sinn­li­chen Al­bert kei­ne Chan­ce. Auch ei­ner von Ma­ries Brü­dern lehnt sich an­fangs ge­gen die Be­zie­hung auf.

Die El­tern hin­ge­gen, ins­be­son­de­re die Müt­ter, be­grüs­sen die Ver­bin­dung aus­drück­lich. Pau­li­ne Ein­stein ist un­end­lich dank­bar und froh, dass ihr frü­her so ver­schlos­se­ner Al­bert in Aarau auf­blüht. Und Pau­li­ne Winteler, das «Ma­merl N. 2», ver­steht sich präch­tig mit ih­rem «lie­ben Stief­söhn­chen». Die bei­den la­chen und schwat­zen zu­sam­men und ver­trau­en sich auch Per­sön­li­ches an.

Es kippt

Die Glück­se­lig­keit dau­ert ziem­lich genau ein Jahr. Im Ok­to­ber 1896 zieht Al­bert nach Zü­rich, um an der ETH zu stu­die­ren, und Ma­rie nach Ols­berg im Frick­tal, wo sie an der Pri­mar­schu­le zu un­ter­rich­ten be­ginnt. In die­sem Mo­ment be­ginnt das Ver­hält­nis zu kip­pen. Schon bald mag Al­bert ihr nicht mehr schrei­ben, was Ma­rie ver­ständ­li­cher­wei­se ir­ri­tiert. Zu­mal er ihr wei­ter­hin re­gel­mäs­sig ein Körb­chen schickt – ver­mut­lich mit sei­ner Dreck­wä­sche, die sie dann für ihn er­le­digt, oder leer, um es sich von ihr mit Fres­sa­li­en fül­len zu las­sen. Im No­vem­ber schreibt sie ihm; es ist ei­ner der bei­den schon län­ger be­kann­ten Brie­fe Ma­ries:

«Ge­lieb­ter Schatz! Heut ist, just u. eben, Ihr Körb­chen an­ge­kom­men, u. ich hab mir ver­ge­bens die Au­gen nach ei­nem klei­nen Ze­del­chen aus­ge­guckt, aber ich war doch nur schon über Ih­re lie­ben Schrift­zü­ge auf der Adres­se froh.»

Mit viel Ver­zö­ge­rung ant­wor­tet er, aber «aus al­len Häu­schen des Brief­pa­pie­res» guckt «ein bö­ses Ge­sicht», wie sie sich be­klagt. Über den wei­te­ren Ver­lauf und das En­de der Be­zie­hung kön­nen wir nur mut­mas­sen, da die Brie­fe für Mo­na­te feh­len. Es scheint, als ha­be Ma­rie, ver­un­si­chert und ver­letzt durch sein Zö­gern, schliess­lich ei­nen Schluss­strich ge­zo­gen. Von die­sem Ent­scheid kann auch Ein­steins Mut­ter sie nicht ab­brin­gen, die ex­tra nach Aarau reist, um sie um­zu­stim­men.

In ei­nem Brief von En­de März 1897 ver­si­chert er Ma­rie noch­mals sei­ner Lie­be, will aber den Korb ak­zep­tie­ren, den sie ihm of­fen­bar ge­ge­ben hat:

«Ich lie­be Sie von tiefs­ter See­le und ver­eh­re Ihr ed­les Ge­müt & ha­be es nicht ver­ges­sen, wie Sie mir in St­un­den des Leids ein trös­ten­der En­gel wa­ren. Noch tau­send Grüs­se mei­nem grau­sa­men Lieb­chen Al­bert.

Es ist schön von Ih­nen dass Sie sich so of­fen von der Stim­me Ih­res Her­zens lei­ten lies­sen. Ich eh­re die­se That, wenn sie auch arg schmerzt.»

In ei­nem spä­te­ren Brief – schwer zu le­sen, weil Ma­rie ihn be­son­ders mal­trä­tier­te – spricht er sie von je­der Schuld frei, nennt sich sel­ber ei­nen Schwäch­ling und be­schwört sie, sich kei­ne Vor­wür­fe zu ma­chen. Im Mai 1897 sagt er bei der Mut­ter Pau­li­ne Winteler sei­nen Pfingst­be­such in Aarau ab, um «dem lie­ben Kind­chen» kei­nen neu­en Schmerz zu be­rei­ten.

In der Fol­ge schil­dert er sei­ne per­sön­li­che Stra­te­gie im Um­gang mit Lie­bes­kum­mer: sich durch «an­ge­streng­te geis­ti­ge Ar­beit» ab­len­ken. Im Ver­lau­fe sei­nes Le­bens ent­wi­ckel­te sich Ein­stein zum ei­gent­li­chen Spe­zia­lis­ten da­für, uner­wünsch­te Ge­füh­le ab­zu­wür­gen. Im Fal­le von Ma­rie hat es al­ler­dings nicht im­mer funk­tio­niert.

Mi­le­va

Wä­re die Ge­schich­te hier zu En­de, so wä­re sie viel­leicht tat­säch­lich nicht mehr als ei­ne Te­enager­ro­man­ze – hef­tig zwar, aber nicht un­ty­pisch für ei­nen ers­ten Geh­ver­such in Lie­bes­din­gen. Doch die Ge­schich­te ist noch nicht zu En­de.

Erst viel spä­ter er­fuhr Ma­rie den wah­ren Grund für Al­berts Zau­dern, das schliess­lich zum Zer­würf­nis ge­führt hat­te: Mi­le­va Ma­rić. Wie Ein­stein hat­te die drei­ein­halb Jah­re äl­te­re Ser­bin 1896 an der ETH Ma­the­ma­tik und Phy­sik zu stu­die­ren be­gon­nen. Nach ei­ner lan­gen Pha­se wil­der Stu­den­tenehe wur­de sie 1903 zu sei­ner ers­ten Frau.

Mi­le­va war ein ganz an­de­rer Typ als die träu­me­ri­sche Ma­rie, die da­mit ko­ket­tiert hat­te, das «klei­ne, un­be­deu­ten­de, dum­me Schat­zerl» zu sein, «das nichts kann & nichts ver­steht». In sei­ner Stu­di­en­kol­le­gin hat­te Ein­stein ei­ne in­tel­lek­tu­ell eben­bür­ti­ge Part­ne­rin, mit der er auch wis­sen­schaft­li­che Ide­en dis­ku­tie­ren konn­te, und wahr­schein­lich war es genau das, was ihn an ihr fas­zi­nier­te. Doch of­fen­bar konn­te er gleich­zei­tig die Hef­tig­keit der Ge­füh­le, die er mit Ma­rie er­lebt hat­te, nicht ganz ver­ges­sen.

Im Ok­to­ber 1899 kommt Ein­steins Schwes­ter Ma­ja nach Aarau, um dort das Leh­re­rin­nen­se­mi­nar zu be­su­chen. Sie wohnt im Töchter­heim, ver­bringt aber viel Zeit bei den Win­te­lers, die den Ein­steins noch im­mer freund­schaft­lich ver­bun­den sind. Dort ver­liebt sie sich in Ma­ries Bru­der Paul, den sie 1910 hei­ra­ten wird. So blei­ben die Ban­de zwi­schen den Fa­mi­li­en be­ste­hen.

Ein­stein hät­te nun ei­gent­lich ei­nen Grund, wie­der häu­fi­ger nach Aarau zu fah­ren. Doch will er das Städt­chen ganz be­wusst mei­den, wie er sei­ner neu­en Ge­fähr­tin Mi­le­va schon En­de Sep­tem­ber 1899 ver­si­chert:

«Denn das kri­ti­sche Töch­ter­lein kommt nach­hau­se in das ich mich vor 4 Jah­ren so schreck­lich ver­liebt ha­be. Ich füh­le mich zwar sonst ziem­lich si­cher auf mei­nem ho­hen Schloss See­len­ru­he. Aber wenn ich das Mäd­chen wie­der ein paar­mal sä­he, wär ich ge­wiss ver­rückt, das weiss ich & fürcht ich wie das Feu­er.»

Man darf be­zwei­feln, dass die­se Zei­len Mi­le­va be­ru­hi­gen. Zu­mal Al­bert dem Spiel mit dem Feu­er kei­nes­wegs so ein- deu­tig ab­ge­neigt ist: Drei Wo­chen zu­vor, als er bei Rek­tor Tuch­schmid in Aarau sei­ne Ver­su­che mach­te, hat­te er wie­der ein­mal an Ma­rie ge­schrie­ben, wäh­rend die­se ge­ra­de in Deutsch­land weil­te. Zwar be­zeich­ne­te er sei­nen Kon­takt­ver­such ex­pli­zit als «harm­los», er un­ter­liess aber den­noch nicht den Hin­weis, dass er sie «mit Sehn­sucht zu se­hen ver­lang­te». Of­fen­sicht­lich re­agier­te Ma­rie nicht dar­auf. Dies­mal nicht.

Di­cke Luft

In der Fol­ge scheint ihr Ein­stein tat­säch­lich für ei­ni­ge Jah­re aus dem Weg ge­gan­gen zu sein. In­di­rekt ist er für Ma­rie den­noch stän­dig an­we­send: durch sei­ne Schwes­ter Ma­ja. Die­se muss aus­ba­den, was Al­bert an­ge­rich­tet hat. «Ma­rie re­agier­te aus­ge­spro­chen feind­se­lig auf Ma­ja», sagt die His­to­ri­ke­rin Fran­zis­ka Rog­ger, die ei­ne Bio­gra­fie über Ein­steins Schwes­ter ver­fasst hat. «Weil die­se sie an den Mann er­in­ner­te, der sie so tief ge­kränkt hat­te.» Erst bei­na­he zwan­zig Jah­re spä­ter soll­te es Ma­ja, die stets um Har­mo­nie be­müht war, ge­lin­gen, sich mit Ma­rie aus­zu­söh­nen.

Vor­der­hand ist die Si­tua­ti­on in Aarau bei­na­he un­er­träg­lich. Aus­wei­chen kann und will Ma­ja den Win­te­lers nicht, da sie in Pauls Nä­he sein möch­te, ih­rem Freund und spä­te­ren Ehe­mann. Nicht viel bes­ser sieht es bei den Ein­steins aus: Ins­be­son­de­re die Mut­ter trau­ert Ma­rie hin­ter­her und lehnt Al­berts neue Ge­lieb­te ri­go­ros ab. Als die­ser forsch sei­ne Hoch­zeit mit Mi­le­va an­kün­digt, ex­plo­diert die Si­tua­ti­on. Auch zwi­schen den Ge­schwis­tern Ein­stein, die sich sonst so gut ver­ste­hen, flie­gen die Fet­zen – ein­mal soll Ma­ja ih­rem Bru­der gar ei­ne Ohr­fei­ge ge­ge­ben ha­ben.

Die gan­zen Wirr­nis­se set­zen Ma­rie zu und ver­hin­dern, dass ih­re Wun­den hei­len. Von 1902 bis 1905 ar­bei­tet sie als Pri­mar­leh­re­rin im aar­gaui­schen Mur­gen­thal, ist aber oft krank ge­mel­det. Der ganz gros­se Schock steht ihr noch be­vor.

Die Ka­ta­stro­phe

1906 wohnt Ma­rie wie­der in ih­rem El­tern­haus in Aarau. Im Ok­to­ber holt Va­ter Winteler sei­nen aus­ge­wan­der­ten Sohn Jost jun. aus Ame­ri­ka nach Hau­se, weil die­ser im­mer deut­li­che­re An­zei­chen ei­nes Ver­fol­gungs­wahns zeigt. Im Kof­fer des Heim­keh­rers be­fin­det sich, was nie­mand ahnt, ein Re­vol­ver.

Der Zu­stand des Soh­nes bes­sert sich auch in Aarau nicht. Im Ge­gen­teil: Er kommt of­fen­bar zum Schluss, dass der Mann sei­ner Schwes­ter Ro­sa Mit­glied ei­ner Ge­heim­ge­sell­schaft sei, die ihn ver­fol­ge, und auch die ei­ge­ne Mut­ter un­ter de­ren Ein­fluss ste­he. Am Abend des 1. No­vem­ber 1906 ruft er den Sch­wa­ger zu sich und sei­ner Mut­ter ins Lau­ben­zim­mer. Als die­ser ein­tritt, streckt ihn Jost jun. mit ei­nem Kopf­schuss nie­der. Dann schiesst er zwei­mal auf sei­ne Mut­ter und rich­tet sich selbst.

Ma­rie ist zu die­sem Zeit­punkt in der Kü­che am Ab­wa­schen. So­fort ruft sie ei­nen Arzt und rennt ins Lau­ben­zim­mer. «Es muss trau­ma­tisch für sie ge­we­sen sein», sagt Fran­zis­ka Rog­ger, die die De­tails re­cher­chiert hat. «Sie war als Ers­te am Tat­ort, ih­re Mut­ter starb in ih­ren Ar­men.» Zwar ha­be der Va­ter die so­fort her­bei­ge­ru­fe­ne Po­li­zei ge­be­ten, die Be­fra­gung Ma­ries zu ver­schie­ben. «Trotz die­ser Scho­nung wird sie schwer­lich un­be­scha­det über die­ses Er­eig­nis hin­weg­ge­kom­men sein.»

Der Hö­he­punkt des Le­bens

Som­mer 1909. Ma­rie Winteler lebt mitt­ler­wei­le im ber­ni­schen Ober­wil bei Bü­ren – bei ih­rer Schwes­ter Ro­sa, die beim Dop­pel­mord ih­ren Mann ver­lo­ren hat. Al­bert Ein­stein wohnt mit sei­ner Fa­mi­lie in Bern, steht aber kurz vor dem Um­zug nach Zü­rich, wo er im Herbst ei­ne Pro­fes­sur für Theo­re­ti­sche Phy­sik an der Uni­ver­si­tät an­tre­ten wird. Ma­rie ist 32, Al­bert 30 Jah­re alt.

Die Ehe der Ein­steins be­fin­det sich in der Kri­se. Mi­le­va ist schwer­mü­tig ge­wor­den, was auch Al­bert die Le­bens­freu­de ver­dirbt. Die Si­tua­ti­on ver­schlim­mert sich, als er ei­ne al­te Lie­be­lei mit ei­ner Ap­pen­zel­le­rin auf­zu­wär­men ver­sucht: Mi­le­va kommt da­hin­ter und ist ra­send ei­fer­süch­tig. In die­ser Zeit er­in­nert sich Ein­stein an sei­ne Ma­rie, mit der er einst so un­be­schwer­te St­un­den ver­bracht hat­te.

Wir wis­sen da­von erst dank drei Brie­fen und ei­ner Post­kar­te aus dem Ber­ni­schen His­to­ri­schen Mu­se­um – sie sind die gros­se Über­ra­schung des neu­en Be­stan­des. Sie zei­gen, dass Al­bert wie­der­um wäh­rend min­des­tens ei­nes Jah­res kaum et­was an­de­res im Kopf hat­te als Ma­rie Winteler. An­schei­nend kam es zu meh­re­ren Tref­fen in der Re­gi­on Bern, wo­bei dies­mal ver­mut­lich nicht al­les pla­to­nisch ab­lief.

Im ers­ten er­hal­te­nen Brief vom 15. Sep­tem­ber 1909 be­klagt Al­bert sich dar­über, dass Ma­rie sei­ne Brie­fe nicht be­ant­wor­te, dass sie nicht ans Fens­ter ge­kom­men sei, als er sie auf­su­chen woll­te. Und wei­ter:

«Ich le­be im­mer noch in der Er­in­ne­rung an die we­ni­gen St­un­den, in de­nen mir das gei­zi­ge Ge­schick Dich be­scher­te. Sonst ist mein Le­ben ein denk­bar trau­ri­ges, was die pri­va­te Sei­te an­langt. Ich ent­ge­he der ewi­gen Sehn­sucht nach Dir nur durch an­ge­streng­tes Ar­bei­ten & Grü­beln. Sag mir doch we­nigs­tens, was Du für Grün­de hast, mich wie ei­nen Aus­sät­zi­gen zu flie­hen! Mei­ne ein­zi­ge Freu­de wä­re, Dich wie­der­zu­se­hen, oder ein Brief­chen von Dir zu er­hal­ten.»

Es ist nicht klar, ob die Af­fä­re zu die­sem Zeit­punkt schon wie­der vor­bei ist oder im Ge­gen­teil ge­ra­de erst be­ginnt. Am 7. März 1910, dem Da­tum des zwei­ten Brie­fes, müs­sen die Schä­fer­stünd­chen hin­ge­gen schon meh­re­re Mo­na­te zu­rück­lie­gen. «Weisst du noch, wie se­lig wir wa­ren auf dem Gur­ten, im Brem­gar­ten­wald und in Zol­lik­ofen? Für mich be­deu­ten je­ne St­un­den den Hö­he­punkt des Le­bens», schreibt er ihr. Am liebs­ten möch­te er au­gen­blick­lich zu ihr fah­ren, weil er es vor Sehn­sucht nicht mehr aus­hält. Doch die Angst vor «wüs­ten Zer­würf­nis­sen» mit sei­ner Frau hält ihn da­von ab.

Aus­ser­dem fürch­tet er, Ma­rie könn­te das Ge­fühl be­kom­men, er wol­le mit ihr zwar sei­nen Spass ha­ben, wer­de am En­de aber er­neut nicht zu ihr ste­hen. Das müs­se sie je­doch «an­ders auf­fas­sen», er­klärt er ihr: «Ich den­ke in in­nigs­ter Lie­be an Dich in je­der frei­en Mi­nu­te und bin so un­glück­lich wie nur ein Mensch es sein kann. Ver­fehl­te Lie­be, ver­fehl­tes Le­ben, so klingt es mir im­mer nach.»

Al­bert hört nicht auf, ihr zu schrei­ben. Ma­rie gibt kei­ne Ant­wort mehr. «Ei­nen herz­li­chen Gruss an die ewig Schwei­gen­de», schickt er ihr Mit­te Ju­li 1910. Jetzt ant­wor­tet sie – wir wis­sen nicht, wie, weil ih­re Brie­fe nicht er­hal­ten sind. Aber es muss ei­ne deut­li­che Ab­sa­ge ge­we­sen sein. Denn er re­ agiert mit äus­serst bit­te­ren Wor­ten (sie­he den Brief auf Sei­te 23).

«Dass Ein­stein zu so dras­ti­schen Bil­dern greift, dass er sagt, er schaue in sein ei­ge­nes Gr­ab hin­ein, ist ein­ma­lig», sagt Ze’ev Ro­sen­kranz vom Ca­li­for­nia In­sti­tu­te of Tech­no­lo­gy, der zu den Her­aus­ge­bern der Brie­fe ge­hört. «Ich per­sön­lich glau­be dar­um, dass er nie je­man­den so ge­liebt hat wie Ma­rie.»

Wo­mög­lich hat Ma­rie in dem für Ein­stein so scho­ckie­ren­den Brief be­rich­tet, sie wer­de sich ver­mäh­len. Tat­säch­lich hei­ra­te­te sie 1911 ei­nen ge­wis­sen Al­bert Mül­ler, Ge­schäfts­füh­rer der Uh­ren­fa­brik Bü­ren an der Aa­re. Viel­leicht, und das ist jetzt wirk­lich rei­ne Spe­ku­la­ti­on, war aber auch die­ser Ent­schluss bloss ei­ne Trotz­re­ak­ti­on auf Al­berts Ent­scheid, sei­ne Frau nicht zu ver­las­sen. Just in den frag­li­chen Mo­na­ten war Mi­le­va schwan­ger, En­de Ju­li 1910 ge­bar sie ih­ren zwei­ten Sohn.

Doch auch dies ver­moch­te die Ein­stein’sche Ehe nicht zu ret­ten: 1912 be­gann Al­bert ei­ne Af­fä­re mit sei­ner Cou­si­ne El­sa in Ber­lin – 1914 nutz­te er ei­nen Ruf an die dor­ti­ge Uni­ver­si­tät, um in ih­re Nä­he zu zie­hen. 1919 wur­de sie of­fi­zi­ell zu sei­ner Frau, nach­dem er sich kur­ze Zeit zu­vor end­lich von Mi­le­va hat­te schei­den las­sen. Aber auch in sei­ner zwei­ten Ehe wur­de er nicht glück­lich.

Durch Me­di­zin ver­gif­tet

Ob sich Al­bert und Ma­rie nach ih­rer hef­ti­gen Af­fä­re je­mals wie­der­sa­hen, wis­sen wir nicht. Viel­leicht ist es Ein­stein in be­währ­ter Ma­nier ge­lun­gen, sei­ne Ge­füh­le zu un­ter­bin­den.

«Ma­ries Ver­hei­ra­tung be­grüs­se ich auf­rich­tig», schreibt er En­de 1911. «Da­mit schwin­det ein dunk­ler Punkt in mei­nem Le­ben.» Dass er zwei Jah­re dar­auf den Mann an Ma­ries Sei­te als sei­nen «Ge­ne­ral­ver­tre­ter» be­zeich­net, mag nicht mehr als ein flap­si­ger Spruch sein. Ins­ge­samt scheint er froh zu sein, je­ne Frau, die ihn zu ent­flam­men ver­moch­te wie kei­ne an­de­re, in si­che­rer Dis­tanz zu wis­sen.

Das we­ni­ge Glück, das Ma­rie in ih­rem Le­ben ver­gönnt war, ist nach den paar «ge­hei­lig­ten St­un­den» mit Al­bert 1909 be­reits auf­ge­braucht. Zwar ge­biert sie zwei Söh­ne, Paul (1912) und Heinz (1915), doch ih­re Ehe ver­läuft von An­fang an un­glück­lich.

Als sie 1927 noch­mals mit Al­bert Ein­stein Kon­takt auf­nimmt, ist die frü­he­re Leich­tig­keit ver­flo­gen. Sie wol­le, schreibt sie ihm nach Ber­lin, die Ehe mit Al­bert Mül­ler lö­sen, um «mit den Kin­dern nicht see­lisch und kör­per­lich zu Grun­de» zu ge­hen. Ob er ihr nicht ei­ne Stel­le als Ge­sell­schaf­te­rin bei ei­nem Kriegs­in­va­li­den be­sor­gen kön­ne? Über ei­ne Ant­wort ist uns nichts be­kannt. Ma­rie lässt sich tat­säch­lich we­nig spä­ter schei­den und ver­zich­tet auf jeg­li­che Ali­men­te. Sie lebt in So­lo­thurn und hält sich mit Kla­vier­stun­den über Was­ser.

In den 1930er-jah­ren durch­lebt sie ei­ne schwe­re ge­sund­heit­li­che Kri­se. Ver­mut­lich han­delt es sich um ei­ne psy­chi­sche Er­kran­kung, auch wenn Ma­rie dar­auf be­steht, sie sei «durch zu schar­fe Me­di­zin» ver­gif­tet wor­den, «durch Schuld ei­ner Ärz­tin». Vier­ein­halb Jah­re lang sei sie «stän­dig am To­de» ge­we­sen, aus­ser­dem hät­ten sich ih­re lie­ben Ver­wand­ten in je­ner Zeit noch ihr letz­tes Hab und Gut an­ge­eig­net.

Wir wis­sen von die­sen Er­eig­nis­sen aus Brie­fen, die sie Al­bert Ein­stein ab 1938 wie­der zu schrei­ben be­ginnt. Die­se lie­gen nicht in Bern, son­dern im Ein­stein-ar­chiv Je­ru­sa­lem, und sind schon län­ger be­kannt. Zu­min­dest am An­fang be­kommt sie von ihm, der mitt­ler­wei­le in den USA lebt, auch Ant­wor­ten, die al­ler­dings nicht er­hal­ten sind.

Das ge­bro­che­ne Ver­spre­chen

Die Lek­tü­re die­ser spä­ten Brie­fe macht trau­rig. Ei­ner­seits be­rich­tet Ma­rie von gros­ser Ar­mut – das Geld rei­che nicht ein­mal, um ihr Kla­vier von Bern nach Zü­rich zu zü­geln, wo sie nun wohnt. An­de­rer­seits scheint sie, die mitt­ler­wei­le über 60-jäh­ri­ge, an­ge­schla­ge­ne Frau, wie­der um Al­bert zu wer­ben. Sie er­bit­tet ein Fo­to von ihm und bie­tet an, ihm auch ei­nes von sich zu schi­cken. Wo­bei sie of­fen­bar be­fürch­tet, er könn­te sie nicht mehr so at­trak­tiv fin­den wie frü­her. Um­so mehr preist sie ihr Ta­lent in Mu­sik und Dich­tung: «Ich wür­de ge­wiss noch Gros­ses dar­in leis­ten, wenn ich nicht den Brot­korb im­mer ein we­nig fül­len müss­te.» Auch lässt sie ihm ei­ne Rei­he von Ge­dich­ten zu­kom­men, von de­nen zu­min­dest das letz­te ein­deu­tig auf Al­bert ab­zielt. Wie in al­ten Zei­ten un­ter­zeich­net sie mit «Ihr Ma­rie­chen».

Ein­stein dürf­te kaum auf ein Wie­der­se­hen aus ge­we­sen sein. Er wird so­fort ge­merkt ha­ben, dass mit Ma­rie et­was nicht mehr stimm­te. Als sei­ne Schwes­ter Ma­ja zu ihm nach Ame­ri­ka emi­griert, schlägt er vor, ihr Mann Paul Winteler, der al­lein in der Schweiz zu­rück­blieb, kön­ne doch jetzt sei­ne Schwes­ter Ma­rie zu sich neh­men. An Ma­rie sel­ber schickt Al­bert Geld, «88fr. 61», wie sie akri­bisch ver­merkt. Als der Krieg aus­bricht, wer­den Ma­ries Be­rich­te dra­ma­ti­scher: Ihr Zim­mer sei ein Loch, ih­re Ver­mie­te­rin ei­ne Säu­fe­rin, ihr sel­ber dro­he das Ar­men­haus. Im­mer drin­gen­der bit­tet sie Al­bert um Geld oder die Mög­lich­keit, nach Ame­ri­ka zu kom­men.

«Sie ha­ben mir einst ge­sagt: ‹ Ma­rie­chen, wenn

Sie ein­mal in Not sind so be­rich­ten Sie mir, ich wer­de Ih­nen hel­fen.› Dies ha­be ich nie be­nützt, aber nun ist doch ei­ne sol­che pein­li­che Not­la­ge da, dass ich Sie an Ihr Ver­spre­chen er­in­nern muss.»

Al­bert Ein­stein re­agiert nicht. Viel­leicht war er un­ter dem An­sturm der Bitt­stel­ler schlicht über­for­dert. «Zwei­fel­los ging es Ma­rie schlecht», sagt die His­to­ri­ke­rin Fran­zis­ka Rog­ger. «Dass sie aber zu ei­ner Zeit, in der Ein­stein mit Hun­der­ten von Brie­fen bom­bar­diert wur­de, in de­nen Tod­ge­weih­te vor den Na­zis flie­hen woll­ten, ihn mit dem Wunsch be­hel­ligt, mit ih­ren bei­den Kn­a­ben in dieu sa rei­sen zu dür­fen, ist ziem­lich rea­li­täts­fremd.» Trotz­dem ist es ent­täu­schend, dass er der eins­ti­gen Ge­lieb­ten, der er in gu­ten Zei­ten das Blaue vom Him­mel ver­spro­chen hat­te, jetzt in kei­ner Wei­se bei­stand.

Ei­ne idea­le Lie­be

Aus dem wei­te­ren Le­ben Ma­rie Mül­ler-win­te­lers ist nur we­nig be­kannt. Die letz­ten Jah­re ver­bringt sie in der «Kan­to­na­len Ir­ren­an­stalt» in Meiringen. Auf An­fra­ge ei­nes Zürcher Schrift­stel­lers, ver­mut­lich des Ein­stein-bio­gra­fen Carl See­lig, schil­dert sie we­ni­ge Mo­na­te vor ih­rem Tod noch ein­mal ih­re Be­zie­hung zu Al­bert Ein­stein. «Er war ein bild­schö­ner jun­ger Mensch», setzt sie an. «Wir ha­ben uns in­nig ge­liebt», es sei ei­ne «idea­le Lie­be» ge­we­sen.

«Er hät­te mich sehr ger­ne ge­hei­ra­tet. Aber ich war durch al­ler­lei Vor­komm­nis­se stör­risch ge­wor­den und hiess ihn den Weg der Pflicht ge­hen. … Auch spä­ter ver­blieb ich in mei­nem Trotz, der ja ei­gent­lich ein gros­ser Schmerz war als ich schon lan­ge ein­ge­se­hen hat­te, dass es die Schuld ei­ner Frau war, die un­se­re Lie­be ge­stört hat­te.»

Ei­gent­lich, deu­tet Ma­rie an, gä­be es noch ei­ni­ges Un­schö­ne zu er­zäh­len. Doch wol­le sie nicht per­sön­lich wer­den und auch nicht «das glän­zen­de Bild» trü­ben, «das die Ame­ri­ka­ner von ihm schu­fen».

Ma­rie Winteler starb am 24. Sep­tem­ber 1957 in Meiringen im Al­ter von acht­zig Jah­ren. «Die Win­te­lers», hat­te sie ih­rem Al­bert ein­mal ge­schrie­ben, «ha­ben fast al­le kein Glück ge­habt.»

Ma­rie Winteler,

Al­bert ein­steins gros­se Lie­be. Bild um 1895

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