Hört auf Wis­sen­schaft­le­rin­nen! Und nicht auf die Dep­pen in den so­zia­len Me­di­en.

Ge­si­cher­tes Wis­sen und dum­mes Ge­schwätz ste­hen heu­te gleich­be­rech­tigt ne­ben­ein­an­der.

Das Magazin - - N° 27 — 7. Juli 2018 - Von Ma­thi­as Plüss

Be­son­ders be­liebt wa­ren Ex­per­ten nie. Wer auf Ge­nau­ig­keit be­steht, gilt rasch als Bes­ser­wis­ser. Schon früh muss­ten die Ge­lehr­ten ler­nen, mit dem Spott zu le­ben: In ih­rem Fach­ge­biet wüss­ten sie zwar Be­scheid, aber vom wirk­li­chen Le­ben hät­ten sie kei­ne Ah­nung. Der Sa­ti­ri­ker Am­bro­se Bier­ce de­fi­nier­te den Ex­per­ten als «Spe­zia­lis­ten, der über et­was al­les weiss und über al­les an­de­re nichts».

Er ha­be sich dar­an ge­wöhnt, dass Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren un­po­pu­lär sind, sagt Tom Ni­chols, Do­zent für na­tio­na­le Si­cher­heits­fra­gen am U.S. Na­val War Col­le­ge in New­port. Trotz­dem ha­be sich im Ver­gleich zu frü­her et­was ge­än­dert: In den 1960er- und 1970er-jah­ren sei­en die meis­ten Ame­ri­ka­ner da­von aus­ge­gan­gen, dass «je­ne, die ei­nen Men­schen auf den Mond ge­schickt hat­ten, wohl auch in den meis­ten an­de­ren wich­ti­gen Fra­gen Be­scheid wis­sen». Heu­te hin­ge­gen hät­ten von jeg­li­chem Fach­wis­sen un­be­fleck­te Leu­te das Ge­fühl, es bes­ser zu wis­sen als die Ex­per­ten. «Ich ha­be kein Pro­blem da­mit, dass man skep­tisch ist – das ist so­gar gut so», sagt Ni­chols. «Das Schlim­me ist, dass jeg­li­cher Re­spekt ver­lo­ren ge­gan­gen ist. Wir wer­den auf ag­gres­si­ve Wei­se in­fra­ge ge­stellt.»

Mit «The De­ath of Ex­per­ti­se» hat Tom Ni­chols das Buch der St­un­de ge­schrie­ben. Man könn­te es als Ant­wort auf Do­nald Trump ver­ste­hen, der in sei­nem Wahl­kampf Ex­per­ten als «schreck­lich» be­zeich­ne­te und sich da­mit brüs­te­te, kei­ne zu be­nö­ti­gen. Doch das Ma­nu­skript war schon vor den Prä­si­dent­schafts­wah­len fer­tig. Das Phä­no­men be­trifft kei­nes­wegs nur die USA, son­dern die ge­sam­te west­li­che Welt – das Buch wur­de in kür­zes­ter Zeit in elf Spra­chen über­setzt.

Die Kri­se des Ex­per­ten­tums tan­giert auch nicht bloss die Wis­sen­schaft. Ärz­tin­nen be­rich­ten von Pa­ti­en­ten, die kei­nen Rat su­chen, son­dern Be­hand­lun­gen ein­for­dern, die sie zu­vor er­goo­gelt ha­ben. Ar­chi­tek­tin­nen und Hand­wer­ker er­zäh­len von Kun­den, die ih­nen vor­schrei­ben wol­len, wie sie ih­re Ar­beit zu ver­rich­ten hät­ten. Und Leh­rer müs­sen sich mit El­tern aus­ein­an­der­set­zen, die par­tout nicht ak­zep­tie­ren wol­len, dass die Ant­wort ih­res Kin­des in der Prü­fung falsch war.

Lin­ker Re­la­ti­vis­mus

So breit das Phä­no­men, so viel­fäl­tig die Ur­sa­chen. Ni­chols nennt an ers­ter Stel­le ei­ne ge­wis­se Wohl­stands­ver­wahr­lo­sung: «Un­se­re hoch­tech­no­lo­gi­sier­te Welt funk­tio­niert so rei­bungs­los, dass es die Leu­te zu der fal­schen Vor­stel­lung ver­führt, es sei al­les ganz ein­fach. Man drückt ei­nen Knopf, und die E-mail fliegt ans an­de­re En­de der Welt. Nie­mand denkt an all die Fach­leu­te – von den In­ge­nieu­ren über die Soft­ware­de­si­gner bis zu den Di­plo­ma­ten –, die das erst mög­lich ma­chen.» Ein zwei­ter Grund sei die Mo­de, Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten heu­te wie

Kun­den zu be­han­deln, die man nach ih­rem Wohl­be­fin­den fragt, statt sie zu for­dern. Das füh­re zu ei­nem Über­mass an Selbst­ver­trau­en, ge­paart mit um­so we­ni­ger Wis­sen.

Zwei wei­te­re Grün­de für die Ex­per­ten­kri­se lie­gen in­ner­halb des Wis­sen­schafts­sys­tems. Zum ei­nen rächt sich heu­te der Re­la­ti­vis­mus der Post­mo­der­ne. Aus­ge­hend von Nietz­sche, der be­haup­tet hat­te, es ge­be kei­ne Tat­sa­chen, son­dern nur In­ter­pre­ta­tio­nen, ha­ben ins­be­son­de­re lin­ke Theo­re­ti­ker fun­da­men­tal in­fra­ge ge­stellt, dass so et­was wie ei­ne ob­jek­ti­ve Wahr­heit exis­tiert. Auf die­ser Ba­sis, so ur­teilt et­wa der Phi­lo­soph Micha­el Ham­pe von der ETH Zü­rich, sei es schwie­rig, je­nen Leu­ten et­was ent­ge­gen­zu­set­zen, wel­che die Theo­rie vom men­schen­ge­mach­ten Kli­ma­wan­del als rei­nes Ge­dan­ken­kon­strukt dis­kre­di­tie­ren.

Zum an­dern über­schrei­ten Fach­leu­te im­mer wie­der die Gren­zen ih­res Zu­stän­dig­keits­be­reichs. «Die Kli­ma­to­lo­gie hat die wis­sen­schaft­li­chen Be­wei­se für die Exis­tenz des Kli­ma­wan­dels ge­lie­fert», sagt So­nia Se­ne­vi­rat­ne, Pro­fes­so­rin am In­sti­tut für At­mo­sphä­re und Kli­ma der ETH Zü­rich. «Wenn es aber um die rich­ti­ge Kli­ma­po­li­tik geht, ha­ben wir nicht das Ex­per­ti­se­mo­no­pol, da müs­sen auch an­de­re mit­re­den.» Fried­rich Dür­ren­matt hat es sehr schön ge­sagt: «Was al­le an­geht, kön­nen nur al­le lö­sen.» Wenn, wie es An­fang Ju­ni auf Twit­ter ge­sche­hen ist, füh­ren­de Kli­ma­to­lo­gen ei­nem re­bel­li­schen So­zi­al­wis­sen­schaft­ler die Kom­pe­tenz ab­spre­chen, sich über Kli­ma­po­li­tik zu äus­sern, ist das Was­ser auf die Müh­len der Kli­maskep­ti­ker.

All die­se Fehl­ent­wick­lun­gen hät­ten al­ler­dings nicht in die ak­tu­el­le tie­fe Kri­se ge­mün­det oh­ne ei­nen ent­schei­den­den Fak­tor: das In­ter­net. Nai­ve­r­wei­se wür­de man mei­nen, die gren­zen­lo­se Ver­füg­bar­keit von In­for­ma­tio­nen müs­se zwangs­läu­fig zu ei­nem Tri­umph des Wis­sens füh­ren. Doch in Wahr­heit ist das Ge­gen­teil pas­siert: Ge­si­cher­tes Wis­sen und Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, fun­dier­te Mei­nun­gen und blos­ses Ge­schwätz ste­hen heu­te gleich­be­rech­tigt ne­ben­ein­an­der. Schlim­mer noch: Häu­fig wer­den Fa­ke News ra­scher und wei­ter ver­brei­tet als Fakten.

So­zia­le Me­di­en ma­chen dumm

Die so­zia­len Me­di­en ver­stär­ken die ne­ga­ti­ve Ent­wick­lung. «Auf Face­book sind wir al­le Kol­le­gen», sagt Tom Ni­chols. «Das hat zu der lä­cher­li­chen Vor­stel­lung ge­führt, wir wüss­ten al­le gleich viel, und al­le Mei­nun­gen sei­en gleich­wer­tig.»

Über­dies för­dern die so­zia­len Me­di­en ei­nen Ef­fekt, den die Psy­cho­lo­gen con­fir­ma­ti­on bi­as nen­nen. In der Rea­li­tät ist es sel­ten so, dass sich die Men­schen ih­re Mei­nung auf­grund von Fakten bil­den. Viel­mehr kommt die Mei­nung zu­erst, und nach­her su­chen wir nach den pas­sen­den Fakten. Das In­ter­net ver­ein­facht die­se Su­che mas­siv – un­ter­stützt von Al­go­rith­men, die uns Bei­trä­ge zu­füh­ren, die uns zu­sa­gen. «Das ist das Pa­ra­dox un­se­rer neu­en In­for­ma­ti­ons­welt: Es war noch nie so leicht, al­le In­for­ma­tio­nen zu fin­den, die man ha­ben will», sagt Die­tram Scheu­fe­le, Pro­fes­sor für Wis­sen­schafts­kom­mu­ni­ka­ti­on an der Uni­ver­si­tät Wis­con­sin. «Es war aber auch noch nie­mals so leicht, all je­nen In­for­ma­tio­nen aus­zu­wei­chen, die man nicht ha­ben will.»

Die ge­gen­wär­ti­ge Ex­per­ten­kri­se ist denn auch kei­ne ei­gent­li­che Wis­sen­schafts­kri­se. In der Schweiz ha­ben 57 Pro­zent der Men­schen gros­ses oder sehr gros­ses Ver­trau­en in die Wis­sen­schaft – in den USA sind es im­mer­hin 40 Pro­zent. Die For­schung hat ei­nen gu­ten Ruf, und gern schmückt man sei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on mit ei­nem Hin­weis auf ei­ne wis­sen­schaft­li­che Qu­el­le. Das Ver­flix­te ist, dass sich die Men­schen je­ne Wis­sen­schaft aus­su­chen, die ih­nen in den Kram passt. Und das kann zur Not auch die Stu­die über Imp­fun­gen und Au­tis­mus sein, die längst als ge­fälscht ent­larvt wur­de.

Da ist es nur fol­ge­rich­tig, dass der Ideo­lo­gi­sie­rungs­grad der Men­schen mit zu­neh­men­dem Wis­sen nicht et­wa sinkt, son­dern steigt. Nach­ge­wie­sen ist das et­wa beim men­schen­ge­mach­ten Kli­ma­wan­del, an den in Ame­ri­ka die Re­pu­bli­ka­ner um­so we­ni­ger glau­ben, je mehr sie dar­über wis­sen.

«Die Po­la­ri­sie­rung ist in den USA wirk­lich gross», sagt So­nia Se­ne­vi­rat­ne von der ETH Zü­rich. Doch der Ein­druck, es herr­sche hier ein er­bit­ter­ter Streit un­ter Wis­sen­schaft­lern, sei falsch: Kaum ein ech­ter Kli­ma­wis­sen­schaft­ler zwei­felt an der Exis­tenz des Kli­ma­wan­dels. «Die al­ler­meis­ten so­ge­nann­ten Skep­ti­ker ha­ben gar kei­ne Aus­bil­dung in Kli­ma­to­lo­gie. Oft ha­ben sie ei­nen Dok­tor­ti­tel in ei­nem an­de­ren Ge­biet, et­wa in der Geo­lo­gie.» Das ge­nügt, um bei ih­rem Pu­bli­kum als Fach­leu­te durch­zu­ge­hen. Ih­re Mo­ti­ve sind aber zu­meist nicht wis­sen­schaft­li­cher, son­dern po­li­ti­scher oder wirt­schaft­li­cher Na­tur.

«In der Schweiz ist das Pro­blem we­ni­ger gross», sagt Se­ne­vi­rat­ne. «Das könn­te auch da­mit zu tun ha­ben, dass bei uns das Fern­se­hen öf­fent­lich­recht­lich ist.» In den USA tra­gen pri­va­te Fern­seh­sta­tio­nen, die mit vol­ler Kraft für die ei­ne oder an­de­re Sei­te Po­si­ti­on be­zie­hen, viel zur Spal­tung der Ge­sell­schaft bei. «Der Um­gangs­ton ist in der Schweiz et­was we­ni­ger rup­pig als in an­de­ren Län­dern», sagt auch Ste­phan Russ­mohl, Pro­fes­sor für Me­di­en­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Lu­ga­no. «Dank gu­ter Bil­dung und ei­nem ver­gleichs­wei­se ho­hen Le­vel an po­li­ti­scher In­for­miert­heit sind Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer wohl auch et­was re­sis­ten­ter ge­gen Des­in­for­ma­ti­on.» Das dür­fe aber nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass Fa­ke News auch bei uns auf dem Vor­marsch sind.

Rich­tig «framen»

Die Wis­sen­schaft braucht drin­gend so et­was wie ei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie. Es ge­nügt nicht, im Prin­zip recht zu ha­ben. Denn durch Ar­gu­men­te las­sen sich die Men­schen kaum je von ih­ren Über­zeu­gun­gen ab­brin­gen. Im Ge­gen­teil: «Wenn Fakten das Welt­bild des Ge­gen­übers in­fra­ge stel­len, ist es so­gar kon­tra­pro­duk­tiv, sie zu er­wäh­nen», sagt Gleb Tsipurs­ky, ein psy­cho­lo­gisch in­ter­es­sier­ter Wis­sen­schafts­his­to­ri­ker der Ohio Sta­te Uni­ver­si­ty. «Man spricht hier vom Back­fi­re­ef­fekt.» Er emp­fiehlt des­halb, zu­erst die Ge­fühls­la­ge des Ge­sprächs­part­ners zu er­kun­den: War­um ist er so wü­tend, was macht ihm Sor­gen? In ei­nem zwei­ten Schritt müs­se man für die­se Nö­te Mit­ge­fühl zei­gen. Erst wenn der Bo­den der­art be­rei­tet sei, kön­ne man sei­ne Ar­gu­men­te vor­brin­gen – aber mög­lichst so, dass sie den Grund­über­zeu­gun­gen des Ge­gen­übers nicht dia­me­tral zu­wi­der­lau­fen.

Ins glei­che Horn stösst Die­tram Scheu­fe­le: «Wenn ich ei­nem Re­pu­bli­ka­ner ge­gen­über den Be­griff Kli­ma­

wan­del er­wäh­ne, ge­hen so­fort die Fens­ter zu – da brau­che ich gar nicht mehr wei­ter­zu­re­den.» Wol­le man für er­neu­er­ba­re Ener­gi­en wer­ben, ap­pel­lie­re man da­her bes­ser an grup­pen­üb er­grei­fen­de Wer­te :« Am bes­ten be­tont man die Ener­gieun ab­hän­gig­keit und die glo­ba­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit. Das sind Din­ge, die al­len Ame­ri­ka­nern wich­tig sind. Ar­nold Schwar­ze­negger zum Bei­spiel macht das sehr gut.»

Scheu­fe­le nennt als wei­te­res Vor­bild die At­mo­sphä­ren­wis­sen­schaft­le­rin Kat­ha­ri­ne Hay­hoe: Sie ist Di­rek­to­rin des Cli­ma­te Sci­ence Cen­ter der Te­xas Tech Uni­ver­si­ty – und evan­ge­li­ka­le Christin. Ei­ne pi­kan­te Kom­bi­na­ti­on, die sich aber als sehr ef­fek­tiv er­weist. Ih­re Re­li­gio­si­tät ver­schafft ihr Glaub­wür­dig­keit in kon­ser­va­ti­ven Krei­sen, und mit dem Ver­weis auf die Be­wah­rung der Schöp­fung konn­te sie schon man­chen Skep­ti­ker da­von über­zeu­gen, dass der Kli­ma­wan­del re­al ist, in­klu­si­ve ih­ren Ehe­mann, ei­nen Pas­tor. Das Wirt schafts ma­ga­zin« For­tu­ne» führt Hay­hoe auf Rang 15 in der Lis­te der World’s Grea­test Le­a­ders.

Oh­ne­hin ist die Kli­ma wis­sen­schaft dar­an, ar­gu­men­ta­tiv auf­zu­rüs­ten. Der Welt­kli­ma rat I PC Chat kürz­lich ein Kom­mu­ni­ka­ti­on s hand­buch pu­bli­ziert und ver­an­stal­tet Se­mi­na­re. So will man ge­wapp­net sein für die Ver­öf­fent­li­chung des Be­richts zum 1,5-Grad-ziel die­sen Herbst und für den nächs­ten gros­sen Sach­stand­be­richt 2022.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger An­satz aus der Komm uni­kat ions psy­cho­lo­gie ist das so­ge­nann­te Fra­ming. Ge­meint ist die Kunst, durch ei­ne ge­schick­te Be­griffs­wahl ei­nem The­ma ei­nen be­stimm­ten Touch zu ge­ben und so die Ge­füh­le des Pu­bli­kums in die ge­wünsch­te Rich­tung zu len­ken. Als er­folg­rei­ches Ne­ga­tiv­bei­spiel nennt Die­tram Scheu­fe­le den Aus­druck «Fran­ken­food» für ge­ne­tisch ver­än­der­te Le­bens­mit­tel, der so­fort As­so­zia­tio­nen an ei­ne aus­ser Kon­trol­le ge­ra­te­ne Wis­sen­schaft weckt. «Die­sen Be­griff hat ei­ne gen­tech­kri­ti­sche Or­ga­ni­sa­ti­on ganz be­wusst ge­wählt. Er wirkt so stark, dass es schwie­rig ist, da­ge­gen an­zu­kämp­fen.»

Mit der Öf­fent­lich­keit dis­ku­tie­ren

Die Si­tua­ti­on ist ei­ni­ger­mas­sen ver­korkst. Die Wis­sen­schaft ist drauf und dran, das Ren­nen zu ver­lie­ren – noch be­vor sie über­haupt ge­merkt hat, dass es statt­fin­det. «Erst ein­mal müs­sen wir rea­li­sie­ren, dass wir ein Pro­blem ha­ben», sagt Gleb Tsipurs­ky. «Dann müs­sen wir auf­hö­ren, uns als Ein­zel­kämp­fer zu ver­ste­hen.»

Das fin­det auch der Me­di­en­wis­sen­schaft­ler Ste­phan Russ-mohl: Er schlägt ei­ne «Al­li­anz für die Auf­klä­rung» vor. «Wis­sen­schaft­ler und Jour­na­lis­ten soll­ten sich zu ei­nem Bünd­nis zu­sam­men­schlies­sen, um der Flut an Des­in­for­ma­ti­on und Fa­ke News ent­ge­gen­zu­wir­ken», sagt er. Jour­na­lis­ten kä­men so zu ori­gi­nel­len, ver­läss­li­chen Ge­schich­ten, wäh­rend die For­scher um­ge­kehrt ihr Wis­sen ver­mehrt mit der Öf­fent­lich­keit tei­len könn­ten. Al­ler­dings deu­tet im Mo­ment kaum et­was dar­auf hin, dass so ei­ne Al­li­anz für die Auf­klä­rung tat­säch­lich zu­stan­de kom­men könn­te.

Wä­re es nicht ein­fa­cher, wenn die Wis­sen­schaft di­rekt mit dem Pu­bli­kum kom­mu­ni­zier­te, et­wa via so­zia­le Me­di­en, Blogs oder Zei­tungs­ar­ti­kel? «Das wä­re wün­schens­wert, aber es gibt da­für kei­ne An­rei­ze», sagt Russ-mohl. For­sche­rin­nen und For­scher hät­ten ge­nug da­mit zu tun, in Fach­zeit­schrif­ten zu pu­bli­zie­ren und ih­re Qua­li­fi­ka­ti­on nach­zu­wei­sen. «So­lan­ge Öf­fent­lich­keits­ar­beit von den För­der­gre­mi­en nicht ex­pli­zit ho­no­riert wird, dürf­te sich dar­an auch nichts än­dern.» Zu­dem hät­ten sich vie­le Wis­sen­schaft­ler im «Schat­ten­reich öf­fent­li­cher Nicht­be­ach­tung» ganz be­quem ein­ge­rich­tet.

Na­tür­lich ist es an­stren­gend, mit Lai­en zu dis­ku­tie­ren, zu­mal mit auf­müp­fi­gen. «Oft kommt es mir vor, als wür­de ich mit Kin­dern strei­ten», sagt Tom Ni­chols, der vie­le öf­fent­li­che Vor­trä­ge gibt, po­pu­lä­re Ar­ti­kel schreibt und ein lei­den­schaft­li­cher Twit­te­rer ist. «Wenn man et­wa ei­ne fal­sche Be­haup­tung des Ge­gen­übers kor­ri­giert, heisst es so­fort, man sei eli­tär und über­heb­lich.» Trotz­dem dür­fe man sich nicht da­vor drü­cken: «Ex­per­tin­nen und Ex­per­ten, ob sie es mö­gen oder nicht, müs­sen sich en­ga­gie­ren.» Viel­leicht nicht ge­ra­de Ma­the­ma­ti­ker oder Chir­ur­gen, aber doch all je­ne, die sich mit po­li­tisch um­strit­te­nen The­men be­fas­sen, die so­ge­nann­ten pu­b­lic in­tel­lec­tu­als. «Es ist un­se­re Pflicht, mit der Öf­fent­lich­keit zu dis­ku­tie­ren, nicht bloss un­ter uns.» Leu­te wie Ni­chols sind bis heu­te Ein­zel­kämp­fer. Zwar gibt es ei­ni­ge An­sät­ze zu ko­or­di­nier­tem En­ga­ge­ment. Et­wa den March for Sci­ence, der 2017 meh­re­re Hun­dert­tau­send Leu­te auf die Stras­se brach­te. Doch das Trom­mel­feu­er aus Fa­ke News und Ex­per­ten­ver­un­glimp­fung hat des­we­gen nicht nach­ge­las­sen.

Tom Ni­chols ist we­nig op­ti­mis­tisch. Wenn man ihn nach ei­ner ge­ne­rel­len Ein­schät­zung fragt, kann ei­nem angst und ban­ge wer­den. Tra­gi­scher­wei­se wer­de der gras­sie­ren­de Nar­ziss­mus wo­mög­lich erst ver­schwin­den, wenn es zu ei­ner Ka­ta­stro­phe kommt, zu ei­nem Krieg oder zu ei­nem öko­no­mi­schen Kol­laps. Denn in Kri­sen­si­tua­tio­nen ist ech­tes Ex­per­ten­wis­sen plötz­lich wie­der sehr ge­fragt. «In der Not­auf­nah­me», so Ni­chols, «sieht man nicht vie­le Leu­te, die mit dem Dok­tor strei­ten.» Tom Ni­chols: «The De­ath of Ex­per­ti­se. The Cam­pai­gn against Esta­blis­hed Know­ledge and Why it Mat­ters», Ox­ford Uni­ver­si­ty Press, 2017

Ste­phan Russ-mohl: «Die in­for­mier­te Ge­sell­schaft und ih­re Fein­de. War­um die Di­gi­ta­li­sie­rung un­se­re De­mo­kra­tie ge­fähr­det»,

Her­bert von Ha­lem Ver­lag, 2017

Der Text ist die über­ar­bei­te­te Fas­sung ei­nes Ar­ti­kels, der im Schwei­zer For­schungs­ma­ga­zin «Ho­ri­zon­te» (Nr. 117) er­schie­nen ist.

MA­THI­AS PLÜSS ist Wis­sen­schafts­jour­na­list und schreibt re­gel­mäs­sig für «Das Ma­ga­zin». ma­thia­s­[email protected]­e­win.ch

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