ni­k­laus Pe­ter

schreibt Ben Moo­re ei­nen Brief

Das Magazin - - N° 27 — 7. Juli 2018 - Ni­k­laus Pe­ter

ei­nem so ex­zel­len­ten For­scher und Astro­phy­si­ker wie Ih­nen wi­der­spre­chen – das tut man auf ei­ge­nes Ri­si­ko. Soll­te man nicht ein­fach dank­bar sein, wenn Sie den Le­sern des «Ma­ga­zins» kurz die Ent­ste­hung des Kos­mos er­klä­ren und da­bei noch un­ent­gelt­li­che Vor­schlä­ge zur Kor­rek­tur des bi­bli­schen Ge­ne­sis­tex­tes ma­chen? Ist es ver­we­gen zu fra­gen, ob Sie denn auch ver­sucht ha­ben, die Po­in­te des Ein­gangs­ka­pi­tels der Ge­ne­sis zu ver­ste­hen?

Denn Sie schei­nen da­von aus­zu­ge­hen – was sonst ei­gent­lich nur Fun­da­men­ta­lis­ten glau­ben –, dass der bi­bli­sche Schöp­fungs­be­richt in direkter Kon­kur­renz zu wis­sen­schaft­li­chen Theo­ri­en vom Ur­knall steht. Des­halb wun­dern Sie sich, dass wir uns heu­te noch auf Bi­bel­über­set­zun­gen aus der Re­for­ma­ti­ons­zeit ver­las­sen. Man kon­sul­tie­re doch auch nicht me­di­zi­ni­sche Hand­bü­cher aus dem 16. Jahr­hun­dert, schrei­ben Sie. Und da­her kön­nen Sie den bi­bli­schen Au­to­ren nur vier von zehn Punk­ten ge­ben – ein kla­res «un­ge­nü­gend» al­so. Da­für aber be­kom­men wir gra­tis For­mu­lie­run­gen für die nö­ti­ge Über­ar­bei­tung zur Bi­bel v2.1 (Ko­lum­ne im «Ma­ga­zin» N° 24 vom 16. Ju­ni).

Nun, his­to­ri­sche Tex­te sind his­to­ri­sche Tex­te. Und seit den Zei­ten des Eras­mus­schü­lers Zwing­li gibt es in Zü­rich ei­ne historisch den­ken­de Theo­lo­gie, die sich der Auf­klä­rung öff­net und Wis­sen­schaft wird. Die­se er­forscht die Ent­ste­hungs­be­din­gun­gen und Sinn­ho­ri­zon­te bi­bli­scher Tex­te, da­mit ein­her geht ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung von Geis­tes- und Na­tur­wis­sen­schaf­ten. Es bil­det sich da­bei ein his­to­ri­sches Be­wusst­sein aus. So fragt man jetzt auch bei bi­bli­schen Tex­ten zu­erst ein­mal, auf wel­che Kon­tex­te sie re­agie­ren – und dann na­tür­lich, was die poin­tier­te Aus­sa­ge und was ihr Sinn­an­ge­bot ist. So hat die For­schung für Ge­ne­sis 1 zei­gen kön­nen, dass die pries­ter­li­chen, re­la­tiv spät schrei­ben­den Au­to­ren der ers­ten Schöp­fungs­ge­schich­te Früh­for­men ägyp­ti­scher «Na­tur­wis­sen­schaft» in ih­re Er­zäh­lung von den sechs Schöp­fungs­ta­gen in­te­grie­ren. Dies, um in ei­ner von My­then do­mi­nier­ten Welt ei­ne er­staun­lich ra­tio­nal struk­tu­rier­te Evo­lu­ti­on zu skiz­zie­ren. Ge­wiss, noch nicht auf Ih­rem Theo­rie­ni­veau, aber auf dem der da­ma­li­gen Zeit. Doch ging es je­nen Au­to­ren nicht um Wis­sen­schaft. Die ers­te Po­in­te ih­rer Er­zäh­lung ist ei­ne my­tho­s­kri­ti­sche: in ei­ner von Ge­stirns­gott­hei­ten do­mi­nier­ten Welt wer­den Mond und Ster­ne zu auf­ge­häng­ten Be­leuch­tungs­kör­pern, und dem Men­schen wird mit der Gott­eben­bild­lich­keit ei­ne be­son­de­re Ver­ant­wor­tung zu­ge­spro­chen. Die zwei­te Po­in­te des Tex­tes ist die, dass der Sinn die­ser gan­zen Ge­schich­te nicht auf hams­ter­rad­mäs­si­ges Wei­ter­ar­bei­ten, son­dern nach sechs Ta­gen Ar­beit auf ei­nen sieb­ten Ru­he­tag zu­läuft. Auf ei­nen Tag der Freu­de und des Fei­erns. Schon dar­an ist ab­zu­le­sen, dass der Text nicht mit Pro­to­wis­sen­schaf­ten kon­kur­riert, son­dern im We­sent­li­chen Aus­sa­gen über mensch­li­che Welt- und Zei­ter­fah­run­gen im Ho­ri­zont des Gött­li­chen ma­chen will. Wä­re es nicht schö­ner, vor der Punkt­ver­ga­be mal ge­mein­sam über den Sinn der Tex­te nach­zu­den­ken?

Herz­lich – Ni­k­laus Pe­ter

NI­K­LAUS PE­TER ist Pfar­rer am Frau­müns­ter in Zü­rich.

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