Chris­ti­an sei­ler

ver­langt mehr Ma­nie­ren

Das Magazin - - N° 27 — 7. Juli 2018 - CHRIS­TI­AN SEI­LER ist Re­por­ter bei« Das Ma­ga­zin ». Chris­ti­an sei­ler

Wie man rich­tig Spa­ghet­ti isst, wuss­te der Va­ter von Tay Ga­le­se ganz ge­nau. Wenn sein Sohn, der spä­ter zu ei­nem stil­bil­den­den Re­por­ter des new jour­na­lism wer­den soll­te, im New Yor­ker Re­stau­rant «Ve­nice» zur Vor­spei­se Spa­ghet­ti mit Mu­schel­sau­ce be­stell­te, ver­wen­de­te der base­ball­be­ses­se­ne Bub da­für sei­ne Ga­bel und ei­nen Ess­löf­fel, «den ich wie ei­nen Fang­hand­schuh ein­setz­te, um her­ab­ge­fal­le­ne Mu­schel­stü­cke auf­zu­klau­ben und zu­gleich mei­ne Ga­bel zu sta­bi­li­sie­ren, wäh­rend ich eif­rig ver­such­te, die Spa­ghet­ti­fä­den zu fes­ten, or­dent­li­chen Spu­len zu dre­hen».

Das ge­fiel dem Va­ter nicht. Er war ein ita­lo­ame­ri­ka­ni­scher Mass­schnei­der, kon­ser­va­tiv bis in die Kno­chen, und sein Stil­be­wusst­sein be­schränk­te sich nicht auf den Schnitt der Drei­tei­ler und Pelz­män­tel, die er in sei­nem Ate­lier her­stell­te, es galt es auch für pro­fa­ne Din­ge wie den Ver­zehr von Pas­ta: «Er ver­wen­de­te stets nur ei­ne Ga­bel, mit der er die Nu­deln kunst­voll aufz­wir­bel­te, oh­ne dass auch nur ei­ne her­ab­bau­mel­te, wenn er sie zum Mund führ­te.»

Je­de an­de­re Me­tho­de hielt Jo­seph Ta­le­se, der das Spa­ghet­ties­sen noch in sei­ner süd­ita­lie­ni­schen Hei­mat ge­lernt hat­te, für falsch. Be­son­ders miss­fiel ihm der Ge­brauch ei­nes Löf­fels: «Nur Leu­te oh­ne Ma­nie­ren es­sen ih­re Spa­ghet­ti auf die­se Wei­se – oder Leu­te, die kei­ne Ah­nung ha­ben, wie die meis­ten Ame­ri­ka­ner oder je­ne Ame­ri­ka­ner ita­lie­ni­scher Ab­stam­mung, die Ca­fo­ni [Bau­ern­tram­pel] sind – in Ita­li­en je­doch wür­de kein kul­ti­vier­ter Mensch in der Öf­fent­lich­keit je ei­nen Löf­fel da­für be­nüt­zen.»

Al­so wies er sei­nen leid­ge­prüf­ten Sohn, der schon im mass­ge­schnei­der­ten Drei­tei­ler zur Schu­le ge­hen und sich da­für von den Kom­mi­li­to­nen ver­spot­ten las­sen muss­te, an zu üben: «Ei­nes Ta­ges wirst du es hin­be­kom­men.»

Ich be­wun­de­re die poe­ti­schen Tisch­ma­nie­ren Jo­seph Ta­le­ses, auch wenn ich sie nur aus der Pro­sa sei­nes Soh­nes ken­ne (die Ge­schich­te «Ein Sonn­tag zu Kriegs­zei­ten» er­schien ge­ra­de im Band «High No­tes»). Es ist ei­ne ho­he Kunst, kom­pli­zier­te Tä­tig­kei­ten leicht und selbst­ver­ständ­lich aus­se­hen zu las­sen, und der Ver­zehr von Spa­ghet­ti, noch da­zu wenn die­se mit aus­rei­chend viel Sau­ce ser­viert wer­den, fällt si­cher in die­ses Fach. Wenn ich in ein ita­lie­ni­sches Re­stau­rant ge­he und, sa­gen wir, heiss­hung­rig Spa­ghet­ti mit Mu­schel­sau­ce be­stel­le, er­schre­cke ich, so­bald der Kell­ner mit mei­ner Be­stel­lung in die Kü­che un­ter­wegs ist, vor der ei­ge­nen Cou­ra­ge. Schliess­lich tra­ge ich ein blü­ten­weis­ses T-shirt oder Hemd, und ein­mal ab­ge­se­hen von den Hal­tungs­no­ten beim Es­sen möch­te ich nicht, dass mei­ne brei­te Brust je­dem, der es nicht wis­sen will, Aus­kunft dar­über gibt, was es zu Mit­tag gab.

Tisch­ma­nie­ren sind auf dem Rück­zug. Es ge­hört nicht mehr zum bür­ger­li­chen Ka­non, auf­recht auf sei­nem Stuhl zu sit­zen, die El­len­bo­gen nicht auf­zu­stüt­zen, von aussen nach in­nen das rich­ti­ge Be­steck zu wäh­len und mit dem ers­ten Bis­sen zu war­ten, bis al­le am Tisch das Es­sen vor sich ste­hen ha­ben. Gu­te Ma­nie­ren bei Tisch stel­len kei­nen Dis­tink­ti­ons­ge­winn mehr dar. Selbst in bes­se­ren Re­stau­rants, de­ren Be­such hin­ge­gen durch­aus als Dis­tink­ti­ons­mit­tel funk­tio­niert, wird heu­te auf ei­ne Wei­se ge­ges­sen, die mit dem bür­ger­li­chen Ka­non nichts mehr zu tun hat. Rei­che Men­schen, die Mes­ser und Ga­bel wie ei­nen Faust­keil hal­ten, sind kei­nes­wegs mehr die Aus­nah­me von der Re­gel, und sie wer­den nur über­trof­fen von man­chen Kin­dern, de­ren Er­näh­rungs­ge­wohn­hei­ten so ei­gen­wil­lig sind, dass ih­re El­tern froh sind, wenn sie über­haupt et­was es­sen. Ob sie für ih­re zu Brei ge­schnit­te­nen Spa­ghet­ti am Schluss die Ga­bel, den Löf­fel oder ihr was­ser­fes­tes Han­dy ver­wen­den, das ist voll­kom­men gleich­gül­tig.

Mir ge­fällt die­se Ent­wick­lung nicht. An­ge­mes­se­ne Tisch­ma­nie­ren ha­ben ei­nen kul­tu­rel­len Wert, sie adeln und ver­fei­nern uns. Nur da­mit wir uns rich­tig ver­ste­hen: Ich plä­die­re kei­nes­wegs für ein Come­back der blei­er­nen Zeit am Wirts­haus­tisch, für die zwin­gen­de Ja­cke und Kra­wat­te (ob­wohl ich glau­be, dass das for­mel­le Din­ner bald ein Come­back fei­ern wird, als Ge­gen­be­we­gung zum Turn­schuh­fi­neDi­ning, wie es der­zeit flä­chen­de­ckend be­trie­ben wird).

Ich seh­ne mich nur da­nach, dass je­mand weiss, wie er die Ga­bel hal­ten muss, da­mit Spa­ghet­ti und Mu­schel­sau­ce nicht nur hef­tig ge­liebt, son­dern auch wür­dig ver­zehrt wer­den kön­nen.

PS: Die Po­in­te der Ge­schich­te von Gay Ta­le­se zielt üb­ri­gens dar­auf, dass am Ne­ben­tisch Joe Dim­ag­gio sei­ne Spa­ghet­ti mit Mu­schel­sau­ce isst, der be­rühm­tes­te Base­ball­star sei­ner Zeit: «Sein Mund öff­ne­te sich, und al­le um ihn her lä­chel­ten – ich ein­ge­schlos­sen –, als er sei­ne Ga­bel durch die Luft wir­bel­te und völ­lig un­ver­fro­ren in ei­nen gros­sen Sil­ber­löf­fel senk­te.»

Wie es­se ich Spa­ghet­ti, wenn ich nicht Joe Dim­ag­gio bin?

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