DAS MÄD­CHEN IM GEL­BEN KLEID

Chris­toph Rans­mayrs Rei­se zu den Berg­go­ril­las Ost­afri­kas wird zu ei­ner Rei­se ins Ge­wis­sen Eu­ro­pas.

Das Magazin - - Sommergeschichten - Il­lus­tra­ti­on Hi­f­u­miyo

Es war an ei­nem ge­witt­ri­gen, aber noch wind­stil­len Ja­nu­ar­tag, an dem ich ein bar­füs­si­ges Mäd­chen von sechs, viel­leicht sie­ben Jah­ren in ei­nem lö­wen­zahn­gel­ben, in strei­fi­ge Fet­zen ge­ris­se­nen Kleid auf ei­ner von Schlag­lö­chern durch­schos­se­nen Land­stras­se im Ge­biet der ost­afri­ka­ni­schen Vi­run­ga-vul­ka­ne sah. Das Mäd­chen schlepp­te ei­nen gros­sen Was­ser­ka­nis­ter, der of­fen­sicht­lich so schwer war, dass die Klei­ne ihn nur mit bei­den Hän­den und zwi­schen ih­ren dür­ren Bei­nen pen­delnd Schritt für Schritt vor­an­brin­gen konn­te. Auch wenn sie manch­mal ver­such­te, den Schwung der Pen­del­be­we­gung ih­rer Last für den nächs­ten Schritt zu nüt­zen, muss­te sie das Ge­wicht nach we­ni­gen Me­tern doch im­mer wie­der ab­stel­len, muss­te Atem schöp­fen, um den Ka­nis­ter dann mit ei­nem Seuf­zer wie­der auf­zu­neh­men. Trotz­dem hob sie in ei­ner die­ser Atem­pau­sen den Kopf und wink­te ei­ner klei­nen, im Schat­ten ei­ner stau­bi­gen Aka­zie mit ei­ner Rei­fen­pan­ne be­schäf­tig­ten Grup­pe auf der ge­gen­über­lie­gen­den Stras­sen­sei­te zu und lä­chel­te. Wink­te uns zu. Uns Eu­ro­pä­ern. Uns Weis­sen.

Ich war in die­sen Ja­nu­ar­wo­chen ge­mein­sam mit mei­ner Frau und Freun­den aus Süd­ti­rol in ei­nem über­la­de­nen Ge­län­de­wa­gen in der Grenz­re­gi­on zwi­schen Ugan­da, Ruan­da und dem Kon­go un­ter­wegs, um ei­ni­ge weit in den Re­gen- und Ne­bel­wäl­dern des Ru­wenz­ori-ge­bir­ges ver­streu­te Berg­go­ril­la­clans zu be­ob­ach­ten. Ei­ne ru­an­di­sche Pri­ma­ten­for­sche­rin hat­te uns die­sen Weg ins Ge­bir­ge er­mög­licht und woll­te uns füh­ren. Die Mit­glie­der ih­rer Go­ril­la­clans wa­ren durch jahr­zehn­te­lan­ge Be­mü­hun­gen von Zoo­lo­gen und Ver­hal­tens­for­sche­rin­nen wie et­wa der Ka­li­for­nie­rin Di­an Fos­sey durch­aus nicht ge­zähmt, durch­aus nicht do­mes­ti­ziert, aber doch in ei­nem Aus­mass an das ge­le­gent­li­che Er­schei­nen von Men­schen ge­wöhnt wor­den, dass von der Wild­nis und den Dra­men der Tier­welt ge­bann­te Afri­ka-rei­sen­de wie wir sich ih­nen im güns­tigs­ten Fall bis auf ei­ne Arm­län­ge nä­hern konn­ten, oh­ne da­bei we­sent­lich mehr zu ris­kie­ren als ein Mensch, der ein Pferd oder ei­nen Jagd­hund strei­cheln will.

Ge­fähr­li­cher, viel ge­fähr­li­cher als ein et­wa zwei­hun­dert Ki­lo­gramm schwe­rer Go­ril­la, der sei­nen Clan als Sil­ber­rü­cken führ­te und be­schütz­te, wa­ren auch in die­sen Ja­nu­ar­ta­gen und wie im­mer die Men­schen: Wil­de­rer im Sold rei­cher Tro­phä­en­samm­ler, Stras­sen­bau­er oder Lan­der­schlies­ser, de­nen der Ur­wald ent­we­der ei­ne blos­se Tro­pen­holz­re­ser­ve war, exo­ti­scher Bau­grund für Ho­tels und Re­sorts oder ein­fach ein Hin­der­nis, das aus dem Weg ge­sägt, ge­brannt oder ge­sprengt wer­den muss­te. Wie vor ihr und nach ihr noch an­de­re Freun­de der Go­ril­las war auch Di­an Fos­sey sol­chen Her­ren der Wild­nis un­ter nie ge­klär­ten Um­stän­den zum Op­fer ge­fal­len: Sie wur­de mit ein­ge­schla­ge­nem Schä­del vor ih­rer Hüt­te in je­ner Hoch­wald­re­gi­on ge­fun­den, die wir in den kom­men­den Ta­gen durch­wan­dern woll­ten.

Das Mäd­chen im gel­ben Kleid schien sei­nen Ka­nis­ter trotz des quä­len­den Ge­wichts in die Unend­lich­keit schlep­pen zu wol­len: Die Stras­se durch­schnitt im auf­kom­men­den Wind wo­gen­de Pa­py­rus­fel­der wie in alt­tes­ta­men­ta­ri­schen Ta­gen viel­leicht der Flucht­weg der Is­rae­li­ten das Ro­te Meer, das sich zur Lin­ken und Rech­ten der ins Ge­lob­te Land Zie­hen­den zu Was­ser­mau­ern er­hob. Der fer­ne Ho­ri­zont war

von dunk­lem Ur­wald ge­zähnt, da­hin­ter lag ein von zahl­lo­sen Se­en schim­mern­des Hoch­land, aus dem wir an die­sem Mor­gen auf­ge­bro­chen wa­ren. Wir hat­ten auf die­sem Ab­schnitt un­se­rer Rou­te und bis das Hin­ter­rad mit ei­nem Knall al­le Luft ver­lor und un­ser Ge­fährt ins Schleu­dern ge­riet, kei­ne Dör­fer ge­se­hen, nur ver­ein­zel­te, mit Stroh oder Well­blech ge­deck­te Hüt­ten, auch kei­ne Strom­mas­ten. Ei­ne Ab­zwei­gung, die zu ir­gend­ei­nem Ziel des Mäd­chens füh­ren muss­te, war uns of­fen­sicht­lich ent­gan­gen. Oder schlepp­te die Was­ser­trä­ge­rin ih­re über­gros­se Last tat­säch­lich in die Unend­lich­keit?

Ne­ben dem von Wol­ken­brü­chen un­ter­spül­ten Stras­sen­rand, von dem sich jetzt aber nur Staub­fah­nen er­ho­ben und gleich wie­der hin­leg­ten, ver­lief – als ein­drucks­volls­tes Zei­chen zi­vi­li­sa­to­ri­scher Be­mü­hun­gen in die­ser dür­ren Ver­las­sen­heit – ein min­des­tens fünf­zehn, viel­leicht zwan­zig Zoll star­kes Was­ser­rohr in die hit­ze­flir­ren­de Wei­te, in der sich die­se Lei­tung, durch die gan­ze Se­en oder Flüs­se da­hin­rau­schen muss­ten, schliess­lich fa­den­dünn im Pa­py­rus ver­lor.

Spu­ren Eu­ro­pas

Sol­che Rohr­sys­te­me, so viel hat­ten wir schon in den ers­ten Ta­gen un­se­rer Fahrt durch Ugan­da und Ruan­da ge­se­hen, führ­ten auf fran­zö­si­sche, eng­li­sche oder ame­ri­ka­ni­sche Ana­nas-, Ka­kao-, Kaf­fee- oder Tee­plan­ta­gen oder die im Wind ni­cken­den Tul­pen­fel­dern hol­län­di­scher Blu­men­züch­ter, aber nie­mals in die Dör­fer der Men­schen, die sich auf sol­chen Plan­ta­gen und Fel­dern ab­müh­ten. Die hol­ten ihr Was­ser von trü­ben Qu­el­len und schlepp­ten es in Ka­nis­tern oder auf dem Kopf ba­lan­cier­ten Plas­tik­wan­nen zu Feu­er­stel­len, an de­nen je­der Schluck ge­kocht wer­den muss­te, wenn er nicht zur Qu­el­le ei­ner Viel­zahl von Krank­hei­ten wer­den soll­te. Die­se Pa­py­rus­fel­der! Der ra­scheln­de, wis­pern­de Klang die­ser Fel­der ... Wäh­rend wir uns mit ei­nem ver­bo­ge­nen Kreuz­schlüs­sel an vom Rost fest­ge­ba­cke­nen Schrau­ben­mut­tern ab­müh­ten und den feh­len­den Druck im Re­ser­ve­rad hoch­zu­pum­pen ver­such­ten, stell­te ich mir Schrift­rol­len von der end­lo­sen Län­ge die­ser Stras­se vor, die aus dem Pa­py­rus ge­won­nen wer­den könn­ten, Rol­len, auf de­nen die wah­re Chro­nik die­ses Kon­ti­nents erst noch ge­schrie­ben wer­den müss­te. War denn nicht zu­min­dest die jün­ge­re Ge­schich­te Afri­kas im­mer auch ei­ne Ge­schich­te Eu­ro­pas ge­we­sen? Eben­so wie die Ge­schich­ten Asi­ens und Ozea­ni­ens und In­do­ne­si­ens und die bei­der Ame­ri­kas und selbst die der Süd­see im­mer auch ei­ne Ge­schich­te des eu­ro­päi­schen Auf­tritts ge­we­sen wa­ren, ei­ne Ge­schich­te der Ero­be­rung, der Aus­beu­tung, der Skla­ve­rei und des Völ­ker­mords.

Wo­hin im­mer ein Afri­ka-rei­sen­der sich auf die­sem Kon­ti­nent wand­te, selbst wenn er nur un­ter­wegs war, um Weis­se Nas­hör­ner, Ele­fan­ten, Hyä­nen oder Leo­par­den zu be­stau­nen (oder zu ja­gen), muss­te er auf die Spu­ren Eu­ro­pas stos­sen, auf ei­ne zer­tram­pel­te Büh­ne der Grau­sam­keit, da­zu aber auch: auf Qu­ell­ge­bie­te des eu­ro­päi­schen Reich­tums. Oh­ne die hier ge­schürf­ten Er­ze und sel­te­nen Er­den, oh­ne die Gold­und Sil­ber- und Dia­man­ten­mi­nen und un­zäh­li­gen an­de­ren Bo­den­schät­ze, oh­ne die hier ein­ge­brach­ten Ern­ten, oh­ne die Ar­beits­kraft von Aber­mil­lio­nen Skla­ven und Bil­ligst­lohn­ar­bei­tern wä­re Eu­ro­pa wohl bis zum heu­ti­gen Tag noch längst nicht je­nes Pa­ra­dies, als das es in je­nen Flücht­lings­strö­men er­sehnt und be­wun­dert wird, die auf den Schlacht­fel­dern von eu­ro­pä­isch mit­ver­schul­de­ten Krie­gen und Elendsund Dür­re­ge­bie­ten ent­sprin­gen.

Eu­ro­pa hat die Rech­nun­gen für sei­ne durch Jahr­hun­der­te un­ter­nom­me­nen Raub­zü­ge quer durch al­le Kon­ti­nen­te die­ser Er­de nie be­zahlt, ja hat die von so­ge­nann­ten Ent­de­ckern und ko­lo­nia­len Ar­me­en an­ge­rich­te­ten Ver­wüs­tun­gen stets so lan­ge ge­leug­net, bis der Gestank aus den Mas­sen­grä­bern nicht mehr zu er­tra­gen war. Na­tür­lich gab es auch in den Jahr­hun­der­ten vor dem Ein­fall eu­ro­päi­scher Hor­den lo­ka­le Mord­bren­ner, Wu­che­rer und Han­dels­ge­sell­schaf­ten, Stam­mes­krie­ge, Skla­ven­märk­te, Grau­sam­keit und Gier, aber erst durch die Ab­ge­sand­ten aus den ver­meint­li­chen Zen­tren der Kul­tur – aus Spa­ni­en, Frank­reich, den Nie­der­lan­den, Por­tu­gal, Deutsch­land ... – wur­den Skla­ve­rei und Völ­ker­mord zum In­stru­ment ei­ner ge­ra­de­zu apo­ka­lyp­ti­schen Ge­schäfts­pra­xis. Selbst der als Schläch­ter von Afri­ka in die Ge­schich­te der Bar­ba­rei ein­ge­gan­ge­ne ugan­di­sche Dik­ta­tor Idi Amin Da­da hat­te sein Hand­werk als ho­her Of­fi­zier der bri­ti­schen Ko­lo­ni­alar­mee ge­lernt, bis er sich ne­ben sei­nem mi­li­tä­ri­schen Rang als Ser­geant Ma­jor auch den Ti­tel ei­nes Herrn al­ler Tie­re der Er­de und al­ler Fi­sche der Mee­re zu­leg­te und mehr als vier­hun­dert­tau­send Un­ter­ta­nen tö­ten liess.

Wo im­mer eu­ro­päi­sche Mis­sio­na­re und Land­räu­ber er­schie­nen, such­ten und fan­den sie nicht nur Kol­la­bo­ra­teu­re und Er­fül­lungs­ge­hil­fen vor Ort, son­dern de­for­mier­ten sie gan­ze Re­gio­nen, ih­re Kul­tur und ih­re Tra­di­tio­nen bis zur be­nö­tig­ten Miss­ge­stalt, zo­gen Gren­zen mit dem Li­ne­al quer durch Sprach­räu­me und Stam­mes­ge­bie­te und schu­fen so al­le Grund­la­gen künf­ti­ger, noch weit über die Be­frei­un­gen von den je­wei­li­gen Ero­be­rern hin­aus­rei­chen­de Feind­schaf­ten und Bür­ger­krie­ge.

Bel­gi­sche Gräu­el

Die Ah­nen­ga­le­rie von eu­ro­päi­schen Ent­de­ckern, von Gou­ver­neu­ren, Han­dels­her­ren und Skla­ven­händ­lern und mit ih­nen ein un­über­schau­ba­res Heer von so­ge­nann­ten Hand­lungs­rei­sen­den und Land­ver­mes­sern, tat­säch­lich aber blos­sen Er­fül­lungs­ge­hil­fen der Ver­nich­tung, führt durch Jahr­hun­der­te hin­ab und zeigt et­wa die Por­träts se­geln­der Schwei­ne­hir­ten wie des es­trema­du­ri­schen An­alpha­be­ten Francisco Pi­zar­ro Gon­zá­lez, des Zer­stö­rers des Rei­ches der In­ka, und sei­nes in je­der Hin­sicht Bluts- und Ge­sin­nungs­ver­wand­ten Hernán Cor­tés, des Zer­stö­rers des Az­te­ken­rei­ches.

Aber selbst aus den schwär­zes­ten und blu­tigs­ten Zei­ten führt die­se Ga­le­rie im­mer wie­der und über das 19. und 20. Jahr­hun­dert bis in die Ge­gen­wart und

zeigt uns Rei­ter­stand­bil­der wie das des bel­gi­schen Kö­nigs Leo­pold II. aus dem Haus Sach­sen-co­burg und Go­tha, der in den we­ni­gen Jah­ren, in de­nen er den Kon­go, ein Land von der viel­fa­chen Grös­se Bel­gi­ens, als sein Pri­vat­ei­gen­tum be­trach­te­te, für den Tod von min­des­tens zehn Mil­lio­nen Men­schen ver­ant­wort­lich war. Es gibt auch Schät­zun­gen, die zwan­zig Mil­lio­nen Op­fer die­ses Kö­nigs zäh­len.

Leo­pold und sei­ne Ge­schäfts­freun­de lies­sen den als Gei­seln ge­nom­me­nen Frau­en und Kin­dern von Zwangs­ar­bei­tern, die das oft un­er­füll­ba­re Ta­ges­soll auf den bel­gi­schen Kaut­schuk­plan­ta­gen selbst um den Preis töd­li­cher Er­schöp­fung nicht er­fül­len konn­ten, Hän­de und Füs­se ab­ha­cken und die Glied­mas­sen räu­chern und ein­sal­zen, da­mit sie als Dro­hung und Zei­chen des Schre­ckens auf dem früh­mor­gend­li­chen Weg zu den Plan­ta­gen ge­zeigt wer­den und ver­zwei­fel­te Ar­beits­wut be­wir­ken soll­ten.

Die Bil­der­diens­te des In­ter­nets zei­gen im­mer noch ei­ne Schwarz-weiss-fo­to­gra­fie aus je­nen frü­hen Ta­gen des 20. Jahr­hun­derts, auf der ein in sich ver­sun­ke­ner, dün­ner, halb nack­ter Mann auf den vor ihm lie­gen­den ab­ge­hack­ten Fuss und die ab­ge­hack­te Hand sei­ner Toch­ter starrt. Mög­li­cher­wei­se steht Leo­pold II., der Rei­ter von Brüs­sel, im­mer noch an sei­nem Ort, weil un­ter sei­nem Schre­ckens­re­gime die Ak­tie der Ang­lo-bel­gi­an In­dia Rub­ber Com­pa­ny von vier­ein­halb auf ein­tau­send Pfund stieg? Das ent­spricht ei­nem Pro­fit von mehr als zwei­und­zwan­zig­tau­send Pro­zent.

Eu­ro­pa! Soll­te es tat­säch­lich ein Sinn­bild der eu­ro­päi­schen Ge­gen­wart sein, dass das Denk­mal ei­nes kö­nig­li­chen Mehr­heits­ak­tio­närs am Rand der Brüs­se­ler Bo­ta­ni­schen Gär­ten und im Her­zen der Eu­ro­päi­schen Uni­on im­mer noch in den Him­mel ra­gen darf ?

Ge­wiss, es war stets lä­cher­lich, und es wird im­mer lä­cher­lich blei­ben, der Kunst im All­ge­mei­nen und der Li­te­ra­tur im Be­son­de­ren Auf­ga­ben zu­zu­wei­sen, The­men, de­ren sie sich an­neh­men und die sie dar­stel­len und im Sinn der Auf­klä­rung als Pro­gramm der Men­sch­lich­keit ver­brei­ten soll. Aber wenn Li­te­ra­tur, wenn die Er­zäh­lung im­stan­de ist, die Vor­stel­lungs­kraft vom Glück, von den Sehn­süch­ten und vom Lei­den je­ner an­de­ren, die so­wohl in un­se­rer nächs­ten Nach­bar­schaft als auch tief un­ter un­se­ren geo­gra­fi­schen wie kul­tu­rel­len Ho­ri­zon­ten le­ben, zu för­dern und da­mit ei­ne Ba­sis zu schaf­fen für das Ver­ständ­nis des Frem­den, dann soll­te die eu­ro­päi­sche Li­te­ra­tur – wenn es denn so et­was über­haupt ge­ben kann – zu­min­dest ge­le­gent­lich Brü­cken schla­gen zwi­schen der nächs­ten Nä­he und dem schein­bar Ferns­ten, dem Ver­trau­ten und dem Rät­sel­haf­ten und, ja, auch zwi­schen dem ei­ge­nen Reich­tum und dem Elend, das die­sen Reich­tum erst mög­lich wer­den liess.

Zeit­al­ter der Ent­de­ckun­gen

Wenn Mensch­heits­ka­ta­stro­phen, de­ren Aus­mas­se ge­gen­wär­tig nur als Alb­träu­me vor­stell­bar sind, ver­hin­dert oder we­nigs­tens ge­mil­dert wer­den sol­len, dann wird es nicht mehr ge­nü­gen, je­ne Welt, die auch nach der letz­ten Zäh­lung im­mer noch die Drit­te heisst, mit lä­cher­li­chen Al­mo­sen zu be­den­ken, so­ge­nann­ten Ent­wick­lungs­hil­fen, die in Wahr­heit über raf­fi­nier­te Fi­nan­zie­rungs­in­stru­men­te zu­meist doch wie­der auf eu­ro­päi­sche Kon­ten zu­rück­flies­sen, son­dern dann müss­te der Reich­tum die­ser Welt end­lich und tat­säch­lich ge­streut wer­den, nicht in Form von Al­mo­sen, son­dern von men­schen­ge­rech­te­ren Löh­nen und ge­rech­ten Prei­sen, und das heisst auch: Es müss­ten Ver­hält­nis­se ab­ge­schafft wer­den, in de­nen ei­ne Hand­voll Uner­sätt­li­cher, et­wa von der geis­ti­gen Be­schränkt­heit und gro­tes­ken In­fan­ti­li­tät des ge­gen­wär­ti­gen ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten und sei­ner eu­ro­päi­schen Ge­schäfts­freun­de, fast al­les und der Rest der Welt, der nicht not­wen­di­ger­wei­se klü­ger ist als ir­gend­ein Bar­bar im Weis­sen Haus, fast nichts be­sitzt. Ei­ne un­from­me Hoff­nung, ge­wiss. Denn wer von uns woll­te tat­säch­lich und leich­ten Her­zens we­nigs­tens auf ei­nen Teil des Lu­xus ver­zich­ten, der uns in un­ter­schied­li­cher Üp­pig­keit selbst­ver­ständ­lich wur­de – et­wa auf Zweit-, Dritt- und Vier­t­au­tos, auf Zweit-, Dritt- und Viert­woh­nun­gen und ent­spre­chen­de Häu­ser? Auf min­des­tens Drei- bis Fünf­ster­ne­ho­tels und bil­li­ge Langstre­cken­flü­ge, auf Strö­me von kost­ba­rem, kla­rem Trink­was­ser selbst in un­se­ren Toi­let­ten! Und stim­men wir denn nicht an je­der Zapf­säu­le auch über Öl­krie­ge ab, die zum Nut­zen un­se­rer Sonn­tags­aus­flü­ge und Fe­ri­en­fahr­ten ans Meer auf den Schlacht­fel­dern des Mitt­le­ren Os­tens und wo im­mer sich der Treib­stoff für un­se­re Mobilität fin­det, ge­führt wer­den?

Im so­ge­nann­ten Zeit­al­ter der Ent­de­ckun­gen, ei­ner Zeit des tat­säch­lich ins Uner­mess­li­che wach­sen­den eu­ro­päi­schen Reich­tums, star­ben fast drei­und­zwan­zig Mil­lio­nen der in­di­ge­nen Be­woh­ner Me­xi­kos und Me­soame­ri­kas. Der von Eu­ro­pä­ern be­trie­be­ne Skla­ven­han­del vom 16. bis zum 19. Jahr­hun­dert ver­schlepp­te dreis­sig Mil­lio­nen, nein, sa­gen rea­li­täts­nä­he­re Sta­tis­ti­ker: Es wa­ren ein­hun­dert Mil­lio­nen Op­fer. Über­ein­stim­mung in die­ser klaf­fen­den Be-

Eu­ro­pa hat die Rech­nun­gen für sei­ne durch Jahr­hun­der­te un­ter­nom­me­nen Raub­zü­ge quer durch al­le Kon­ti­nen­te die­ser Er­de nie be­zahlt.

rech­nungs­sche­re herrscht nur dar­über, dass ein Drit­tel der aus Afri­ka ver­schlepp­ten Skla­ven das Ziel je­den­falls nicht le­bend er­reich­te. Die Stau­plä­ne der Skla­ven­schif­fe zei­gen Decks so nied­rig, dass die dort An­ge­ket­te­ten nur lie­gend trans­por­tiert wer­den konn­ten – To­te, Sie­che, Ver­zwei­fel­te und Ver­we­sen­de ne­ben­ein­an­der, bis vor nord­deut­schen, dä­ni­schen, eng­li­schen, fran­zö­si­schen, spa­ni­schen oder nie­der­län­di­schen Ziel­hä­fen die Ket­ten ge­löst und die To­ten ins Meer ge­wor­fen wur­den. Al­lein in Nan­tes, ei­nem der gröss­ten Um­satz­hä­fen des Men­schen­han­dels, wur­de in den Jah­ren der Skla­ve­rei die Fracht von 1446 Skla­ven­schif­fen ge­löscht.

Ver­gan­gen­heit? Das sei doch al­les längst ver­gan­gen? Die To­ten sind im­mer noch tot. Und auch der ih­re Wür­de, ihr Glück und ihr Le­ben for­dern­de Reich­tum und Wohl­stand dau­ert an.

Dass Nord­ame­ri­ka über ei­nen Ge­no­zid in den Be­sitz eu­ro­päi­scher Sied­ler ge­riet, ist zum Su­jet he­roi­scher Er­zäh­lun­gen aus ei­nem Wil­den Wes­ten ge­wor­den, aber nur im Aus­nah­me­fall zur An­kla­ge. Die bra­chia­le Ver­wand­lung von Stam­mes­ge­bie­ten in die von eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­flücht­lin­gen ge­grün­de­ten Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka for­der­te zehn, auch hier sa­gen an­de­re: zwan­zig Mil­lio­nen To­te.

Aber um mehr oder we­ni­ger To­te hat sich das se­geln­de und Han­del trei­ben­de Eu­ro­pa nie ge­küm­mert. Wer sein Le­ben ver­lor, wur­de er­setzt. Starb auch der Er­satz, wur­de die Men­schen­jagd wei­ter be­feu­ert. Und was in den Zei­ten eu­ro­päi­scher Mis­sio­nen als gött­li­cher Auf­trag galt, soll­te bis in die Ge­gen­wart von Kon­zer­nen wie Uni­le­ver, Nest­lé oder Monsan­to fort­ge­führt wer­den, Monsan­to, dem Lie­fe­ran­ten für al­le Ar­ten von Pflan­zen­gif­ten und gen­tech­nisch ver­un­stal­te­tem Saat­gut – erst un­längst ver­schluckt von der seit den Hit­ler­jah­ren mit Zwangs­ar­beit ver­trau­ten Bay­er AG. Monsan­to! Was für ein Na­me für ei­nen Kon­zern, der wäh­rend des Viet­nam­krie­ges als Lie­fe­rant des Ent­lau­bungs­mit­tels Agent Oran­ge und bis heu­te Ge­ne­ra­tio­nen von Ver­krüp­pel­ten das Licht ei­ner des­in­ter­es­sier­ten Welt er­bli­cken liess und der das Was­ser, die Fel­der und Gär­ten die­ser Er­de in ei­nem Aus­mass ver­gif­tet hat, das am En­de der Ta­ge viel­leicht nur noch mit je­nem Re­gen aus Feu­er und Schwe­fel ver­gleich­bar sein wird, der So­dom und Go­mor­rha vom Ant­litz der Er­de brann­te.

Wenn es nicht die von den Küns­ten Eu­ro­pas, sei­ner Ma­le­rei, sei­ner Mu­sik, sei­ner Poe­sie und sei­nen Na­tur- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten ent­zün­de­ten Lich­ter gä­be und da­zu den tröst­li­chen Schein von Bas­tio­nen der Men­sch­lich­keit wie Ärz­te oh­ne Gren­zen, das Ro­te Kreuz oder Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal, blie­be für die­sen Kon­ti­nent in welt­ge­schicht­li­cher Hin­sicht viel­leicht nur noch ein Na­me: das Herz der Fins­ter­nis. (Der Voll­stän­dig­keit hal­ber sei hier aber auch an­ge­merkt, dass selbst ei­ner der gröss­ten Men­schen­freun­de der eu­ro­päi­schen Geis­tes­ge­schich­te, Mon­sieur François-ma­rie Arou­et, der als Vol­taire welt­be­rühmt wur­de, sein Ver­mö­gen mit mehr als ein­tau­send Pro­zent Ge­winn in Ak­ti­en des Skla­ven­han­dels an­ge­legt hat­te.)

Li­te­ra­tur, Glück, Lei­den

Die von ei­ner im­mer­hin mög­li­chen eu­ro­päi­schen Li­te­ra­tur ge­lie­fer­te Ah­nung vom Le­ben, vom Glück und Lei­den der an­de­ren, könn­te nicht nur zu­min­dest ei­ni­gen Op­fern der Al­ten Welt ein Ge­sicht, ei­nen Na­men und viel­leicht die Er­in­ne­rung an ein Le­ben zu­rück­ge­ben, son­dern könn­te eben­so ei­ni­ge Le­ser oder Zu­hö­rer – im bes­ten Fall – im­mu­ni­sie­ren ge­gen die bar­ba­ri­schen Pre­dig­ten, die nun als Pro­gram­me eu­ro­päi­scher Po­li­tik von Re­gie­rungs­bän­ken her­ab ver­kün­det wer­den: Bil­dungs- und oft auch aus­bil­dungs­fer­ne Mi­nis­ter und Kanz­ler, bei­spiels­wei­se in War­schau, in Wi­en, Bu­da­pest oder Prag, die ih­re per­sön­li­chen Kar­rie­ren und ih­re mons­trö­sen Par­tei­ap­pa­ra­te zu­meist nur aus Steu­er­mit­teln zu fi­nan­zie­ren ver­moch­ten, be­an­spru­chen den auf frem­den Rü­cken ge­won­ne­nen Wohl­stand als ih­re po­li­ti­sche Leis­tung und sind stolz, Flücht­lin­gen aus ge­plün­der­ten Roh­stoff­ge­bie­ten Ret­tungs­we­ge ab­ge­schnit­ten und den Zu­gang zum je­weils ge­lob­ten Land mit St­a­chel­draht­ver­hau­en und Trä­nen­gas ver­wehrt zu ha­ben. Nein, vor den Flücht­lings­zü­gen des 21. Jahr­hun­derts weicht das Meer nicht zu­rück und er­hebt sich nicht zu Was­ser­mau­ern, son­dern es schlägt über den Hil­fe­su­chen­den zu­sam­men.

Eu­ro­pa ... Was für ein schö­ner und was für ein trau­ri­ger Na­me, nach der My­tho­lo­gie der Na­me ei­ner phö­ni­zi­schen Prin­zes­sin, die Zeus, der ih­ret­we­gen die Gestalt ei­nes ver­spiel­ten, weiss-wol­li­gen Stiers an­nahm, auf sei­nem Rü­cken nach Kre­ta ent­führ­te und dort – nach heu­ti­ger Les­art – ver­ge­wal­tig­te. Un­ter den drei Söh­nen, die Eu­ro­pa fern ih­rer phö­ni­zi­schen

Eu­ro­pa ... Was für ein schö­ner und was für ein trau­ri­ger Na­me, nach der My­tho­lo­gie der Na­me ei­ner phö­ni­zi­schen Prin­zes­sin, die von Zeus nach Kre­ta ent­führt und dort – nach heu­ti­ger Les­art – ver­ge­wal­tigt wur­de.

Hei­mat zur Welt brach­te, war auch Mi­nos, der spä­te­re Herr über das La­by­rinth von Knos­sos, in dem die Bes­tie Mi­no­tau­ros da­hin und dort­hin ra­sen soll­te.

Dass an die Ent­führ­te und Ver­ge­wal­tig­te von der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank er­in­nert wird, in­dem ihr Bild als Was­ser­zei­chen und als Ho­lo­gramm auf den Fünf-eu­ro- und Zehn-eu­ro-no­ten in hauch­zar­ten Li­ni­en er­scheint, legt die Ver­mu­tung na­he, dass Bank­no­ten die ein­zi­gen Pa­pie­re sind, die im vor­herr­schen­den eu­ro­päi­schen Ge­schichts­be­wusst­sein Er­in­ne­run­gen wach­ru­fen kön­nen.

Ach, Eu­ro­pa. Was für ei­ne zau­be­ri­sche, be­tö­ren­de Uto­pie: ein Kon­ti­nent der fried­li­chen Völ­ker und des Zu­sam­men­strö­mens ver­schie­de­ner Kul­tu­ren, oh­ne Grenz­bal­ken, oh­ne Krie­ge, oh­ne die Seu­che des Na­tio­na­lis­mus und ras­sis­ti­schen Wahn. So be­geis­ternd die­ser Traum auch im­mer noch ist – er ist zu­schan­den ge­wor­den an der Ge­dan­ken­schwä­che und an der Gier sei­ner re­gie­ren­den Eli­ten und ih­rer Wäh­ler. Eu­ro­pa oder das, wo­für der Na­me ei­ner Prin­zes­sin ein­mal ste­hen soll­te, wird mög­li­cher­wei­se zu­grun­de ge­hen an der na­tio­na­lis­ti­schen Ver­na­ge­lung, an der Ver­gess­lich­keit und Mit­leid­lo­sig­keit der Mehr­zahl sei­ner Be­woh­ner. Und die eu­ro­päi­schen Selbst­zer­flei­schun­gen in einst dreis­sig Jah­re dau­ern­den, am En­de aber durch die gan­ze Welt ra­sen­den Krie­gen des 20. Jahr­hun­derts sind mög­li­cher­wei­se nicht nur Ab­grün­de der Ver­gan­gen­heit, son­dern auch der Zu­kunft. Der Brüs­se­ler Mas­sen­mör­der auf sei­nem Ross ist mein Zeu­ge.

Wie schön und be­sänf­ti­gend war es doch, im Ru­wenz­ori-ge­bir­ge ei­ne ein­zi­ge zu­ver­sicht­li­che, freund­li­che Stimme auf dem Weg durch die Er­in­ne­rung zu hö­ren – in je­nem Re­gen­wald, in des­sen ne­be­li­ge Hö­hen uns die Zoo­lo­gin führ­te, nach­dem wir un­ser Ge­fährt wie­der flott­ge­macht und trotz ei­ni­ger War­nun­gen, in der Ge­gend von Ka­se­se wü­te ein Stam­mes- und Bür­ger­krieg, der in den ver­gan­ge­nen Wo­chen fast hun­dert To­te ge­for­dert hat­te, ins tie­fe, trop­fen­de Grün hoch­ge­stie­gen wa­ren.

Es ist gut

Na­tür­lich hat­ten wir vor un­se­rer Wei­ter­fahrt dem Mäd­chen im gel­ben Kleid an­ge­bo­ten, es und sei­ne Last ans Ziel zu brin­gen. Aber sie hat­te sich, bis wir un­ser Fahr­zeug wie­der be­stie­gen, mit ih­rem Ka­nis­ter schon ein Stück wei­ter­ge­kämpft und dreh­te sich auf un­se­ren Zu­ruf nur kurz um. Sie woll­te nicht. Wer die Weis­sen nicht fürch­tet, sag­te ein Wild­hü­ter St­un­den spä­ter am Aus­gangs­punkt un­se­res We­ges ins Ge­bir­ge, wer die Weis­sen nicht fürch­tet, der kennt sie nicht.

Nie­mand, dämpf­te die Zoo­lo­gin dann un­se­re Er­war­tun­gen, nie­mand kön­ne mit Si­cher­heit sa­gen, wo die Go­ril­la­clans sich auf ih­rer Nah­rungs­su­che ge­ra­de auf­hiel­ten. Viel­leicht wür­de al­so die­ser Tag für un­se­re Su­che nicht aus­rei­chen. Aber nach St­un­den des Auf­stiegs, in Re­gen­güs­sen und über schlam­mi­ge Steil­hän­ge, hielt sie plötz­lich in­ne und leg­te ei­nen Fin­ger auf ih­ren Mund. Wir wa­ren an­ge­kom­men: Als sie ei­nen dicht be­laub­ten Zweig zur Sei­te und aus un­se­rer Sicht bog, stan­den wir kaum drei Me­ter ent­fernt vor der gröss­ten Af­fen­art die­ser Welt: ei­nem Sil­ber­rü­cken.

Der Go­ril­la sass ru­hig da, rupf­te wei­ter Blät­ter von dem ge­bo­ge­nen Zweig, blick­te uns an und wand­te sei­nen Blick nicht von uns, als wir vor ihm auf die Knie san­ken. (Wir konn­ten ihn kniend ein­fa­cher fo­to­gra­fie­ren.) Und nach und nach zeig­ten sich vier, fünf, schliess­lich neun Mit­glie­der des Clans, die bis da­hin eben­so un­sicht­bar im Bu­sch­werk ver­bor­gen ge­we­sen wa­ren wie der ers­te und gröss­te von ih­nen.

Wie lan­ge – wie lan­ge! – hat­ten wir in den Ta­gen da­vor in ei­ner Wild­hü­ter­sta­ti­on die sanf­ten, an ein me­lo­di­sches Grun­zen oder ein tie­fes, mensch­li­ches Räus­pern er­in­nern­den Lau­te ge­übt, die un­ter Go­ril­las als Zei­chen des Ver­trau­ens und freund­li­chen In­ter­es­ses gal­ten. Und wir auf un­se­ren Knien, nach­dem un­ser Herz­schlag sich be­ru­higt hat­te und wir zu dem Sil­ber­rü­cken mehr wie Un­ter­ta­nen als wie Be­su­cher auf­sa­hen, ver­such­ten, die Leh­ren der Wild­hü­ter an­zu­wen­den, und grunz­ten und knurr­ten und räus­per­ten uns im Be­mü­hen, die Spra­che un­se­res Gast­ge­bers zu imi­tie­ren und ihm un­se­re fried­li­chen Ab­sich­ten mit­zu­tei­len. Wir soll­ten un­se­re Berg­stö­cke in den Busch le­gen, flüs­ter­te un­se­re Füh­re­rin, Go­ril­las, selbst wenn sie noch nie un­ter der Jagd ge­lit­ten hät­ten, sei­en durch ih­re Über­lie­fe­rung ge­warnt und sä­hen Ge­weh­re, wenn sie Stö­cke sä­hen. Ge­wiss hör­te der Sil­ber­rü­cken un­se­ren un­be­hol­fe­nen eu­ro­päi­schen Ak­zent, den Ak­zent je­ner hel­len, wäss­ri­gen We­sen, die sei­nes­glei­chen ge­jagt, er­schos­sen und ge­köpft, die teer­schwar­zen Hän­de ab­ge­hackt und als ein­ge­sal­ze­ne Tro­phä­en in fer­ne Haupt­städ­te der Kul­tur ex­por­tiert hat­ten, um sie dort prä­pa­rie­ren zu las­sen und an die Wän­de muf­fi­ger Land­sit­ze zu na­geln.

Aber die­ser Go­ril­la, wäh­rend sei­ne Ge­fähr­ten sich kna­ckend und ra­schelnd wie­der ins Di­ckicht zu­rück­zo­gen, hör­te un­se­rem Grun­zen fast nach­sich­tig zu. Sah uns an, so lan­ge und so tief hin­ab in un­se­re See­len – oder was im­mer Eu­ro­pä­er in der Brust tra­gen –, dass wir mit ei­nem Mal ganz die Sei­nen wa­ren. Und er zupf­te mit sei­nen gros­sen Hän­den lang­sam ein zier­li­ches Blatt vom Zweig und noch ei­nes und führ­te es zum Mund und er­hob, nein: senk­te plötz­lich sei­ne Stimme und liess uns je­nen Laut hö­ren, den wir ver­geb­lich nach­zu­ah­men ver­sucht hat­ten.

Er räus­per­te sich. Er grunz­te sanft. Und das be­deu­te­te, so hat­ten wir es von den Wild­hü­tern ge­lernt: Es ist gut. Al­les ist gut.

CHRIS­TOPH RANS­MAYR ist Schrift­stel­ler und lebt in Wi­en. Der Text ba­siert auf sei­ner Dan­kes­re­de an­läss­lich der Ver­lei­hung des Würth-prei­ses für Eu­ro­päi­sche Li­te­ra­tur 2018.

Im Au­gust er­scheint von ihm «Cox oder Der Lauf der Zeit» (S. Fi­scher).

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