Se­con­do, bei Fuss! Un­ser merk­wür­di­ger Um­gang mit Men­schen aus­län­di­scher Her­kunft.

Die Schweiz will kein mul­ti­kul­tu­rel­les Land sein. Ein Nach­trag zum Dop­pel­ad­ler­som­mer.

Das Magazin - - Ein Vorschlag - Von BRU­NO ZIAUDDIN

Es soll in die­sem Text nicht um die Schreib­tisch­fa­schis­ten ge­hen. Um je­ne, die al­les ver­ab­scheu­en, das ein biss­chen fremd ist. Die sich im Krieg wäh­nen ge­gen sämt­li­che An­zei­chen des Uneid­ge­nös­si­schen. Die nach ei­nem eth­nisch sau­be­ren Land schmach­ten, in dem das Blut des Volks­kör­pers so rein ist wie das Was­ser ei­nes Berg­sees, der Stamm­baum der Bür­ger so ge­rad­li­nig wie der von Ras­se­hun­den und die Fuss­ball­na­tio­nal­mann­schaft aus elf rot­wan­gi­gen Re­cken mit Hel­ve­tier­nach­weis be­steht.

Es ist sinn­los, ein wei­te­res Mal dar­auf hin­zu­wei­sen, wie ab­we­gig, wie wi­der­sprüch­lich, wie bi­gott ih­re Welt­sicht ist, weil sich auch in ih­rer Mit­te ita­lie­ni­sche Müt­ter, deut­sche Gross­vä­ter, rus­si­sche Ehe­frau­en und Miet­freun­din­nen von noch wei­ter her fin­den. Weil sich al­so auch in ih­ren Be­zie­hun­gen die re­al exis­tie­ren­de und so­mit ein­zig wah­re Schweiz spie­gelt. Es bringt nichts, sich ein wei­te­res Mal zu ver­ge­gen­wär­ti­gen, dass die Ide­en der Schreib­tisch­fa­schis­ten und ih­rer po­li­ti­schen Vor­ge­setz­ten im 21. Jahr­hun­dert der­art ga­ga sind, dass man sich ku­geln müss­te vor La­chen, wür­den sie nicht mit so viel Hass, Ent­schlos­sen­heit, Fi­nanz­kraft und stra­te­gi­scher Käl­te ver­brei­tet.

Nein, es soll hier um die an­de­ren ge­hen, um den gros­sen Rest: die Ge­mäs­sig­ten, die Ver­nünf­ti­gen und die Ver­ständ­nis­vol­len, die To­le­ran­ten und die Pro­gres­si­ven. Es muss da­her, auch wenn das die Ge­duld des Le­sers, der Le­se­rin stra­pa­ziert, kurz auf den «Dop­pel­ad­ler» zu­rück­ge­kom­men wer­den. Auf die Pan­to­mi­me ei­ni­ger Fuss­bal­ler wäh­rend ei­nes WMSpiels, die in die­sem Som­mer die Öf­fent­lich­keit so auf­ge­wühlt hat, als wä­re ein AKW ex­plo­diert. Ei­ne Ges­te, die noch am Tag zu­vor dem gröss­ten Teil der Be­völ­ke­rung voll­kom­men un­be­kannt war und über die sich am Tag da­nach selbst je­ne er­ei­fer­ten, die noch nie ein Fuss­ball­spiel ge­se­hen ha­ben und bes­ten­falls zwei Bun­des­rä­te nen­nen kön­nen.

Wo­für die Ges­te stand – Ver­bun­den­heit mit der Hei­mat der El­tern? Si­nis­tres po­li­ti­sches Be­kennt­nis? Ju­ve­ni­le Pro­vo­ka­ti­on? Spon­ta­nes Ir­gend­was? –, soll hier nicht noch­mals The­ma sein. Viel­mehr geht es um die Fra­ge, wie ei­ne ein­zi­ge läp­pi­sche Sze­ne rei­chen konn­te, um die Schweiz wo­chen­lang über Ein­wan­de­rung, Iden­ti­tät, Hei­mat, In­te­gra­ti­on, Dop­pel­bür­ger­schaft und sämt­li­che an­de­ren den The­men­kom­plex um­fas­sen­den Stich­wor­te strei­ten zu las­sen.

In­ter­es­sant ist da­bei zu­nächst ein­mal die Be­ob­ach­tung, wie rasch recht­schaf­fe­ne Sport­jour­na­lis­ten, bra­ve Cvp-po­li­ti­ke­rin­nen, ein­fäl­ti­ge Tv-kom­men­ta­to­ren, fa­de Fuss­ball­funk­tio­nä­re und so­gar Ober­mo­ra­lis­ten von weit links Fas­sung und Ver­stand ver­lo­ren. Er ha­be sich ge­fragt, wie man «mit so öp­pis» um­ge­hen soll, mein­te der Sport­mo­de­ra­tor Rai­ner Ma­ria Salz­ge­ber am Tag nach dem Ser­bi­en­match – «so öp­pis». Als ha­be man den Mann ge­nö­tigt, sich zu ei­nem Por­no­film oder den Hä­mor­rhoi­den ei­nes Ar­beits­kol­le­gen zu äus­sern. Die Ver­tre­ter der ge­druck­ten Sport­pres­se wie­der­um wech­sel­ten reih­um ins La­ger der mahn­fin­gerln­den Leit­ar­tik­ler, ver­teil­ten po­li­ti­sche Zen­su­ren, ver­fass­ten Mei­mei­kom­men­ta­re, er­fan­den dop­pel­te Staats­bür­ger­schaf­ten, ver­lang­ten «Loya­li­täts­be­wei­se», als sei die Ro­te Ar­mee im Be­griff, über den Rhein zu set­zen.

Noch ei­nen Schritt wei­ter be­zie­hungs­wei­se ei­ne Ni­veau­e­ta­ge tie­fer ging das On­lin­e­por­tal «In­fo­sper­ber», ein Fo­rum für Alt­lin­ke mit Fai­b­le für Ver­schwö­rungs­theo­ri­en. In der ers­ten Ver­si­on ei­nes spä­ter kor­ri­gier­ten Ar­ti­kels wur­den der Dop­pel­ad­ler – das Em­blem der Re­pu­blik Al­ba­ni­en – mit dem Ha­ken­kreuz ver­gli­chen und die Na­tio­nal­mann­schafts­mit­glie­der ko­so­va­ri­scher Ab­stam­mung als Schwei­zer in An­füh­rungs­zei­chen ver­ächt­lich ge­macht: «Schwei­zer». Die Alt­her­ren­ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker von links fan­

den sich so­mit in frap­pan­ter Nä­he zu den Neo-ras­sen­theo­re­ti­kern von rechts wie­der: In der Schweiz ge­bo­re­ne und auf­ge­wach­se­ne, für die Schweiz Fussball spie­len­de Schwei­zer kön­nen kei­ne Schwei­zer sein, wenn der Ma­kel bal­ka­ni­scher Her­kunft, mus­li­mi­scher Aus­düns­tung, dunk­ler Haut oder ge­ne­rell ein Zu­we­nig an her­ren­men­schen­haf­ten At­tri­bu­ten vor­liegt.

In ih­rem Ur­teil mö­gen sich die bei­den La­ger ge­trof­fen ha­ben, was die Mo­tiv­la­ge be­trifft, gibt es Un­ter­schie­de. Wäh­rend bei den Schreib­tisch­fa­schis­ten von ei­nem grund­le­gen­den Man­gel an Men­sch­lich­keit aus­zu­ge­hen ist, lag am ge­gen­über­lie­gen­den En­de der Polit-la­tri­ne of­fen­sicht­lich Ent­täu­schung vor. Ent­täu­schung dar­über, dass zwei Se­con­dos – so nennt man doch heut­zu­ta­ge die jun­gen Aus­län­der mit den Kopf­hö­rern, den son­der­ba­ren Turn­schu­hen und dem dunk­len Schwei­zer­deutsch? – ei­ne sol­che Dumm­heit oder viel­mehr: Grenz­über­schrei­tung be­ge­hen konn­ten, wo man sie im Freun­des­kreis im­mer ver­tei­digt und bei na­he­zu je­der Ab­stim­mung un­ter­stützt hat. Wie un­er­hört, wie un­dank­bar.

Wo­mit wir beim Kern des hier zu dis­ku­tie­ren­den Pro­blems wä­ren: Es geht we­ni­ger um die An­sich­ten der Öf­fent­lich­keit zu den Tor­hei­ten ei­ni­ger Fuss­bal­ler, denn selbst­ver­ständ­lich kann man Sport­ler und an­de­re Men­schen un­ge­ach­tet ih­rer Her­kunft, Bil­dung, Re­li­gi­on oder Haut­far­be lo­ben und kri­ti­sie­ren, sie für ih­re Ta­ten in die Ver­ant­wor­tung neh­men. Es geht viel­mehr um die Hal­tung da­hin­ter, die durch die Dop­pel­ad­ler-af­fä­re le­dig­lich be­son­ders deut­lich zum Vor­schein kam. Es ist ei­ne Hal­tung, manch­mal auch nur ein va­ges Ge­fühl, das selbst in je­nen Tei­len der Be­völ­ke­rung ver­brei­tet ist, die kei­ne Frem­den­fein­de sind und sich nicht durch je­den Nach­barn, der vom Geis­sen­pe­ter-ide­al ab­weicht, kul­tu­rell be­droht füh­len. Ei­ne Hal­tung, die sich im Üb­ri­gen nicht nur in der Schweiz fin­det, son­dern auch in an­de­ren, mit der sich wan­deln­den Be­völ­ke­rungs­zu­sam­men­set­zung rin­gen­den und ha­dern­den Län­dern Eu­ro­pas.

Ein ver­gleich­ba­res Bei­spiel lie­fert Deutsch­land, wo der tür­kisch­stäm­mi­ge Fuss­bal­ler Me­sut Özil aus dem Na­tio­nal­team zu­rück­ge­tre­ten ist – als Fol­ge ei­nes fo­to­gra­fi­schen Tête-à-tête mit dem Au­to­kra­ten Er­do­gan ei­ner­seits und des schwa­chen Ab­schnei­dens der deut­schen Mann­schaft an der WM an­de­rer­seits. Der Schlüs­sel­satz in Özils Rück­tritts­er­klä­rung ist sinn­ge­mäss auch von hie­si­gen Spie­lern mit so­ge­nann­tem Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund zu hö­ren (na­tür­lich nur hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand, man hat schliess­lich die lan­des­üb­li­che Tu­gend der Zu­rück­hal­tung ver­in­ner­licht): «Wenn wir ge­win­nen, bin ich Deut­scher, wenn wir ver­lie­ren, bin ich Aus­län­der.»

Ein Mensch mit den fal­schen Her­kunfts­merk­ma­len kann al­so noch so lan­ge im Land ge­lebt, sich be­müht, an­ge­passt oder bis zur Un­kennt­lich­keit ver­schwei­zert ha­ben: So­bald er be­stimm­te In­te­gra­ti­ons­er­war­tun­gen nicht er­füllt, heisst es: Du bist halt doch kei­ner von uns. Wel­che Er­war­tun­gen kon­kret an den «Mit­bür­ger» ge­stellt wer­den, un­ter­schei­det sich von Mi­lieu zu Mi­lieu, sie­he un­ten. Un­ab­hän­gig vom Mi­lieu gilt je­doch: Re­fe­renz­punkt sind sel­ten Ge­set­ze, die über­tre­ten, lan­des­üb­li­che Nor­men und Ge­pflo­gen­hei­ten, die miss­ach­tet wer­den. Da­ge­gen wä­re nichts ein­zu­wen­den. Re­fe­renz­punkt sind viel­mehr die per­sön­li­chen Vor­stel­lun­gen dar­über, wie Ein­ge­bür­ger­te und an­de­re Fast-schwei­zer zu sein, zu den­ken und auf­zu­tre­ten ha­ben, wel­ches die Rol­len, das Mass an Selbst­be­wusst­sein und die Band­brei­te der Ver­hal­tens­wei­sen sind, die ih­nen zu­ste­hen.

Die Pa­trio­tis­mus­po­li­zis­ten und In­te­gra­ti­ons­gou­ver­nan­ten füh­len sich be­fugt, ei­nen «Mit­bür­ger» zu­recht­zu­wei­sen, so­bald er ge­gen den für ihn gel­ten­den Ben­imm-knig­ge ver­stösst – schliess­lich wa­ren sie stets freund­lich zu ihm und ha­ben ihn in ih­rer Mit­te ge­dul­det. Auch bringt man Zu­wi­der­hand­lun­gen gern pau­schal mit der Her­kunft des Fehl­ba­ren in Ver­bin­dung, mit ei­nem dif­fu­sen Zu­viel an Aus­län­der­tum, wäh­rend bei ech­ten Mit­eid­ge­nos­sen für das­sel­be Ver­hal­ten in­di­vi­du­el­le Grün­de ge­sucht wer­den. Im Kon­flikt­fall wird bei Men­schen frem­der Her­kunft im­mer zu­erst der Aus­län­der, die Aus­län­de­rin ge­se­hen – und nicht der Fuss­bal­ler, die Ärz­tin, die schlecht ge­laun­te Nach­ba­rin, der un­ge­ho­bel­te Te­enager.

Die­sem Mus­ter, und das ist ent­täu­schend, fol­gen selbst Men­schen, die po­li­tisch links ste­hen. Ein be­son­ders dras­ti­sches Bei­spiel lie­fer­te letz­tes Jahr die Zürcher Sp-re­gie­rungs­rä­tin Jac­que­line Fehr, die ei­nen jun­gen Au­tor ma­rok­ka­ni­scher Her­kunft, der in Zü­rich lebt, auf So­ci­al Me­dia öf­fent­lich ab­kan­zel­te – al­so genau das Glei­che mach­te wie ihr Po­li­ti­ker­kol­le­ge Do­nald Trump, nur ein­fach von der an­de­ren Sei­te. Der Au­tor heisst Ka­cem El Ghaz­za­li, be­such­te in Ma­rok­ko ei­ne Kor­an­schu­le, wand­te sich vom Glau­ben ab und be­gann, sich kri­tisch mit Re­li­gio­nen im All­ge­mei­nen und dem Is­lam im Spe­zi­el­len aus­ein­an­der­zu­set­zen. Da­für wur­de er in sei­ner Hei­mat so re­al mit dem Tod be­droht («Wir wer­den dich ab­schlach­ten wie ein Schaf»), dass er aus dem Land flüch­ten muss­te und in der Schweiz po­li­ti­sches Asyl er­hielt.

Hier mach­te El Ghaz­za­li, heu­te 28 Jah­re alt und ein­ge­bür­gert, das­sel­be wie in Ma­rok­ko: Er schrieb kri­tisch über Re­li­gio­nen im All­ge­mei­nen und den Is­lam im Spe­zi­el­len, setz­te sich für Mei­nungs­frei­heit und die Gleich­be­rech­ti­gung der Ge­schlech­ter ein. Mit der Zeit be­gann er sich zu wun­dern: Die­sel­ben Leu­te, die ihm von der Schweiz aus So­li­da­ri­täts­adres­sen für sein «mu­ti­ges En­ga­ge­ment» über­mit­telt hat­ten, mie­den ihn nun, da er mit­ten un­ter ih­nen leb­te. Als er dann in ei­nem In­ter­view mit dem «Bund» den zah­men Um­gang links­al­ter­na­ti­ver Krei­se mit dem Is­lam be­män­gel­te und ne­ben­bei Sym­pa­thi­en für die FDP äus­ser­te, war es end­gül­tig vor­bei mit der Zu­nei­gung für den po­li­ti­schen Flücht­ling.

Re­gie­rungs­rä­tin Fehr kom­men­tier­te das In­ter­view so: «Reicht es heu­te ein­fach, als Mus­lim ge­gen den Is­lam zu wet­tern, um als Ex­per­te zu gel­ten?»

Of­fen­sicht­lich hat­te El Ghaz­za­li in den Au­gen der Sp-po­li­ti­ke­rin die ihm zu­ge­dach­te Rol­le mehr­fach miss­ach­tet: Wenn ei­ner von «dort» ist, dann hat er ers­tens Mus­lim zu sein, selbst wenn er sich öf­fent­lich

zum At­he­is­mus be­kennt. Ein­mal Mus­lim, im­mer Mus­lim, als sei Re­li­gi­on ge­ne­tisch be­dingt.

Wenn ei­ner von «dort» ist und jetzt «bei uns» lebt, dann hat er zwei­tens den duld­sa­men Sta­tis­ten zu ge­ben, den man zu ge­ge­be­ner Zeit ins Bild rückt, um die Rich­tig­keit der ei­ge­nen, pro­gres­siv-to­le­rant-so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Welt­sicht zu il­lus­trie­ren. Hält er sich an die Vor­ga­be, wird er wo­mög­lich gar als Be­leg her­an­ge­zo­gen für die Not­wen­dig­keit, das Aus­län­der­stimm­recht ein­zu­füh­ren. Er­laubt er sich je­doch ei­ne ab­wei­chen­de Mei­nung, kann das un­mög­lich an ge­reif­ten Über­zeu­gun­gen oder sei­nen Kennt­nis­sen der Ma­te­rie lie­gen, son­dern muss aus ei­nem «fal­schen Be­wusst­sein» her­aus ge­sche­hen sein, wes­halb man sich in­halt­lich nicht mit sei­nen Po­si­tio­nen aus­ein­an­der­zu­set­zen braucht (Fehr ver­wei­ger­te ein Streit­ge­spräch mit El Ghaz­za­li), wes­halb es fer­ner le­gi­tim ist, dem stör­ri­schen Mi­gran­ten un­ge­ach­tet sei­ner in­ten­si­ven Be­schäf­ti­gung mit der The­ma­tik jeg­li­che Kom­pe­tenz ab­zu­spre­chen und ihn als pol­tern­den Sim­pel zu dis­qua­li­fi­zie­ren.

Dar­aus folgt drit­tens, dass in die­sem Welt­bild pri­mär zwei Rol­len für Men­schen aus­län­di­scher Her­kunft vor­ge­se­hen sind: Ent­we­der sie um­ar­men den rot­grü­nen Wer­te­ka­non (bis­wei­len eher ei­ne Wer­te­ka­no­ne), oder sie ge­ben das wehr­lo­se, stets ein we­nig trau­ri­ge Op­fer, das un­ter der Fuch­tel der kal­ten, xe­no­pho­ben Ein­hei­mi­schen steht und des­halb auf die So­li­da­ri­tät und Für­sor­ge der An­stän­di­gen im Land an­ge­wie­sen ist. Ein zu­ge­wan­der­ter «Ara­ber», der kein Op­fer sein will und sei­ne un­be­que­men An­sich­ten de­zi­diert ver­tritt, ist in die­sem Welt­bild ein Stör­fak­tor und ei­ne Pro­vo­ka­ti­on.

Die­sel­be Hal­tung of­fen­bar­ten Tei­le der xe­no­phi­len Bla­se auch im Fall ei­nes Ta­mi­len, der im Kan­ton Aar­gau für die SVP po­li­ti­siert und sich letz­tes Jahr in ei­ner Re­de ge­gen die er­leich­ter­te Ein­bür­ge­rung von Aus­län­dern der drit­ten Ge­ne­ra­ti­on aus­sprach. Na­tür­lich ist die­ses Set­ting ge­wöh­nungs­be­dürf­tig, und es gibt tau­send Grün­de, über die An­sich­ten die­ses Po­li­ti­kers den Kopf zu schüt­teln, sie in­halt­lich zu be­kämp­fen. Ver­mut­lich ist es so­gar zu­läs­sig, die ag­gres­si­ve Re­de als ras­sis­tisch zu be­zeich­nen. Weil es sich je­doch um den Auf­tritt ei­nes Mit­bür­gers aus­ser­eu­ro­päi­scher Her­kunft han­del­te, be­gnüg­te man sich da­mit, Hä­me über ihn zu gies­sen und ihn zu pa­tho­lo­gi­sie­ren («Selbst­hass», «Übe­ras­si­mi­la­ti­on»), zu­mal er­schwe­rend hin­zu­kam, dass er sich – gründ­li­cher noch als El Ghaz­za­li – der für ihn vor­ge­se­he­nen Rol­le ver­wei­ger­te, wo­durch er sei­ne Sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig­keit ver­lor. Und klar: In ei­nem so kras­sen Fall von In­sub­ord­i­na­ti­on ge­gen­über dem rot­grü­nen Wer­te­sys­tem darf auch die plat­tes­te al­ler ras­sis­ti­schen Po­in­ten ge­zün­det wer­den: In An­spie­lung auf den In­halt der Re­de nann­te ein Ko­lum­nist der WOZ den dun­kel­häu­ti­gen Ta­mi­len ei­nen «schwarz­se­hen­den Aar­gau­er». Der Ne­ger­witz war im lin­ken Mi­lieu an­ge­kom­men.

Na­tür­lich be­fass­te sich das Blatt auch mit der Dop­pel­ad­ler-af­fä­re, wo­mit wir wie­der am Aus­gangs­punkt an­ge­langt wä­ren. Über ei­nem an­sons­ten le­sens­wer­ten Ar­ti­kel, in dem es um die Pro­vo­ka­ti­on der Schwei­zer Spie­ler ko­so­va­ri­scher Ab­stam­mung durch rechts­ex­tre­me Fans aus Ser­bi­en ging, stand der Ti­tel: «Die Na­ti zeig­te den Na­zis den Stin­ke­fin­ger». Der Ti­tel mag harm­los sein, sagt al­ler­dings mehr über je­ne aus, die ihn ge­setzt ha­ben, als über die Per­so­nen, von de­nen er han­delt. Er ver­sucht, die dop­pel­ad­lern­den Fuss­bal­ler – sehr fo­kus­sier­te, sehr mit sich selbst be­fass­te, sehr rei­che, in ei­ner ab­ge­schirm­ten Par­al­lel­welt le­ben­de Sport­stars – al­len Erns­tes zu po­li­tisch hoch­sen­si­blen 1.-Mai-ak­ti­vis­ten um­zu­deu­ten.

War­um nur soll so was nö­tig sein? Eben genau weil im Wunsch­bild vie­ler Lin­ker nur zwei Au­s­prä­gun­gen des Aus­län­der­seins zu­läs­sig sind (der ed­le Wil­de lässt grüs­sen): auf­rech­ter Ge­nos­se oder be­dürf­ti­ges Op­fer.

In der Schweiz le­ben aber auch vie­le ganz an­ders ge­ar­te­te Aus­län­de­rin­nen, Se­con­dos, Ein­ge­wan­der­te und Ein­ge­bür­ger­te – ein Um­stand, der ei­ner er­staun­lich gros­sen Zahl Ein­hei­mi­scher Mü­he be­rei­tet, wie der Dop­pel­ad­ler-som­mer zeigt. Es le­ben hier: Tüch­ti­ge, Fau­le, Er­folg­rei­che, Un­fä­hi­ge, Lie­bens­wer­te, Un­an­ge­neh­me, Fort­schritt­li­che, Rück­stän­di­ge, Fried­fer­ti­ge, Ge­walt­tä­ti­ge, Ego­is­ti­sche, Hilfs­be­rei­te, From­me, Un­re­li­giö­se, Apo­li­ti­sche, Welt­läu­fi­ge, Pro­vin­zi­el­le, die Schweiz Schät­zen­de, die Schweiz Lie­ben­de, die Schweiz Ver­ach­ten­de, Ver­schwei­zer­te, An­ge­schwei­zer­te, Ver­schwei­ze­rungs­re­sis­ten­te.

Mit der Glo­ba­li­sie­rung und der durch sie be­schleu­nig­ten Ein­wan­de­rung wächst eben nicht nur die ge­sell­schaft­li­che «Viel­falt» (ein schö­nes, ein ro­man­ti­sches Wort), son­dern es wach­sen auch die Di­ver­gen­zen. Und da­mit auch die Zahl der Men­schen mit dop­pel­ten oder drei­fa­chen oder an­dert­halb­fa­chen oder gar kei­nen, je­den­falls zu­neh­mend kom­ple­xen Iden­ti­tä­ten und Loya­li­tä­ten. Das macht das Zu­sam­men­le­ben her­aus­for­dernd, manch­mal kom­pli­ziert, be­inhal­tet ein stän­di­ges Aus­han­deln von Kom­pro­mis­sen, ein dy­na­mi­sches Hin und Her zwi­schen Kon­zes­sio­nen und Grenz­set­zun­gen. Und es be­deu­tet, dass es zu­neh­mend nur vor­läu­fi­ge Ant­wor­ten ge­ben kann auf die Fra­ge, wer «wir» sind und was die Schweiz aus­macht. Das Pa­ra­dox lau­tet: Soll die Idee der Schweiz be­wahrt wer­den, dann muss das Land be­reit sein, sich zu wan­deln, sich mit der Welt, in der wir le­ben, ab­zu­fin­den.

Wenn das ver­gleichs­wei­se gut funk­tio­nie­ren­de Zu­sam­men­le­ben im Land wei­ter­hin ge­lin­gen soll, müs­sen sich die Ein­hei­mi­schen zu­erst von un­ter­kom­ple­xen Feind- und Ide­al­bil­dern des Frem­den ver­ab­schie­den. Ver­teu­feln und um­er­zie­hen, ver­klä­ren und scho­nen – das ist zu we­nig. Je­ne, die schon hier wa­ren und manch­mal glau­ben, sie sei­en schon im­mer hier ge­we­sen, müs­sen ler­nen, die an­de­ren, die neu da­zu­ge­kom­men sind und noch da­zu­kom­men wer­den, so zu se­hen, wie sie sind. Und nicht so, wie man sie sich wünscht.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.