Ret­te mich, wer kann: Aus dem Le­ben ei­nes Film­kri­ti­kers.

Das Magazin - - Ein Vorschlag - Von GIO­VAN­NI MARCHINI CAMIA

So fängt es je­des Mal an – mit der War­te­schlan­ge al­ler War­te­schlan­gen, die dar­über ent­schei­det, wie al­le an­de­ren Schlan­gen in den nächs­ten Ta­gen aus­se­hen wer­den. Wenn Sie noch nie bei den Film­fest­spie­len von Can­nes wa­ren, ha­ben Sie kei­ne Ah­nung vom dra­ko­ni­schen Klas­sen­sys­tem des Fes­ti­vals. Bei Can­nes den­ken die meis­ten Leu­te an Gla­mour, Film­stars, Lu­xus­ho­tels, High-so­cie­ty-par­tys mit Dro­gen und Sex. Klar, das gibt es auch, aber für die meis­ten der rund 40 000 Fes­ti­val­be­su­cher geht es um an­de­re Din­ge. Beim re­nom­mier­tes­ten Film­fes­ti­val der Welt gibt es kei­ne frei ver­käuf­li­chen Ti­ckets. Zu­tritt er­hält man nur als ak­kre­di­tier­ter Pro­fi oder als Part­ner ei­nes hin­rei­chend be­rühm­ten Stars. Ca­te Blan­chett et­wa, in die­sem Jahr die Ju­ry­prä­si­den­tin, darf im­mer­hin ih­ren Mann mit­brin­gen. Je­der Sek­tor der Bran­che (Künst­ler, Pres­se, Film­markt) hat sei­ne ei­ge­ne Ka­te­go­rie, und je­de Ka­te­go­rie hat ih­re ei­ge­ne kom­ple­xe Hier­ar­chie, die dar­über ent­schei­det, wer zu Vor­füh­run­gen und Ver­an­stal­tun­gen be­vor­zugt Zu­gang er­hält und wel­che pri­va­ten und be­ruf­li­chen Vor­tei­le man vom Fes­ti­val er­war­ten darf. Ich ge­hö­re der Ka­te­go­rie der Pres­se­ver­tre­ter an. In der Hier­ar­chie der Le­be­we­sen in den Ozea­nen wür­de das dem Plank­ton ent­spre­chen. Jour­na­lis­ten, in je­dem Jahr et­wa 4500 Frau­en und Män­ner, wer­den, je nach Sta­tus, in ei­ne von fünf Un­ter­ka­te­go­ri­en ein­ge­teilt. Ob­wohl die Aus­wahl­kri­te­ri­en ein sorg­fäl­tig ge­hü­te­tes Ge­heim­nis und Ge­gen­stand un­fass­ba­rer Spe­ku­la­tio­nen sind, be­ru­hen sie of­fen­bar weit­ge­hend auf der Ver­brei­tung des Pres­se­er­zeug­nis­ses, für das man ar­bei­tet. Eben­so wich­tig: In­ter­net­prä­senz. Qua­li­tät: scheiss­egal. Ein Klatsch­ma­ga­zin oder ei­ne de­bi­le Web­sei­te gel­ten eben­so viel wie die «New York Ti­mes», so­lan­ge sie ei­ne ver­gleich­ba­re An­zahl von Klicks auf­wei­sen kön­nen. Die Klas­si­fi­zie­rung schlägt sich in der Far­be des Ak­kre­di­tie­rungs­aus­wei­ses nie­der, den man sich um den Hals hän­gen muss, um bei je­der Ver­an­stal­tung die stren­gen Si­cher­heits­kon­trol­len pas­sie­ren zu kön­nen. Das Farb­spek­trum reicht von Weiss (am be­gehr­tes­ten) bis Gelb (prak­tisch ein Ti­cket in die Höl­le). Wer Weiss hat, kann fünf Mi­nu­ten vor Be­ginn der Vor­stel­lung er­schei­nen und wird von ei­nem uni­for­mier­ten

Si­cher­heits­men­schen höf­lich durch die Sper­re ge­wun­ken. Al­le an­de­ren müs­sen in se­pa­ra­ten War­te­schlan­gen an­ste­hen. Die War­te­zeit ent­spricht dem Sta­tus, wo­bei die­je­ni­gen, die das ge­fürch­te­te gel­be Kärt­chen am Hals tra­gen, un­ab­seh­bar lan­ge war­ten müs­sen, oh­ne jeg­li­che Ga­ran­tie. Ei­ner die­ser Be­mit­lei­dens­wer­ten mit dem gel­ben Aus­weis er­zähl­te mir ein­mal, dass er vier St­un­den mit an­de­ren «Gel­ben» in der pral­len Son­ne ge­war­tet ha­be. Am En­de wur­de kei­ner ein­ge­las­sen.

In­so­fern ein durch­schnitt­li­cher Kri­ti­ker in Can­nes täg­lich drei bis fünf Fil­me an­schaut, zwi­schen­durch ei­lig sei­ne Re­zen­sio­nen schreibt und das Fes­ti­val zwölf Ta­ge dau­ert, darf man oh­ne Mem­men­haf­tig­keit sa­gen, dass die ei­ge­ne Ge­sund­heit von der Far­be der Ak­kre­di­tie­rung ab­hängt. Raf­fi­nier­ter­wei­se wird ei­nem die Ein­stu­fung nicht vor der An­kunft mit­ge­teilt. Und des­halb ste­he ich nun hier, im Pa­lais des Fes­ti­vals, mit Hun­der­ten von Kol­le­gen, in ner­vö­ser Un­ge­wiss­heit ob der Far­be mei­ner Ak­kre­di­tie­rung. End­lich bin ich an der Rei­he. Mein Aus­weis ist pink (mitt­le­re Ka­te­go­rie, durch­schnitt­li­che War­te­zeit bei je­dem Film un­ge­fähr ei­ne hal­be St­un­de), spon­tan ent­fährt mir ein «Oh thank fuck», die Da­me am Schal­ter zieht die Brau­en hoch.

Tag 2 – Mitt­woch, 9. Mai

Der Tag be­ginnt früh mit Wang Bings Do­ku­men­tar­film «De­ad Souls». Der Film ist ex­akt so leicht und hei­ter, wie es der Ti­tel ver­mu­ten lässt. Und mit bei­na­he acht­ein­halb St­un­den ist es der längs­te Film, der je im Wett­be­werb von Can­nes ge­zeigt wur­de (wenn auch nicht der längs­te in Wangs Oeu­vre – die­ses Prä­di­kat geht an sein vier­zehn­stün­di­ges Opus «Cru­de Oil»). Gott sei Dank ha­ben die Ver­an­stal­ter den Film be­reits auf den zwei­ten Tag an­ge­setzt, wenn das Fes­ti­val sich erst warm­läuft und das Durch­hal­te­ver­mö­gen der Zu­schau­er noch un­ver­braucht ist. So­sehr mir Wangs Fil­me ge­fal­len und so sel­ten man die Chan­ce hat, sie im Ki­no zu se­hen – wä­re «De­ad Souls» an ei­nem spä­te­ren Tag ge­zeigt wor­den, wä­re der Selbst­er­hal­tungs­trieb wohl stär­ker ge­we­sen als mei­ne Lie­be zum Ki­no.

Das ist ei­nes der vie­len Pa­ra­do­xe, die für Can­nes cha­rak­te­ris­tisch sind: Für Ci­ne­as­ten ist das Fes­ti­val der schöns­te und zu­gleich der schlimms­te Ort auf der gan­zen Welt. Can­nes prä­sen­tiert ei­ne Un­men­ge der bes­ten Fil­me, die in ei­nem Jahr pro­du­ziert wur­den. Es gibt schlicht kei­ne an­de­re Ge­le­gen­heit, ei­ne sol­che Fül­le von neu­en, her­vor­ra­gen­den Fil­men zu se­hen – zu­mal vie­le, so über­zeu­gend sie aus künst­le­ri­scher Sicht auch sein mö­gen, kom­mer­zi­ell chan­cen­los sind und des­halb kaum in die Ki­nos kom­men. Der ty­pi­sche Ar­thouse-film ist näm­lich lang, an­spruchs­voll und meist bru­tal de­pri­mie­rend. Und wenn man je­den Tag sechs St­un­den Fil­me sieht und nichts Ver­nünf­ti­ges es­sen kann, dann ist man kaum in der La­ge, ei­nen acht­ein­halb­stün­di­gen Do­ku­men­tar­film über die de­mü­ti­gen­de Be­hand­lung von Dis­si­den­ten in Umer­zie­hungs­la­gern wäh­rend der chi­ne­si­schen Kul­tur­re­vo­lu­ti­on zu be­ur­tei­len.

Trotz­dem ist «De­ad Souls» ein her­aus­ra­gen­des hu­ma­nis­ti­sches und künst­le­ri­sches Do­ku­ment und ei­ne der be­ein-

dru­ckends­ten Fil­mer­fah­run­gen, die ich in die­sem Jahr ma­chen wer­de. Nie­der­ge­schla­gen ver­las­se ich das Ki­no, in Ge­dan­ken noch bei den furcht­ba­ren Zeug­nis­sen ge­schun­de­ner Über­le­ben­der und wer­de draus­sen von ei­nem Post­kar­ten­son­nen­un­ter­gang emp­fan­gen. Gol­de­nes Licht tanzt auf dem Was­ser und bil­det ei­nen Hof um die Jach­ten mit ih­ren idio­ti­schen Na­men (Free­dom, Wind Dan­cer, Car­pe Diem, My Way) vor An­ker.

Der star­ke Kon­trast zwi­schen der Welt in­ner­halb und aus­ser­halb des Ki­no­saals ge­hört zu den Pa­ra­do­xen von Can­nes, doch dar­über den­ke ich nicht all­zu lan­ge nach, denn auf dem Rück­weg in das Zwei­zim­mer­apart­ment, das ich mir mit drei Kol­le­gen tei­le, über­le­ge ich schon, wie ich mei­ne Be­spre­chung von «De­ad Souls» ein­lei­ten könn­te. De­ad­line für «De­ad Souls» ist der nächs­te Mor­gen.

Tag 5 – Sams­tag, 12. Mai

In Can­nes stösst man im­mer wie­der auf Fäl­le von ge­nia­ler Sym­bo­lik. Der grel­le Kon­trast, den ich nach «De­ad Souls» er­leb­te, ist nur ein Bei­spiel. Ich sit­ze im Pres­se­raum, ein gi­gan­ti­scher Bild­schirm an der Wand über­trägt die Pres­se­kon­fe­renz zu Je­an-luc Go­dards Film, der am Vor­mit­tag lief. Wo­bei Godard nicht an­we­send ist, je­den­falls nicht in Per­son. An sei­ner Stel­le hockt, kein Witz, ein ipho­ne. Godard, in­zwi­schen 87 Jah­re alt, ei­ner der gröss­ten und ver­ehr­tes­ten Künst­ler der Film­ge­schich­te, stellt sich in sei­nem Haus in Rol­le am Gen­fer­see, wo er seit vier­zig Jah­ren wohnt, den Fra­gen der Jour­na­lis­ten, die mit ih­rem Auf­nah­me­ge­rät in ei­ner lan­gen Rei­he vor dem ipho­ne ste­hen.

Im­mer wie­der ist der Tod des Ki­nos aus­ge­ru­fen wor­den, nicht zu­letzt von Godard selbst. Auf ei­nem Bild­schirm se­he ich das pi­xe­lier­te Ge­sicht des al­ten Man­nes, hö­re, wie er mit schwa­cher Stim­me er­klärt, dass er in sei­nem Le­ben wohl kei­nen Film mehr ma­chen wer­de, und es fällt mir schwer, die­se post­mo­der­ne mi­se en aby­me nicht als Omen zu deu­ten.

Tag 6 – Sonn­tag, 13. Mai

Trotz der gest­ri­gen Me­lan­cho­lie: war­um denn die Hoff­nung auf­ge­ben, wenn noch im­mer hin­reis­sen­de, wa­ge­mu­ti­ge, zar­te, poe­ti­sche, zu­tiefst hu­ma­ne, al­les in al­lem ma­gi­sche Fil­me wie Ali­ce Rohr­wa­chers «Laz­za­ro Fe­li­ce» ge­macht wer­den?

Heu­te Abend steht zwar noch ei­ne Film­vor­füh­rung an, aber ich be­schlies­se, die­sen Ter­min sau­sen zu las­sen und mich lie­ber der Hoch­stim­mung hin­zu­ge­ben, die nur gros­ses Ki­no er­zeu­gen kann. Ich ent­de­cke ei­ne Mit­be­woh­ne­rin in der Men­schen­men­ge, die nach der Vor­füh­rung des Films aus dem Grand Théât­re Lu­miè­re mit sei­nen 2400 Plät­zen ins Freie drängt. Sie hat ei­ne Ein­la­dung zur Cock­tail­par­ty ei­ner Pro­duk­ti­ons­fir­ma im Carl­ton und sagt, sie wol­le mich hin­ein­schmug­geln, dann könn­ten wir von Rohr­wa­chers Film schwär­men und uns an kos­ten­lo­sen Drinks und Ca­napés güt­lich tun. Wir plau­dern über die vie­len Qua­li­tä­ten von «Laz­za­ro Fe­li­ce» und kom­men schon bald auf den Pro­test zu spre­chen, der ges­tern Abend auf dem ro­ten Tep­pich statt­fand. Vor der Pre­mie­re von Eva Hus­sons «Les Fil­les du So­leil» stan­den 82 Schau­spie­le­rin­nen, Re­gis­seu­rin­nen und Pro­du­zen­tin­nen auf den Stu­fen des Lu­miè­re, um ge­gen die man­geln­de Gleich­be­rech­ti­gung in der Film­bran­che ganz all­ge­mein und in Can­nes im Be­son­de­ren zu de­mons­trie­ren. Die Zahl 82 soll­te für die Ge­samt­zahl der von Frau­en ge­dreh­ten Fil­me ste­hen, die sich seit dem ers­ten Fes­ti­val 1946 um die Pal­me d’or be­wor­ben ha­ben – die Zahl der von Män­nern ge­dreh­ten Fil­me im Wett­be­werb be­trägt 1688.

Seit Jah­ren schon wird be­klagt, dass es so we­ni­ge Re­gis­seu­rin­nen gibt, aber es brauch­te Har­vey Wein­stein (für den Can­nes, wie Asia Ar­gen­to es for­mu­lier­te, ein «Jagd­re­vier» war), #Metoo und #Ba­lan­ce­ton­porc, dass die Dis­kus­si­on nun­mehr grös­se­re Auf­merk­sam­keit fin­det. Doch ob­wohl das Fes­ti­val ei­ni­ge sym­bo­li­sche Ges­ten mach­te, zum Bei­spiel den Pro­test auf dem sa­kro­sank­ten ro­ten Tep­pich zu­liess und ei­ne mehr­heit­lich weib­li­che Ju­ry no­mi­nier­te, sind von den ins­ge­samt 21 Spiel­fil­men im dies­jäh­ri­gen Wett­be­werb nur drei von Frau­en. Und schlim­mer noch: «Les Fil­les du So­leil», der ers­te die­ser drei Fil­me, ist un­er­träg­lich: in­kom­pe­tent, sen­sa­ti­ons­lüs­tern, aus­beu­te­risch und pseud­ofe­mi­nis­tisch. Auf mei­nen Ein­wand, war­um aus­ge­rech­net ei­ne sol­che Tra­ves­tie ei­nes Films den Frau­en­pro­test be­glei­ten muss­te, wo doch «Laz­za­ro Fe­li­ce» die sehr viel bes­se­ren Ar­gu­men­te ge­lie­fert hät­te, wird mir ge­ant­wor­tet: «Ja, aber dar­auf kommt es nicht an.»

Tag 8 – Di­ens­tag, 15. Mai

Wer von ei­nem Film­fes­ti­val be­rich­tet, steht vor der Her­aus­for­de­rung, ein mög­lichst aus­ge­wo­ge­nes Ver­hält­nis zwi­schen Ki­no­saal und Schrei­ben zu er­rei­chen – qua­si zwi­schen Ver­gnü­gen und Rea­li­täts­prin­zip. Bis jetzt bin ich auf Num­mer si­cher ge­gan­gen, aber da ich mit mei­nem Pen­sum ganz gut da­ste­he (zehn Re­zen­sio­nen ha­be ich schon, vier feh­len mir noch), be­schlies­se ich, die Schrei­be­rei für ei­nen Tag sein zu las­sen und bei den Fil­men et­was nach­zu­ho­len. Mein Ma­xi­mum ist fünf Fil­me an ei­nem Tag. Mal se­hen, ob ich sechs schaf­fe.

Hier die Plots der Fil­me, die ich mir aus­ge­sucht ha­be: 8.30 Uhr: Ein dum­mer por­tu­gie­si­scher Fuss­bal­ler, der aus­sieht wie Cris­tia­no Ro­nal­do und je­des Mal, wenn er zu ei­nem Schuss auf das Tor an­setzt, gi­gan­ti­sche fluf­fi­ge Wel­pen vor sei­nem in­ne­ren Au­ge sieht, will ei­nen afri­ka­ni­schen Flücht­ling ad­op­tie­ren, der sich als les­bi­sche Spio­nin her­aus­stellt. Ge­mein­sam be­schlies­sen die bei­den, ei­ne Ter­ro­ris­ten­zel­le aus­zu­he­ben, die es auf die EU ab­ge­se­hen hat.

10.45 Uhr: Beim Ab­schluss­ball ei­ner Tanz­schu­le kippt je­mand ei­ne Dro­ge in die San­gria. Die Nacht es­ka­liert zu ei­ner Ver­bre­chen­sor­gie – Schlä­ge, Selbst­ver­let­zung, Ver­ge­wal­ti­gung, Op­fe­rung, In­zest, Kin­der­mord –, be­glei­tet von spek­ta­ku­lä­ren Tanz­sze­nen und ei­nem phä­no­me­na­len Sound­track mit elek­tro­ni­scher Mu­sik à la 90er.

13.00 Uhr: Die auf ei­ner wah­ren Be­ge­ben­heit be­ru­hen­de Ge­schich­te des ers­ten schwar­zen Po­li­zis­ten in Co­lo­ra­do Springs, der sich 1979 in den Ku-klux-klan ein­schleu­sen lässt, was als Ko­mö­die eben­so funk­tio­niert wie als Al­le­go­rie auf den Rechts­ex­tre­mis­mus in Trumps Ame­ri­ka.

15.30 Uhr: Ei­ne Me­ta­re­fle­xi­on über den Pro­zess des Fil­me­ma­chens. Der Re­gis­seur fan­ta­siert sich als Se­ri­en­kil­ler und prä­sen­tiert ei­ne Rei­he von be­son­ders grau­en­haf­ten Ta­ten: Er mas­sa­kriert den gan­zen Film über Frau­en.

18.45 Uhr: Zwei Trol­le, die in­ko­gni­to in Schwe­den le­ben, be­gin­nen ei­ne Af­fä­re. Hö­he­punkt ist ei­ne dras­ti­sche Lie­bes­sze­ne, der die Zu­schau­er ent­neh­men kön­nen, dass in der

skan­di­na­vi­schen Sa­gen­welt weib­li­che Trol­le ei­nen Pe­nis (und be­haar­te Brüs­te) ha­ben und Män­ner pe­ne­triert wer­den.

21.00 Uhr: Ei­ne in­ter­es­san­te In­ter­pre­ta­ti­on des The­mas «Der letz­te Mensch auf Er­den», an­ge­sie­delt in ei­nem posta­po­ka­lyp­ti­schen Deutsch­land, der das schein­bar Un­mög­li­che ge­lingt: Die oh­ren­be­täu­ben­de Mu­sik von Tiës­to löst sich in ei­nem fas­zi­nie­ren­den Hö­he­punkt auf, be­glei­tet von der tran­ce­ar­ti­gen Wie­der­ga­be von Sa­mu­el Bar­bers «Ad­a­gio for Strings» durch den DJ.

Ge­schafft! Den Troll­film hät­te ich mir schen­ken kön­nen, aber ich bin froh, dass ich mir doch noch ei­nen sechs­ten an­ge­se­hen ha­be, denn der Film über ein posta­po­ka­lyp­ti­sches Deutsch­land war am En­de das Bes­te mei­ner ge­nia­len Aus­wahl. Mitt­ler­wei­le geht es auf Mit­ter­nacht zu, ich es­se Piz­za und be­ob­ach­te das Feu­er­werk, das wäh­rend der Par­ty für «So­lo» statt­fin­det, den neu­en Star-wars-film, der heu­te Abend ge­zeigt wur­de. Wäh­rend des Fes­ti­vals wer­den in Can­nes all­abend­lich zahl­lo­se Par­tys ge­fei­ert, meist auf den Pri­vat­strän­den, die den Lu­xus­ho­tels an der Croi­set­te ge­hö­ren. Ein­tritt nur für ge­la­de­ne Gäs­te, und es ist sehr viel schwie­ri­ger, sich dort Zu­gang zu ver­schaf­fen, als bei den schon er­wähn­ten Cock­tail­par­tys. Vor al­lem, weil dort rich­ti­ge Stars an­we­send sind und nicht nur die­se Ins­ta­gram-exis­ten­zen. Es sind zwar genau­so blö­de Net­wor­king-ver­an­stal­tun­gen, aber wenn man in der Hier­ar­chie von Can­nes nur ge­nü­gend un­wich­tig ist, hat man we­nig zu ver­lie­ren, wenn man sich an der of­fe­nen Bar be­dient. Und genau das tun al­le Kri­ti­ker. Al­so auch ich. Die we­ni­gen Ma­le, wo es mir im Lau­fe der Jah­re ge­lun­gen ist, ei­ne Ein­la­dung zu er­gat­tern, bot sich im­mer das glei­che Bild: Die meis­ten Gäs­te, vie­le in Abend­gar­de­ro­be, ste­hen her­um, trin­ken Cham­pa­gner, ma­chen Small Talk und tun al­les, da­mit po­ten­zi­ell wich­ti­ge Leu­te kei­nen fal­schen Ein­druck von ih­nen be­kom­men. Die Kri­ti­ker, durch­weg be­trun­ken, amü­sie­ren sich auf der Tanz­flä­che und stö­ren sich nicht dar­an, dass je­mand sie be­ob­ach­ten könn­te.

Tag 11 – Frei­tag, 18. Mai

Heu­te ist mein letz­ter Tag. Nach der abend­li­chen Film­vor­füh­rung lau­fe ich völ­lig fer­tig die Croi­set­te hin­un­ter. All­jähr­lich ver­wan­delt sich die­ser lan­ge Bou­le­vard, di­rekt am Meer, in ei­ne Mi­nia­tur­aus­ga­be des Ti­mes Squa­re, wenn die alt­ehr­wür­di­gen Grand Ho­tels mit vul­gä­ren Wer­be­ban­nern ver­hüllt sind. Ich er­in­ne­re mich an gi­gan­ti­sche Din­ger, die vom Dach des Carl­ton her­un­ter­hin­gen, je­weils mit dem Por­trät ei­nes der mus­kel­be­pack­ten Hel­den von «The Ex­pen­da­bles 3». Zwei über­di­men­sio­na­le Bild­schir­me, die den Ein­gang des Bar­riè­re Le Ma­jes­tic ein­rahm­ten, spiel­ten un­ent­wegt den Trai­ler zur da­mals ak­tu­el­len Fol­ge von «The Hun­ger Ga­mes». Be­son­ders schön fand ich die Re­kla­me auf dem Dach des Mar­ti­nez, wo mit den rie­sen­gros­sen Let­tern SEX TAPE für ei­ne Rom­com mit Ca­me­ron Diaz ge­wor­ben wur­de.

In die­sem Jahr sind die Ho­tel­fas­sa­den mehr oder we­ni­ger un­ver­hüllt. Zum ers­ten Mal kann ich die wun­der­ba­re Ar­chi­tek­tur be­wun­dern. Die Croi­set­te, sonst so grell, wirkt fast stil­voll – kaum vor­stell­bar, wie sie frü­her ein­mal aus­ge­se­hen ha­ben muss, in den Ta­gen von F. Scott Fitz­ge­rald & Co.

Vor und nach dem Fes­ti­val er­schei­nen re­gel­mäs­sig Ar­ti­kel über die wach­sen­de Be­deu­tungs­lo­sig­keit von Can­nes. Viel­leicht ist es Selbst­schutz, aber meist tat ich die­se Tex­te als blos­se Schwarz­ma­le­rei ab. In­zwi­schen fällt mir das im­mer schwe­rer. Im April gab es Streit zwi­schen Can­nes und Net­flix. Die Fes­ti­val­lei­tung wei­ger­te sich, von Net­flix pro­du­zier­te Fil­me zum Wett­be­werb zu­zu­las­sen, soll­te sich der Strea­m­ing-gi­gant nicht an die all­ge­mei­nen Re­geln hal­ten. Die be­sa­gen, dass ein Film, der sich um die Gol­de­ne Pal­me be­wirbt, in Frank­reich in den Ki­nos lau­fen muss und vor al­lem erst nach drei Jah­ren ge­streamt wer­den darf. Net­flix zeig­te Can­nes den Stin­ke­fin­ger und zog sich kom­plett aus dem Fes­ti­val zu­rück. Can­nes mag die Moral auf sei­ner Sei­te ge­habt ha­ben, aber es war, für al­le klar er­kenn­bar, ein Pyr­rhus­sieg.

Und was be­deu­tet das für die Film­kri­tik? Für un­se­ren Be­ruf war das In­ter­net ein Pro­blem, schon lan­ge be­vor sich dank Net­flix die Ki­nos auf der gan­zen Welt zu lee­ren be­gan­nen. Ich bin dreis­sig und ken­ne nie­man­den mei­nes Al­ters, der von sei­ner Ar­beit als Filmkritiker le­ben kann. Im bes­ten Fall ist es ein Ne­ben­job, für die meis­ten ist es ein Hob­by.

Um Ih­nen ei­ne Vor­stel­lung zu ge­ben: Das Ho­no­rar für die vier­zehn Re­zen­sio­nen, die ich wäh­rend des dies­jäh­ri­gen Fes­ti­vals ge­schrie­ben ha­be, ins­ge­samt et­wa zwan­zig Sei­ten Text, die ein, zwei Ta­ge nach der Wel­tur­auf­füh­rung des je­wei­li­gen Films er­schie­nen, deckt gera­de ein­mal die Kos­ten für Flug und Un­ter­kunft. Noch er­nüch­tern­der: Un­ter frei­be­ruf­li­chen Kri­ti­kern ge­hö­re ich zu den Bes­ser­ver­die­nen­den.

Kürz­lich twit­ter­te Ste­pha­nie Zacharek, die Film­kri­ti­ke­rin von «Time», dass auch sie für ih­re Kos­ten selbst auf­kom­men müs­se. Dass ein Re­dak­ti­ons­mit­glied ei­ner der nam­haf­tes­ten Zeit­schrif­ten der Welt sich in ei­ner sol­chen La­ge be­fin­det, ist ir­gend­wie de­pri­mie­rend. An­de­rer­seits hat die Vor­stel­lung, dass all die­se Leu­te aus pu­rer Be­geis­te­rung für den Film Can­nes durch­ma­chen, et­was un­ge­mein Sym­pa­thi­sches. Und so wer­den die meis­ten von uns im nächs­ten Jahr und im Jahr dar­auf wie­der nach Can­nes kom­men, kla­gend und jam­mernd, aber den­noch dank­bar, dass wir den Traum ei­nes je­den Ci­ne­as­ten le­ben dür­fen; und ver­zwei­felt hal­ten wir an der ab­sur­den Hoff­nung fest, dass die­ser Traum durch un­se­re Tä­tig­keit fort­le­ben wird.

Mei­ne Mit­be­woh­ne­rin schickt mir ei­ne SMS: «Komm zur Ab­schluss­par­ty der Quin­zai­ne! Frag am Ein­gang nach Je­an-philippe und sag, dass er dich per E-mail ein­ge­la­den hat.» Der Tür­ste­her im Smo­king schaut mich ver­ächt­lich an, ruft aber den­noch Je­an-philippe. Ich sa­ge mein Sprüch­lein, das ich un­ter­wegs ein­stu­diert ha­be. «Ah ja, klar», sagt er und hält mir die Tür auf. «Viel Spass!» Ich schaue mög­lichst bla­siert und ge­he an ihm vor­bei in ei­nen Raum voll be­kann­ter Ge­sich­ter, die sich zu den Klän­gen von Co­ro­nas «Rhythm of the Night» amü­sie­ren. Je­der Kri­ti­ker wird bei die­sem 90erjah­re-hit an das Fi­na­le von Clai­re Denis’ Meis­ter­werk «Beau Tra­vail» den­ken. Wenn Sie den Film ge­se­hen ha­ben, wer­den Sie wis­sen, was ich mei­ne, wenn nicht, soll­ten Sie ihn sich un­be­dingt an­se­hen. So­bald die­ser Song er­klingt, wird klar, war­um es sich lohnt, für das Ki­no zu kämp­fen – ob es ei­ne Zu­kunft hat oder nicht.

Je­an-luc Godard spricht via ipho­ne mit Jour­na­lis­ten, die so blöd sind, sein Spiel mit­zu­ma­chen.

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