CHRIS­TI­AN sei­ler Der Un­sinn der Re­stau­rant-lis­ten

Das Magazin - - Ein Vorschlag - C H R I S T I A N S E I L E R ist Re­por­ter bei «Das Ma­ga­zin»; Bild ROBERT RIE­GER

Die Food­pu­bli­zis­tik ist nicht arm an Af­fir­ma­ti­on. Seit Kö­che Stars sind und Ge­rich­te Fo­to­mo­del­le, über­bie­ten sich pro­fes­sio­nel­le und halb pro­fes­sio­nel­le Food­jour­na­lis­ten in der Ze­le­bra­ti­on ih­rer Ak­teu­re. Die Ver­la­ge­rung des ent­spre­chen­den Ge­schäfts ins In­ter­net tut das Ih­re. Ei­ne Schwa­dron von Food­blog­gern hat ein Ge­schäfts­mo­dell dar­in ent­deckt, ge­fäl­li­ge Be­richt­er­stat­tung ge­gen die Mög­lich­keit ein­zu­tau­schen, den Ge­gen­stand der Be­richt­er­stat­tung über­haupt ken­nen zu ler­nen.

Auf Deutsch: Ist ein Re­stau­rant be­reit, den «Be­richt­er­stat­ter» gra­tis es­sen zu las­sen, re­van­chiert sich die­ser, in­dem er das Ge­schenk ent­spre­chend po­si­tiv be­schreibt und ins Bild setzt. Fun­dier­te Kri­tik ist un­ter die­sen Vor­aus­set­zun­gen ein Min­der­hei­ten­pro­gramm (wenn auch nicht un­mög­lich, da möch­te ich en­ga­gier­ten Kol­le­gen wie den «Stern­e­fres­sern» oder «Trois Etoi­les» nicht die Eh­re ab­schnei­den).

Ei­ne kri­ti­sche Ge­samt­be­trach­tung der Bran­che bleibt ein Min­der­hei­ten­pro­gramm. Äus­serst sel­ten, dass sich die ku­li­na­ri­sche Pu­bli­zis­tik zu ei­ner Hal­tung durch­ringt, die Kon­text vor Be­wun­de­rung und Wi­der­spruch vor En­ter­tain­ment reiht. Um­so be­mer­kens­wer­ter fin­de ich die neue Aus­ga­be des schwe­di­schen Food­ma­ga­zins «Fool», das sich mit sechs Aus­ga­ben in den letz­ten fünf Jah­ren zwar ei­ne Art Le­gen­de er­schrie­ben, aber mit ei­ner fast zwei­jäh­ri­gen Pau­se selbst sei­ne op­ti­mis­ti­schen Le­ser über­for­dert hat­te. Erst gera­de ist «Fool #7» er­schie­nen, «The po­li­ti­cal is­sue».

Die bei­den Her­aus­ge­ber, das Ehe­paar Lot­ta und Per­an­ders Jör­gen­sen, er Fo­to­graf, sie Gestal­te­rin, bei­de aus­ge­stat­tet mit ei­nem über­di­men­sio­na­len Ge­fühl für jour­na­lis­ti­sche Qua­li­tät und er­zäh­le­ri­sche Kraft, stam­men aus Mal­mö und sind gut ver­netz­te Mit­glie­der der, wie sie es nen­nen, «re­stau­rant in­dus­try». Ihr Ge­schäft ist Be­richt­er­stat­tung und Be­ra­tung. Kli­en­ten sind zahl­rei­che Bran­chen­stars in der gan­zen Welt und sol­che, die es noch wer­den wol­len, und weil die Gren­ze zwi­schen Be­richt­er­stat­tung und Be­ra­tung so flies­send ist wie zwi­schen Pro­mo­ti­on und ei­ner sanf­ten Form der Kor­rup­ti­on, ha­ben sich die Jör­gen­sens die­sem Di­lem­ma ziem­lich ra­di­kal ent­zo­gen, min­des­tens für die­se Aus­ga­be von «Fool».

Mit «Fool #7» tre­ten sie an, die Bran­che mit ei­ner Rei­he von Wahr­hei­ten zu kon­fron­tie­ren, auf die die­se gern ver­zich­tet hät­te. Um je­doch je­de Wahr­heit – je­des Fak­tum, je­de Mei­nung – so de­zi­diert aus­spre­chen zu kön­nen, wie sie es ver­dient, ver­zich­ten die Jör­gen­sens in die­ser Aus­ga­be dar­auf, An­zei­gen zu ver­kau­fen. Gleich­zei­tig ha­ben sie das Ge­fühl, dass die an­zei­gen­freie «po­li­ti­cal is­sue» ei­nen be­son­ders wert­vol­len Auf­tritt ver­dient, so­dass sie das Ma­ga­zin dies­mal als ge­bun­de­nes Buch er­schei­nen las­sen, in li­mi­tier­ter Auf­la­ge, so teu­er pro­du­ziert wie noch nie. Es hat et­was de­zi­diert Pro­tes­tan­ti­sches, wenn sie selbst tief in die ei­ge­ne Ta­sche grei­fen, um oh­ne Rück­sicht auf Ver­lus­te zu sa­gen, was sie den­ken.

Die für die «re­stau­rant in­dus­try» wohl spek­ta­ku­lärs­te Ge­schich­te in die­ser Aus­ga­be ist die Re­cher­che der in Ko­pen­ha­gen sta­tio­nier­ten Jour­na­lis­tin Li­sa Abend, die sich der Auf­ga­be wid­me­te, die öko­no­mi­schen Hin­ter­grün­de bei der Er­stel­lung der «50 Best»­lis­te aus­zu­leuch­ten. Sie zeich­net ein Bild, das er­nüch­tern­der nicht sein könn­te: Aus der wit­zi­gen Idee des bri­ti­schen «Re­stau­rant Ma­ga­zi­ne», fünf­zig gross­ar­ti­ge Lo­ka­le in al­ler Welt in ei­ne mehr oder we­ni­ger will­kür­li­che Rei­hen­fol­ge zu brin­gen, ist ein rie­si­ges Ge­schäft ge­wor­den, in dem sich Lob­by­is­ten und Kli­en­ten, Ent­schei­der und In­flu­en­cer tum­meln, al­le mit dem Ziel, ih­re Favoriten mög­lichst weit oben auf der Lis­te zu plat­zie­ren, was sich um­ge­kehrt wie­der­um gran­di­os ka­pi­ta­li­sie­ren lässt. Li­sa Abends Re­port ist ein Stück Jour­na­lis­mus, wie man es sich längst ge­wünscht hat, und wenn es auch nicht al­le Ge­heim­nis­se der Lis­ten­ge­schäf­te lüf­tet, so zeigt es doch all den ku­li­na­ri­schen Ge­schäfts­leu­ten: Hey, hier ist je­mand, der euch auf die Fin­ger schaut. Dass sich ein un­ab­hän­gi­ges Ma­ga­zin aus Schwe­den da­für ein­setzt und solch ei­ne Re­cher­che in Auf­trag gibt, be­glei­tet und pu­bli­ziert – oh­ne Rück­sicht auf die Bran­che, der sei­ne Ma­cher an­ge­hö­ren –, muss ho­no­riert wer­den, am bes­ten durch die Be­stel­lung ei­nes Hefts auf www.fool.se

PS: Im Sin­ne der Jör­gen­sen’schen Trans­pa­renz will ich nicht ver­schwei­gen, dass ich nicht nur mit den Heft­ma­chern be­kannt bin, son­dern für «Fool #7» auch ei­nen Bei­trag ge­schrie­ben ha­be, über un­be­kann­te Wein­skan­da­le. Mei­ner Be­wun­de­rung für das Pro­jekt tut aber selbst das kei­nen Ab­bruch.

Das Ge­schäft hin­ter solch un­sin­ni­gen He­ad­lines und Lis­ten ent­larvt aus­ge­rech­net ein klei­nes, un­ab­hän­gi­ges Ma­ga­zin aus Schwe­den.

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