9.79

Das Magazin - - Biografie - Text chris­tof Gertsch & Mi­ka­el kro­ge­rus Bild Ja­mie camp­bell

To­ron­to, 2018: Die Le­gen­de a. D.

An ei­nem Ju­n­ia­bend hält ein creme­far­be­ner Mi­ni Co­oper in der Ea­ton Ave­nue im Os­ten To­ron­tos. Die Tür öff­net sich, ein dun­kel­häu­ti­ger Mann steigt aus. Er trägt ei­nen Trai­nings­an­zug aus Bal­lon­sei­de, weis­se Ten­nis­so­cken, Flip­flops. Er hupt kurz, winkt, «hey, guys».

Das kann er nicht sein.

«Hey, er­kennt ihr mich nicht? Schaut mal, mei­ne Au­gen.»

Ben John­son meint sei­ne auf­fäl­lig gelb­li­chen Au­gen, von de­nen es frü­her hiess, sie sei­en ei­ne Fol­ge des Do­pings.

John­son wirkt klei­ner, als wä­re er ge­schrumpft. Mit sei­nen 56 Jah­ren ist er im­mer noch fit. Aber wo sind die Mus­kel­ber­ge, mit de­nen er einst selbst un­ter lau­ter Män­nern mit Mus­kel­ber­gen auf­fiel? Er schaut sich um und bit­tet in sei­nen Wa­gen. Auf dem Num­mern­schild steht BEN979.

9,79 Se­kun­den – das ist die Zeit, die er vor dreis­sig Jah­ren lief, der un­glaub­li­che Welt­re­kord, der ihm zu­sam­men mit der Olym­pia­gold­me­dail­le ab­ er­kannt wur­de. Es wür­de nicht er­stau­nen, wenn er sich die Zif­fern auch noch auf den Rü­cken tä­to­wiert hät­te, er be­han­delt sie wie ei­ne Tro­phäe.

In Wahr­heit sind sie ein Mahn­mal. Die In­si­gni­en ei­nes Le­bens, das nur in der Ver­gan­gen­heit exis­tiert.

«Ent­schul­digt, ist ein biss­chen eng hin­ten. Wie war eu­re Rei­se? Soll ich die Fens­ter run­ter­las­sen? Seid ihr das ers­te Mal in To­ron­to? Wo wollt ihr hin? Oh, seht ihr die Frau da? Was für ein Ge­stell! Nennt mich Ben.»

Er hält auf ei­nem Park­platz an der Main Street. In ei­nem grie­chi­schen Re­stau­rant setzt er sich zu­hin­terst in die Ecke, mit dem Rü­cken zur Tür. Er be­stellt ei­nen Pfef­fer­minz­tee, kne­tet sei­ne Hän­de, fragt vor­sich­tig: «So, was möch­tet ihr wis­sen?»

Zum Bei­spiel: wie es ihm geht. «Schaut», sagt er und blickt et­was ver­lo­ren auf sei­ne Hand­flä­chen, «Ben John­son gehts gut. Egal was ge­schrie­ben oder ge­re­det wird. Den Ben John­son von da­mals gibt es nicht mehr. Da­mals war ich Ben John­son, der Sprin­ter. Jetzt bin ich Ben John­son, der … äh. Das ist mein Li­fe­style: gu­tes Es­sen, net­ter Sex, Rei­sen, ich ha­be kei­nen We­cker, der Schöp­fer weckt mich.»

Plötz­lich dreht er den Kopf, starrt ein Pär­chen am Ne­ben­tisch an, mur­melt: «Ar­sch­lö­cher.»

Fühlt er sich ge­stört durch die Auf­merk­sam­keit der an­de­ren Gäs­te?

Das Paar packt sei­ne Sa­chen und setzt sich ei­ni­ge Ti­sche wei­ter wie­der hin. Ben John­sons Pro­blem ist nicht, dass man ihn stän­dig auf der Strasse an­spre­chen wür­de, Ben John­sons Pro­blem ist, dass nie­mand mit ihm zu tun ha­ben will.

«Ben, wer ist die wich­tigs­te Per­son in dei­nem Le­ben?»

«Schwie­ri­ge Fra­ge. Ich wür­de sa­gen: ich.»

«War­um du?»

«Al­les, was ich tu, ma­che ich mit ein­hun­dert Pro­zent Lie­be, Stolz, Ge­nau­ig­keit. Das be­deu­tet: Ich kann nicht schei­tern.»

«Was, wenn die Din­ge trotz­dem schief­lau­fen?»

«Das ha­be ich nicht vor.»

«Aber es kann ge­sche­hen, oder?» «Das liegt an den Leu­ten. Al­les, was ich in mei­nem Le­ben wie ge­plant

aus­füh­re, ge­lingt mir. Als ich 1988 zum 100-Me­ter-lauf an­trat, wuss­te ich, dass ich ge­win­ne. Die ein­zi­ge Mög­lich­keit zu schei­tern … Ich sa­ge, es gibt nur ei­ne Mög­lich­keit, dass Ben John­son schei­tert: wenn sich je­mand ein­mischt und al­les ka­putt macht. Wie in Seo­ul: Sie konn­ten mich nicht schla­gen, al­so ta­ten sie, was nö­tig war, um mich zu stop­pen.»

Die Ge­schich­te von Ben John­son ist die Ge­schich­te ei­nes Man­nes, die drei Ta­ge nach dem 24. Sep­tem­ber 1988 en­de­te.

Seo­ul, 24.9.1988: Der Lauf

Acht Män­ner war­ten auf das Ren­nen ih­res Le­bens: Rob­son da Sil­va, Ray­mond Ste­wart, Carl Le­wis, Lin­ford Chris­tie, Cal­vin Smith, Ben John­son, De­sai Wil­li­ams, Den­nis Mit­chell. Es ist der Olym­pia­fi­nal im 100-Me­ter-lauf. Kurz be­vor die Sprin­ter zu den Start­blö­cken ge­ru­fen wer­den, wer­den sie ganz still, al­le sen­ken ih­re Häup­ter, man­che schlies­sen die Au­gen, mur­meln et­was. «Al­le be­te­ten», er­zähl­te Lin­ford Chris­tie spä­ter, «so­gar die At­he­is­ten be­kreu­zig­ten sich.» Vor ih­nen liegt ein Ren­nen, bei dem je­der Got­tes Hil­fe braucht.

We­ni­ge Au­gen­bli­cke da­nach be­ginnt, was in die Ge­schich­te ein­ge­hen wird als «The Dir­tiest Race in His­to­ry». Jetzt aber, an die­sem Sams­tag­nach­mit­tag in Seo­ul, ist es vor al­lem der Lauf, bei dem zwei gleich star­ke Läu­fer auf dem Hö­he­punkt ih­rer Kar­rie­re ge­gen­ein­an­der an­tre­ten. Häu­fig do­mi­nie­ren Sport­ler ih­re Dis­zi­plin, oh­ne wirk­lich her­aus­ge­for­dert zu wer­den, nur manch­mal kommt es vor, dass zwei eben­bür­ti­ge Aus­nah­me­ta­len­te auf­ein­an­der­tref­fen: Mu­ham­mad Ali ge­gen Joe Fra­zier, Bob­by Fi­scher ge­gen Bo­ris Spass­ky, Alain Prost ge­gen Ayr­ton Sen­na.

Im Sprint hat es nie ei­ne sol­che Kon­stel­la­ti­on ge­ge­ben. Usain Bolt war ein Wun­der­läu­fer epi­schen Aus­mas­ses, aber hat­te er je ei­nen Geg­ner? Das Be­son­de­re an 1988: Es gab zwei Usain Bolts – Carl Le­wis und Ben John­son.

Le­wis ist der vier­fa­che Olym­pia­sie­ger aus den USA, der mit­hil­fe sei­nes ge­wief­ten Ma­na­gers Joe Dou­glas Start­prä­mi­en von weit über 100 000 Dol­lar aus­han­delt und des­sen per­fek­ten Lauf­stil der ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­list Ga­ry Smith ein­mal so um­schreibt: «Es ist die rei­ne Freu­de, ihn ren­nen zu se­hen, und ein klei­nes Glück schon, ihm beim Ge­hen zu­zu­schau­en.»

Le­wis ist al­les, was John­son nicht ist. Wenn Le­wis ei­ne Ga­zel­le ist, ist John­son ei­ne Ge­wehr­ku­gel. Die Be­we­gun­gen von Le­wis sind gra­zil und fein, die von John­son bru­tal und ein­schüch­ternd. Le­wis ist ein Kind der Mit­tel­klas­se, John­son stammt aus ei­ner ja­mai­ka­ni­schen Mi­gran­ten­fa­mi­lie. Le­wis ist elo­quent, John­son stot­tert. Le­wis wird die Ge­rüch­te nicht los, er sei schwul, John­son ist ein Frau­en­held. Le­wis gilt als ar­ro­gant, John­son ist der Lieb­ling des Pu­bli­kums.

Vor al­lem aber ist Le­wis be­rühmt für sei­nen un­glaub­li­chen Fi­nish, und John­son wird ge­fürch­tet für sei­nen Start. Bis 1985 tre­ten die bei­den acht­mal ge­gen­ein­an­der an, acht­mal ge­lingt es Le­wis, John­son auf den letz­ten zwan­zig Me­tern ein­zu­ho­len. Dann än­dert sich das Bild. John­son kann sei­ne Höchst­ge­schwin­dig­keit im­mer län­ger hal­ten und ver­bes­sert gleich­zei­tig sei­nen Start. Im Som­mer 1985 schlägt er Le­wis zum ers­ten Mal – in Zürich. An den Welt­meis­ter­schaf­ten 1987 in Rom do­mi­niert er ihn.

1988 will Le­wis zu­rück­schla­gen. Es geht nicht nur um Pres­ti­ge. Es geht um Geld. 1987 steigt auch Ben John­son in die Li­ga der Gross­ver­die­ner auf, An­fang 1988 schliesst er mit der ita­lie­ni­schen Schuh­mar­ke Dia­do­ra ei­nen Ver­trag über 2,5 Mil­lio­nen Dol­lar ab. Er und al­le in sei­nem Um­feld wis­sen, dass ein Er­folg in Seo­ul vor al­lem Geld be­deu­tet.

Die Sprin­ter ste­hen vor ih­ren Start­blö­cken. Sie ha­ben sich ih­rer Trai­nings­an­zü­ge ent­le­digt, John­son zieht sein ver­wa­sche­nes T-shirt aus und prä­sen­tiert sei­nen Ana­bo­li­ka-ge­bläh­ten Ober­kör­per. Was ab jetzt ge­schieht, folgt ei­nem strik­ten Pro­to­koll, und doch kann man an die­sem von Er­war­tun­gen über­stra­pa­zier­ten Ren­nen die merk­wür­digs­ten Din­ge be­ob­ach­ten: Le­wis reicht je­dem sei­ner Kon­kur­ren­ten die Hand. Es ist ei­ne Ges­te, die fair wir­ken soll, aber Über­le­gen­heit si­gna­li­siert. John­son er­greift kurz Le­wis’ Hand, oh­ne ihm in die Au­gen zu bli­cken. Spä­ter sagt er: «War­um soll­te ich ihm die Hand ge­ben? Wir sind kei­ne Freun­de.»

Die Na­men wer­den auf­ge­ru­fen. Was folgt, ist ei­ne Stu­die in Kon­zen­tra­ti­on – und Ner­vo­si­tät. John­son at­met tief ein, bläst die Ba­cken auf, geht erst drei Me­ter auf die Bahn raus, kehrt um und stellt sich dann vier Me­ter hin­ter sei­nem Start­block auf. Chris­tie starrt sphinx­haft in Rich­tung Zi­el­li­nie, als ken­ne er den Aus­gang des Ren­nens. Smith hüpft auf und ab wie ein Vor­schul­kind. Le­wis kratzt sich am Ohr und ver­liert für den Bruch­teil ei­ner Se­kun­de den Fo­kus, als sein Blick zu John­son hin­über­glei­tet. Man ahnt, dass er nicht hin­schau­en will, dass er jetzt in den Tun­nel muss, sich nicht ab­len­ken las­sen darf. Aber sei­ne Au­gen wan­dern im­mer wie­der hin­über zu sei­nem Kon­kur­ren­ten.

Der Star­ter bit­tet die Sprin­ter zu ih­ren Plät­zen. Al­le be­ge­ben sich in die glei­che Po­si­ti­on, lin­kes Bein vor­ne, rech­tes hin­ten, die durch­ge­streck­ten Ar­me bil­den ein Drei­eck mit der weis­sen Li­nie, an der die Hän­de ru­hen. Le­wis auf Bahn drei und John­son auf Bahn sechs sind die Letz­ten, die ih­re Po­si­tio­nen ein­neh­men. Es ist das al­te Spiel: Der Letz­te im Start­block ist der Ers­te im Ziel.

Le­wis schüt­telt sei­ne Bei­ne nach hin­ten aus und drückt die Füs­se fest in die Hal­te­rung, sucht nach dem rich­ti­gen Grip und kniet sich hin, schaut noch ein­mal mit me­lan­cho­li­schen Au­gen die Tart­an­bahn hin­un­ter, kratzt sich an der Na­se.

Auch John­son be­gibt sich in die Start­po­si­ti­on, sei­ne enor­me Schul­ter­mus­ku­la­tur scheint sei­ne Ar­me un­na­tür­lich weit vom Rumpf zu schie­ben, so­dass er sie in ei­nem gro­tesk wei­ten Win­kel spreizt. Al­le Sprin­ter sen­ken den Kopf, nur John­son hält den Blick fest auf das Ziel ge­rich­tet.

Im Stadion ist es jetzt ganz ru­hig. Es ist die­se spe­zi­el­le Ru­he, die ent­steht, wenn hun­dert­tau­send Men­schen schwei­gen. Vor ih­ren Au­gen wird ein Kam­mer­spiel auf­ge­führt. Sie­ben wich­ti­ge Ne­ben­dar­stel­ler be­fin­den sich auf den Rän­gen:

Da ist John­sons Coach Char­lie Fran­cis, der kei­nen Platz auf den Be­treu­er­sit­zen ge­fun­den hat und nun schwit­zend auf der Me­dien­tri­bü­ne steht. Da ist Glo­ria John­son, Bens Mut­ter. Ne­ben ihr sitzt Dr. Ja­mie Asta­phan, John­sons Ana­bo­li­ka-mi­scher, des­sen Na­me selbst wie ein ver­bo­te­nes Me­di-

ka­ment klingt. Und noch ei­nen Platz wei­ter drü­ben sitzt Wal­de­mar Ma­tus­zew­ski, John­sons per­sön­li­cher Phy­sio­the­ra­peut. An ei­nem an­de­ren Ort im Stadion hat Eve­lyn Le­wis, Carls Mut­ter, die Au­gen ge­schlos­sen. In ih­rer Nä­he: Joe Dou­glas, Le­wis’ Ma­na­ger. Und Tom Tel­lez, Le­wis’ Coach und gros­ser För­de­rer.

«When the gun go off, the race be over», hat John­son vor dem Ren­nen ge­tönt. «So­bald der Schuss er­tönt, ist das Ren­nen vor­bei.» Das war mehr als ei­ne Kampf­an­sa­ge an Le­wis, es war ei­ne recht nüch­ter­ne Analyse sei­ner aus­ser­ge­wöhn­lichs­ten Fä­hig­keit, des Starts: John­son ver­fügt über die un­or­tho­do­xes­te und zu­gleich ex­plo­sivs­te Start­tech­nik, die die Leichtathletik je ge­se­hen hat. Sei­ne Be­we­gung ist so ruck­ar­tig, dass er prak­tisch mit bei­den Bei­nen aus dem Start­block springt, die Ar­me wie ein Del­finschwim­mer nach vor­ne wirft. Wäh­rend er be­reits beim drit­ten Schritt ist, ma­chen sei­ne Kon­kur­ren­ten oft erst den zwei­ten.

Wer hat ihm die­sen Start bei­ge­bracht? Kein Trai­ner. In sei­ner Au­to­bio­gra­fie «Speed Trap» schreibt Char­lie Fran­cis, der jun­ge John­son ha­be den Start selbst ent­wi­ckelt, ganz in­tui­tiv. Er, Fran­cis, ha­be zu­erst ge­dacht, er müs­se ihn kor­ri­gie­ren, es dann aber blei­ben las­sen, als er sah, wie John­son auf den ers­ten Me­tern Ge­schwin­dig­keit auf­zu­bau­en ver­moch­te.

John­son soll­te recht be­hal­ten: Als der Start­schuss er­tönt, ist Le­wis schon ge­schla­gen. Nach zehn Me­tern führt John­son deut­lich, nach zwan­zig Me­tern schaut Le­wis zum ers­ten Mal hin­über, ein Kar­di­nal­feh­ler, der ihn ei­ni­ge Hun­derts­tel kos­tet. John­son baut die Füh­rung kon­ti­nu­ier­lich aus, bei sech­zig Me­tern liegt er zwei Me­ter vor al­len an­de­ren. John­son, so schauts aus, läuft nicht, er fliegt über die Bahn. Aber auf den letz­ten zwan­zig Me­tern pas­siert das, was Char­lie Fran­cis be­fürch­tet und Tom Tel­lez, Le­wis’ Coach, ge­hofft hat: Le­wis wird schnel­ler und John­son lang­sa­mer. Doch idio­ti­scher­wei­se schaut Le­wis jetzt ein drit­tes Mal rü­ber, er muss auf fünf­zehn Me­tern fünf­zehn Hun­derts­tel auf­ho­len – und weiss, dass das un­mög­lich ist. Und John­son weiss, dass Le­wis weiss, dass er es weiss. Fünf Me­ter vor dem Ziel wen­det er sich dem Kon­tra­hen­ten zu und streckt den rech­ten Arm in die Luft, sein Fin­ger zeigt in den Him­mel.

Auf der Tri­bü­ne um­armt Do­pingDok­tor Asta­phan die Mut­ter Ben John­sons, Glo­ria. Der Phy­sio­the­ra­peut Wal­de­mar Ma­tus­zew­ski küsst bei­de und wen­det sich an den Dok­tor:

«Ach, Ja­mie, un­ser Traum geht in Er­fül­lung! Wir sind reich!»

«Hast du ir­gend­wel­che Ver­trä­ge un­ter­schrie­ben?», fragt Asta­phan. «Nein. Mit wem?»

«Dann wirst du nichts krie­gen.» Et­was spä­ter nimmt Ben John­son ne­ben dem Kom­men­ta­tor des ka­na­di­schen Fern­se­hens Platz. Aus Ottawa wird Bri­an Mul­ro­ney zu­ge­schal­tet, der Pre­mier­mi­nis­ter: «Ben, kön­nen Sie mich hö­ren?»

«Klar», sagt Ben John­son, er hält den Kopf ge­senkt und lä­chelt zu­frie­den.

«Herz­li­che Gra­tu­la­ti­on im Na­men al­ler Ka­na­di­er. Wir sind so stolz. Ich ha­be das Ren­nen mit mei­ner Frau und den Kin­dern ver­folgt, es war ei­ne Ex­plo­si­on der Freu­de.»

«Dan­ke.»

«Noch ei­ne Fra­ge, Herr Pre­mier­mi­nis­ter?», mischt sich der Kom­men­ta­tor ein. «Nun», sagt der Pre­mier­mi­nis­ter. «Wir wüss­ten al­le gern, wann Ben nach Hau­se kommt. Vie­le Ka­na­di­er möch­ten ihm gra­tu­lie­ren.»

«Am 9. Ok­to­ber», sagt John­son. Der Plan ist, in To­kio ei­ne Olym­pia­re­van­che ge­gen Le­wis zu lau­fen, die Ver­an­stal­tung ist lan­ge im Vor­aus ein­ge­fä­delt wor­den und soll bei­den ei­nen Hau­fen Geld ein­brin­gen. Es kommt an­ders.

John­son ver­lässt Seo­ul be­reits drei Ta­ge spä­ter, am Mor­gen des 27. Sep­tem­ber. Nicht als Ge­fei­er­ter, son­dern als Ge­äch­te­ter. Am Flug­ha­fen be­drängt ihn ein Mob aus Re­por­tern und Ka­me­ra­leu­ten, fünf­zig Si­cher­heits­kräf­te ver­su­chen ihn zu be­schüt­zen. John­son trägt ei­ne schwar­ze Le­der­ja­cke, zwi­schen sei­nen Lip­pen klemmt die Bord­kar­te. Via New York fliegt er nach To­ron­to, wo Tau­sen­de ihn aus­pfei­fen, der Ko­lum­nist ei­ner der gröss­ten Zei­tun­gen schreibt: «Dan­ke, Ben. Du Bas­tard. Dan­ke für die De­mü­ti­gung, die Pein­lich­keit, die in­ter­na­tio­na­le Schan­de.» Bri­an Mul­ro­ney, der Pre­mier­mi­nis­ter, spricht jetzt von «ei­nem Mo­ment gros­sen Kum­mers für al­le Ka­na­di­er, spe­zi­ell für die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on».

Als John­son vom Flug­ha­fen zu dem Haus fährt, des­sen Bau er vor den Spie­len in Auf­trag ge­ge­ben hat, stellt er fest, dass die Hand­wer­ker ver­schwun­den sind. Sie ahn­ten, dass er sie nicht län­ger be­zah­len kann, und ha­ben die Ar­beit nie­der­ge­legt.

Das Haus, von dem er im­mer ge­träumt hat, wird nie fer­tig­ge­stellt, John­son zieht bei sei­ner Mut­ter ins Sou­ter­rain. In den fol­gen­den Wo­chen ist in den Zei­tun­gen im­mer we­ni­ger von «John­son, dem Ka­na­di­er» die Re­de. Und im­mer häu­fi­ger vom «ge­bür­ti­gen Ja­mai­ka­ner John­son».

Was ist ge­sche­hen?

Seo­ul, 25.9.1988: Der Skan­dal

Am Tag nach dem 100-Me­ter­lauf, ei­nem Sonn­tag, ana­ly­siert der Chef des An­ti­do­ping­la­bors in Seo­ul et­wa hun­dert Urin­pro­ben. Bei ei­ner ent­deckt er Spu­ren des Ana­bo­li­kums Sta­no­zo­lol, er in­for­miert den Chef der me­di­zi­ni­schen Kom­mis­si­on des In­ter­na­tio­na­len Olym­pi­schen Ko­mi­tees (IOC), der als Ein­zi­ger über die für die Iden­ti­fi­ka­ti­on nö­ti­ge Na­mens­lis­te ver­fügt. Bis hier­hin ist es ein ganz nor­ma­ler Do­ping­fall, von de­nen es ei­ni­ge gibt in Seo­ul. Die meis­ten be­tref­fen Ge­wicht­he­ber, nicht wei­ter auf­re­gend. Aber die­ser be­trifft Ben John­son. Als die Che­fin des ka­na­di­schen Teams in der Nacht auf Mon­tag ei­nen Brief des IOC aus­ge­hän­digt be­kommt, in dem man ihr von dem Be­fund be­rich­tet, irrt sie stun­den­lang durchs Ath­le­ten­dorf. Sie muss den Schock ver­dau­en. Am Mon­tag­mor­gen be­auf­tragt sie ei­nen Mit­ar­bei­ter, John­sons Trai­ner Char­lie Fran­cis zu in­for­mie­ren. Fran­cis wirkt nicht be­sorgt, son­dern ver­wirrt. Sta­no­zo­lol? Das ver­steht er nicht.

Der An­ti­do­ping­kampf be­fin­det sich im Jahr 1988 an ei­nem Wen­de­punkt. Noch exis­tiert kei­ne Welt­an­ti­Do­ping­agen­tur, Verbände und Ver­an­stal­ter re­geln die Kon­trol­len selbst. Auch Trai­nings­kon­trol­len gibt es nicht, ob­wohl al­len in der Sze­ne klar ist, dass die drin­gend nö­tig wä­ren. Ge­tes­tet wird ein­zig an Wett­kämp­fen.

Das be­deu­tet: Wer die Ein­nah­me ei­nes Do­ping­mit­tels recht­zei­tig ab­setzt, läuft kaum Ge­fahr, er­wischt zu wer­den. Über die Jah­re ha­ben Fran­cis,

der Arzt Ja­mie Asta­phan und John­son den Be­trug per­fek­tio­niert – so wie zu je­ner Zeit wohl na­he­zu al­le Top­sprin­ter das Be­trü­gen mit un­er­laub­ten Mit­teln per­fek­tio­niert ha­ben.

Fran­cis wühlt sich durch sei­ne Er­in­ne­run­gen: Die letz­te In­jek­ti­on wur­de John­son am 28. Au­gust ver­ab­reicht, bis zum 24. Sep­tem­ber ent­spricht das ex­akt der von Asta­phan be­rech­ne­ten und mehr­fach über­prüf­ten Zeit­span­ne, die John­sons Kör­per braucht, um al­le Do­ping­rück­stän­de aus­zu­schei­den. Fran­cis ist über­zeugt, dass sie kei­nen Feh­ler ge­macht ha­ben. Zu­dem: Hat der Typ, der ihm die Nach­richt über­brach­te, wirk­lich Sta­no­zo­lol ge­sagt? Un­mög­lich, denkt Fran­cis. Sei­ne Ath­le­ten sind auf Es­tra­gol. Die­sen Na­men hat Asta­phan der Sub­stanz ge­ge­ben, die er 1985 als Al­ter­na­ti­ve zum da­mals weit­ver­brei­te­ten, aber leicht nach­weis­ba­ren Dia­no­bol ein­führ­te. Fran­cis und John­son wis­sen nicht ge­nau, wor­um es sich bei Es­tra­gol han­delt, sie be­gnü­gen sich mit der In­for­ma­ti­on, dass Asta­phan die Sub­stanz aus dem Wun­der­land des Do­pings be­zieht, der DDR.

Als Fran­cis nach ei­nem kur­zen Spa­zier­gang durchs Ath­le­ten­dorf im Bü­ro des ka­na­di­schen Teams ein­trifft, sagt er: «Ich will mei­ne Leu­te doch nicht auf Sta­no­zo­lol ha­ben, wenn sie Ren­nen lau­fen. Mit Sta­no­zo­lol ver­kramp­fen sie sich.»

Das IOC plant ei­ne Me­di­en­kon­fe­renz für Di­ens­tag­mor­gen, den 27. Sep­tem­ber, und ver­sucht mit al­len Mit­teln, die Nach­richt bis da­hin ge­heim zu hal­ten. Aber sie si­ckert durch. Ei­ne Jour­na­lis­tin der «Cho­sun Il­bo», Süd­ko­reas gröss­ter Ta­ges­zei­tung, wun­dert sich über den Auf­lauf im Ioc-ho­tel. Vor al­lem die Hek­tik un­ter Mit­glie­dern der me­di­zi­ni­schen Kom­mis­si­on macht sie stut­zig.

Ih­re Re­dak­ti­on tä­tigt ein paar An­ru­fe bei Ioc-qu­el­len. Die Theo­rie, John­son könn­te be­trof­fen sein, wird nicht be­stä­tigt, aber auch nicht de­men­tiert. Ir­gend­wann ist sich der zu­stän­di­ge Re­dak­tor sei­ner Sa­che so si­cher, dass er sich zur Pu­bli­ka­ti­on ent­schliesst. Aber er fin­det, ein biss­chen in­ter­na­tio­na­ler Rück­halt könn­te nicht scha­den – am bes­ten durch ei­ne ver­trau­ens­wür­di­ge Nach­rich­ten­agen­tur. Al­so steckt ein Mit­ar­bei­ter die Sto­ry ei­nem Be­kann­ten bei der an­ge­se­he­nen Agence Fran­ce-pres­se (AFP). Die­ser weckt sei­ne Kol­le­gen um zwei Uhr in der Früh. Um kei­nen Ver­dacht zu er­re­gen, schlei­chen sie sich aus dem «Me­dia Vil­la­ge», in dem die Olym­pia­jour­na­lis­ten un­ter­ge­bracht sind, und be­ge­ben sich ins men­schen­lee­re Pres­se­zen­trum. Dort ru­fen sie die ein­zi­ge Per­son an, von der sie mit Si­cher­heit wis­sen, dass sie die Iden­ti­tät des Über­führ­ten kennt: den Chef der me­di­zi­ni­schen Kom­mis­si­on des IOC.

«Wur­de nach dem 100-Me­ter­lauf je­mand po­si­tiv ge­tes­tet?», fragt ei­ner der Afp-leu­te.

Der Chef der me­di­zi­ni­schen Kom­mis­si­on mur­melt et­was.

«Ist es John­son?»

Der Chef der me­di­zi­ni­schen Kom­mis­si­on schweigt.

«Wenn du zehn Se­kun­den ver­strei­chen lässt, ehe du auf­legst, ist es John­son.»

Der Chef der me­di­zi­ni­schen Kom­mis­si­on lässt mehr als zehn Se­kun­den ver­strei­chen, dann legt er auf.

Jetzt sind sich die Afp-leu­te si­cher. Sie las­sen ei­ne Eil­mel­dung über den Ti­cker. Das ist der Mo­ment, in dem in Seo­ul und auf Re­dak­tio­nen in der gan­zen Welt die Höl­le los­bricht. Der Mo­de­ra­tor Des Ly­nam ist ge­ra­de für die BBC auf Sen­dung, als je­mand ihm die Nach­richt zu­steckt. Er liest sie, wen­det sich wie­der der Ka­me­ra zu und sagt dann, hör­bar scho­ckiert: «Man hat mir ge­ra­de ein Blatt Pa­pier ge­reicht. So­fern stimmt, was hier steht, ist das die dra­ma­tischs­te Sto­ry die­ser Olym­pi­schen Spie­le. Viel­leicht al­ler Olym­pi­schen Spie­le.»

Pe­ter A. Frei ist ein Sport­jour­na­lis­mus­ve­te­ran. Er hat von 25 Olym­pi­schen Spie­len be­rich­tet, kürz­lich ging er nach zwan­zig Jah­ren als Chef­re­dak­tor der Schwei­zer Agen­tur «Sport­in­for­ma­ti­on» in Pen­si­on. 1988 in Seo­ul ist er noch Chef­re­dak­tor der da­mals drei­mal wö­chent­lich er­schei­nen­den Zei­tung «Sport». Weil sein Team so gross ist, ha­ben er und sei­ne Kol­le­gen sich nicht im «Me­dia Vil­la­ge» ein­quar­tiert, son­dern ei­ne Woh­nung ge­mie­tet. Es ist halb sechs Uhr mor­gens, als ein Kol­le­ge aus der Re­dak­ti­on in Zürich sie aus dem Bett klin­gelt. «Wir ahn­ten na­tür­lich, dass Do­ping weit­ver­brei­tet ist, aber si­cher konn­ten wir uns nie sein. Dass John­son ge­dopt war, hat mich scho­ckiert. Aber noch über­rasch­ter war ich, dass man ihn auf­flie­gen liess.» Frei schickt sei­nen Kol­le­gen Carl Schö­nen­ber­ger zu John­sons Ho­tel.

Un­ge­fähr zeit­gleich klopft die Che­fin des ka­na­di­schen Teams wie wild an John­sons Ho­tel­zim­mer: «Ben, wir lie­ben dich, aber du bist schul­dig.» Sie nimmt ihm die Gold­me­dail­le ab.

John­son weckt sei­ne Mut­ter Glo­ria. «Mom, hör mal. Ich wur­de po­si­tiv ge­tes­tet.»

«Oh nein, das kann nicht sein», sagt Glo­ria schluch­zend. Ben nimmt sie in die Ar­me.

«Ach, komm, Mom, es ist ja nie­mand ge­stor­ben.»

Als Schö­nen­ber­ger im Ho­tel ein­trifft, sieht er ge­ra­de noch, wie John­son mit über den Kopf ge­zo­ge­ner Ka­pu­ze und den Hän­den vor dem Ge­sicht in ein Au­to steigt und zum Flug­ha­fen ge­fah­ren wird. «Die Sa­che hat mich mit­ge­nom­men», sagt Schö­nen­ber­ger. «Der gröss­te Skan­dal des 100-Me­ter­laufs von Seo­ul ist aber, dass es nur John­son er­wischt hat.»

Die Sym­pa­thi­en im Me­dien­la­ger sind zu je­ner Zeit klar ver­teilt. In Freis Au­gen ist John­son der «mensch­lich be­nach­tei­lig­te Typ», «ein lie­ber, et­was dum­mer Kerl», der an die fal­schen Leu­te ge­ra­ten ist. Über den Kom­men­tar, den er für die am Mitt­woch er­schei­nen­de «Sport»-aus­ga­be ver­fasst, schreibt er den Ti­tel: «So­zi­al­fall Ben John­son – Ver­lo­ckun­gen er­le­gen».

Ana­bo­li­ka, oder ana­bo­le Ste­ro­ide, sind syn­the­ti­sche Va­ria­tio­nen des männ­li­chen Se­xu­al­hor­mons Tes­to­ste­ron. Ih­re Wir­kung ist in der Sport­me­di­zin seit Lan­gem be­kannt: Sie er­mög­li­chen ein in­ten­si­ve­res Trai­ning und be­schleu­ni­gen den Auf­bau der Mus­ku­la­tur. Bis heu­te zäh­len sie zu den am häu­figs­ten ver­wen­de­ten Do­ping­sub­stan­zen im Leis­tungs­sport, auch im Fit­ness- und Brei­ten­sport sind sie po­pu­lär, es ist ein Mil­li­ar­den­ge­schäft.

Im Leis­tungs­sport wer­den sie min­des­tens seit den Fünf­zi­ger­jah­ren ein­ge­setzt, zu­erst im Os­ten, dann auch im Wes­ten, in den Sech­zi­ger- und Sieb­zi­ger­jah­ren ver­ord­nen auch Schwei­zer Sport­ärz­te zu­neh­mend Ana­bo­li­kaku­ren, zum Teil un­ter dem Vor­wand, wis­sen­schaft­li­che Un­ter­su­chun­gen durch­zu­füh­ren. Ana­bo­li­ka gel­ten als Wun­der­dro­ge, trotz mas­si­ver Ne­ben­wir­kun­gen. 1974 setzt das IOC sie auf

die Do­ping­lis­te, an den Olym­pi­schen Spie­len 1976 in Mon­tre­al wird erst­mals dar­auf ge­tes­tet. 1985 stel­len zwei An­ti­do­ping­jä­ger, ein Deut­scher und ein Ame­ri­ka­ner, ein Ver­säum­nis fest: Sta­no­zo­lol, ein zu je­ner Zeit be­son­ders ver­brei­te­tes Ana­bo­li­kum, kann nicht nach­ge­wie­sen wer­den. Als sie das Ver­fah­ren er­folg­reich an­pas­sen, fei­ern sie das als klei­nen Sieg. Ih­ren Ur­sprung hat die Af­fä­re um Ben John­son aber schon neun Jah­re frü­her.

Mon­tre­al, 1976: Die An­fän­ge

Die Olym­pi­schen Spie­le in Mon­tre­al mar­kie­ren näm­lich nicht nur den An­fang der Ana­bo­li­kakon­trol­len, es sind auch die Wett­kämp­fe, bei de­nen Ka­na­da zum ers­ten und bis heu­te ein­zi­gen Mal kei­ne Gold­me­dail­le ge­winnt. Der Staat re­agiert, in­dem er dem Brei­ten­sport Geld ent­zieht und es in den Leis­tungs­sport steckt, ein in der Be­völ­ke­rung kon­tro­vers auf­ge­nom­me­ner Ent­scheid. Die­ser un­be­ding­te Wil­le zum Sieg, den die Mass­nah­me zum Aus­druck bringt, ist et­was, wo­für in den Au­gen der Ka­na­di­er die USA ste­hen, und we­nig de­fi­niert das ka­na­di­sche Ge­mein­schafts­ge­fühl mehr als die Ab­gren­zung von den Ame­ri­ka­nern.

Ge­nau in der Zeit, da Ka­na­da sei­ne Sport­för­de­rung um­stellt, macht Char­lie Fran­cis sei­ne ers­ten Ver­su­che als Trai­ner. Als Ju­gend­li­cher war er ein re­spek­ta­bler Sprin­ter, sein gros­ses Ziel wa­ren die Olym­pi­schen Spie­le 1972. Aber er ver­passt den Fi­nal­ein­zug deut­lich und er­kennt, dass an­de­re Län­der in der Trai­nings­leh­re viel wei­ter sind – be­son­ders in ei­nem Be­reich. Ein ame­ri­ka­ni­scher Hür­den­läu­fer fragt ihn, ob er Ste­ro­ide neh­me, und ist er­staunt, als Fran­cis ver­neint.

«If you don’t ta­ke it, you won’t ma­ke it»: Das wird in je­nen Jah­ren zu ei­nem ge­flü­gel­ten Wort in der Sze­ne.

Fran­cis schämt sich für sei­ne Igno­ranz, aber ist auch fas­zi­niert. Aus sei­ner Stu­di­en­zeit hat er et­was Er­fah­rung mit Am­phet­ami­nen, die ab den Acht­zi­ger­jah­ren schon fast lä­cher­lich leicht nach­zu­wei­sen sind. Ste­ro­ide sind ein ganz an­de­res Ka­li­ber. Fran­cis be­ginnt zu do­pen. Sei­ne Best­zeit aber kann er nicht mehr ver­bes­sern. Er lernt: «Ste­ro­ide sind die Gla­sur auf dem Ku­chen. Aber zu­erst braucht man den Ku­chen.» Als er sei­ne ak­ti­ve Kar­rie­re be­en­det, ist er ge­trie­ben von der Idee, Ka­na­das Sprin­ter an die Welt­spit­ze zu füh­ren. Mit den Weis­sen, merkt er, ist das Ziel nicht zu er­rei­chen. Er setzt, wie die Ame­ri­ka­ner, auf jun­ge Schwar­ze, die kei­nen Platz in der ka­na­di­schen Ge­sell­schaft und kei­ne Chan­ce auf ei­ne nor­ma­le Kar­rie­re ha­ben. Der Läu­fer mit dem ge­rings­ten Ta­lent in Fran­cis’ Su­per­trup­pe ist ein Sech­zehn­jäh­ri­ger, der ge­ra­de ein­mal 48 Ki­lo wiegt.

Ben John­son wird am 30. De­zem­ber 1961 in der ja­mai­ka­ni­schen Ha­fen­stadt Fal­mouth ge­bo­ren, drei Wo­chen spä­ter dia­gnos­ti­zie­ren die Ärz­te Mala­ria. Die Mut­ter, Glo­ria, be­tet je­den Tag, dass er nicht das­sel­be Schick­sal er­lei­det wie sein Bru­der Nor­man, der früh ge­stor­ben ist. Ben über­lebt, die Ärz­te nen­nen es ein Wun­der. Die Mut­ter ist über­zeugt, dass ih­re Ge­be­te er­hört wur­den. Ihr Sohn ist aus­er­ko­ren, et­was Be­son­de­res zu leis­ten.

Aber noch le­ben sie in Fal­mouth, der Va­ter re­pa­riert Te­le­fo­ne, baut Ho­nig an. Das Geld reicht nie, Ben hat den­noch ei­ne sorg­lo­se Kind­heit im Krei­se sei­ner drei Ge­schwis­ter. Sie en­det ab­rupt, als er mit vier­zehn Jah­ren der Mut­ter nach Ka­na­da folgt. Der Um­zug ist ein Schock, es ist kalt, und die Leu­te sind weiss. In To­ron­to wird er in die Klas­se der Lang­sam­ler­nen­den ge­steckt, die an­de­ren Kin­der mob­ben ihn für sein Stot­tern, sei­ne Haut­far­be und sei­nen Ak­zent. Im­mer wie­der wird er ver­prü­gelt.

To­ron­to, 1977: Die Be­geg­nung

Die meis­ten gros­sen Sprin­ter wer­den ir­gend­wann von ei­nem Trai­ner ent­deckt. John­son ent­deckt sich sel­ber: Ei­nes Tages wen­det er sich an den schlimms­ten sei­ner Mit­schü­ler und for­dert ihn zu ei­nem Ren­nen her­aus. Über hun­dert Me­ter. Sei­ne Er­in­ne­rung dar­an geht so: «Al­le ver­sam­mel­ten sich auf dem Pau­sen­hof, so­gar die Leh­rer ka­men. Dann er­tön­te das Start­si­gnal, und ich war weg. Da­nach hat er mich nie wie­der ge­är­gert.»

Es ist Ben John­sons Er­we­ckungs­er­leb­nis: Mag sein, dass er stot­tert, an­ders aus­sieht, nicht gut in der Schu­le ist. Aber sprin­ten – das kann er. Es ist das Ein­zi­ge, was er in sei­nem Le­ben je rich­tig be­herr­schen wird. Kurz dar­auf nimmt sein äl­te­rer Bru­der Ed­die ihn mit zum Trai­ning. In sei­ner Bio­gra­fie be­schreibt Fran­cis sei­nen ers­ten Ein­druck: «Er wei­ger­te sich auf­zu­ge­ben, er kam je­den Tag wie­der. Sei­ne gros­sen Au­gen schie­nen auf ein Ziel ge­rich­tet, das ich selbst noch nicht sah.»

John­son ist schüch­tern, un­si­cher, aber ent­schlos­sen. Sei­ne ro­he Kraft, sein hart­nä­cki­ger Wil­le und sei­ne un­ge­wöhn­li­che Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit er­gän­zen sich per­fekt mit Fran­cis’ Sinn für Ge­nau­ig­keit, sei­ner fa­na­ti­schen Hin­ga­be und Ex­pe­ri­men­tier­lust mit il­le­ga­len Mit­teln. In die­sen Ta­gen, im Mai 1977, formt sich ei­ne der er­folg­reichs­ten und fa­tals­ten Ver­bin­dun­gen der Sport­ge­schich­te.

John­sons Pro­blem, er­kennt Fran­cis schnell, be­steht dar­in, dass ihm nach sech­zig Me­tern die Kraft aus­geht. Da­mit sich das än­dert, muss John­son öf­ter trai­nie­ren. Und här­ter. Und um das aus­zu­hal­ten, muss er Ste­ro­ide neh­men. Es gilt die Faust­re­gel: Oh­ne Ste­ro­ide kann man al­le zwei Ta­ge das Ma­xi­mum an Ge­wich­ten stem­men. Mit Ste­ro­iden zwei­mal am Tag. John­son ist neun­zehn, als Fran­cis ihn mit der Fra­ge kon­fron­tiert, die sich ir­gend­wann je­der Sprin­ter stellt. John­son selbst for­mu­liert sie spä­ter so: «Nimmst du et­was und wirst ein Ge­win­ner – oder lässt du es blei­ben und bleibst auf ewig ein Ver­lie­rer?» Da­von, wie John­sons Ant­wort aus­fällt, gibt es zwei Ver­sio­nen. Fran­cis sagt, John­son ha­be so­fort zu­ge­stimmt. John­son sagt, er ha­be sich drei Wo­chen ge­quält, ha­be hin und her über­legt, ob er sei­ne Mut­ter ein­wei­hen sol­le – und sich schliess­lich ge­sagt: «War­um soll ich sau­ber blei­ben, um ge­gen an­de­re zu ver­lie­ren, die nicht sau­ber sind?» In John­sons Au­gen ist es un­fair, wenn er nicht dopt. Sei­ner Mut­ter er­zählt er nichts, zu Fran­cis sagt er: «Ich bin da­bei.»

Das ist im Jahr 1980, zu die­ser Zeit läuft er die 100 Me­ter be­reits in 10,1 Se­kun­den. Die Ste­ro­ide wir­ken schnell, man kann John­sons Mus­keln re­gel­recht beim Wach­sen zu­se­hen. Er wird stär­ker, sei­ne Schul­tern und Ober­schen­kel wer­den im­mer brei­ter und sei­ne Zei­ten bes­ser. Es gibt un­zäh­li­ge An­ek­do­ten dar­über, wo­zu John­son im Kraft­raum fä­hig ist. Ei­ne stammt von Carl Schö­nen­ber­ger, dem Jour­na­lis­ten: Als er 1988 in Seo­ul den Ku­gel­stös­ser Wer­ner Günt­hör im Kraft­raum in­ter­view­en will, muss er er­schro­cken da­bei zu­se­hen, wie Günt­hör – zwei Me-

ter gross, 130 Ki­lo schwer und Welt­meis­ter – vom klei­nen Ben John­son beim Bank­drü­cken nass­ge­macht wird.

Die Leicht­ath­le­tik­sze­ne ist ge­spal­ten. Ei­ner­seits sind al­le froh um ei­nen Wi­der­sa­cher für den un­be­lieb­ten Le­wis, an­de­rer­seits will nie­mand mit dem ei­gen­bröt­le­ri­schen John­son zu tun ha­ben, des­sen un­si­che­res Stot­tern im kras­sen Wi­der­spruch steht zu sei­ner ein­schüch­tern­den Art, dem Ge­gen­über in die Au­gen zu star­ren. Schö­nen­ber­ger: «Er wirk­te wie der un­be­hol­fe­ne Jun­ge, der vor dem Haus steht und hin­ein­will, aber nicht klin­gelt, son­dern St­ein­chen an die Fens­ter­schei­ben schmeisst.»

Seo­ul, 1988: Die an­de­ren

Auch wenn es im Nach­gang zum 100-Me­ter-lauf in Seo­ul kur­ze Zeit so aus­sieht: John­son ist bei wei­tem nicht der ein­zi­ge Do­per un­ter den Fi­nal­teil­neh­mern. Ge­nau ge­nom­men ha­ben sich bis heu­te nur zwei ei­ne weis­se Wes­te be­wahrt: der Bra­si­lia­ner Rob­son da Sil­va auf Platz 6 und der Ame­ri­ka­ner Cal­vin Smith auf Platz 4. Nach John­sons Dis­qua­li­fi­ka­ti­on be­kommt Smith die Bron­ze­me­dail­le über­reicht, heu­te sieht er sich als mo­ra­li­scher Sie­ger, denn der Bri­te Lin­ford Chris­tie, der zum Sil­ber­me­dail­len­ge­win­ner auf­stieg, wird 1999 po­si­tiv auf das Ste­ro­id Nan­d­ro­lon ge­tes­tet. Dass er nicht schon 1988 in Seo­ul ge­sperrt wur­de, ver­dankt er ei­nem ul­traknap­pen Ver­dikt des IOC: Mit elf zu zehn Stim­men folgt es Chris­ties Ar­gu­men­ta­ti­on, dass die Spu­ren des Sti­mu­lans Pseu­do­ephe­drin, die ihm ein paar Ta­ge nach dem 100-Me­ter-lauf nach­ge­wie­sen wer­den, von Gin­seng­tee stam­men.

Nicht we­ni­ger ir­ri­tie­rend ist, wie un­be­hel­ligt Carl Le­wis bleibt – dem nach­träg­lich an­stel­le John­sons die Gold­me­dail­le und der Welt­re­kord zu­er­kannt wer­den – und wie gut es ihm in den Jah­ren da­nach ge­lingt, sich zu John­sons An­ti­the­se zu sti­li­sie­ren. Be­reits 1983, an­läss­lich der Welt­meis­ter­schaf­ten in Hel­sin­ki, gab es das Ge­rücht, der In­ter­na­tio­na­le Leicht­ath­le­ti­kver­band ver­schwei­ge, dass meh­re­re Ath­le­ten po­si­tiv ge­tes­tet wor­den sei­en – dar­un­ter Le­wis. 1988 wird Le­wis dann tat­säch­lich po­si­tiv ge­tes­tet, aber nicht in Seo­ul, son­dern an­dert­halb Mo­na­te zu­vor an­läss­lich der ame­ri­ka­ni­schen Olym­pia­qua­li­fi­ka­ti­on in In­dia­na­po­lis. Man ent­deckt Spu­ren drei­er ver­schie­de­ner Sti­mu­lan­zi­en, nach den Re­gle­men­ta­ri­en des IOC müss­te er drei Mo­na­te ge­sperrt wer­den. Und wür­de die Olym­pi­schen Spie­le ver­pas­sen. Le­wis be­kommt zehn Ta­ge Zeit, den Ent­scheid an­zu­fech­ten, ein in Do­ping­pro­zes­sen nor­ma­les Vor­ge­hen, aber noch be­vor er sich vor dem Gre­mi­um des ame­ri­ka­ni­schen Olym­pi­schen Ko­mi­tees er­klä­ren muss, wird der Fall ad ac­ta ge­legt – und mit ihm sie­ben wei­te­re Fäl­le ame­ri­ka­ni­scher Leicht­ath­le­ten. Oh­ne Le­wis an­zu­hö­ren, wird an­ge­nom­men, die Sub­stan­zen sei­en un­be­ab­sich­tigt in sei­nen Kör­per ge­langt.

Die Ge­schich­te bleibt fünf­zehn Jah­re ge­heim, bis ei­ne Zei­tung Do­ku­men­te zu­ge­spielt be­kommt, die be­le­gen, dass das ame­ri­ka­ni­sche Olym­pi­sche Ko­mi­tee zwi­schen 1988 und 2000 mehr als hun­dert po­si­ti­ve Do­ping­tests igno­riert hat. Le­wis hat kei­ne Wahl: Er be­kennt sein Ver­ge­hen.

Fra­ge: Wie­so wur­de Le­wis dann nicht ge­sperrt? Ant­wort: Weil er die Licht­ge­stalt der Leichtathletik war. Seit den vier Olym­pia­sie­gen 1984 ist er die Son­ne, die al­le um­krei­sen. Le­wis ist es, der die Leichtathletik in ein neu­es Zeit­al­ter führt: das der to­ta­len Kom­mer­zia­li­sie­rung, der Mil­lio­nen­prä­mi­en, der Fern­seh­ver­trä­ge. Im Jahr 1988 sind wohl al­le Ent­schei­dungs­trä­ger in den Ver­bän­den der Mei­nung, dass ein po­si­ti­ver Do­ping­test bei Le­wis ei­ne Ka­ta­stro­phe für die Leichtathletik wä­re. Aber an­ge­sichts der Do­ping­vor­fäl­le und des stei­gen­den öf­fent­li­chen Drucks muss ein Sprin­ter ge­op­fert wer­den. Man hat nicht wirk­lich ei­ne Wahl: Hier Le­wis, der elo­quen­te, ge­schmei­di­ge Ka­li­for­ni­er mit dem ge­nia­len Ma­na­ger im Rü­cken, der den Rie­sen­markt USA be­ackert, dort der sper­ri­ge, stot­tern­de, et­was grob­schläch­tig aus­se­hen­de, ein­ge­bür­ger­te Ja­mai­ka-

ner oh­ne Lob­by. Es war ganz klar, wer in die­sem Kampf um Mil­lio­nen der good guy war und wer den bad guy ge­ben muss­te.

Na­tür­lich hat sich nie­mand ernst­haft über den po­si­ti­ven Be­fund John­sons ge­freut, aber aus Sicht der Ver­ant­wort­li­chen hat­te der Skan­dal ei­nen will­kom­me­nen Ne­ben­ef­fekt: Man hat­te end­lich ei­nen Sün­den­bock. Dank der öf­fent­li­chen Hin­rich­tung Ben John­sons wa­ren al­le an­de­ren und der Sport an sich ent­las­tet.

Zürich, 2018: Die Ter­ras­se

Die welt­weit wich­tigs­te Leicht­ath­le­tik­ver­an­stal­tung je­ner Zeit war das Welt­klas­se-mee­ting in Zürich. Im Som­mer 2018 sit­zen der ehe­ma­li­ge Di­rek­tor Andre­as Brüg­ger, 91 Jah­re alt, und sei­ne Frau Do­ris auf ih­rer Ter­ras­se in Wi­ti­kon. Die Son­ne scheint, der Blick geht über den See zum Üet­li­berg, es gibt Weiss­wein und be­leg­te Bro­te. Andre­as «Res» Brüg­ger ist der Mann, dem das Welt­klas­se-mee­ting sein Re­nom­mee ver­dankt. Dank sei­nes Jobs bei ei­nem gros­sen Rück­ver­si­che­rer jet­te­te er in den Sieb­zi­ger- und Acht­zi­ger­jah­ren durch die Welt – und nutz­te die be­ruf­li­chen Ter­mi­ne, um Ath­le­ten, Ma­na­ger und Trai­ner zu tref­fen und für sein Mee­ting zu ver­pflich­ten; in ei­nem schwar­zen Büch­lein no­tier­te er Hun­der­te Te­le­fon­num­mern. Er kann­te sie al­le, kann zahl­lo­se Er­in­ne­run­gen an Flo­rence Grif­fith-joy­ner, Ed­win Mo­ses, Carl Le­wis ab­ru­fen. Bloss zu Ben John­son fällt ihm we­nig ein. «Man hat ihn wahn­sin­nig iso­liert», sagt Andre­as Brüg­ger.

«Wer?»

«Char­lie, sein Trai­ner.»

«Ich glau­be nicht, dass er je bei uns auf der Ter­ras­se war», un­ter­bricht ihn sei­ne Frau, «noch ein biss­chen Wein?» Die Ter­ras­se der Brüg­gers war in den Acht­zi­gern der place to be in der Leicht­ath­le­tik­sze­ne. Je­des Jahr lud das Ehe­paar in der Wo­che des Welt­klas­se­mee­tings zum Grill­fest, al­le ka­men, al­len vor­an der Le­wis-clan, es gibt un­zäh­li­ge Fotos: Olym­pia­sie­ger, Welt­re­kord­hal­ter. Nur John­son nicht.

Es gab das Ge­rücht, Le­wis ha­be sei­ne Teil­nah­me in Zürich an die Be­din­gung ge­knüpft, nicht auf Do­ping ge­tes­tet zu wer­den. Brüg­ger be­strei­tet das, «wir wa­ren knall­hart, das hät­ten wir nie zu­ge­las­sen, wir ha­ben be­wusst die Kon­trol­len durch die Verbände durch­füh­ren las­sen».

«Glaub­ten Sie, dass Le­wis sau­ber war?»

«Ich wuss­te, dass ge­dopt wird, aber Carl war so ein Rie­sen­ta­lent, dass ich ihn für sau­ber hielt.»

«Mo­ment – Sie wuss­ten, dass die Sprin­ter ge­dopt sind?»

«Man hat na­tür­lich im­mer wie­der von Do­ping ge­hört, aber das be­traf nicht nur die Sprin­ter», sagt Andre­as Brüg­ger.

«Und das hat Sie nicht da­von ab­ge­hal­ten, im Jahr nach Seo­ul al­le bis auf John­son wie­der ein­zu­la­den?»

«Schau­en Sie – es hiess: Vo­gel friss oder stirb. Sonst wä­ren wir mit dem Mee­ting nicht vor­an­ge­kom­men. Wir ha­ben na­tür­lich dar­auf ge­ach­tet, dass tipp­topp kon­trol­liert wird.»

«Man hat auch nicht so drü­ber ge­spro­chen», sagt sei­ne Frau.

«Viel­leicht wa­ren wir zu gut­gläu­big», sagt Andre­as Brüg­ger. «Aber wenn ei­ni­ge we­ni­ge sich nicht an die Re­geln hal­ten, darf man nicht die Leichtathletik per se ver­dam­men.»

Nach zwei St­un­den kommt er noch ein­mal auf Ben John­son zu spre­chen: «Se­hen Sie ihn noch ein­mal? Grüs­sen Sie ihn von mir, und sa­gen Sie ihm, dass es mir leid tut. Man ist übel mit ihm um­ge­sprun­gen.»

To­ron­to, 2018: Die Le­gen­de a. D.

John­son hat sich in Ra­ge ge­re­det. All die auf­ge­stau­te Wut über das IOC, die ver­lo­ren ge­gan­ge­nen Spon­so­ring­ver­trä­ge, die gan­ze Be­schis­sen­heit des Le­bens als über­führ­ter Do­per bricht sich Bahn. «Wisst ihr, war­um die Sprin­ter heu­te schnel­ler ren­nen als ich da­mals? Weil die neu­en Sprint­bah­nen ab­schüs­sig sind!»

«Sie sind was ..?»

«Und sie ha­ben die Dis­tan­zen ge­kürzt! 100 Me­ter sind heu­te nur noch 98 Me­ter …»

«Wo­her willst du das wis­sen?» «Hat mir ein To­p­ath­let er­zählt. Vor un­ge­fähr sieb­zehn Jah­ren. Ich wer­de kei­ne Na­men nen­nen.»

So geht das Ge­spräch end­los wei­ter. Er ist mal auf­brau­send, dann wie­der schweig­sam, mal macht er ob­szö­ne Wit­ze, dann wie­der ver­gräbt er mi­nu­ten­lang sein Ge­sicht in den Hän­den, mal be­zich­tigt er an­de­re der Lü­ge, dann lügt er sel­ber. Und er hat die­se ver­stö­ren­de Ei­gen­art, stän­dig den Blick des Ge­gen­übers zu su­chen und ihn auf ei­ne un­an­ge­neh­me Art und Wei­se zu hal­ten, bis man schliess­lich ir­ri­tiert weg­schaut. Kurz: Mit Ben John­son zu re­den, ist un­glaub­lich an­stren­gend; er tut ei­nem zu­tiefst leid, und zu­gleich er­trägt man sei­ne Ge­gen­wart fast nicht.

Plötz­lich schreit er: «Ist das hier ein Ge­spräch über Do­ping?»

«Nun …»

«Ich wer­de kein Wort zu Do­ping sa­gen.»

Und dann tut er es doch.

Seo­ul, 1988: Der Do­ping­test

Was ge­nau nach dem 100-Me­ter-lauf in den Ka­ta­kom­ben des Sta­di­ons von Seo­ul ge­sche­hen ist, ist bis heu­te ein Mys­te­ri­um. John­sons Theo­rie ist steil, un­be­leg­bar und plau­si­bel.

Was man mit Si­cher­heit weiss: Un­mit­tel­bar nach dem Lauf wird John­son zur Do­ping­kon­trol­le ge­be­ten. Mit im Raum sind der of­fi­zi­el­le IOC-ARZT Ar­ne Ljung­qvist, John­sons Phy­sio­the­ra­peut Ma­tus­zew­ski und ei­ne vier­te Per­son, ge­klei­det in Je­ans und weis­ses T-shirt, die John­son mit den Wor­ten be­grüsst: «Herz­li­chen Glück­wunsch zu dei­nem Sieg!» John­son ant­wor­tet un­wirsch: «Du hast hier nichts zu su­chen.»

Er legt sich auf ei­ne Bank und lässt sich von Ma­tus­zew­ski die ent­zün­de­te Achil­les­seh­ne mas­sie­ren. Die vier­te Per­son reicht John­son aus ei­nem Kühl­schrank ein Bier und dann noch ei­nes, da­mit er end­lich für die Urin­pro­be pin­keln kann. In zwei St­un­den trinkt John­son acht Do­sen.

Es tau­chen gleich meh­re­re Fra­gen auf: Wie kann ein Nicht-of­fi­zi­el­ler dem zu Kon­trol­lie­ren­den die Flüs­sig­keit fürs Pin­keln rei­chen? Wie­so las­sen die Of­fi­zi­el­len das zu, wie­so nimmt John­son von die­ser Per­son, die er ab­wei­send be­grüsst, das Ge­tränk an? Vor al­lem aber: Wer ist die­se Per­son?

Es ist An­dré, ge­nannt «Ac­tion», Jack­son, ge­bo­ren in An­go­la, fran­zö­si­scher Pass, auf­ge­wach­sen in den USA. Jack­son ist ein ehe­ma­li­ger Sprin­ter und ge­hört zum Le­wis-clan, man kennt sich von der Uni­ver­si­tät in Hous­ton. 1986 aber, zwei Jah­re vor Seo­ul, freun­de­te er sich mit John­son an. Nach dem Welt­klas­se-mee­ting in Zürich zog er mit ihm durch den Kreis 4, seit­her

hat­ten sie im­mer wie­der Kon­takt – ob­wohl Jack­son, wie John­son schon da­mals weiss, zu Le­wis’ engs­ten Freun­den ge­hört.

Es kur­sie­ren zwei Er­klä­run­gen da­für, war­um er an dem Tag im Do­ping­kon­troll­raum war. Die ei­ne stammt von Joe Dou­glas, dem Ma­na­ger von Carl Le­wis: Er ha­be Ac­tion Jack­son ei­ne Ak­kre­di­tie­rung ver­schafft und ihn in den Raum ge­schleust mit der Auf­ga­be, ein Au­ge auf John­son zu ha­ben und Fotos zu ma­chen für den Fall, dass die­ser sei­nen Urin ma­ni­pu­liert.

Die an­de­re Er­klä­rung stammt von Ben John­son: Ac­tion Jack­son ha­be ihm Sta­no­zo­lol-kap­seln ins Bier ge­tan, da­mit sein Do­ping­test po­si­tiv aus­fällt.

John­son er­wähnt den Vor­wurf dem IOC ge­gen­über, als die­ses noch dar­über be­rät, wie mit sei­nem Fall um­zu­ge­hen ist. Aber man schenkt ihm kein Ge­hör.

Ei­nen Mo­nat nach John­sons Rück­kehr nach Ka­na­da be­auf­tragt die ka­na­di­sche Re­gie­rung den An­walt Charles Du­bin, den Do­ping­fall auf­zu­rol­len. Das Ziel ist es nicht, John­son rein­zu­wa­schen – die Theo­rie mit dem ge­pansch­ten Bier wird als zu weit her­ge­holt ab­ge­tan –, son­dern grund­le­gend das Do­ping­sys­tem von Char­lie Fran­cis und Ja­mie Asta­phan zu durch­leuch­ten.

In ei­nem End­lo­s­pro­zess, für den 120 Zeu­gen be­fragt und 14 817 Sei­ten Pro­to­kol­le an­ge­fer­tigt wer­den, be­kennt sich John­son des Do­pings schul­dig. Zu­dem: Ei­ne Analyse ent­larvt das von Asta­phan als Wun­der­mit­tel be­zeich­ne­te Es­tra­gol als bil­li­ges Hor­mon­pro­dukt für die Vieh­mast. Sein Wirk­stoff: Sta­no­zo­lol.

Dass John­son ge­dopt war, ist nun un­um­strit­ten. Un­klar bleibt, war­um er er­wischt wur­de: Ha­ben sich Asta­phan und Fran­cis ver­rech­net, als sie den Zeit­punkt für die Es­tra­gol-ein­nah­me kal­ku­lier­ten? Hat John­son oh­ne Asta­phans Wis­sen nach­ge­dopt? War es der Mas­seur Ma­tus­zew­ski? Oder ist an der Sa­che mit Ac­tion Jack­son et­was dran?

Zwei Jah­re nach dem Ren­nen taucht tat­säch­lich ein Be­weis auf: Aus­ge­rech­net in der Le­wis-bio­gra­fie «In­si­de Track» aus dem Jahr 1990 sieht man ein Bild des Do­ping­kon­troll­zim­mers mit John­son, Jack­son und den Bier­do­sen. 2004 nimmt Jack­son, in­zwi­schen ein er­folg­rei­cher Dia­man­ten­händ­ler, Kon­takt mit John­son auf. Sie tref­fen sich in ei­nem Ho­tel­zim­mer in Ka­li­for­ni­en, trin­ken wie­der Bier und spre­chen über die al­ten Zei­ten. Bis Jack­son an­geb­lich zu­gibt, Sta­no­zo­lol­kap­seln in John­sons Bier ge­tan zu ha­ben, als die­ser mas­siert wur­de.

Gibt es da­für ei­nen Be­weis? John­son sagt, er ha­be das Ge­spräch auf­ge­zeich­net, die Ton­band­auf­nah­me kön­ne er aber nicht mehr fin­den.

Du­bai, 2013: Der Zeu­ge

Vie­les, was man von die­sem Vor­fall und ge­ne­rell über die Cau­sa John­son weiss, stammt von Richard Moo­re, dem bri­ti­schen Au­tor des her­vor­ra­gen­den Bu­ches «The Dir­tiest Race in His­to­ry» aus dem Jahr 2012. Wie steht er heu­te zur Jack­son-sa­che?

«Ich bin aus Ac­tion Jack­son nie schlau ge­wor­den», sagt Moo­re in ei­nem Ca­fé in der Bre­ta­gne, wo er den Som­mer ver­bringt. «Als ich ihn end­lich am Te­le­fon hat­te, ant­wor­te­te er mir kryp­tisch: ‹Na­tür­lich kann ich sa­gen, ich ha­be es nicht ge­tan. Aber ich kann auch sa­gen, ich ha­be es ge­tan.›» Moo­re traut ihm nicht, wie er über­haupt den we­nigs­ten traut, die er für sein Buch in­ter­viewt hat – ob sie nun zum Le­wis- oder zum John­son-clan ge­hö­ren. Moo­re hält Ac­tion Jack­son für ei­nen Ma­ni­pu­la­tor, die Theo­rie mit dem ge­pansch­ten Bier aber für ein­leuch­tend: «Ac­tion Jack­son ist ein Typ, der gern ein Wich­ti­ger im Le­wis-john­son-kon­flikt wä­re. Und es ist denk­bar, dass er ge­nau das ist.»

Wie jetzt be­kannt wird, ha­ben sich Ben John­son und Ac­tion Jack­son noch ein wei­te­res Mal ge­trof­fen, 2013 in Du­bai. Mit da­bei war Ja­mie Ful­ler. Ful­ler ist Chef der aus­tra­li­schen Sport­be­klei­dungs­fir­ma Skins und ver­mut­lich der ein­zi­ge Sport­spon­sor, der sich wirk­lich ernst­haft im An­ti­do­ping­kampf ein­setzt. 2013 en­ga­gier­te er John­son für ei­ne dreis­sig­tä­gi­ge Welt­rei­se, um die In­ef­fi­zi­enz von Do­ping­kon­trol­len und die Un­ter­fi­nan­zie­rung der Welt-an­ti­do­ping-agen­tur an­zu­pran­gern. Als sie nach Du­bai ka­men, er­hielt John­son plötz­lich ei­ne Nach­richt von Ac­tion Jack­son, noch am sel­ben Abend gin­gen sie zu dritt es­sen. Als John­son zur Toi­let­te muss­te, nutz­te Ful­ler die Chan­ce und kon­fron­tier­te Jack­son: «Hast du es ge­tan?»

Jack­son, er­zählt Ful­ler dem «Ma­ga­zin», ha­be nichts ab­ge­strit­ten, sei­ne Re­ak­ti­on liess Ful­ler glau­ben, dass an der Sa­che et­was dran ist. Er sag­te: «Du soll­test da­mit raus­rü­cken.»

«Wenn Carl auch da­bei ist, wenn bei­de die Wahr­heit sa­gen, dann sa­ge ich, was wirk­lich pas­siert ist.»

In die­sem Mo­ment kehr­te John­son an den Tisch zu­rück und sag­te: «Ich has­se Carl, aber wenn es be­deu­tet, dass die Wahr­heit raus­kommt, bin ich da­bei.»

Dar­aus ist bis heu­te nichts ge­wor­den.

To­ron­to, 1991: Das Come­back

Die weis­se Öf­fent­lich­keit kennt nur zwei Er­zähl­wei­sen über Schwar­ze, schrieb der So­zio­lo­ge Stuart Hall, sie wer­den ent­we­der über­höht oder er­nied­rigt, kön­nen nur als Held oder Bö­se­wicht ge­dacht wer­den. Ben John­son wur­de über Nacht vom ei­nen zum an­de­ren. Was macht das mit ei­nem Men­schen? Kon­kre­ter: Was macht ei­ner, wenn plötz­lich nie­mand mehr mit ihm zu tun ha­ben will? Was macht John­son?

Er schaut Vi­de­os, ta­ge­lang. Be­glei­tet sei­ne Mut­ter Glo­ria in die Kir­che. La­gert sei­ne Me­dail­len in Schub­la­den und sei­ne Fan­post in Um­zugs­kis­ten. De­pres­si­ve Schü­be über­kom­men ihn, er ver­lässt das Haus sel­ten, auf der Strasse wird er be­schimpft und ver­spot­tet. Er ist wie­der das Mob­bing­op­fer an der Schu­le. Bloss dass er dies­mal nie­man­den zum Wett­ren­nen her­aus­for­dern kann, weil es ihm ver­bo­ten ist zu lau­fen. Das IOC hat John­son für zwei Jah­re ge­sperrt.

Wir ken­nen nur zwei Er­zähl­wei­sen über Schwar­ze, sie wer­den ent­we­der über­höht oder er­nied­rigt, sie kön­nen nur als Held oder als Bö­se­wicht ge­dacht wer­den.

Am Tag, als die Sper­re ab­läuft, ver­sucht er ein Come­back. Zu sei­nem ers­ten Auf­tritt kom­men 17 000 Zu­schau­er. Er ist im­mer noch schnell, qua­li­fi­ziert sich für die Olym­pi­schen Spie­le 1992, schei­det dort aber im Vor­lauf aus, weil er beim Start stol­pert. 1993 rennt er über 60 Me­ter fast Welt­re­kord, aber bei der Do­ping­kon­trol­le wird ein un­na­tür­lich ho­her Tes­to­ste­ron­wert fest­ge­stellt. Der Leicht­ath­le­ti­kver­band sperrt ihn auf Le­bens­zeit.

In die­sem Mo­ment gibt es in Ka­na­da nur noch ei­nen Mann, der glaubt, mit John­son Geld ver­die­nen zu kön­nen. Sein Na­me ist Mor­ris Ch­ro­bo­tek. Halb Agent oh­ne Kli­ent, halb An­walt oh­ne Pa­tent, ge­lingt es ihm im­mer­hin, John­son vor dem per­sön­li­chen Kon­kurs zu be­wah­ren. Er ver­mit­telt ihn nach Ku­ba, um Die­go Ma­ra­do­na fit zu ma­chen, nach Tri­po­lis, um den Dik­ta­to­ren­sohn Saa­di al-ghad­ha­fi zu trai­nie­ren, und in ei­ne ka­na­di­sche Kle­in­stadt, um ge­gen ei­nen Sport­wa­gen, ein Renn­pferd und ei­nen Tra­ber an­zu­tre­ten. John­son wird Drit­ter, weil das Au­to im Schlamm ste­cken bleibt.

Fer­ner er­wirkt Ch­ro­bo­tek, dass John­sons Do­ping­sper­re we­gen ei­nes Ver­fah­rens­feh­lers auf­ge­ho­ben wird: Nun darf er we­nigs­tens in Ka­na­da wie­der Wett­kämp­fe be­strei­ten. Aber nie­mand will ge­gen ihn an­tre­ten. 1999, im ho­hen Sport­ler­al­ter von 37 Jah­ren, rennt John­son im ka­na­di­schen Kit­che­ner al­lein ge­gen die Uhr und schafft ei­ne Zeit von 11,0 Se­kun­den. Ein hal­bes Jahr spä­ter wird er wie­der des Do­pings über­führt und end­gül­tig und für al­le Län­der ge­sperrt.

John­son sag­te zu vie­lem aus Un­si­cher­heit Ja und zu vie­lem aus Un­wis­sen­heit nicht Nein. Er ver­trau­te sei­nem Trai­ner Char­lie Fran­cis, dass er nur mit Ana­bo­li­ka er­folg­reich sein kön­ne. Er ver­trau­te Dr. Ja­mie Asta­phan, dass man kei­ne Rück­stän­de im Urin fin­den wer­de. Er ver­trau­te Mor­ris Ch­ro­bo­tek, dass er wie­der 100-Me­ter­wett­kämp­fe ab­sol­vie­ren könn­te. Er ver­trau­te ei­nem See­len­hei­ler na­mens Far­num, der ihm ein­re­de­te, er sei in sei­nem frü­he­ren Le­ben ein ägyp­ti­scher Pha­rao ge­we­sen. Jetzt, mit 56, hat er ei­ne ei­ge­ne Idee: Mit sei­ner Freun­din will er in Ka­na­da ja­mai­ka­ni­schen Ho­nig ver­trei­ben. Ein Pro­jekt, mit dem vor vier­zig Jah­ren auf Ja­mai­ka schon sein Va­ter ge­schei­tert ist.

Ottawa, 2018: Der Mas­seur

Vier Men­schen stan­den Ben John­son wirk­lich na­he. Sei­ne Mut­ter Glo­ria, sie starb 2004. Sein Arzt Ja­mie Asta­phan, er starb 2006. Sein Trai­ner Char­lie Fran­cis, er starb 2010. Und sein Mas­seur, Wal­de­mar Ma­tus­zew­ski.

Je­der, der je mit Ma­tus­zew­ski zu tun hat­te, spricht über ihn wie über ei­nen Zau­be­rer. Ähn­lich wie dem deut­schen Sport­arzt Hans-wil­helm Müller-wohl­fahrt sagt man Ma­tus­zew­ski nach, er kön­ne mit den Fin­ger­spit­zen die Mus­kel­span­nung er­tas­ten, kön­ne förm­lich in den Mus­kel ein­tau­chen und dort Un­glaub­li­ches an­stel­len: Un­re­gel­mäs­sig­kei­ten auf­spü­ren, Ver­let­zun­gen dia­gnos­ti­zie­ren, Kno­ten lö­sen. In John­sons Kar­rie­re spiel­te der ge­bür­ti­ge Po­le ei­ne zen­tra­le Rol­le, nicht nur, weil er mit­hil­fe der da­mals re­vo­lu­tio­nä­ren elek­tri­schen Mus­kel­sti­mu­la­ti­on John­sons ex­plo­si­ven Start ver­bes­ser­te und mit sei­nen hei­len­den Hän­den des­sen emp­find­li­che Achil­les­seh­ne pfleg­te, son­dern auch, weil er, als Mas­seur im­mer auch ein we­nig Psy­cho­the­ra­peut, den Son­der­ling John­son in den Hoch­jah­ren ge­nau­so wie wäh­rend des Ab­stur­zes eng be­glei­te­te.

Es ist nicht ganz ein­fach, Ma­tus­zew­ski, der heu­te 72 ist, zu er­rei­chen, er hat kei­ne Mail­adres­se, geht wo­chen­lang nicht ans Te­le­fon, lässt über sei­ne Frau aus­rich­ten, man kön­ne sich «viel­leicht nächs­tes Jahr» tref­fen. Zu­rück­ge­zo­gen lebt er in Ottawa, se­gelt für sein Le­ben gern – und will nicht über die Cau­sa John­son re­den. Er hat sich über­haupt erst ein­mal vor Jah­ren in ei­nem kur­zen Tv-in­ter­view ge­äus­sert. Um­so über­ra­schen­der, als er plötz­lich, spät­abends, an­ruft und an­satz­los zu er­zäh­len be­ginnt:

Nach Seo­ul sei er wie John­son zum Sün­den­bock ge­stem­pelt wor­den – er, so hiess es, ha­be den Ath­le­ten die ver­bo­te­nen Sub­stan­zen in­ji­ziert. Er, der ge­bür­ti­ge Po­le, der in den Sieb­zi­ger­jah­ren in sei­nem Hei­mat­land in ei­nen Do­ping­fall ver­wi­ckelt war, sei von der So­wjet­uni­on be­auf­tragt ge­we­sen, den ka­na­di­schen Sport zu rui­nie­ren. 1989 sag­te er vor der ka­na­di­schen An­ti-do­ping-son­der­kom­mis­si­on aus. Es ging um die rät­sel­haf­te Sze­ne im Kon­troll­raum (er be­stä­tig­te die An­we­sen­heit Ac­tion Jack­sons), es ging um sein Mit­wis­sen über den Do­ping­miss­brauch (was er eben­falls be­stä­tig­te) und um sein Mit­wir­ken (was er be­stritt).

Ma­tus­zew­ski ist höf­lich und auf­ge­schlos­sen, er spricht mit schwe­rem pol­ni­schem Ak­zent.

Aus­ser den Sub­stan­zen – was war Ben John­sons Ge­heim­nis? War­um war er so schnell?

«Ben war sehr kräf­tig, al­le in sei­ner Fa­mi­lie wa­ren sehr kräf­tig, sei­ne Mut­ter, sei­ne Schwes­ter, sein Bru­der Ed­die. Das Be­son­de­re an Ben wa­ren sei­ne Rü­cken­mus­ku­la­tur und sei­ne Wa­den­mus­kel­seh­nen, sie wa­ren in der La­ge, mehr Kraft auf­zu­neh­men als die Mus­kel­seh­nen an­de­rer Läu­fer.» Er macht ei­ne Pau­se.

«Ich ha­be Ben im­mer ge­sagt: ‹Du brauchst die­se Ste­ro­ide nicht, du bist oh­ne ge­nau­so schnell.› Ich sag­te ihm: ‹Ben, man wird dich er­wi­schen.›»

Wie hat John­son re­agiert?

«Ben war sehr schnell, aber nicht sehr in­tel­li­gent.»

Ma­tus­zew­ski macht wie­der ei­ne Pau­se.

«Ja­mie Asta­phan war sehr in­tel­li­gent, er war Ben John­sons Hirn. Er war das Mas­ter­mind, und er hat­te nur ein Ziel: Geld.»

Dann er­zählt Ma­tus­zew­ski, wie er auf der Tri­bü­ne in Seo­ul nach John­sons Sieg den Arzt um­arm­te, bis die­ser ihn kalt wis­sen liess, dass er, Ma­tus­zew­ski, nichts ver­die­nen wer­de, weil er kei­ne Ver­trä­ge un­ter­zeich­net ha­be. Dar­auf­hin ha­be er sich ab­ge­wen­det und bit­ter­lich ge­weint. «Ich hat­te zwei Jah­re je­den Tag vier­zehn St­un­den für die­sen Tag ge­ar­bei­tet, und jetzt er­fuhr ich, dass Asta­phan al­les ge­plant hat­te und ich nicht Teil die­ses Plans war.»

Ma­tus­zew­ski war John­sons Pri­vat­phy­sio­the­ra­peut, aber er hat­te zwi­schen­zeit­lich auch Carl Le­wis be­han­delt. Wie sieht er die Be­zie­hung zwi­schen Carl Le­wis und Ben John­son?

«Die Leu­te moch­ten Ben. Carl moch­ten sie nicht. Das war sehr schlimm für Carl, weil er so gern ge­mocht wer­den woll­te.»

Wer hat­te, aus phy­sio­the­ra­peu­ti­scher Sicht, den schnel­le­ren Kör­per?

«Oh, ganz klar Ben. Nach­dem ich Le­wis be­han­delt hat­te, wuss­te ich, dass er Ben nicht ge­fähr­den wür­de.»

Al­le paar Wo­chen, er­zählt Ma­tus­zew­ski, mel­de sich John­son bei ihm.

Mal ha­be er Pro­ble­me mit der Wa­de, mal mit der Freun­din, ge­ra­de heu­te ha­be er wie­der an­ge­ru­fen. Er tue ihm leid, sagt Ma­tus­zew­ski zum Schluss, «lasst ihn doch in Ru­he».

To­ron­to, 2018: Der Freund

To­ron­to im Ju­ni, ei­ne Au­to­stun­de aus­ser­halb des Zen­trums. In der Zei­tung steht, es sei am Wo­che­n­en­de zu drei Schies­se­rei­en mit To­des­fol­ge ge­kom­men – al­le in die­ser Ge­gend. Zwi­schen Hoch­span­nungs­lei­tun­gen, Schnell­stras­sen und ärm­li­chen Wohn­blö­cken liegt das To­ron­to Track and Field Cent­re, das zum Cam­pus der York Uni­ver­si­ty ge­hört. An der Re­zep­ti­on, un­ter schep­pern­den Ven­ti­la­to­ren, sit­zen zwei ge­lang­weil­te Sport­ler, die den Ein­druck ma­chen, als müss­ten sie So­zi­al­stun­den ab­ar­bei­ten. Im In­nen­feld der Rund­bahn üben schwit­zend und laut stöh­nend ein paar Ham­mer­wer­fer. Das ist der Ort, an dem al­les be­gon­nen hat: Hier trai­nier­te Ben John­son un­ter Char­lie Fran­cis. Heu­te ist es der Ort, an dem er ei­ni­ger­mas­sen sich selbst zu sein scheint. Doch so­gar hier ist er für vie­le ein Pa­ria.

«Was wollt ihr?», bellt Glo­ria, die Ma­na­ge­rin der Sport­an­la­ge.

«Wir sind mit Ben ver­ab­re­det.» «Hü­tet euch, mit mir oder ei­nem mei­ner Mit­ar­bei­ter über Ben John­son zu re­den. Das ist nicht er­laubt.»

John­son sagt, er trai­nie­re zehn Sport­ler. Bran­don, ein Sech­zehn­jäh­ri­ger aus den pro­jects, weiss nur von zwei­en: ihm und ei­nem an­de­ren. Sei­ne Mut­ter macht Über­stun­den, da­mit sie sich die 700 Dol­lar leis­ten kann, die John­sons Di­ens­te mo­nat­lich kos­ten. Bran­don läuft die 100 Me­ter in 11,2 Se­kun­den, John­son sagt: «Es lä­gen 10,6 drin. Aber die Jun­gen ha­bens ein­fach nicht drauf.» Manch­mal nennt er Bran­don Mea­thead, Dumm­kopf.

John­son brüllt her­um, kor­ri­giert Bran­dons Fuss­stel­lung, schickt ihn auf In­ter­vall­run­den in der glü­hen­den Hit­ze. Skep­tisch schaut er sei­nem Schütz­ling hin­ter­her. Sein Ge­sicht sagt: So gut wie ich wird der nie. Er sagt: «So gut wie ich wird der nie.»

Ein Mäd­chen im Gym hat Bran­don letz­tes Jahr von John­son er­zählt. Als er ihn ken­nen lern­te, wuss­te Bran­don nur, dass John­son ir­gend­wann vor lan­ger Zeit Olym­pia­gold ge­won­nen hat­te. Er goo­gel­te ihn. «Egal», sag­te er sich. «Das ist die dunk­le Sei­te des Sports, aber er war an der Spit­ze.»

Was be­deu­tet es, dass der be­kann­tes­te Do­ping­sün­der der Sport­ge­schich­te, der sein Ver­ge­hen mit dem Ar­gu­ment er­klär­te, man müs­se do­pen, um Ers­ter zu wer­den, jetzt Nach­wuchs­läu­fer trai­niert? John­son sagt: «Mir egal, was die Jun­gen ma­chen.» Bran­don sagt das Glei­che, was John­son vor vier­zig Jah­ren sag­te: «Das könn­te ich mei­ner Mom nie an­tun.»

John­son schickt Bran­don wie­der los. Als er sich nach ein paar Läu­fen für ei­ne Pau­se hin­setzt, sagt er: «Manch­mal kann ich es noch im­mer nicht glau­ben, dass Ben John­son mich trai­niert. Wenn er mich an­ruft und sein Na­me auf dem Dis­play er­scheint oder wenn er mich nach dem Trai­ning nach Hau­se fährt – dann bin ich ganz ner­vös.»

Plötz­lich taucht un­ter den Bäu­men am Rand der Bahn, wo sich John­son und Bran­don ein­ge­rich­tet ha­ben, ein Mann auf, der John­son über­schwäng­lich be­grüsst. Es ist Mil­ton Ot­tey, ein Ka­na­di­er mit ja­mai­ka­ni­schen Wur­zeln, der bis heu­te den Lan­des­re­kord im Hoch­sprung hält. Wenn die Zei­tun­gen über ihn schrei­ben, nen­nen sie ihn «Ot­tey, den Ka­na­di­er». Auch Ot­tey ist Trai­ner, aber eher zum Zeit­ver­treib, er be­sitzt ei­nen Fit­ness­la­den, der recht gut läuft. Er ist der Kerl, der John­son heu­te sein könn­te, wenn er nicht auf­ge­flo­gen wä­re. John­son und Ot­tey ken­nen sich seit der Ju­gend.

«Was dach­ten Sie, als Sie von dem Seo­ul­skan­dal er­fuh­ren?»

Ot­tey lehnt sich an die Ab­schran­kung und denkt nach.

«Es hat al­les ver­än­dert. Wir wa­ren al­le Teil von Bens Ge­schich­te. Bis zu dem Tag wa­ren wir stolz und fie­ber­ten mit, ab dem Tag ging ei­ne un­sicht­ba­re Li­nie durchs Trai­nings­cen­ter. Je­der muss­te Stel­lung be­zie­hen. Man war ent­we­der für oder ge­gen Ben. Ich sag­te mir: Der macht, was er macht, aber er ist mein Freund.»

«Wuss­ten Sie, was Fran­cis da mit sei­nen Ath­le­ten trieb?»

«Oh, das wuss­ten al­le. Aber es gab kei­ne Be­wei­se. Sie müs­sen ver­ste­hen: Ben war sehr jung, der hat­te kei­ne Ah­nung. Wenn man ihm sag­te: So ma­chen wir das, dann hat er es so ge­macht. Na­tür­lich hat je­der ei­ne Wahl, auch wenn er na­iv ist. Ben hat be­wusst Ja ge­sagt, nur wuss­te er nicht wirk­lich, wo­zu. Er kann­te die Kon­se­quen­zen nicht. Er merk­te nur: Plötz­lich ge­win­ne ich, plötz­lich ver­die­ne ich Geld. Wer kann zu so was Nein sa­gen?»

«Was war Ihr ers­ter Ein­druck?» «Sie mei­nen, ob ich er­kannt ha­be, dass er schnell ist? Nein, so lief das nicht. Wir wa­ren ein­fach hier, er, ich, sein Bru­der, an­de­re. Wir hat­ten un­se­ren Spass, sind über den Zaun ge­klet­tert, ha­ben uns ge­gen­sei­tig hoch­ge­nom­men. Er hat Hoch­sprung ge­macht aus Spass, ich bin aus Spass Sprints ge­lau­fen. Es war al­les sehr freund­schaft­lich und al­bern. Wir wa­ren Kin­der.»

Es be­steht ei­ne ir­ri­tie­ren­de Dis­kre­panz zwi­schen der Gier der Öf­fent­lich­keit nach Höchst­leis­tun­gen und der Hef­tig­keit, mit der Sport­ler ge­hasst wer­den, wenn sie un­er­laub­te Mit­tel ein­set­zen, um die­se Höchst­leis­tun­gen zu er­rei­chen. Viel­leicht muss man es noch ein­mal sa­gen: Oh­ne Do­ping sind die Leis­tun­gen, die wir so un­be­dingt se­hen wol­len, gar nicht mög­lich. Und so­lan­ge es die Fas­zi­na­ti­on für sport­li­che Höchst­leis­tun­gen gibt, so­lan­ge auch Tex­te wie die­ser ge­schrie­ben wer­den, so lan­ge wird der Sport sei­ne dre­cki­ge Sei­te nicht ver­lie­ren.

Ben John­son hat ge­dopt. Aber er hat für die­sen Feh­ler ei­nen hö­he­ren Preis be­zahlt als al­le, die eben­falls er­wischt wur­den. Und ei­nen viel hö­he­ren als die, die nie er­wischt wur­den. Er wur­de Sym­bol für al­les, was schlecht ist im Sport, zum Sün­den­bock ei­nes Pro­blems, das weit über ihn hin­aus­geht. Man mach­te ihn fer­tig wie nie­man­den sonst – in der Hoff­nung, dass sich im Sport end­lich et­was än­dert.

Es hat sich nichts ge­än­dert. Ben John­son hat den Preis um­sonst be­zahlt.

Char­lie Fran­cis: Speed Trap – In­si­de the Big­gest Scan­dal in Olym­pic His­to­ry, 1991. 9.79*, Da­ni­el Gor­don, 2012 (DVD)

Ben John­son: Seo­ul to Soul, 2010.

Carl Le­wis: In­si­de Track – Au­to­bio­gra­phy of Carl Le­wis, 1990.

Richard Moo­re: The Dir­tiest Race in His­to­ry – Ben John­son, Carl Le­wis and the 1988 Olym­pic 100m Fi­nal, 2012.

CHRIS­TOF GERTSCH is­t­re­por­ter, MI­KA­EL KRO­GE­RUS Re­dak­t­or­des «Ma­ga­zins». chris­tof.gertsch@das­ma­ga­zin. ch; mi­ka­el.kro­ge­rus@das­ma­ga­zin.ch

Das Ge­sicht des Do­pings: Die meis­ten Men­schen er­fuh­ren erst durch den Skan­dal um Ben John­son in Seo­ul 1988 da­von, dass es leis­tungs­för­dern­de Sub­stan­zen gibt.

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