Lie­ber Andre­as Glar­ner

Das Magazin - - News - MAX küng

Sie als Na­tio­nal­rat ma­chen si­cher­lich auch Fe­ri­en, oder? Braucht ein je­der Mensch, so was, denn in den Fe­ri­en hat man Zeit für vie­les, was im All­tag kei­nen Platz fin­det, zum Bei­spiel zum Stau­en; und da­mit mei­ne ich nicht, in ei­nem Au­to­mo­bil zu sit­zen und zu war­ten, dass es wei­ter­gin­ge, weil Aus­län­der mit ih­ren voll be­la­de­nen Fe­ri­en­fahr­zeu­gen un­se­re schö­nen Stras­sen ver­stop­fen, son­dern die Um­ge­stal­tung von Fliess­ge­wäs­sern.

Das Stau­en ist ei­nes mei­ner Lieb­lings­hob­bys. Und so war ich mit mei­nen Bu­ben mit grö­be­ren Fluss­kor­rek­tu­ren be­schäf­tigt, vie­le St­un­den lang, in ei­nem Tal im Sü­den, aber noch in der Schweiz. Von hoch dro­ben fällt dort das Was­ser im frei­en Fall über den Fels, von ei­nem Berg kom­mend, der Nom­nom ge­nannt wird, wild to­send füllt es sprit­zend ei­nen tie­fen Gum­pen, der auch zum Ba­den ein­lädt, um fort­an ver­gleichs­wei­se zahm tal­wärts zu flies­sen in ei­nem brei­ten Bett. Dort wa­ren wir an der Ar­beit, schich­te­ten St­ein auf St­ein, lenk­ten den Fluss nach links, ver­lang­sam­ten die Strö­mung, lenk­ten sie nach rechts, bau­ten ei­ne Renn­stre­cke für Crocs und ge­bas­tel­te Boo­te.

Das Al­ler­bes­te an der Stein­zeit des Stau­ens fin­de ich üb­ri­gens die hu­ren­mäs­sig gros­sen Bro­cken, wah­re Gwäg­gi, die schwer und fest im Bach­bett lie­gen, un­ver­rück­bar scheints, man kann herum­murk­sen, wie man will, sie tun kei­nen Wank. Lo­ckert man je­doch ein paar klei­ne­re St­ei­ne in ih­rer Um­ge­bung, schon las­sen sie sich her­aus­lö­sen, dann ru­ckelt man, man zerrt und zieht, ei­nen nach dem an­de­ren – und bald be­wegt sich auch der Rie­sen­stein, zu­erst bloss Mil­li­me­ter, dann ein biss­chen mehr, schon kann man ihn vom Grund lö­sen. Das ist ein sehr, sehr be­frie­di­gen­des Ge­fühl, wenn das schein­bar Un­mög­li­che mög­lich wird.

Und als ich, nicht oh­ne af­fen­ar­ti­ges Stöh­nen, ei­nen sol­chen Rie­sen­bro­cken hoch­hob, ihn mit klei­nen Wat­schel­schrit­ten an ei­nen an­de­ren Ort trug, dort mit lau­tem «platsch!» fal­len liess und so­gleich ein noch lau­te­res «ahhhh!» das To­sen des Was­ser­falls über­tön­te, weil der St­ein schleim­be­dingt mir zu schnell aus den Fin­gern glitt und auf den klei­nen Zeh fiel, da dach­te ich: Bei der Po­li­tik geht es ja ums Glei­che, oder? Ein Ta­bu bei­spiels­wei­se, schein­bar un­ver­rück­bar, wenn man da ein­fach rings­her­um ein biss­chen drückt und zupft, dann ist vie­les mög­lich, oder?

Ich dach­te dar­an, weil in den Fe­ri­en nicht nur Zeit zum Stau­en ist, son­dern auch zum Nach­le­sen all der Zei­tungs­ar­ti­kel, zu de­nen die Zeit zu­vor nicht ge­reicht hat­te. Abends, zu­frie­den mü­de nach den ta­ges­fül­len­den Ar­bei­ten im Fluss­bett, beim Knis­tern des Ka­min­feu­ers (ent­zün­det mit abends zu­vor aus­ge­le­se­nen Zei­tun­gen), da stiess ich auf die Vor­komm­nis­se, wel­che als «Cer­ve­lat-gate» be­kannt wur­den, als Sie ge­gen Schul­kin­der mit mus­li­mi­schem Hin­ter­grund an Schwei­zer Schu­len wet­ter­ten und den Druck be­klag­ten, wel­chen die­se auf den gut­schwei­ze­ri­schen Kon­sum von Cer­ve­lats und an­de­ren Schwei­ne­flei­scher­zeug­nis­sen aus­üb­ten. «Schwei­zer, wacht auf!», schrie­ben Sie auf Twit­ter, oh­ne wei­ter aus­zu­füh­ren, was nach dem Auf­wa­chen zu tun wä­re. Sie ver­öf­fent­lich­ten in der Fol­ge auch ei­ne Na­mens­lis­te ei­ner Schul­klas­se, in der es mit ei­ner Aus­nah­me bloss Kin­der mit fremd klin­gen­den Na­men ge­be. Das war mehr als hei­kel, wohl ei­ne Ver­let­zung der Per­sön­lich­keits­rech­te je­ner Kin­der – und als Sie ge­fragt wur­den, wo Sie die­se Lis­te über­haupt her­hät­ten, da mein­ten Sie: «Ich sur­fe ge­ra­de Schul­web­sites ab, die Na­men sind oft öf­fent­lich.»

«Ich sur­fe ge­ra­de Schul­web­sites ab...», Herr Glar­ner, das klingt nicht gut. Ist das ein Hob­by von Ih­nen? Abends am Com­pi ho­cken und Schul­web­sites ab­sur­fen? «Ich sur­fe ge­ra­de Schul­web­sites ab ...», das klingt in mei­nen Oh­ren ein biss­chen nach Ver­wah­rung und che­mi­scher Keu­le.

Tags dar­auf hol­ten wir wie­der St­ei­ne, Mo­cken, Bro­cken aus dem Fluss­bett, än­der­ten den Lauf der Din­ge dort; und abends sass ich er­neut am Ka­min, «ratsch» tat das Streich­holz. So ging die Zei­tungs­sei­te in Flam­men auf, die Sei­te, die ich 24 St­un­den zu­vor ge­le­sen hat­te. Ich sah Ihr ul­kig zer­knüll­tes, grin­sen­des Ge­sicht, das braun wur­de, als die Flam­men dar­an nag­ten, dann schwarz, dann war es ver­schwun­den. Und die Fe­ri­en wa­ren noch lan­ge nicht zu En­de.

Mit süd­li­chen Grüs­sen Max Küng

PS Song zum The­ma: «Brown Creek» von Gold­mund vom Al­bum «Fa­mous Pla­ces», 2010.

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