ei­ner schlach­ten­den Ve­ge­ta­rie­rin

Das Magazin - - News - EIN TAG IM le­ben

Ich kann an kei­ner Kat­ze vor­bei­ge­hen, oh­ne sie zu strei­cheln. Bau­ern­hof­tie­re mag ich be­son­ders, wohl weil ich als Kind viel Zeit auf dem Be­trieb mei­nes On­kels ver­bracht ha­be. Ich mal­te mir oft aus, wie es wohl wä­re, selbst Kü­he, Zie­gen oder Hüh­ner zu hal­ten.

Als ich wäh­rend mei­nes Me­di­zin­stu­di­ums in ei­nem Spi­tal in Sam­bia prak­ti­zie­ren durf­te, be­schloss ich, mir die­sen Wunsch zu er­fül­len. Ich leb­te da­mals mit zwei Schwei­zer Mit­be­woh­nern in ei­nem Häu­schen auf dem Land, der Ort schien wie ge­macht da­für. So kauf­te ich Theo­do­ra, ei­ne klei­ne, braun­schwar­ze Zie­ge mit Stum­mel­hör­nern. An­fangs liess ich sie frei im Gar­ten her­um­lau­fen. Theo­do­ra büx­te aber gleich in der ers­ten Nacht aus und schloss sich ei­ner Her­de im Nach­bar­dorf an. Zie­gen sind so­zia­le Tie­re, sie war wohl nicht ge­ra­de glück­lich, so ganz al­lein. Der Be­sit­zer der Her­de brach­te sie mir zu­rück, und ich zim­mer­te ihr aus ei­nem al­ten Toi­let­ten­häus­chen ei­nen Ver­schlag. Sie schien et­was zu­frie­de­ner. Je­den Mor­gen füt­ter­te ich sie mit den Res­ten mei­nes Mais­mehl­breis.

Als das En­de mei­nes Auf­ent­hal­tes in Sam­bia nah­te, ver­kün­de­ten mei­ne Mit­be­woh­ner, dass sie die Zie­ge nach mei­ner Abrei­se nicht mehr be­hal­ten woll­ten. Ihr Ge­blö­ke las­se sie in der Nacht nicht schla­fen. Sie woll­ten sie, so­bald ich weg war, schlach­ten las­sen. Ich ver­such­te, Theo­do­ra ei­nem Wai­sen­haus zu schen­ken, doch man woll­te sie nicht. Ih­re Schlach­tung schien un­aus­weich­lich. Ich be­schloss, das we­nigs­tens sel­ber zu tun. Der Ge­dan­ke, dass Theo­do­ra ster­ben muss, mach­te mich trau­rig, es war aber kein Welt­un­ter­gang. Denn auch wenn ich sie nicht ad­op­tiert hät­te, wä­re sie ir­gend­wann ge­schlach­tet wor­den. Dass ich es nun selbst tun wür­de, war für mich als ih­re Be­sit­ze­rin die lo­gi­sche Kon­se­quenz. Ich fin­de es wich­tig, die Ver­ant­wor­tung für die Fol­gen des ei­ge­nen Tuns zu über­neh­men.

Für die Schlach­tung bat ich mei­ne Mit­be­woh­ner und Mum­ba, ei­nen mei­ner sam­bi­schen Spi­tal­kol­le­gen, um Hil­fe. Er hat­te schon ein paar Zie­gen mit sei­ner Fa­mi­lie ge­schlach­tet. Ich durch­fors­te­te un­se­re Kü­chen­schrän­ke nach ge­eig­ne­tem Werk­zeug. Zwi­schen Aro­mat und an­de­ren Din­gen, die mei­ne Schwei­zer Vor­gän­ger zu­rück­ge­las­sen hat­ten, fand ich ein gros­ses Ikea-mes­ser. Das muss­te rei­chen.

Wir gin­gen mit ru­hi­gen Schrit­ten in den Gar­ten. Mum­ba hielt den Kopf, mei­ne bei­den Mit­be­woh­ner je ein Bein­paar, da­mit sich Theo­do­ra nicht mehr be­we­gen konn­te. Ich setz­te das Mes­ser an ih­rem strup­pi­gen Hals an und schnitt schnell durch die Schlag­ader. Ihr Blö­ken ver­stumm­te so­fort. Mir war wich­tig, dass sie nicht lei­den muss­te.

Zeit, gross nach­zu­den­ken, blieb mir in die­sem Mo­ment nicht. Wir muss­ten Theo­do­ra schnell ver­ar­bei­ten, da­mit die Hit­ze ihr Fleisch nicht ver­darb. Wir zo­gen den schlaf­fen Tier­kör­per mit ei­nem Strick an ei­nem Baum hoch. Mit dem im­mer stump­fer wer­den­den Kü­chen­mes­ser ga­ben wir das Häu­ten je­doch bald auf. Wir hol­ten im Haus Skal­pel­le, die wir aus der Schweiz mit­ge­bracht hat­ten: Zu viert schäl­ten wir schwit­zend das Fell von dem bau­meln­den Tier­kör­per. Dann schnit­ten wir die In­ne­rei­en her­aus: Herz, Lun­ge, Darm glit­ten in den Plas­tik­ei­mer zu un­se­ren Füs­sen. Die ess­ba­ren Tei­le zer­hack­ten wir nach sam­bi­scher Art mit­samt Kno­chen zu klei­nen Por­tio­nen, die wir abends ge­mein­sam mit dem Spi­tal­per­so­nal grill­ten.

Ei­gent­lich hat­te ich nicht ge­plant, vom Fleisch zu es­sen, da ich den Ge­schmack nicht mag und des­halb schon lan­ge Ve­ge­ta­rie­rin bin. Doch mei­ne Kol­le­gen über­re­de­ten mich. Ich sah ein, dass es nicht nur in­kon­se­quent, son­dern auch ver­schwen­de­risch ge­we­sen wä­re, es nicht zu tun. Theo­do­ras Fleisch war seh­nig und zäh, aber ess­bar. Mein Kör­per war an­de­rer Mei­nung. Ich hat­te am Tag dar­auf als Ein­zi­ge ei­ne Le­bens­mit­tel­ver­gif­tung. Viel­leicht lag es am Fleisch, viel­leicht an der Sa­l­at­ma­yon­nai­se. Seit­her ha­be ich nie mehr Fleisch ge­ges­sen.

ANDREA SU­TER (27)ist Ve­ge­ta­rie­rin. Trotz­dem hat sie ih­re Zie­ge ge­schlach­tet.

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