ni­k­laus PE­TER

Das Magazin - - N° 34 — 25. August 2018 - Be­grenz­ter himm­li­scher De­po­nie­raum Ni­k­laus Pe­ter

Über Pro­phe­ten und den Kli­ma­wan­del

Der Dich­ter Eli­as Ca­net­ti no­tiert in sei­nen Auf­zeich­nun­gen «Die Pro­vinz des Men­schen», im Zorn des bi­bli­schen Jo­nas ste­cke ein ech­tes Pro­blem al­ler Pro­phe­ten: «Sie müs­sen das Schlimms­te wol­len, so­bald sie es ein­mal vor­aus­ge­sagt ha­ben.» Jo­nas ha­be das Be­droh­li­che und Dunk­le, das er zu­erst als Ein­zi­ger wahr­ge­nom­men hat­te, so in sein Herz ein­ge­hen las­sen, dass er sel­ber nicht mehr da­von los­kam.

Das scheint er­freu­li­cher­wei­se nicht der Fall zu sein bei ei­nem, der zwar nicht Pro­phet, aber doch Pro­fes­sor ist: bei Ott­mar Eden­ho­fer, ei­nem der be­deu­tends­ten Kli­ma­öko­no­men, der am 4. Ju­li den Ro­ma­no-guar­di­ni­preis für sei­ne For­schung und sein in­ter­na­tio­na­les En­ga­ge­ment zu­guns­ten des Kli­ma­schut­zes er­hal­ten hat. Die Dan­kes­re­de spricht deut­lich von den Ge­fah­ren, die mit dem vom Men­schen ver­ur­sach­ten Kli­ma­wan­del ein­her­ge­hen. So zei­ge die Er­der­wär­mung be­reits un­um­kehr­ba­re Wir­kun­gen: «Stei­gen­der Mee­res­spie­gel, hef­ti­ger wer­den­de Zy­klo­ne, Dür­ren, Über­schwem­mun­gen füh­ren be­reits heu­te da­zu, dass Men­schen ih­re an­ge­stamm- te Hei­mat ver­las­sen», be­ton­te Eden­ho­fer. «In eth­nisch frag­men­tier­ten und po­la­ri­sier­ten Ge­sell­schaf­ten steigt das Ri­si­ko von Kon­flik­ten und Ge­walt­aus­brü­chen er­heb­lich, wenn der Kli­ma­wan­del zu­schlägt.» Wenn man die 50000 Flücht­lin­ge und Mi­gran­ten, die es 2018 nach Eu­ro­pa ge­schafft hät­ten, mit den 25 Mil­lio­nen ver­glei­che, die un­ter UNHCR-MAN­DAT in Staa­ten wie der Tür­kei, Pa­kis­tan, Ugan­da, Li­ba­non und dem Iran leb­ten, sei klar, wer die Haupt­last die­ser Fol­ge­pro­ble­me trägt. Wer sich in Eu­ro­pa als Re­al­po­li­ti­ker al­lein mit har­ten mi­li­tä­ri­schen Re­zep­ten pro­fi­lie­re, der ne­gie­re die Rea­li­tät der tie­fe­ren Ur­sa­chen die­ser Mi­gra­ti­on. Eden­ho­fer for­der­te, sich den Ur­sa­chen des Kli­ma­wan­dels zu­zu­wen­den. Es ste­he der Mensch­heit «nur noch ein be­grenz­tes Koh­len­stoff­bud­get zur Ver­fü­gung». Da die fos­si­len Res­sour­cen an Koh­le, Öl und Gas aber um ein Viel­fa­ches grös­ser sei­en «als der De­po­nie­raum der At­mo­sphä­re», wer­de der Markt das Pro­blem nicht lö­sen. Es brau­che in­ter­na­tio­na­le Ab­kom­men, um die At­mo­sphä­re als «Ge­mein­schafts­ei­gen­tum der Mensch­heit» zu de­fi­nie­ren und die Nut­zung zu re­geln.

Eden­ho­fers Re­de ist zugleich von Hu­mor und Dank­bar­keit ge­tra­gen: Of­fen­bar ist sein zen­tra­ler Denk­an­satz in Papst Fran­zis­kus’ En­zy­kli­ka «Lau­da­to si!» ein­ge­gan­gen. Dem Ar­gu­ment, sol­che Weltret­tungs­ide­en zeug­ten von feh­len­der De­mut, sie wi­der­sprä­chen dem christ­li­chen Glau­ben, ent­geg­net er mit ei­nem Zi­tat des Igna­ti­us von Lo­yo­la: «Ver­traue so auf Gott, als ob der Er­folg der Din­ge ganz von dir, nicht von Gott ab­hin­ge; doch wen­de da­bei al­le Mü­he so an, als ob du nichts, Gott al­lein al­les tun wer­de.»

Und die bes­te Über­schrift für das Kon­zept der Ge­mein­schafts­gü­ter stam­me von ei­ner Kol­le­gin und «über­zeug­ten At­he­is­tin»: «Der Him­mel ge­hört uns al­len.» Seit­her be­te er in­stän­dig, sie mö­ge sich nicht be­keh­ren – sonst kön­ne er nicht mehr glaub­haft be­haup­ten, die ka­tho­li­sche So­zi­al­leh­re über­zeu­ge auch Nicht­gläu­bi­ge . NI­K­LAUS PE­TER ist Pfar­rer am Frau­müns­ter in Zü­rich.

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