Zu Be­such im Bil­de­r­uni­ver­sum der Künst­le­rin Vi­vi­an Su­ter.

DIE FRAU, DIE MALT UND MALT UND MALT

Das Magazin - - Contents - Von micha­el hu­gen­to­bler

S

ie sitzt auf ei­nem nie­de­ren Sche­mel und lauscht dem Sprech­ge­sang des Scha­ma­nen. Die fla­chen Hän­de, an de­nen blaue und grü­ne Farb­res­te kle­ben, hat sie zwi­schen die Knie ge­klemmt. Sie schaut ge­bannt nach vorn. Vor ei­ni­gen Mi­nu­ten sag­te sie noch: «Das muss man ge­se­hen ha­ben.»

Jetzt greift der Scha­ma­ne nach ei­nem Sup­pen­löf­fel, taucht ihn in ei­nen Kü­bel voll bern­stein­far­be­ner Krü­mel und streut die­se in ei­ne Scha­le, in der Koh­le glüht. Es zischt. Der Scha­ma­ne schwenkt die Scha­le, und in den auf­stei­gen­den Rauch­schlie­ren er­scheint ei­ne zwer­gen­haf­te Gestalt, halb Mensch, halb Pup­pe, mit höl­zer­ner Mas­ke. Im Mund der Mas­ke steckt ei­ne Zi­ga­ret­te der Mar­ke Pi­ne. Auf ma­gi­sche Wei­se wird der Rauch der Zi­ga­ret­te ins In­ne­re der Gestalt ge­zo­gen. Hin und wie­der kippt ein zwei­ter Scha­ma­ne die Gestalt nach hin­ten, zieht die Zi­ga­ret­te zwi­schen den höl­zer­nen Lip­pen her­vor, drückt sie lie­be­voll in ei­nen Aschen­be­cher, greift zu ei­ner Fla­sche Schnaps, dreht den De­ckel ab, legt der Gestalt ei­ne Ser­vi­et­te ans Kinn und schüt­tet et­was Al­ko­hol ins In­ne­re. Ge­nau­so wie der Zi­ga­ret­ten­rauch zu­vor ver­schwin­det auch der Al­ko­hol im Kör­per der Gestalt, hin­ter ro­sa, tür­kis und hell­blau­en Fou­lards, nir­gends im Stoff steigt Rauch auf, nir­gends tropft Al­ko­hol auf den Bo­den.

Die Frau, die in die­ser Well­blech­hüt­te sitzt, ir­gend­wo am Ufer des Sees Atit­lán, vier Au­to­stun­den durch trop­fen­den Re­gen­wald von Gua­te­ma­la-stadt ent­fernt, ist kei­ne Eth­no­lo­gin und auch kei­ne ver­irr­te Tou­ris­tin, son­dern die Schwei­zer Ma­le­rin Vi­vi­an Su­ter. Wäh­rend des Gross­teils ih­res Le­bens wur­de ih­re Ma­le­rei kaum wahr­ge­nom­men. Doch ver­gan­ge­nes Jahr nahm sie an ei­nem der wich­tigs­ten An­läs­se für zeit­ge­nös­si­sche Kunst teil, der Do­cu­men­ta 14 in Kas­sel und At­hen. Gleich­zei­tig stell­te sie im Je­wish Mu­se­um in New York aus, der Pres­se­text be­zeich­ne­te ih­re Ar­beit als «Por­trät der Wild­nis» und «das vi­su­el­le Archiv ei­ner chao­ti­schen Le­bens­ge­schich­te». Kurz dar­auf pu­bli­zier­te die Zeit­schrift «Art news» ei­nen Artikel über die Kunst­käu­fe der wich­tigs­ten Samm­ler, und auf die­ser Lis­te tauch­ten Bil­der von Vi­vi­an Su­ter auf. Ei­ni­ge Mo­na­te zu­vor war in «Art news» zu le­sen, dass Su­ters Wer­ke an der Art Ba­sel Mia­mi na­he­zu kom­plett aus­ver­kauft wor­den wa­ren. Im Sep­tem­ber wird Su­ter an der Art Ba­sel Ci­ties: Bu­e­nos Ai­res zu se­hen sein, im Ok­to­ber in der Kunst­ga­le­rie Po­wer Plant in To­ron­to, im No­vem­ber im Art In­sti­tu­te of Chi­ca­go, im kom­men­den Jahr in ei­ner Aus­stel­lung auf der High Li­ne in New York – die­se ver­zeich­net ge­wöhn­lich acht Mil­lio­nen Be­su­cher.

Die­se Auf­zäh­lung ist nicht ein­mal an­nä­hernd kom­plett. Vi­vi­an Su­ter ist ein Star.

«Nein, das bin ich nicht», sagt sie, als wir in ei­nem Mo­tor­boot über den Atit­lán-see rau­schen, weg vom Scha­ma­nen mit sei­ner rau­chen­den und trin­ken­den Pup­pen­ge­stalt. Su­ter wi­ckelt sich ei­ne rot­brau­ne Lo­cke um den Zei­ge­fin­ger und denkt nach. Schliess­lich nickt sie. «Viel­leicht be­kom­me ich mehr Be­ach­tung», sagt sie zö­ger­lich, schiebt aber so­gleich nach: «Und es macht mir Sor­gen.»

Am Him­mel zie­hen fins­te­re Wol­ken auf, das Brum­men des Mo­tors ver­lang­samt zu ei­nem Blub­bern, der Boots­füh­rer klet­tert auf das Dach am Bug, um ei­ne Plas­tik­pla­ne her­un­ter­zu­las­sen, da­mit die Pas­sa­gie­re in ei­nem all­fäl­li­gen Re­gen­guss nicht nass wer­den. Kurz dar­auf kommt Wind auf, das Boot prescht über den See, von Os­ten zieht ein Re­gen­vor­hang her­an. «Ich ha­be Angst, dass ich das nicht be­ste­hen kann, dass al­les wie­der ver­schwin­det», sagt Su­ter, und ih­re Stim­me geht fast un­ter im Heu­len des Mo­tors.

Als wir uns zum ers­ten Mal tra­fen, an ei­nem bit­ter­kal­ten Fe­bru­ar­tag in Zü­rich, stand sie in ei­nem lee­ren Raum mit ho­her De­cke und wirk­te et­was ver­lo­ren: ei­ne schma­le Frau von 68 Jah­ren, mit ei­nem Hän­de­druck so sanft, dass ich ihn kaum spür­te. Sie trug gol­de­ne Stie­fe­let­ten und ei­nen Schal, der rot, blau und schwarz ka­riert war. Sie sprach so lei­se, dass es wirk­te, als wür­den ihr die Wör­ter nicht auf An­hieb ein­fal­len. All dies pass­te zu der Frau, von der man sagt, ih­re Herz­lich­keit sei in der Kunst­welt ei­ne grosse Aus­nah­me. Die Ku­ra­to­rin der New Yor­ker High Li­ne, Ce­ci­lia Ale­ma­ni, sagt: «Den meis­ten Künst­lern kann man ei­ne Rie­sen­show an­bie­ten, und sie zu­cken nicht ein­mal mit der Schul­ter – Vi­vi­an Su­ter aber be­dankt sich tau­send­mal.» Ih­re Ga­le­ris­tin Ma­ri­na Ol­sen von Kar­ma In­ter­na­tio­nal in Zü­rich sagt, viel­leicht ha­be es da­mit zu tun, dass Su­ter so lan­ge nicht be­ach­tet wor­den sei – sie freue sich rie­sig über die Re­zep­ti­on ih­res Wer­kes.

Ver­stö­rend nah

Die­se Lie­bens­wür­dig­keit, die auch et­was Zu­rück­hal­ten­des hat, steht in Kon­trast zu ei­nem Gross­teil ih­rer Ge­mäl­de. Ih­re Ar­beit sah ich erst­mals An­fang die­ses Jah­res in ei­nem Ka­ta­log des Kunst­mu­se­ums Ol­ten von 2004. Es wa­ren abs­trak­te Bil­der, oft­mals in Na­h­auf­nah­me, was ag­gres­siv und et­was ver­stö­rend wirk­te. Sie wa­ren vol­ler Emo­tio­nen und Kraft, oh­ne dass man hät­te sa­gen kön­nen, wor­auf das grün­det. Der ers­te Ein­druck war je­ner von sat­ten Far­ben, als wür­de man durch ei­ne viel zu star­ke Bril­le den Blick auf ei­nen Korb vol­ler Früch­te wer­fen. Erst all­mäh­lich wur­den For­men er­kenn­bar, wo­bei nicht ganz klar war, ob es sich bei den For­men um Men­schen, Tie­re oder Pflan­zen han­del­te. Die Wer­ke be­sta­chen durch mys­te­riö­se In­ten­si­tät und selt­sa­me Exo­tik.

In ih­rer künst­le­ri­schen Kar­rie­re wur­de Vi­vi­an Su­ter haupt­säch­lich von der Ga­le­rie Stam­pa in Ba­sel ver­tre­ten. Vor fünf Jah­ren kam Kar­ma In­ter­na­tio­nal in Zü­rich hin­zu. Vor we­ni­gen Wo­chen wur­de be­kannt, dass nun auch die le­gen­dä­re Glads­to­ne Gal­le­ry in New York Vi­vi­an Su­ter ver­tritt. Glads­to­ne ver­wal­tet et­wa die Nach­läs­se des Pop-art-künst­lers Keith Ha­ring oder des Fo­to­gra­fen Ro­bert Mapp­le­t­hor­pe; un­ter den zeit­ge­nös­si­schen Wer­ken der Ga­le­rie sind je­ne von Stars wie Mat­t­hew Bar­ney oder Da­mián Or­te­ga.

Bar­ba­ra Glads­to­ne, die Grün­de­rin der Ga­le­rie, hat Su­ters Bil­der in Kas­sel und At­hen ge­se­hen, spä­ter aber­mals an der Art Ba­sel in Mia­mi. Als ich Su­ter ein­mal dar­auf an­spre­che, sagt sie: «Bar­ba­ra schrieb mir in ei­nem wun­der­schö­nen Brief, sie ha­be sich in die Bil­der ver­liebt», und da­bei lacht sie und legt sich die fla­che Hand auf die Brust, als kön­ne sie es heu­te noch nicht fas­sen, die­ses Glück.

Zwei Leu­te von Glads­to­ne wer­den am nächs­ten Tag in Gua­te­ma­la ein­tref­fen: Su­ters per­sön­li­cher Be­treu­er, des­sen Auf­ga­be es sein wird, das Werk der Ma­le­rin im De­tail ken­nen zu ler­nen; und ein Fo­to­graf, der je­des Bild ab­lich­ten soll, das Su­ter in ih­rem Haus la­gert, um aus den Fo­to­gra­fi­en spä­ter ein Archiv auf­zu­bau­en.

«Ich be­fürch­te, das wird schwie­rig wer­den», sagt Su­ter, als sie bei der An­le­ge­stel­le aus dem Mo­tor­boot klet­tert. Sie läuft den Steg ent­lang und steigt am Ufer in ein Tuk-tuk. Wir fah­ren durch Pa­na­ja­chel, das Dorf, in dem die Künst­le­rin seit dreis­sig Jah­ren lebt. Den Ort be­su­chen vie­le Tou­ris­ten, die Stras­sen sind ge­säumt von Markt­stän­den, wo man Pon­chos, Tier­mas­ken und klei­ne ro­sa­ro­te Gi­tar­ren kau­fen kann. Die Tou­ris­ten kom­men we­gen der fa­bel­haf­ten Aus­sicht, die spä­tes­tens seit 1934 welt­be­kannt ist, als der bri­ti­sche Au­tor Al­dous Hux­ley den Bericht sei­ner Rei­se durch Gua­te­ma­la ver­öf­fent­lich­te. Er schrieb: «Mei­ner An­sicht nach er­reicht der Co­mer See die Gren­ze

des zu­läs­sig Pit­to­res­ken; Atit­lán aber ist Co­mo in­klu­si­ve meh­re­rer Vul­ka­ne – und das ist wirk­lich zu viel des Gu­ten.»

Das Tuk-tuk knat­tert den Hü­gel em­por über Kopf­stein­pflas­ter, an der Sei­te der Stras­se wöl­ben sich un­ter Son­nen­schir­men bau­chi­ge Kör­be vol­ler Man­gos, Ba­na­nen, Li­met­ten und Dra­chen­früch­ten. Die Stras­se steigt wei­ter an, die Häu­ser wer­den nied­ri­ger, wir fah­ren an ei­ner Apo­the­ke vor­bei, an ei­ner Bä­cke­rei, an ei­nem Ki­osk, bis dann die Wohn­quar­tie­re be­gin­nen. Ei­ne Gas­se schlän­gelt sich dem Rand der Ort­schaft ent­ge­gen, und dann wird die Gas­se zu ei­nem grü­nen Tun­nel aus Bam­bus­stau­den.

Am En­de die­ses Tun­nels ist ei­ne schma­le grü­ne Tür zu se­hen, in den Tür­rah­men ist ein Schal­ter ein­ge­las­sen, Su­ter drückt den Schal­ter, und ei­ne Klin­gel schrillt. Se­kun­den spä­ter bel­len Hun­de. Im Tür­spalt er­scheint das ju­gend­li­che Ge­sicht von Juan Ar­man­do Suy Chuc, dem Wäch­ter des Hau­ses. Sei­ne Haa­re sind so dun­kel und glän­zend, dass sie fast blau schim­mern. Im Hin­ter­grund ren­nen als bel­len­des, tram­peln­des und fau­chen­des Ge­wu­sel Su­ters drei Hun­de her­an. Ei­ner, Bon­zo, hat Ähn­lich­keit mit ei­nem Schä­fer­hund – nur dass er et­wa dop­pelt so gross ist.

Als der Wäch­ter die grü­ne Tür wie­der schliesst, als die Hun­de in ein Knur­ren über­ge­hen und bloss noch mit den Schwän­zen we­deln, da be­merkt man, wie dun­kel es plötz­lich ge­wor­den ist. Su­ters Grund­stück ist ei­ne ehe­ma­li­ge Kaf­fee­plan­ta­ge, viel­leicht so gross wie ein Fuss­ball­feld, viel­leicht auch grös­ser, man weiss es nicht, da von der ur­sprüng­li­chen Plan­ta­ge kaum noch et­was üb­rig ist. Mit den Jah­ren wuch­sen hier Man­go- und Pa­pay­a­bäu­me in den Him­mel, ei­ne Wür­ge­fei­ge sieht aus, als stün­de sie schon seit tau­send Jah­ren hier. Die Avo­ca­do­bäu­me sind so hoch, dass nie­mand mehr an die Früch­te her­an­kommt aus­ser den Eich­hörn­chen. Li­met­ten so gross wie Ten­nis­bäl­le plump­sen auf den wal­di­gen Bo­den. Su­ters Gar­ten ist ein Dschun­gel, und durch die­sen Dschun­gel füh­ren schat­ti­ge, fast fins­te­re Tram­pel­pfa­de, auf de­nen man so­fort die Ori­en­tie­rung ver­liert, da man nie wei­ter se­hen kann als ein paar Me­ter.

Su­ter führt zu ei­nem Haus, an des­sen Sei­te ein Baum lehnt, sein Ge­wicht hat die Dach­trau­fe zer­stört. Sie sagt, sie ma­che sich schon län­ger Ge­dan­ken dar­über, wie sie das Pro­blem mit der Dach­trau­fe lö­sen kön­ne. Ich schla­ge vor, dass man den Baum fällt. Mit ei­nem Blick des Ent­set­zens sagt sie: «Oh.» Und dann: «Das wird na­tür­lich nicht ge­sche­hen.»

Ich will wis­sen, war­um die­se ho­hen Bäu­me, war­um die­ses Zu­wach­sen. Sie sagt: «Da­mit man mich nicht sieht.»

Das Haus, an dem der Baum lehnt, ist Su­ters La­ger­haus. Die Tür­öff­nung ist bis auf ei­ne Hö­he von ei­nem Me­ter zu­ge­mau­ert. Die Mau­er hat sie er­rich­tet, nach­dem in den Jah­ren 2005 und 2010 die Tro­pen­stür­me Stan und Aga­tha über Gua­te­ma­la hin­weg­ge­fegt wa­ren. Ei­ne Schlamm­la­wi­ne drang ins La­ger­haus ein und setz­te es knie­tief un­ter ei­ne brau­ne Brü­he. Ein Gross­teil der Bil­der wur­de ir­re­pa­ra­bel zer­stört, und im ers­ten Mo­ment dach­te sie, sie er­lei­de ei­nen Ner­ven­zu­sam­men­bruch. «Aber dann», sagt sie, «sah das sehr schön aus, als es trock­ne­te.» Die Bil­der wa­ren nun sprich­wört­lich vom Dschun­gel durch­drun­gen. Was sie da­mals noch nicht wis­sen konn­te: dass der Ku­ra­tor Adam Szymc­zyk da­rin einst ei­nen be­son­de­ren Reiz se­hen und die Künst­le­rin auf der Welt­büh­ne als Zeu­gin des Ver­falls und der Zer­stö­rung in un­be­kann­te Hö­hen ka­ta­pul­tie­ren wür­de. Da­mals lag die­ser Mo­ment zum Grei­fen nah in der Zu­kunft, aber er hat­te noch nicht ein­mal an­nä­hernd be­gon­nen, sich ab­zu­zeich­nen. Im Ge­gen­teil: Su­ter war fast gänz­lich un­be­kannt und droh­te in Ar­mut zu ver­sin­ken. Die Stür­me Stan und Aga­tha er­schei­nen rück­bli­ckend wie das un­te­re En­de ei­ner Ab­wärts­spi­ra­le, wo jeg­li­che Hoff­nung auf Bes­se­rung der Hoff­nung auf ein Wun­der gleich­kommt.

Im In­ne­ren des Hau­ses steht ein so­li­des Me­tall­ge­rüst, et­wa drei Me­ter hoch, an dem Hun­der­te von Lein­wän­den dicht an dicht wie Vor­hän­ge bis zum Bo­den hän­gen. In ei­nem an­gren­zen­den Raum la­gern wei­te­re Wer­ke. In ei­nem drit­ten Raum steht ein aus­ge­dien­ter Ping­pong-tisch, auf dem sich Ge­mäl­de bis in Brust­hö­he sta­peln. All dies ist al­ler­dings nur ein Teil ih­res Le­bens­werks. Wei­te­re Ar­bei­ten la­gern in ei­nem Ate­lier in Ba­sel, ei­ni­ge hän­gen in Ga­le­ri­en und Aus­stel­lun­gen in al­ler Welt.

Ich fra­ge sie, wie vie­le Bil­der sie in ih­rem Le­ben ge­malt ha­be. «Ich weiss nicht», sagt sie, «Zah­len kann ich mir nicht mer­ken.»

Et­was spä­ter an die­sem Abend lau­fen wir durch den Gar­ten, an ih­rem Wohn­haus vor­bei und zu ei­nem wei­te­ren Haus, das voll­stän­dig hin­ter Bü­schen und Bäu­men ver­bor­gen liegt. Die Stim­me von Ma­ria Cal­las dringt schon aus der Fer­ne her­bei. Durch ei­nen Vor­hang aus Blät­tern tre­ten wir in ei­nen schumm­ri­gen Raum, der gleich­zei­tig das gan­ze Haus ist. Am Fern­se­her läuft ei­ne Oper von Ver­di. In­mit­ten an­ti­ker So­fas, Lam­pen und Stüh­le sitzt in ei­nem Roll­stuhl Eli­sa­beth Wild, Vi­vi­an Su­ters Mut­ter. Sie ar­bei­tet gera­de an ei­ner ih­rer Col­la­gen. Sie ist 96 Jah­re alt, ih­re Au­gen sind leicht rot ge­rän­dert, die sil­ber­nen Haa­re rei­chen ihr in ei­nem per­fek­ten Pa­gen­schnitt bis auf die Schul­tern. Wild blickt auf, streckt die Hand aus und ruft: «Ah! Hal­lo! Will­kom­men!», und dann ki­chert sie.

Um sie her­um, an den Wän­den die­ses gros­sen Raums, hängt, in Form von Bil­dern und Fotos, die Ge­schich­te der Fa­mi­lie Wild und ih­rer Vor­fah­ren. Wenn

Su­ters Werk ist mit den Jah­ren über sie hin­weg­ge­wach­sen wie die Ma­ca­damia- und Pa­pay­a­bäu­me, es ist nun grös­ser als sie sel­ber.

man nun da­von aus­geht, dass die Le­bens­wei­se ei­nes Men­schen vor­ge­zeich­net wer­den kann, be­vor die­ser Mensch ge­bo­ren wird, dann lohnt es sich, ei­nen Blick auf die­se Wän­de zu wer­fen.

Ein Schwarz-weiss-foto zeigt ei­nen Mann mit Spitz­bart: Vi­vi­an Su­ters Ur­gross­va­ter Wil­helm Pollak, der von Be­ruf Kai­ser­li­cher Rat war und für Ös­ter­reich-un­garn Han­dels­ver­trä­ge mit frem­den Re­gie­run­gen ab­schloss. Er scheint pau­sen­los un­ter­wegs ge­we­sen zu sein, an der Wohn­zim­mer­wand in Pa­na­ja­chel hän­gen grie­chi­sche, ita­lie­ni­sche, fran­zö­si­sche, ara­bi­sche Do­ku­men­te aus je­ner Zeit. Sei­ne Frau, die ger­ne und sehr gu­te Still­le­ben mal­te, ge­bar ei­nen Sohn, der Franz hiess. Als Er­wach­se­ner dien­te die­ser im Ers­ten Welt­krieg, und beim Ein­marsch der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in Ös­ter­reich im Jahr 1938 war Franz Pollak der An­sicht, er sei zwar Ju­de, aber als Kriegs­ve­te­ran wer­de man ihn be­stimmt un­be­hel­ligt las­sen. Sei­ne Ehe­frau, die Ka­tho­li­kin war, ahn­te je­doch Schlim­mes und be­wog die Fa­mi­lie zur Flucht. Ihr Kind Eli­sa­beth war zu die­sem Zeit­punkt sech­zehn Jah­re alt. Im Som­mer 1938 zog die Fa­mi­lie aus Wien weg, zu Freun­den in Zagreb. Im fol­gen­den Win­ter reis­ten sie in der Zwei­er­ka­bi­ne ei­nes hol­län­di­schen Frach­ters nach Süd­ame­ri­ka – Plät­ze auf Pas­sa­gier­schif­fen hat­ten sie nicht fin­den kön­nen, da al­les aus­ge­bucht war. Eli­sa­beth fei­er­te ih­ren sieb­zehn­ten Ge­burts­tag im Fe­bru­ar 1939 in ih­rer neu­en Hei­mat Bu­e­nos Ai­res.

Dort nahm sie Pri­vat­un­ter­richt in Ma­le­rei bei ei­nem ge­wis­sen Leo Bern­hard Eich­horn, ei­nem pol­ni­schen Emi­gran­ten, der ei­ni­ge Jah­re zu­vor in Paris ei­ne gol­de­ne Me­dail­le für sein Bild mit dem Ti­tel «Die Un­ter­drück­ten» be­kom­men hat­te. Ei­nes der Bil­der, das Eli­sa­beth in die­ser Zeit mal­te, zeigt den Va­ter Franz Pollak im Pro­fil: ein Herr in Hemd und Kra­wat­te, mit ge­schwun­ge­nen Au­gen­brau­en, und in sei­nem Blick scheint Hei­ter­keit zu ste­cken, fast so, als emp­fin­de er grosse Freu­de dar­über, sei­ner Toch­ter Mo­dell zu sit­zen.

Eli­sa­beth grün­de­te ein Gra­fi­kate­lier und ent­warf Il­lus­tra­tio­nen für Tex­til­dru­cke. Ei­nes Ta­ges ging sie mit ei­ner schwe­ren Map­pe vol­ler Ent­wür­fe bei ei­ner Stoff­dru­cke­rei vor­bei. Der Be­sit­zer war ein Schwei­zer, der den Na­men Au­gust Wild trug. Er sah sehr gut aus, war al­ler­dings ei­ni­ges äl­ter als Eli­sa­beth, zu­dem be­reits ver­hei­ra­tet und Va­ter ei­nes Soh­nes. Die bei­den ver­lieb­ten sich trotz­dem in­ein­an­der.

«Das ist ei­ne die­ser Gra­fi­ken», sagt Eli­sa­beth Wild jetzt und zeigt auf ein Bild in höl­zer­nem Rah­men. Ro­te und vio­let­te Blü­ten sind zu se­hen, oh­ne Blät­ter und oh­ne Stie­le, als schweb­ten sie vom Wind ge­tra­gen durch die Luft. Ver­mut­lich war das be­reits da­mals ein klas­si­sches Mo­tiv für Stoff­dru­cke, den­noch ist da­rin ein drauf­gän­ge­ri­scher Mut zur Re­duk­ti­on zu er­ken­nen – der­sel­be Mut, der auch in den Bil­dern der Toch­ter Vi­vi­an steckt.

Am nächs­ten Mor­gen kom­men die Män­ner von Glads­to­ne. Sie klet­tern über die Mau­er, die den Ein­gang zum La­ger­haus ver­sperrt, und das Ru­del bel­len­der Hun­de hüpft hin­ter ih­nen her. Der Fo­to­graf ist ein Mann Mit­te fünf­zig, er hat ei­nen kah­len Kopf und schraubt Stu­dio­leuch­ten zu­sam­men. Su­ters per­sön­li­cher Be­treu­er ist jung und schmal, er trägt ei­nen schwar­zen Ober­lip­pen­bart und Hoch­was­ser­ho­sen, die sei­ne Sportso­cken ent­blös­sen – er macht sich ei­ni­ge No­ti­zen auf ei­nem Block, der mit dem Lo­go der Ga­le­rie be­druckt ist.

Su­ter, die an die­sem Mor­gen et­was un­ru­hig wirkt, sagt: «Mir schnürt es den Hals zu – ich bin so ner­vös.»

Der Fo­to­graf schaut kurz von sei­nen Leuch­ten auf, sein Blick glei­tet über die Aber­hun­der­te von Ge­mäl­den: «Das schaf­fen wir lo­cker», sagt er.

Der Be­treu­er nickt. «Ge­nau so ha­be ich mir das vor­ge­stellt.» Her­ein kom­men nun auch Juan Ar­man­do Suy Chuc, der Wäch­ter, so­wie To­mas Ben Ju­la­juj, ein klei­ner Herr mit weis­sem Cow­boy­hut, der bei Su­ter als Gärt­ner tä­tig ist und Be­sor­gun­gen macht. Sie wer­den die fol­gen­den Ta­ge da­mit ver­brin­gen, die­se Lein­wän­de her­an­zu­schaf­fen, die fast al­le drei Me­ter hoch sind, die Lein­wän­de dann an die Wand zu hän­gen und zu war­ten, bis der Blitz durch den Raum zuckt.

Ei­nes der ers­ten Bil­der, die fo­to­gra­fiert wer­den, hat ei­nen creme­far­be­nen Hin­ter­grund, in der rech­ten obe­ren Ecke ist ein Qua­drat zu se­hen, das von ei­nem Halb­kreis an­ge­schnit­ten wird. Dar­un­ter ein Drei­eck, es fol­gen zwei iden­ti­sche Recht­ecke. Die For­men sind in ver­schie­de­nen Grün­tö­nen ge­malt, und auf den ers­ten Blick sind nur Farb­flä­chen er­kenn­bar. Dann aber tau­chen For­men auf: Es könn­ten Li­met­ten sein, auf­ge­schnit­ten auf ei­nem Tisch lie­gend. Mit et­was mehr Fan­ta­sie er­kennt man viel­leicht ei­nen be­helm­ten Rit­ter, der ei­ne Axt über sei­nen Kopf hält.

Die Bil­der sind nicht si­gniert, sie tra­gen kei­ne Na­men und auch kei­ne Da­ten. Eben­falls ver­geb­lich sucht man ei­ne Nar­ra­ti­on – da wird kei­ne Ge­schich­te er­zählt, wie das bei klas­si­schen Ge­mäl­den oft der Fall ist, et­wa bei Thé­o­do­re Gé­ri­caults «Das Floss der Me­du­sa», das den Be­trach­ter in der ers­ten Se­kun­de mit Grau­en er­füllt an­ge­sichts der Ver­zweif­lung von Schiff­brü­chi­gen auf of­fe­nem Meer. Su­ters Bil­der las­sen den Be­trach­ter al­lei­ne mit sich sel­ber, sie nimmt ihn nicht bei der Hand, führt ihn nicht zu ei­ner In­ter­pre­ta­ti­on. Da­durch ent­steht ei­ne ge­wis­se Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit, und das muss man aus­hal­ten kön­nen. «Zeigt die­ses Bild et­was Be­stimm­tes?», fra­ge ich. «Na­tür­lich, aber man er­kennt es nicht», sagt Vi­vi­an Su­ter.

«Sa­gen Sie mir, was es ist?»

Als Be­trach­ter ih­rer Bil­der be­kommt man den Ein­druck, man sei Teil ei­nes Spiels: Ich se­he was, was du nicht siehst.

Sie schüt­telt den Kopf.

Vi­vi­an Su­ter kam als Toch­ter von Eli­sa­beth und Au­gust Wild am 26. Au­gust 1949 in Bu­e­nos Ai­res zur Welt, im Stadt­teil Mar­tí­nez. Ih­re frü­hes­te Kind­heits­er­in­ne­rung ist, wie sie ne­ben der Mut­ter sass und ihr beim Ma­len zu­schau­te. In die­ser Zeit nann­te die Mut­ter ih­re Toch­ter Bi­bi, und der Satz, den die Mut­ter im­mer wie­der hör­te, war: «Bi­bi pin­ta, ma­ma tam­bién» – Bi­bi malt, Ma­ma auch. «Und so ist es ge­blie­ben», sagt die Mut­ter heu­te.

Ar­gen­ti­ni­en war da­mals ei­ne selt­sa­me Mi­schung aus De­mo­kra­tie und Dik­ta­tur – Prä­si­dent war Juan Perón, der wäh­rend des Krie­ges en­ge Kon­tak­te zu den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in Deutsch­land ge­pflegt hat­te. Als er 1955 ge­stürzt wur­de und ins Exil ging, hin­ter­liess er ein zer­ris­se­nes Land, aber zog im Hin­ter­grund wei­ter­hin die Fä­den. Eli­sa­beth Wild sagt heu­te, sie ha­be Ar­gen­ti­ni­en ge­liebt, sei aber 1962 mit ih­rer Fa­mi­lie zu­rück nach Eu­ro­pa ge­zo­gen, da sie sich nicht mehr si­cher ge­fühlt ha­be. Wenn aber Vi­vi­an Su­ter von der Rei­se nach Eu­ro­pa er­zählt, be­nutzt sie stets das stär­ke­re Wort Flucht – sie sei­en vor dem Cha­os in Ar­gen­ti­ni­en ge­flüch­tet. Sie war da­mals zwölf Jah­re alt.

Die neue Hei­mat der Fa­mi­lie war Ba­sel. Eli­sa­beth Wild emp­fand die Schweiz als ein selt­sam dis­tan­zier­tes Land, dem sie nie na­he­kam und des­sen Schwei­zer­deutsch sie nie ler­nen konn­te. Die Ver­wand­ten ih­res Ehe­man­nes dräng­ten sie da­zu, ei­ner Ar­beit nach­zu­ge­hen, so kam sie auf die Idee, ei­nen An­ti­qui­tä­ten­la­den zu er­öff­nen. Das Ge­schäft lag in der Nä­he des St. Jo­hanns-tors, und in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten fuhr sie al­le paar Wo­chen zu Floh­märk­ten in Paris oder Lyon und kam mit ei­nem voll­ge­pack­ten Au­to zu­rück nach Ba­sel, wo sie die Spie­gel und Lam­pen und Ge­mäl­de wei­ter­ver­kauf­te. Ge­mäl­de, die nicht ih­rem Ge­schmack ent­spra­chen, mal­te sie um.

Re­gel­mäs­sig wur­de Eli­sa­beth von den Leh­rern in die Schu­le zi­tiert, wo man sich über die Toch­ter be­klag­te. De­tails wis­sen die Frau­en nicht mehr, da sei ei­ne va­ge Er­in­ne­rung dar­an, dass al­le Kin­der den­sel­ben Schul­ran­zen hät­ten tra­gen müs­sen, wo­ge­gen sich Vi­vi­an ge­wehrt ha­be. Eli­sa­beth Wild sagt: «Sie war ein­fach an­ders, denn sie war wo­an­ders auf­ge­wach­sen.» Für die Toch­ter war dies ei­ne düs­te­re Zeit, die sehr lan­ge nach­hal­len wür­de; sie er­in­nert sich dar­an, dass man sie nicht ver­stand, da sie zwar Hoch­deutsch, Spa­nisch und Eng­lisch sprach, aber kein Schwei­zer­deutsch. Für die Mut­ter wur­de die Si­tua­ti­on un­halt­bar, und den Rest der Grund­schul­zeit ver­brach­te Vi­vi­an an ei­ner Pri­vat­schu­le, wo we­ni­ger star­re Struk­tu­ren herrsch­ten.

Der Va­ter woll­te für sei­ne Toch­ter ei­ne kauf­män­ni­sche Aus­bil­dung, was für Vi­vi­an aber nicht in­fra­ge kam. Un­ter­stüt­zung be­kam sie von der Mut­ter. Vi­vi­an be­such­te die Kunst­ge­wer­be­schu­le in Ba­sel und be­leg­te die Fach­klas­se Ma­le­rei, wo der abs­trak­te Ma­ler Franz Fe­dier ihr Leh­rer war. Mit sieb­zehn Jah­ren lern­te sie ei­nen jun­gen Mann mit viel zu gros­sem Man­tel ken­nen, der spä­ter, viel spä­ter, ein ex­trem er­folg­rei­cher Schrift­stel­ler wer­den wür­de. Nach zwei Jah­ren hei­ra­te­ten die bei­den, und sie nahm sei­nen Na­men an. Sie hat­te zu die­ser Zeit ers­te Aus­stel­lun­gen, und als sie sich kurz dar­auf vom Mann mit dem zu gros­sen Man­tel wie­der schei­den liess, wur­de ihr ge­ra­ten, sei­nen Na­men als Künst­ler­na­men zu be­hal­ten. Die­sen Na­men trägt sie noch heu­te, ob­wohl in ih­rem Pass längst wie­der der Mäd­chen­na­me ver­merkt ist: Wild.

Gleich­gül­ti­ges «Hopp­la»

Am En­de ih­res ers­ten Ta­ges ha­ben die Män­ner von Glads­to­ne hun­dert Bil­der fo­to­gra­fiert. Am zwei­ten Tag schaf­fen sie zwei­hun­dert, der Blitz zuckt in im­mer kür­zer wer­den­den Ab­stän­den an die graue Well­blech­de­cke hoch.

Die Bil­der wer­den her­an­ge­tra­gen, als wä­ren wir auf ei­ner Auk­ti­on. Lein­wän­de schlei­fen über den Fuss­bo­den, aber das scheint Su­ter nicht zu stö­ren. Glei­tet ein Bild ver­se­hent­lich aus den Hän­den der Ar­bei­ter, sagt sie «Hopp­la», mit ei­ner Stim­me vol­ler Gleich­gül­tig­keit.

Ein­mal sind die sche­men­haf­ten Um­ris­se des rie­si­gen Bon­zo zu se­hen, ro­sa auf sand­far­be­nem Grund. Ein­mal ei­ne Art En­gel, in Blut­rot und Senf­gelb, so re­du­ziert, als sei dies die Flag­ge ei­nes un­be­kann­ten Lan­des. Und dann die Bil­der, die den Gross­teil ih­rer Ar­beit aus­ma­chen: gross­flä­chi­ge Lein­wän­de, auf de­nen brei­te Pin­sel­stri­che er­kenn­bar sind, de­ren Rät­sel­haf­tig­keit da­durch ver­stärkt wird, dass man als Be­trach­ter den Ein­druck be­kommt, man sei Teil ei­nes Spiels – als hör­te man im Hin­ter­grund die Stim­me der Ma­le­rin, die flüs­tert: Ich se­he was, was du nicht siehst.

Kurz dar­auf flüs­tert sie tat­säch­lich: «Es gibt auch Bil­der, die ich nicht her­aus­ge­be» und klopft auf die Kis­te, an der wir leh­nen. Dann legt sie sich den Zei­ge­fin­ger an die Lip­pen und zwin­kert mit den Au­gen.

Die 1970er-jah­re ver­brach­te Su­ter auf Rei­sen, in Eu­ro­pa, Afri­ka und Süd­ost­asi­en, sie mal­te und fo­to­gra­fier­te. Im Ja­nu­ar 1981 nahm sie an ei­ner Grup­pen­aus­stel­lung in der Kunst­hal­le Ba­sel teil. Vier Künst­le­rin­nen und nur zwei Künst­ler stell­ten aus – die­se Über­zahl an Frau­en war ein No­vum in der Schweiz. Die Aus­stel­lung war auch ein Mei­len­stein in Be­zug auf die ver­schie­de­nen Aus­drucks­for­men, da In­stal­la­ti­on, Ma­le­rei und Fo­to­gra­fie zu­sam­men­spiel­ten. Die aus­schliess­lich jun­gen Künst­le­rin­nen und Künst­ler wur­den zu­dem im Haupt­pro­gramm ge­zeigt und nicht nur als Teil ei­ner Weih­nachts­aus­stel­lung, wie dies in der Ver­gan­gen­heit üb­lich ge­we­sen war. Die Idee zu die­ser mu­ti­gen Ak­ti­on hat­te der Ku­ra­tor Je­an-christophe Am­mann ge­habt, der ei­ne Art Ga­rant für Er­folg war: Wenn man als Künst­ler mit Am­mann zu­sam­men­ar­bei­te­te, galt man als eta­bliert.

Ei­ne der Frau­en, die im Jahr 1981 aus­stell­ten, war Mi­ri­am Cahn, die nur kur­ze Zeit spä­ter Welt­ruhm er­lang­te. Ih­re aus­ge­stell­ten Zeich­nun­gen wa­ren et­was fins­ter, hat­ten die Be­su­cher ih­ren Raum durch­quert und be­tra­ten den hin­ters­ten Raum, so wur­den sie dort al­ler­dings mit ei­ner Ex­plo­si­on von Far­ben kon-

fron­tiert. Su­ters Wer­ke wa­ren mehr Ob­jekt als Bild, sie wa­ren un­för­mig, wirk­ten chao­tisch. «Ich fand das gross­ar­tig», sagt Cahn heu­te, «von mir aus war es die span­nends­te Ar­beit der Aus­stel­lung.»

In die­sem Le­bens­mo­ment brach für Su­ter al­ler­dings et­was ent­zwei. Sie be­merk­te, dass es ihr kei­nen Spass mach­te, mit ei­nem Glas Cham­pa­gner in der Hand auf Aus­stel­lun­gen her­um­zu­ste­hen und mit Leu­ten zu plau­dern. Es fühl­te sich schief und falsch an. «Die­ses Grup­pen-ding be­hag­te mir nicht, ich war un­glück­lich», sagt sie heu­te, «und des­halb bin ich da­mals ein­fach so ver­schwun­den.»

Für Mi­ri­am Cahn war das un­ver­ständ­lich: Jetzt ist je­de Frau ge­fragt, mehr denn je­mals zu­vor! Wie kann sich die­se Frau ein­fach so da­von­steh­len? Cahn war klar, dass die jun­ge Künst­le­rin so­fort wie­der in Ver­ges­sen­heit sin­ken wür­de, wenn sie das So­zia­le am Kunst­markt mied. Kei­ne Ga­le­rie wür­de ihr hin­ter­her­rei­sen.

Was will ich ei­gent­lich?

Be­son­ders nicht dort­hin, wo­hin Su­ter ging. Sie reis­te nach Los An­ge­les, wo sie aber nur zwei Wo­chen blieb, da es ihr nicht ge­fiel. In öf­fent­li­chen Bus­sen durch­quer­te sie Me­xi­ko in Rich­tung Sü­den, bis nach Gua­te­ma­la, wo da­mals Bür­ger­krieg herrsch­te. Als der Bus den See Atit­lán er­reich­te, war Nacht, und der Fah­rer wei­ger­te sich, bis in die Haupt­stadt wei­ter­zu­fah­ren, da dies zu ge­fähr­lich sei. Am nächs­ten Mor­gen er­wach­te Vi­vi­an Su­ter am See.

Es scheint sehr ein­fach, sich die da­ma­li­ge Sze­ne vor­zu­stel­len: Ei­ne schö­ne jun­ge Frau mit läng­li­chem Ge­sicht, lan­gen und leicht ge­well­ten rot­brau­nen Haa­ren, mit Lach­fält­chen an den Mund­win­keln und ei­nem sen­ti­men­ta­len Blick in den Au­gen, der fast ein biss­chen trau­rig wirkt oder zu­min­dest me­lan­cho­lisch – die­se Frau steht an ei­nem war­men Tag An­fang der 1980er-jah­re vor die­ser ab­surd pit­to­res­ken Sze­ne­rie, an de­ren Rän­dern Krieg herrscht, und sie fragt sich: Was will ich ei­gent­lich in die­sem Le­ben? Sie will Ein­fach­heit, sie will in Ru­he ge­las­sen wer­den, aber sie will auch ma­len. Bei­des zu­sam­men scheint sie nicht zu be­kom­men, zu­min­dest nicht an die­sem Ort, wo es kei­nen ein­zi­gen Men­schen gibt, der et­was von Kunst ver­steht – es ist so­gar frag­lich, ob es hier Lein­wän­de und Far­be zu kau­fen gibt.

Su­ter mie­te­te am Ufer des Sees ein Haus, das ein biss­chen un­heim­lich wirk­te und wo es nach Schwe­fel roch, von ei­ner war­men Qu­el­le in der Nä­he. Ei­ni­ge Mo­na­te spä­ter ging dort öf­ters ein wei­te­rer Aus­län­der ein und aus: ein So­zio­lo­ge und Kri­mi­no­lo­ge, Pro­fes­sor aus den USA, der auf die vier­zig zu­ging, längst nicht mehr ar­bei­te­te und kaum Geld be­sass, da er sein Er­spar­tes wäh­rend ei­ner Wirt­schafts­kri­se ver­lo­ren hat­te. Die Leu­te im Dorf nann­ten ihn Man­go Bob. Er war nach Gua­te­ma­la ge­kom­men, da er von ei­nem Le­ben träum­te, in dem er nichts an­de­res tun konn­te, als Früch­te zu es­sen. Er lieb­te Früch­te sehr. «Er kam und ging nicht wie­der», sagt Su­ter. 1985 kam ihr Sohn Frank zur Welt. Nach ei­nem ar­beits­in­ten­si­ven Tag ko­chen die Män­ner von Glads­to­ne mit Vi­vi­an Su­ter in der Kü­che Ba­ril­la-spa­ghet­ti mit To­ma­ten­sau­ce. Es wird über Ma­le­rei ge­re­det. Von der Ma­le­rei heisst es im­mer mal wie­der, sie sei tot. Ganz zum Är­ger von Ma­lern, die die­ser Aus­sa­ge nicht zu­stim­men, et­wa die Ke­nia­ne­rin Wan­ge­chi Mu­tu, die ein­mal sag­te: «Wer hat die Ma­le­rei er­mor­det? War­um hat mir nie­mand ge­sagt, dass sie für tot er­klärt wur­de?» Der Be­treu­er von Glads­to­ne al­ler­dings ver­si­chert, die Ma­le­rei sei ganz und gar nicht tot. Die­ser An­sicht sind auch die Kunst­ex­per­ten: Die Ma­le­rei sei ei­ne eher kon­ser­va­ti­ve Form der Kunst, die im­mer dann Auf­schwung er­hal­te, wenn die Wirt­schaft in ei­ne Kri­se sin­ke. Su­ter äus­sert sich nicht zu die­sem The­ma, ihr Schwei­gen macht den Ein­druck, als wür­den Mo­de­strö­mun­gen aus­ser­halb ih­rer Wahr­neh­mung vor­bei­zie­hen und sie in kei­ner Wei­se be­rüh­ren.

Nach dem Es­sen sitzt man im Wohn­zim­mer bei ei­nem Glas Rot­wein. Un­ter ei­nem höl­zer­nen Tisch steht die See­kis­te, mit der Franz Pollak, sei­ne Frau Stefanie und ih­re Toch­ter Eli­sa­beth vor vie­len Jah­ren von Zagreb nach Bu­e­nos Ai­res reis­ten. An ei­ner Wand hängt ein Lou­is-phil­ip­pe-spie­gel, der einst im An­ti­qui­tä­ten­la­den in Ba­sel un­ver­kauft blieb. Mit­ten im Raum ste­hen hin­ter zwei nie­de­ren So­fas zwei Ba­na­nen­stau­den, die ih­re Blät­ter hoch un­ters Dach stre­cken. Im Ka­min brennt ein Feu­er. Ei­ne Dis­co­ku­gel hängt von der De­cke, ne­ben ei­nem Kron­leuch­ter, der al­ler­dings we­der Glüh­bir­nen hat noch Ker­zen­hal­ter und des­sen Zweck ein­zig und al­lein die Schön­heit zu sein scheint. Ein run­der Tisch ist über und über mit Bü­cher­sta­peln be­deckt: «The Com­ple­te Sto­ries by Cla­ri­ce Li­s­pec­tor», «Da­vid Hock­ney by Da­vid Hock­ney», «Re­be­ti­ka: Songs from the Old Greek Un­der­world», und zwi­schen die­sen Sta­peln steht ei­ne so­lar­be­trie­be­ne ti­be­ti­sche Ge­bets­müh­le, ir­gend­wo lie­gen ein Filz­mar­ker und ei­ne CD der Al­ter­na­ti­ve-me­talband Tool.

Der­weil wird Wein nach­ge­schenkt. Man un­ter­hält sich dar­über, was nun wei­ter mit der Ar­chi­vie­rung der Bil­der ge­schieht. Die Be­sit­ze­rin von Glads­to­ne wird sich die Fotos an­schau­en und je­ne Bil­der aus­wäh­len, die ihr am bes­ten ge­fal­len. Po­ten­zi­el­le Käu­fer be­kom­men dann aber nicht zwan­zig Bil­der vor­ge­setzt, von de­nen sie sich ei­nes aus­su­chen dür­fen. Son­dern die Ga­le­rie wählt das Bild, be­stimmt den Preis, bie­tet das Bild dem Samm­ler an, und der legt das Geld hin.

«So läuft das im Kunst­markt», sagt der Fo­to­graf, lehnt sich zu­rück und nippt an sei­nem Glas.

Ei­nes Ta­ges, als Vi­vi­an Su­ter be­reits Mut­ter war, spa­zier­te sie durch Pa­na­ja­chel und kam an ei­nem Haus vor­bei, in dem ein Gärt­ner gera­de bei der Ar­beit war. Sie frag­te ihn, ob er von ei­nem Haus wis­se, das zum Ver­kauf ste­he. Nein, sag­te der Gärt­ner, aber er wis­se von ei­ner aus­ge­dien­ten Kaf­fee­plan­ta­ge et­was wei­ter den Hü­gel hoch, das sei al­ler­dings nur ein Grund­stück. Su­ter ging hin, und heu­te sagt sie: «Ich ver­lieb­te mich in die Wür­ge­fei­ge.»

Da­mals leb­ten auf die­sem Grund­stück Wild­kat­zen, Re­he, Gür­tel­tie­re und Ha­sen. Eli­sa­beth Wild gab ih­rer Toch­ter das Geld, um das Haus zu bau­en, in dem sie bis heu­te lebt. In den ers­ten Jah­ren, als im Land noch Bür­ger­krieg herrsch­te, gab es kei­nen Strom. Von Ge­fech­ten be­kam sie al­ler­dings kaum et­was mit. Für Su­ter war der Krieg eher wie ein Ge­spenst, das al­le fürch­te­ten und über das nicht ge­spro­chen wur­de. Nur ein­mal wur­de Gua­te­ma­la zu ei­ner Be­dro­hung, als sie an­ony­me Brie­fe be­kam: Man be­ab­sich­ti­ge, ih­ren Sohn zu ent­füh­ren und Lö­se­geld zu er­pres­sen. Sie reis­te in die na­he Stadt An­ti­gua, dann nach Hon­du­ras und spä­ter zu ih­rer Mut­ter in die Schweiz. Aber kurz dar­auf kehr­te sie zu­rück, denn Gua­te­ma­la fühl­te sich nun wie ei­ne Hei­mat an.

Am nächs­ten Tag ge­he ich mit Su­ter durch den Gar­ten, Vö­gel zwit­schern, In­sek­ten sum­men, Spinn­we­ben zer­reis­sen an der Haut. In der Fer­ne hu­pen Au­tos, und die Klän­ge ei­ner Marsch­ka­pel­le we­hen her­über. Wir ge­hen an ei­nem Teich vol­ler Gold­fi­sche vor­bei, un­ter der Wür­ge­fei­ge hin­durch, dann ei­nen stei­len Weg berg­auf über tro­cke­ne Blät­ter hin­weg. Zwei oder drei Mi­nu­ten spä­ter ist als schwar­zer Schat­ten zwi­schen den Bäu­men ein klei­nes Haus am Ab­hang er­kenn­bar. Es steht auf neu­en Be­ton­fun­da­men­ten. Die al­ten Pfei­ler sind in der Feuch­tig­keit ver­fault, und es grenzt an ein Wun­der, dass sie nie ein­knick­ten, denn die Fäul­nis frass sich bis fast un­ter die Veran­da, die neu­en Pfei­ler sind so­mit meh­re­re Me­ter hoch. Ei­ne Re­no­va­ti­on wä­re schon vor Jah­ren fäl­lig ge­we­sen, aber erst jetzt ist das Geld da­für vor­han­den.

Als wir die Veran­da des Hau­ses er­rei­chen, se­he ich im ers­ten Mo­ment nur Farbkü­bel, in de­nen sich Re­gen­was­ser sam­melt. Da­hin­ter liegt das Ate­lier. Es ist ein mön­chi­scher Ort oh­ne Fens­ter. Licht strömt durch die Tür her­ein und durch zwei Lu­ken aus mil­chi­gen Kunst­stoff-well­plat­ten im Dach. Im Raum lie­gen we­der Ma­ga­zi­ne noch Bü­cher her­um, es gibt kei­nen Stuhl, auf dem man sich aus­ru­hen könn­te. Ein Tisch steht zwar da, aber er dient als Abla­ge­flä­che, und auf der Tisch­plat­te haf­tet ei­ne zen­ti­me­ter­di­cke Farb­mas­se, die mit den Jah­ren ein­trock­ne­te. Da lie­gen ein Hammer und ein Handt­a­cker und ei­ne Rol­le Ma­ler­kle­be­band; da lie­gen Pin­sel so breit, wie ein Fuss lang ist; da ste­hen Farbkü­bel der Mar­ke Co­ro­na Clá­si­ca oder Pé­béo Stu­dio Acrylics.

Ihr Lieb­lings­ort ist je­doch die Aus­sen­wand des Ate­liers, wo sie un­ter frei­em Him­mel ma­len kann. Die Wand ist rot ge­stri­chen, gel­be, blaue und schwar­ze Schlie­ren deu­ten die Rän­der der Lein­wän­de an. Bei star­ken Schau­ern sprit­zen Klümp­chen Dschun­gel­bo­den auf die Bil­der, was Su­ter sehr ge­fällt. Als wir da oben sind, liegt ein Bild auf dem Bo­den der Veran­da, und ei­ner der Hun­de geht dar­über hin­weg. Sie ruft erst «Nein!», dann sagt sie: «Das ge­hört auch da­zu.» Hun­de­pfo­ten sind auf et­li­chen Bil­dern er­kenn­bar.

«Ha­ben Sie nie Angst, dass ein­mal der Drang schwin­den könn­te, Neu­es zu er­schaf­fen?», fra­ge ich.

Sie denkt kaum ei­ne Se­kun­de nach, ehe sie sagt: «Ich wer­de schon ner­vös, wenn ich ein paar we­ni­ge Ta­ge nicht ar­bei­ten kann.»

Wenn sie malt, hat sie kei­nen fes­ten Plan. «Ich will, dass das Bild sich mir zeigt», sagt sie. Der Weg dort­hin nimmt sei­nen An­fang oft durch ein Vo­gel­ge­zwit­scher, ein Kir­chen­läu­ten oder durch Mu­sik aus der Fer­ne – sie sagt, es sei­en die Ge­räu­sche, die sie zum Ma­len mo­ti­vie­ren. Das ak­tu­el­le Bild wird zu­dem oft vom vor­an­ge­gan­ge­nen Bild be­ein­flusst. Ob be­wusst oder un­be­wusst: Su­ter hat sich da­mit ei­ne Ar­beits­wei­se an­ge­eig­net, die vie­le mo­der­ne Künst­ler pfle­gen, et­wa der Us-ame­ri­ka­ni­sche Ma­ler Jas­per Johns, für den je­der Pin­sel­strich das Re­sul­tat ei­nes Er­eig­nis­ses ist, das kurz zu­vor pas­sier­te.

Su­ter malt ih­re Bil­der qu­er, hängt sie aber hoch. Man müss­te mei­nen, dass dies den Ein­druck er­weckt, als hät­te man das Werk ver­se­hent­lich falsch her­um auf­ge­hängt. Das tut es selt­sa­mer­wei­se aber nicht. Es gibt auch Bil­der, die sie mit der Rück­sei­te zum Be­trach­ter auf­hängt, da ihr die Rück­sei­te bes­ser ge­fällt. Sämt­li­che Bil­der wer­den nach der Voll­en­dung von den Keil­rah­men ge­trennt, an Dach­lat­ten ge­na­gelt und in den La­ger­raum ge­hängt. Dort blei­ben sie, bis sie aus­ge­stellt wer­den. Auch Käu­fer dür­fen die Bil­der mit ein­fa­chen Nä­geln di­rekt an die Wand na­geln, was al­ler­dings nicht al­le übers Herz brin­gen.

In die­ses Ate­lier stieg Su­ter Tag für Tag hoch und mal­te und mal­te und mal­te. Der Bür­ger­krieg war ir­gend­wann vor­bei, der Pro­fes­sor reis­te ei­nes Ta­ges zu­rück in die USA, Sohn Frank wur­de grös­ser und grös­ser, und Su­ter mal­te noch im­mer. Sie stell­te zwar in Lu­zern, Zü­rich und Ba­sel aus und in Ita­li­en, Hol­land und den USA, aber ihr Werk stiess kaum auf In­ter­es­se. Im Lau­fe der 1990er-jah­re zog sie sich fast aus­schliess­lich in ih­re Ar­beit zu­rück.

Su­ter leb­te der­weil vom Ein­kom­men der Mut­ter. Zwar wur­de sie durch die Ga­le­rie Stam­pa in Ba­sel un­ter­stützt oder durch Al­f­red Rich­te­rich von der Samm­lung Ri­co­la, der Bil­der kauf­te und für ge­wis­se Rei­sen be­zahl­te, aber den Gross­teil von Vi­vi­an Su­ters Le­ben fi­nan­zier­te ih­re Mut­ter mit dem An­ti­qui­tä­ten­ge­schäft in Ba­sel.

Eli­sa­beth Wild ant­wor­tet auf die Fra­ge, war­um sie Vi­vi­an die­ses Le­ben all die Jah­re so be­din­gungs­los er­mög­lich­te: «Weil sie mein Kind ist.»

«Ha­ben Sie nie stopp ge­sagt?»

«War­um soll­te ich das?», sagt sie. «Ich ha­be stets an mei­ne Toch­ter ge­glaubt, und es war sehr trau­rig, dass nie­mand er­kannt hat, wie gut sie ist.»

«Und war­um ha­ben Sie sie nie da­zu be­wo­gen, in die Schweiz zu­rück­zu­keh­ren?»

«Weil es für uns selbst­ver­ständ­lich ist, dass man wo­an­ders le­ben will.»

Als ich Su­ter zum ers­ten Mal traf, an je­nem bit­ter­kal­ten Fe­bru­ar­tag in Zü­rich, woll­te ich von ihr wis­sen, wie sie sich wäh­rend die­ser lan­gen Zeit die in­ne­re Not­wen­dig­keit des Ma­lens be­wahrt hat­te. Ih­re Au­gen wur­den ein we­nig gla­sig, und sie sag­te lei­se: «Ich dach­te im­mer: De­nen wer­de ich es schon noch zei­gen!»

Die Män­ner von Glads­to­ne ei­len der­weil durch ih­ren letz­ten Tag in Su­ters La­ger­haus. Das Piep­sen der Blitz­lich­ter wie­der­holt sich so rasch und rhyth­misch, als sei es ein Me­tro­nom. Was schon am ers­ten Tag of­fen­sicht­lich war, wird nun zur ab­so­lu­ten Ge­wiss­heit: dass sie es nie schaf­fen wer­den. Das Aus­mass von Su­ters Werk ist schlicht über­wäl­ti­gend, es ist mit den Jah­ren ge­nau­so über sie hin­weg­ge­wach­sen wie die Ma­ca­damia- und Pa­pay­a­bäu­me, die Phi­lo­dend­ren und Kaf­fee­sträu­cher, es ist nun grös­ser als sie sel­ber.

Als wür­de sie sich für die­se Bil­der­flut ent­schul­di­gen, sagt sie dann: «Es tut mir leid, be­stimmt ist es furcht­bar lang­wei­lig für euch, all die­se Bil­der an­zu­schau­en», und zu ih­ren Füssen bal­gen und knur­ren die Hun­de und beis­sen ein­an­der ins Fell. Im Blitz­licht zieht ei­ne wei­te­re Serie vor­bei: Da ist ei­nes, das aus schwar­zen Spi­ra­len be­steht, was den Fo­to­gra­fen ver­an­lasst zu sa­gen: «Das ist mein Lieb­lings­bild», wor­auf der Be­treu­er sagt: «Du hast aber ei­ne dunk­le See­le», und Su­ter steht da­ne­ben und blickt zu ih­ren Füssen. Da ist ein grü­nes Bild, das je­dem ver­traut vor­kommt, der sich in die­sem Gar­ten schon ein­mal ver­lau­fen hat und nichts mehr sieht aus­ser ei­nem Moi­ré aus Blät­tern, die vom sanf­ten Wind in­ein­an­der­ge­scho­ben wer­den. Da ist das Bild, das aus­sieht wie der Be­ginn der Re­gen­zeit: Sil­ber­ne Fä­den flies­sen aus dem opa­ken Blau ei­nes kon­tur­lo­sen Him­mels.

Das al­les sind al­ler­dings Mut­mas­sun­gen, und die ein­zel­nen Bil­der blei­ben kryp­tisch, wie lo­se Ta­ge­buch­sei­ten im Le­ben ei­nes Men­schen. Da ist das Fra­gi­le, das Zer­brech­li­che, aber da ist auch ei­ne un­ge­heue­re Kraft, die in Stur­heit zu grün­den scheint oder in Ver­zweif­lung. Was da vor den Au­gen vor­bei­zieht, ist ein be­weg­tes Le­ben. Und so wer­den die Bil­der zu ei­ner Art Land­kar­te ei­nes klei­nen Uni­ver­sums, das aus Vi­vi­an Su­ter be­steht, ih­rer Freu­de, ih­rer Angst, ih­rer Hoff­nung und ih­ren Ent­täu­schun­gen, ih­rer Lee­re und Eu­pho­rie. Viel­leicht kann nur ih­re Art von Le­bens­ge­schich­te die­se Bil­der er­zeu­gen: wo man spürt, dass da noch viel mehr ist als das, was das Au­ge wahr­nimmt.

Auch der Dschun­gel ist auf vie­len Bil­dern wie­der­er­kenn­bar, nicht nur in Form der ge­trock­ne­ten Schlamm­res­te der Tro­pen­stür­me. Da fin­den auch im­mer wie­der Blät­ter ih­ren Weg auf die Lein­wän­de. Ei­ne Lein­wand hat Su­ter gar im Gar­ten ver­gra­ben, da sie neu­gie­rig dar­auf ist zu se­hen, was da­mit pas­siert. Die­se Ver­wi­schung von Men­schen­ge­mach­tem und Na­tur er­zeugt den Ef­fekt, dass man sich un­wei­ger­lich fragt: Wenn die Bil­der ein Teil der Na­tur wer­den, wenn sie von der Vor­stel­lung los­ge­löst wer­den, dass sie et­was un­end­lich Kost­ba­res sind, das man kaum an­fas­sen darf – ver­lie­ren sie dann nicht ih­re Bild­ei­gen­schaf­ten? Sie sind dann ei­gent­lich Skulp­tur. Die­ser Ein­druck wird da­durch ver­stärkt, dass Su­ter ih­re Wer­ke oft ge­nau­so aus­stellt, wie sie sie la­gert: dicht an dicht hän­gend wie Vor­hän­ge, zwi­schen de­nen man sich be­we­gen kann.

Ein ret­ten­des Te­le­fon­klin­geln

Mit 74 Jah­ren gab Eli­sa­beth Wild ihr An­ti­qui­tä­ten­ge­schäft in Ba­sel auf und zog nach Gua­te­ma­la. Su­ter liess für ih­re Mut­ter ein Haus gleich ne­ben ih­rem ei­ge­nen bau­en. In­ner­halb der fol­gen­den fünf Jah­re aber wur­de das Geld knapp, da es nun kein Ein­kom­men aus der Schweiz mehr gab. Su­ter ver­kauf­te noch im­mer kaum Bil­der. Es dau­er­te nicht lan­ge, und den Frau­en war klar, dass sie sich die­ses Le­ben nicht mehr leis­ten konn­ten. Sie be­schlos­sen, das Haus der Mut­ter zu ver­kau­fen.

Das ge­schah aber nicht, und zwar weil das Te­le­fon klin­gel­te. Am an­de­ren En­de der Lei­tung war Adam Szymc­zyk, der da­ma­li­ge Ku­ra­tor der Kunst­hal­le Ba­sel. Es war das Jahr 2011, und Szymc­zyk war im Archiv der Kunst­hal­le auf Su­ters Ar­bei­ten der Aus­stel­lung von 1981 ge­stos­sen. Sei­ne Be­geis­te­rung für die Wer­ke hat­te zur Fol­ge, dass er sie in iden­ti­scher Form noch­mals zeig­te. Ein Jahr spä­ter stell­te er die Wer­ke von Vi­vi­an Su­ter und Eli­sa­beth Wild in Me­xi­ko­stadt aus und zwei Jah­re da­nach aber­mals, dies­mal in Ba­sel. Er be­such­te Gua­te­ma­la und schick­te dar­auf die Künst­le­rin Ro­sa­lind Nas­ha­shi­bi nach Pa­na­ja­chel, um ei­nen Do­ku­men­tar­film zu dre­hen. Den Film «Vi­vi­an’s Gar­den» zeig­te er an der Do­cu­men­ta 14 in At­hen und Kas­sel.

Da­mit lös­te Szymc­zyk je­nen Su­ter­rum­mel aus, der bis heu­te an­hält und letzt­lich da­rin re­sul­tiert, dass die Leu­te von Glads­to­ne hier sind, dass man ei­ne

Aus­stel­lung auf der High Li­ne vor­be­rei­tet und dass ih­re Schwei­zer Ga­le­ris­tin an der Art Ba­sel in­nert ei­nes ein­zi­gen Ta­ges mehr als ein Dut­zend Bil­der ver­kauft.

Adam Szymc­zyk sagt auf An­fra­ge, war­um ihn die­se bei­den Frau­en so sehr fas­zi­nie­ren: «Sie sind frei, sie sind Flücht­lin­ge mit ver­floch­te­nen Le­bens­ge­schich­ten.» Die Iso­la­ti­on, in der sie ge­ar­bei­tet ha­ben, fern­ab der Kunst­sze­ne, ha­be ih­rem Werk fast schon et­was Er­ha­be­nes ge­ge­ben.

«Adam hat uns das Le­ben ge­ret­tet», sagt Su­ter, als ich sie dar­auf an­spre­che.

Sie fügt an, sie be­zie­he dies nicht nur auf ihr künst­le­ri­sches Le­ben, son­dern auf das Le­ben ganz all­ge­mein: Sie hät­ten schlicht kein Geld mehr ge­habt, um zu über­le­ben.

Als sie das sagt, ste­hen wir auf dem Sitz­platz hin­ter ih­rem Haus, wo ei­ne Schau­kel an ei­nem sehr lan­gen Seil von ei­nem Ast der Wür­ge­fei­ge her­ab­hängt. Su­ter legt gera­de ei­ne Mat­te aus ge­floch­te­nen Pal­men­blät­tern zum Trock­nen über ei­nen Stuhl, als ich sie fra­ge, was denn aus ih­rer Sicht ei­ne Künst­le­rin sei.

«Oh», sagt sie und läuft in Rich­tung Haus. Sie ver­schwin­det gera­de im Haus, als sie sagt: «Ich weiss es nicht – das müss­te mir mal je­mand er­klä­ren.»

655 Bil­der

An ih­rem letz­ten Abend in Su­ters Haus ste­hen die Män­ner von Glads­to­ne in der Kü­che und be­rei­ten aus den Es­sens­res­ten der Wo­che ei­ne grosse Mahl­zeit zu. Nie­mand spricht da­von, dass ein gan­zer Raum vol­ler Bil­der üb­rig ge­blie­ben ist. Auch ist nicht ganz klar, was mit die­ser Ar­chi­vie­rung, die fern von kom­plett ist, wei­ter ge­schieht. Den­noch schei­nen al­le glück­lich zu sein, der Fo­to­graf sagt: «Wow, das war aber viel!», der Be­treu­er sagt: «655 Bil­der – ein neu­er Re­kord.»

Su­ter schiebt Eli­sa­beth Wild im Roll­stuhl durch den Dschun­gel her­an, die Mut­ter hält ei­nen zu­ge­klapp­ten Re­gen­schirm in der Hand, die Spit­ze von sich ge­streckt, und als sie die Hin­ter­tür der Kü­che er­rei­chen, ruft die Toch­ter: «Hier kommt der Rit­ter mit sei­ner Lan­ze!», und bei­de la­chen.

Vi­vi­ans Sohn Frank hackt Sel­le­rie für ei­nen Thun­fisch­sa­lat. Er ist ein jun­ger Mann mit Base­ball­müt­ze, der sei­ne Zeit zwi­schen Me­xi­ko-stadt und Pa­na­ja­chel auf­teilt und als DJ und To­n­in­ge­nieur tä­tig ist. Seit er ein klei­ner Jun­ge war, ist die­ses Stück Dschun­gel nicht nur Hei­mat, son­dern auch Ar­beits­ort. Auf sei­ne Mut­ter und die Bil­der an­ge­spro­chen, deu­te­te er mit dem Kinn in Rich­tung Ate­lier und sagt: «Sie war im­mer da oben.» Als wir am Tisch sit­zen, um­ge­ben von Tor­til­las, Chi­li­sau­ce, Fri­jo­les, Gua­ca­mo­le und Wein, da er­kun­digt sich Frank bei sei­ner Mut­ter, wann sie denn ge­den­ke, sei­ne Plä­ne mit dem Ton­stu­dio um­zu­set­zen. Denn der­einst soll ein wei­te­res Haus in die­sem Gar­ten er­rich­tet wer­den: ein Ort für Mu­sik. Man wägt ver­schie­de­ne Ge­dan­ken ge­gen ein­an­der ab, und bald wird klar, dass es wohl nicht so schnell vor­wärts­ge­hen wird, wie Frank lieb wä­re. Als der Abend all­mäh­lich in Nacht glei­tet, pras­selt der Re­gen auf das Well­blech­dach, und et­was vom Letz­ten, was Su­ter sagt, ist: «Trinkt doch noch ein Glas Wein, be­vor ihr geht.»

Ei­ni­ge Zeit spä­ter schreibt sie mir ei­ne E-mail. Sie er­wähnt den Scha­ma­nen mit sei­ner rau­chen­den und trin­ken­den Pup­pen­ge­stalt und äus­sert die Sor­ge, sie ha­be al­len­falls ei­nen spi­ri­tua­lis­ti­schen Ein­druck er­weckt. Sie wol­le auf kei­nen Fall als ei­ne Art Ma­ya­pries­te­rin por­trä­tiert wer­den. Ich schrei­be zu­rück, das sei we­der mei­ne Ab­sicht, noch wer­de es ge­sche­hen.

Die Er­in­ne­rung an die Pup­pen­ge­stalt bleibt aber trotz­dem hän­gen, al­ler­dings aus ei­nem ganz an­de­ren Grund. Was sag­te sie noch mal dar­über? Dass man die­se Gestalt un­be­dingt ge­se­hen ha­ben müs­se. Aber was sa­hen wir wirk­lich? Wir sa­hen die Mas­ke, wir sa­hen die sei­de­nen Fou­lards, ro­sa, tür­kis und hell­blau, aber wir sa­hen nicht, was hin­ter Mas­ke und Fou­lards ver­bor­gen lag. Es blieb ein Rätsel aus mys­te­riö­ser In­ten­si­tät und selt­sa­mer Exo­tik: die Wahr­neh­mung des Frem­den, der im­mer sieht, aber sel­ten ver­steht.

Su­ter, die ein Le­ben lang ei­ne Frem­de ge­we­sen war, schien fas­zi­niert von die­ser Gestalt, aber kei­nes­wegs ir­ri­tiert. Ich frag­te sie, ob es denn die Or­te sei­en, die ei­nen Men­schen am meis­ten for­men und in­spi­rie­ren – die Or­te, durch die man im Lau­fe ei­nes Le­bens zie­he.

«Viel­leicht», sag­te sie und ent­fern­te sich.

Sie lief die Ban­k­rei­hen der Kir­che ent­lang, liess die Fin­ger­kup­pen über die Leh­nen glei­ten, aber dann stand sie still, dach­te nach und rieb sich die Hand­flä­chen.

«Kön­nen denn Or­te je­mals spur­los an ei­nem vor­bei­ge­hen?», frag­te sie.

Die Fra­ge hat sie nicht be­ant­wor­tet. Aber die Fra­ge kam auch nicht wie­der auf.

Die Künst­le­rin vor ih­rem Haus in Pa­na­ja­chel, in­mit­ten des Dschun­gels von Gua­te­ma­la.

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