max küng Lie­be Frau Mau­rer

Das Magazin - - Contents - M A X K Ü N G ist Re­por­ter bei «Das Ma­ga­zin»; Il­lus­tra­ti­on SATOSHI HA­SHI­MO­TO

ich möch­te mich bei Ih­nen be­dan­ken für die net­ten Wor­te, die Sie mir ge­schrie­ben ha­ben, auf ei­ne Kar­te aus fes­tem Pa­pier, er­hal­ten per Post in ei­nem no­blen Cou­vert. Es ist ja so, dass man an­de­ren Men­schen eher schreibt, wenn man et­was zu be­kla­gen hat. Ich weiss das aus Er­fah­rung, ei­ner­seits als Adres­sat wie aber auch als Adres­sant. An die­ser Stel­le et­wa woll­te ich ei­gent­lich dem Trot­tel mit dem VW Sha­ran schrei­ben, der mich in der 30er-zo­ne in Zü­rich Wie­di­kon bei­na­he über den Hau­fen fuhr, be­vor er an­hielt, die Schei­be run­ter­liess und mir Un­freund­lich­kei­ten zu­rief (ein ty­pi­scher Zü­rich-mo­ment al­so); dann je­doch dach­te ich, ganz in der Ma­nier des Eso­te­rik-kin­der­stars Chris­ti­na von Drei­en: Die Lie­be ist mei­ne Re­li­gi­on! Hal­te dich an das Gu­te, und das Gu­te wird kom­men und dich um­schwär­men wie ein Ru­del Stech­mü­cken den saf­ti­gen Leib ei­nes in der Süd­see Schla­fen­den mit süs­sem Blut. Es kommt ja auf die Ein­stel­lung an; erst un­längst wur­de mir ei­ne Lek­ti­on er­teilt, als ich die Hot­li­ne ei­nes In­ter­net­an­bie­ters an­rief und die Zeit stop­pen woll­te, bis ich ei­nen Men­schen am Ap­pa­rat hät­te, da­mit ich spä­ter prä­zi­se sa­gen könn­te: «Du­del­mu­sik bis zur Hirn­ver­schmür­ze­lung! Es dau­er­te 47 Mi­nu­ten und 22 Se­kun­den und 13 Hun­derts­tel! Was für ei­ne Welt!» Zu mei­ner Ver­blüf­fung aber dau­er­te es bloss 17 Se­kun­den. Und der Mann am an­de­ren En­de war nett und gut ge­launt, bald war auch das Pro­blem be­ho­ben. Auch da dach­te ich: Die Lie­be ist mei­ne Re­li­gi­on! Oder we­nigs­tens die Ser­vice-freund­lich­keit.

Al­so schrei­be ich kei­ne Kla­ge, kei­ne Be­schwer­de, kein Ge­nör­gel, son­dern sen­de Ih­nen ein schlich­tes Dan­ke­schön.

Wir ken­nen uns ja kaum, ge­nau­er: Ich ha­be Sie nur zwei­mal kurz ge­se­hen. Sie ar­bei­ten in der Ysl­bou­tique an der Zürcher Bahn­hof­stras­se, die ich neu­gie­rig, aber auch mit Zu­rück­hal­tung be­trat, ge­nau­er: auf der Su­che nach ei­nem Ge­schenk für ei­ne spe­zi­el­le Per­son für ei­nen spe­zi­el­len An­lass. Es war ein hef­ti­ger Re­gen­tag, ich war schirm­los un­ter­wegs, trat klatsch­nass hin­ein in ei­ne Um­ge­bung, die nicht mein na­tür­li­ches Ha­bi­tat ist. Als ich zu Bo­den blick­te, da sah ich, dass der aus mei­nen lau­si­gen Turn­schu­hen si­ckern­de Re­gen auf dem schö­nen Mar­mor ei­ne Pfüt­ze bil­de­te, als hät­te ich das Was­ser nicht hal­ten kön­nen. Ich rech­ne­te da­mit, dass man mich aus dem La­den ja­gen wür­de. Wie ge­sagt: No­bel­bou­ti­quen sind nicht mein Re­vier; und der Mar­mor im In­ne­ren hat die­sel­be Wir­kung wie der in den ka­tho­li­schen Kir­chen, er schüch­tert mich ein. Doch dann er­schie­nen Sie, freund­lich lä­chelnd, vor­ur­teils­frei nah­men Sie mich als der, der ich war: ein ver­un­si­cher­ter Kun­de, dem ge­hol­fen wer­den muss­te. Sie be­rie­ten mich for­mi­da­bel; und als ich am nächs­ten Tag mei­nen Ein­kauf ab­hol­te, da war der gross­ar­tig zu ei­nem Ge­schenk ver­packt, dass ich dach­te, die Prä­sent­schach­tel al­lein wä­re schon den Ein­kaufs­preis wert ge­we­sen, viel­leicht auch schon nur die fei­ne Stoff­schlei­fe drum her­um.

Ein­mal war ich bei ei­nem Ju­we­lier (auch an der Bahn­hof­stras­se), um nach ei­nem Ring zu su­chen, ei­nem spe­zi­el­len Ring-für-ei­ne-spe­zi­el­le-per­so­nund-so-wei­ter. Ich sah mir di­ver­se Mo­del­le an, und als mir ein Ring be­son­ders gut ge­fiel, da tat ich et­was sehr Un­coo­les: Ich frag­te nach dem Preis. Als ich die Au­gen wie­der öff­ne­te, sah ich den De­cken­ven­ti­la­tor sich lang­sam dre­hen, ent­fernt sprach je­mand mei­nen Na­men. Nun ja, das ist et­was über­trie­ben, ich fiel nicht wirk­lich in Ohn­macht, aber ir­gend­wie schon. Ein Jahr spä­ter wohl, da grüss­te mich mit­ten auf der Stras­se ei­ne Frau. Ich kann­te sie nicht, sie aber blieb ste­hen, be­grüss­te mich mit mei­nem Na­men, er­kun­dig­te sich nach mei­ner Frau und mei­nen Kin­dern, de­ren Na­men sie auch noch wuss­te (ich liess sie da­mals in den Ring ein­gra­vie­ren); und erst St­un­den spä­ter, lan­ge nach­dem ich mich – et­was ver­wirrt – von ihr ver­ab­schie­det hat­te, wur­de mir schlag­ar­tig klar: Es war die Ver­käu­fe­rin des Ju­we­lier­la­dens ge­we­sen! Ich war tief be­ein­druckt: von ih­rer Fä­hig­keit, sich Ge­sich­ter und Na­men zu mer­ken, so­wie von ih­rer na­tür­li­chen, ele­gan­ten Freund­lich­keit.

Und so ist es nun auch. Noch­mals vie­len Dank für Ih­re Zei­len und die freund­li­che Be­die­nung. Ich könn­te mich dar­an ge­wöh­nen.

Mit nicht we­ni­ger freund­li­chen Grüs­sen Max Küng

PS Song zum The­ma: «Thank You For The Mu­sic» von Cor­ne­li­us vom Al­bum «Fan­tas­ma», 1997

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