ein tag im le­ben von drei Schwes­tern

Das Magazin - - Contents - Pro­to­koll LI­LIA­NE SCHE­RER Bild MARK FORDHAM

Ich bin Nao­mi Hamp­le, die mitt­le­re von uns drei Schwes­tern. Ich ha­be nach dem Col­le­ge 1958 im Ge­schäft be­gon­nen. Und lie­be es noch im­mer, je­den Tag, in den Ar­go­sy Book Sto­re, New York Ci­tys äl­tes­ten un­ab­hän­gi­gen Buch­la­den, zu kom­men. Je­de von uns hat ihr Spe­zi­al­ge­biet, in das sich die bei­den an­de­ren nicht ein­mi­schen. Mei­nes sind die Au­to­gra­phen im obe­ren Stock, in­zwi­schen die von Tau­sen­den Be­rühmt­hei­ten.

Ich bin Ju­dith Lo­wry, die Äl­tes­te. Hier ist ein Fa­mi­li­en­busi­ness, an­ders als in Eu­ro­pa, un­üb­lich, und so hät­te ich nie ge­dacht, dass ich mal mit mei­nen Schwes­tern den Book Sto­re un­se­res Va­ters Lou­is Co­hen füh­re. Er be­gann sehr klein, kauf­te Bü­cher an Auk­tio­nen und sta­pel­te sie un­ter dem Bett sei­ner Mut­ter. Bis er ge­nug Bü­cher hat­te, um 1925 sei­ne ei­ge­ne Buch­hand­lung zu er­öff­nen. Das war kurz vor der Gros­sen De­pres­si­on in den USA. 1991, als er mit 8 7 starb, nach­dem er bis zum letz­ten Tag vor sei­nem Tod in sei­ner ge­lieb­ten Buch­hand­lung ge­stan­den hat­te, über­nah­men wir.

Ich bin Adi­na Co­hen, die Jüngs­te. Ich hat­te kei­ne Ah­nung, was ich ma­chen woll­te nach der Schu­le. Nao­mi hat mich dann von der Ar­beit an die­sem tol­len Ort über­zeugt. Je­der Kun­de, der zur Tür rein­kommt, bringt ei­ne neue Ge­schich­te mit her­ein.

Ju­dith Oft füh­len sich die Leu­te, die ein­fach so her­ein­kom­men, wie in ei­nem Traum. Es ist so ru­hig hier, es riecht nach al­ten Bü- chern. Du kannst hier Wer­ke kau­fen für ei­nen, zwei oder drei Dol­lar und als rei­cher Samm­ler auch für ei­ni­ges mehr. Es ist ei­ne ganz ei­ge­ne Welt. Oft fra­gen Kun­den, ob sie ein Foto ma­chen dür­fen; vor zwan­zig Jah­ren dach­te nie­mand dar­an, ein Bild zu ma­chen, um den Zau­ber die­ses Or­tes fest­zu­hal­ten, und heu­te tut das fast je­der, zack­zack, mit dem ipho­ne. Wir ha­ben auch Kun­den, die er­zäh­len, dass sie mit ih­rem Va­ter als Kind schon hier wa­ren. Eben­so Tou­ris­ten, weil wir na­he dem Cen­tral Park und Em­pi­re Sta­te Buil­ding sind. Und ei­ni­ge Leu­te aus den Bü­ros in der Nä­he ver­brin­gen ih­re Mit­tags­pau­se bei uns, um zu schmö­kern.

Adi­na Die zum Teil 200 bis 400 Jah­re al­ten Bü­cher in den Hän­den zu hal­ten, ist fas­zi­nie­rend. Da­zu die Viel­falt an Kun­den, der Mix aus äl­te­ren und jün­ge­ren Men­schen, of­fe­nen und we­ni­ger of­fe­nen, net­ten und we­ni­ger net­ten – und je­der will et­was an­de­res. Selbst Micha­el Jack­son kam mal zu uns in den La­den, mit sei­nen Bo­dy­guards. Ein sehr höf­li­cher, zu­rück­hal­ten­der Mann. Und Bill Cl­in­ton, ganz al­lein, er such­te mit al­len so­fort das Ge­spräch.

Ju­dith Wir ha­ben so vie­le Lieb­lings­bü­cher, und oft musst du dich aus­ge­rech­net von dei­nem Lieb­ling tren­nen. Wenn ich ein Buch sehr un­gern zie­hen las­se, set­ze ich manch­mal ei­nen hö­he­ren Preis, aber dann gibt es ga­ran­tiert je­man­den, dem ge­nau die­ses Ex­em­plar viel wert ist, und das muss ja auch so sein. Ein Buch muss zum Be­sit­zer pas­sen, ähn­lich wie bei Hund und Herr­chen. Wir ha­ben zum Bei­spiel ei­nen der gröss­ten Di­ckens-ex­per­ten als Kun­den, und es ist ei­ne Freu­de, von ihm zu ler­nen. Der Ein­zug des In­ter­nets hat uns nicht stark ge­trof­fen. Es gibt ge­nug, die es schät­zen, bei uns in ei­ne an­de­re Welt ein­zu­tau­chen.

Nao­mi Mein Sohn half uns frü­her ab und zu aus, nun hat er aber kei­ne Zeit mehr. Er ist sehr en­ga­giert als Base­ball-blog­ger, er hat über 300 000 Fol­lo­wer. Zu un­se­ren gröss­ten Her­aus­for­de­run­gen ge­hö­ren die Steu­ern und Mie­ten. New York ist heu­te ganz klar ei­ne Stadt für Leu­te, die Geld ha­ben.

Adi­na Ab und zu hat man schwie­ri­ge Kun­den, wie ewig­gest­ri­ge Män­ner, die mit Frau­en kein Ge­schäft ma­chen wol­len. Fast täg­lich gibts das, aber dar­über kön­nen wir la­chen.

Ju­dith Ich kom­me durch den Cen­tral Park hier­her. Ich lie­be die Jah­res­zei­ten, das Trei­ben dort. Mein Sohn Ben ar­bei­tet auch bei uns. Er wird die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on sein, heu­te ist er un­ser Mann für die Web­site (ar­go­sy­books.com). Wir drei sind sehr glück­lich mit un­se­rem Le­ben und füh­len uns pri­vi­le­giert, noch mit über sieb­zig un­se­re Pas­si­on le­ben zu dür­fen.

Diedrei­schwes­ter­na­di­na, NAO­MI & JU­DITH (von links) füh­ren NewYorks äl­tes­te Buch­hand­lung – die ihr Va­ter 1925 er­öff­net hat.

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