SICH FREI TRÄU­MEN

Das Magazin - - Bildbetrachtung - Simona pfis­ter

Es riecht nach war­mem Staub, das Zim­mer hat sich den gan­zen Tag über auf­ge­heizt, und noch im­mer sticht die Son­ne zwi­schen den Vor­hän­gen hin­durch. Das At­men fällt mir schwe­rer, ich wer­de mü­de, aber soll­te mich auf mei­ne Auf­ga­be kon­zen­trie­ren. Ich könn­te trotz­dem die Au­gen schlies­sen, träu­men, an ir­gend­et­was an­de­res den­ken, nur ganz kurz, über­le­ge ich. Doch ich wür­de die­sem Zim­mer wohl nicht ent­kom­men, der Zeit, mir selbst.

Ich be­nei­de Thérèse. Sie kann noch träu­men, ganz frei. So­bald ich sie an­se­he, se­he ich die­se Frei­heit; ih­re Frei­heit, sich weg­zu­den­ken, wann im­mer sie es will, ei­ne be­wuss­te Selbst­ver­ges­sen­heit. Mir kam die­se Fä­hig­keit ir­gend­wann ab­han­den, ich kann nicht ein­mal sa­gen, wann. Viel­leicht mit vier­zehn, fünf­zehn? Ich muss we­nig äl­ter ge­we­sen sein als Thérèse auf dem Bild. Ihr aber bleibt die­se Mög­lich­keit er­hal­ten; sie bleibt für im­mer in je­nem ma­gi­schen Al­ter, in dem man selbst­ver­ges­sen träu­men kann und sich sei­ner selbst doch schon be­wusst ist. Das Al­ter, in dem man ab­we­send in ei­nem Traum sein kann, aber prä­sent be­stimmt, wann es Zeit da­für ist und wor­um es dar­in ge­hen soll. Die­ses Al­ter, in dem man wech­selt zwi­schen dem un­be­fan­ge­nen Sein ei­nes Kin­des und dem erwachsenen Sich-im-sein-be­ob­ach­ten.

Nur wenn ich mir Balthus’ «Thérèse rêvant» an­se­he, er­in­ne­re ich mich an die­se Zwi­schen­zeit. Ich er­in­ne­re mich an das Mäd­chen von zwölf, drei­zehn Jah­ren, das ich einst war: das Mäd­chen, die jun­ge Frau, die vor dem Spie­gel steht und sich über­legt, wer sie ei­gent­lich ist, wie sie aus­sieht, was sie kann, was sie will, was sie muss, die genau weiss, wel­che Klei­der sie tra­gen und wie sie die Haa­re ha­ben will. Die sich nach der Be­wun­de­rung der an­de­ren sehnt und die be­greift, was das Wort «At­trak­ti­vi­tät» be­deu­tet. Aber zugleich er­in­ne­re ich mich auch an das Mäd­chen, das nur Mäd­chen ist, das das al­les wie­der ver­ges­sen kann, manch­mal für St­un­den, manch­mal für Ta­ge. Ein Mäd­chen, das ein­fach nur Kind ist, oh­ne sich selbst ge­wahr zu sein, das un­be­fan­gen spielt, her­um­liegt, träumt.

Und es war nur die­ses Mäd­chen, das den zeit­ver­lo­re­nen, kind­li­chen Zu­stand des Träu­mens wil­lent­lich her­bei­füh­ren konn­te; sich hin­set­zen und be­wusst be­stim­men konn­te, sich selbst zu ver­ges­sen. Sie konn­te noch träu­men wie ein Kind – und doch nicht mehr wie ein Kind, weil ihr die­ses Träu­men nicht un­be­merkt und stän­dig ge­schah, son­dern sie über die­sen Zu­stand selbst ent­schied, um ihn und um sich selbst wie ei­ne Er­wach­se­ne wuss­te. Manch­mal wa­ren ih­re Träu­me eben­so selbst­be­wusst und selbst­be­stimmt, von Be­wun­de­rung und An­zie­hung ge­prägt, ero­tisch. Manch­mal wa­ren sie aber auch un­schul­dig, un­be­wusst, un­be­stimmt im Nichts mä­an­dernd. Da­mals war bei­des mög­lich, gleich­zei­tig und ab­wech­selnd. Die­se Am­bi­va­lenz, ich ha­be sie ge­hasst, die­sen Sta­tus zwi­schen Mäd­chen und er­wach­se­ner Frau, zwi­schen Sein und Be­ob­ach­ten im Sein. Ich war trot­zig, oh­ne zu wis­sen, war­um.

Das Ge­mäl­de von Thérèse er­in­nert mich an die­se Zeit, weil es Thérèse dar­in fest­hält: Sie ist zugleich Frau und Mäd­chen. Ihr Aus­druck ist ei­gen­sin­nig, sie hat die Prä­senz und die Ge­sichts­zü­ge ei­ner Erwachsenen, un­ab­hän­gig, sich selbst be­wusst, selbst­be­stimmt. Sie wirkt, als wis­se sie, dass sie an­ge­schaut wird, und wol­le zei­gen, dass sie es leid ist, an­ge­schaut zu wer­den. Auch ih­re Kör­per­for­men sind nicht die ei­nes klei­nen Kin­des, die Bei­ne zu lang, ei­ne An­deu­tung von Brüs­ten, Tail­le und Hüf­ten sicht­bar. Doch sind ih­re Glie­der auch zu dünn, zu un­ge­lenk, al­les zu va­ge, als dass man sie er­wach­sen nen­nen könn­te. Sie ist eben auch noch ein Kind, und so sitzt sie da: ein Kis­sen im Rü­cken, ih­re Hän­de auf dem Kopf ver­schränkt, die Bei­ne an­ge­win­kelt auf­ge­stellt, ei­nes auf dem Stuhl, ei­nes auf dem Bo­den. Sie scheint im Gan­zen so zu sit­zen, wie es eben gera­de noch am be­quems­ten für sie auf die­sem Korb­stuhl war, mü­de und an­ge­strengt von dem stun­den­lan­gen Po­sie­ren. Sie wirkt, als wür­de sie nicht be­mer­ken, dass man ihr un­ter den Rock se­hen kann, auf ih­re Un­ter­ho­se, zwi-

schen ih­re Bei­ne. Wä­re sie äl­ter, wür­de ihr das nicht mehr pas­sie­ren, sie wür­de ih­re Scham stets spü­ren. Sie wür­de das Wis­sen um den Be­trach­ter nicht mehr ver­ges­sen kön­nen, um sich selbst als Be­trach­ter.

Hier aber ist sie zwi­schen­drin, zwi­schen Mäd­chen und Frau, und so ist auch ihr Träu­men: Ei­ner­seits scheint Thérèse auf dem Bild völ­lig weg, voll­kom­men ent­ho­ben, jen­seits der Zeit und des Rau­mes, ganz in ih­rem Traum, wie ein Kind, los­ge­löst von der Aus­sen­welt. An­de­rer­seits wirkt die­ser Zu­stand nicht zu­fäl­lig; sie scheint ihr Träu­men, ih­ren Traum selbst zu be­stim­men, nicht un­ab­sicht­lich ent­schwun­den zu sein, son­dern sich selbst be­wusst vom Raum, vom Be­trach­ter ab- und et­was an­de­rem zu­zu­wen­den. Und nie­mand weiss, an was oder wen sie nun denkt, war­um und wo­zu, der Be­trach­ter bleibt aus­sen vor. So ist sie zwar an­we­send für sei­nen Blick, prä­sent in ih­rer be­wuss­ten Ab­wen­dung, aber ihm durch genau die­se Ab­wen­dung zugleich ent­zo­gen. Sie sitzt in die­sem sti­cki­gen Zim­mer und ist doch frei an ei­nem an­de­ren Ort. Schon die schie­fe Per­spek­ti­ve des Bil­des macht Thérèse zur Ent­schei­den­den – nicht den Be­trach­ter. Der Tisch, der Stuhl, die Ge­gen­stän­de sind selt­sam ver­zerrt in sei­nem Blick, der Raum ist nicht für ihn da. Viel­mehr bil­det Thérèse das Zen­trum, und sie hat ent­schie­den, den Be­trach­ter, sich selbst zu ver­ges­sen, um zu träu­men.

Die­ser Zwi­schen­sta­tus wie­der­holt sich in der Kat­ze im Vor­der­grund, über­haupt trägt das Tier Thé­rè­ses Ge­sicht, er­scheint als ihr Al­ter Ego – hat­te ich mit zwölf nicht auch ei­ne Kat­ze, über die ich dach­te, sie sei wie ich? So ist das Tier auf dem Bild genau­so ab­we­send und selbst­ver­ges­sen wie Thérèse in ih­rem Träu­men: Es trinkt Milch vor un­se­ren Au­gen, ist da­mit fest­ge­hal­ten in ei­nem für je­des Tier be­son­ders ver­wund­ba­ren – man könn­te sa­gen: kind­li­chen – Au­gen­blick. Doch zugleich zeigt die Kör­per­hal­tung des Tie­res, die Span­nung in sei­nem Schwanz, dass die Kat­ze um ih­re Si­tua­ti­on weiss. Sie ist im Au­gen­blick an­we­send, sich selbst be­wusst und be­stimmt des­we­gen selbst, wann sie wie­der da­von will. Sie ist auf dem Sprung. Das Tier ist da­mit genau­so an­we­send-ab­we­send wie Thérèse.

Zwi­schen­drin, be­wusst und ver­ges­sen, an­we­send und ab­we­send, das bin nun auch ich. Ich sit­ze zwar im­mer noch in der di­cken Luft, zu­rück­ge­lehnt in mei­nem Stuhl, aber mei­ne Ge­dan­ken sind nun ganz wo­an­ders, bei die­sem Bild, bei Thérèse, frei. Ich wer­de wie­der Thérèse, wenn ich sie an­schaue; nicht nur als Er­in­ne­rung an mein zwölf­jäh­ri­ges Ich, son­dern weil ich die Zeit und mich selbst ver­ges­se. Ich wer­de tat­säch­lich sie.

Und Balthus? Erst jetzt fällt mir der Ma­ler ein. Viel­leicht ging es ihm ähn­lich. Wo­mög­lich iden­ti­fi­zier­te er sich eben­so mit Thérèse wie ich heu­te. Viel­leicht ge­lang es ihm beim Ma­len von Thérèse und ih­rer Kat­ze, wie mir beim Be­trach­ten, die­se be­wuss­te Selbst­ver­ges­sen­heit zu spü­ren, die bei­de Fi­gu­ren prägt. So fing er gera­de mit elf Jah­ren zu ma­len an, als sei­ne ge­lieb­te Kat­ze Mit­s­ou ver­schwand, mal­te dann im­mer wie­der Kat­zen und ado­les­zen­te Mäd­chen, war fas­zi­niert von Le­wis Car­rolls «Ali­ce im Wun­der­land», der Ge­schich­te ei­nes klei­nen Mäd­chens, das selbst be­stimmt, dass es dem Ka­nin­chen in sei­nen Bau folgt und sich dann in Träu­men ver­liert. War die künst­le­ri­sche Be­schäf­ti­gung mit die­sen Mo­ti­ven al­so ein Weg für ihn, ih­re ab­we­sen­de An­we­sen­heit, ih­re an­we­sen­de Ab­we­sen­heit in sich zu we­cken? Oder woll­te er et­was ganz an­de­res we­cken?

Seit ich von ei­ner Pe­ti­ti­on ge­le­sen ha­be, die das Bild für zu se­xu­ell auf­rei­zend, ja pä­do­phil be­fand und es mit Warn­schil­dern ver­se­hen woll­te, kann ich es nicht mehr nur als Ein­stieg zu ado­les­zen­tem Träu­men se­hen. Jetzt wer­de ich den Ge­dan­ken an all das nicht mehr los, was man auch noch zu Thérèse und Balthus fin­den könn­te. Ich muss an ei­nen al­ten Mann den­ken, der ein pu­ber­tie­ren­des Kind in ei­ner Mas­tur­ba­ti­ons­fan­ta­sie malt und sich dar­an se­xu­ell er­götzt. Die Milch le­cken­de Kat­ze re­prä­sen­tiert auf ein­mal nicht mehr Thé­rè­ses Zwi­schen­sta­tus, son­dern ih­re Un­ter­drü­ckung, ein Haus­tier, das der Ma­ler zum (se­xu­el­len) Ver­gnü­gen hält. Mir fällt das Bild «Frau mit den weis­sen Strümp­fen» von Gus­ta­ve Cour­bet ein – dem Ma­ler, den Balthus als ei­nes sei­ner Vor­bil­der nann­te: Dar­auf trägt ei­ne Frau fast die glei­chen Schu­he wie Thérèse und po­si­tio­niert ih­re Bei­ne, im Gras lie­gend, ähn­lich – nur of­fen­sicht­lich mit Ab­sicht und oh­ne Un­ter­wä­sche. Ist Thérèse al­so nicht selbst­be­wusst selbst­ver­ges­sen, son­dern Op­fer von Balthus, der sie da­zu zwingt, mit of­fe­nen Bei­nen zu po­sie­ren, und sie so ei­nem se­xu­el­len Blick aus­setzt? Wie­der­ho­le ich gar die­se Ge­walt, in­dem ich mich an dem Bild er­freue?

Oder tue ich Thérèse Ge­walt an, gera­de wenn ich sie als Op­fer von Balthus se­he, als ein Mäd­chen, das selbst in sei­nem Träu­men von ei­nem Mann be­stimmt ist? Und kann ich sie viel­leicht nur dar­um auch als Sex­ob­jekt se­hen, weil mei­ne Au­gen sich durch un­zäh­li­ge Ge­mäl­de und Wer­be­an­zei­gen dar­an ge­wöhnt ha­ben, dass Frau­en haupt­säch­lich so ge­zeigt wer­den?

Ich kann nur noch in Fra­gen den­ken, weil mich das Bild auf neue Wei­se in ei­ne Am­bi­va­lenz stürzt. Ich bin er­neut Thérèse, zwi­schen­drin, zwi­schen der un­schul­dig-kind­li­chen Frei­heit und dem auch se­xu­el­len (Selbst-)be­wusst­sein ei­ner Erwachsenen. Ich kann mich mit Thérèse iden­ti­fi­zie­ren und Balthus die­se Iden­ti­fi­ka­ti­on un­ter­stel­len. Ich kann mit ihm zu­rück­keh­ren in die­se ma­gi­sche Zeit, in der be­wuss­tes Träu­men mög­lich ist wie nie zu­vor und da­nach – und schaue da­mit als Kind in Thérèse, träu­mend, auf ihr Bild. Oder der Blick ver­liert sei­ne Un­schuld, und ich se­he das Ge­mäl­de und Thérèse nur noch als se­xu­el­les Ob­jekt ei­nes erwachsenen Man­nes; ich se­he nur noch Be­ob­ach­ten und Be­ob­ach­tet-wer­den und schaue dann als Frau in Thérèse auf ihr Bild, als Frau, die den ewi­gen Blick, sich selbst nie­mals ver­gisst.

Thé­rè­ses Am­bi­va­lenz wird auf dop­pel­te Wei­se zu mei­ner ei­ge­nen, zu der­je­ni­gen der Erwachsenen, die das Ge­mäl­de an­se­hen: Zu­erst er­mög­licht das Be­trach­ten, gera­de weil Thérèse halb er­wach­sen und

halb Kind ist, dass wir Erwachsenen uns in die­se Zeit des Über­gangs zu­rück­träu­men. Sie ist uns gera­de na­he ge­nug, dass wir uns wie­der dar­an er­in­nern, wie es war, als wir uns be­wusst ver­ges­sen konn­ten, so­dass wir uns tat­säch­lich auf kind­li­che Wei­se in die­sem Er­in­nern ver­ges­sen. Wir wer­den die ado­les­zen­te Thérèse, die be­wusst be­stimmt, dass sie träumt, wenn wir be­wusst be­stim­men, uns auf das Bild ein­zu­las­sen.

Wenn wir es dann zu deu­ten ver­su­chen, kön­nen wir ei­ner­seits glau­ben, dass es auch Balthus um die­se Iden­ti­fi­ka­ti­on ging, um das Zu­rück­ge­win­nen des Träu­mens. An­de­rer­seits wird – gera­de dank der Re­fe­renz auf se­xua­li­sier­te Frau­en­dar­stel­lun­gen – auch ein an­de­rer, ein se­xu­el­ler Blick auf das Ge­mäl­de mög­lich, der ab­stösst und scho­ckiert. So sind wir als Be­trach­ter er­neut zwi­schen kind­li­chem und er­wach­se­nem An­schau­en hin- und her­ge­ris­sen, zwi­schen dem Blick des Träu­mens und dem­je­ni­gen des Be­ob­ach­tens; nicht nur über ei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­on, son­dern auch in der In­ter­pre­ta­ti­on.

Da­mit be­wirkt «Thérèse rêvant» et­was, was wir nur un­gern zu­las­sen: Wir sind verwirrt, un­ent­schie­den, rat­los. Wir tau­meln und wer­den trot­zig.

Balthus war ein Kat­zen­narr. Er hat vie­leBil­der ge­malt, in de­nen die Kat­ze ei­neArt Selbst­por­trät ist.

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