I WANT TO BE DIR­TY AND KIND

Das Magazin - - Bildbetrachtung - La­ra Kon­rad

Wenn ich Thérèse an­se­hen soll, weiss ich auf ein­mal nicht, wie, denn frü­her oder spä­ter wird die Wirk­lich­keit von an­de­ren im­mer auch zu der ei­ge­nen Wirk­lich­keit. Ich bin al­lein da­mit, wie ich die Welt mei­ne, ich möch­te bloss er­klä­ren, wie je­der von uns die an­de­ren über­höht, ob­wohl wir al­le doch nichts an­de­res tun als le­ben.

Ich will sie an­se­hen und nie­man­den brau­chen. Ich will sie an­se­hen und an die Or­te und die Stil­le den­ken, die in ihr und nach ihr exis­tier­ten. Nicht al­les, was der Er­in­ne­rung wert ist, muss be­deut­sam en­den. Ich will mich in mei­nem Kopf an vie­len Or­ten auf­hal­ten und dar­an er­in­nert wer­den, dass al­les im­mer­fort stirbt. Denn nur dann wer­den wir eins mit den Or­ten, die kost­bar sind. Es ist die Ver­gäng­lich­keit der Din­ge, die uns be­zeugt, ewig zu sein. Des­halb ver­än­dert uns die Ver­gan­gen­heit am meis­ten. Ich will den Aus­druck ih­res Kör­pers be­trach­ten und dar­an er­in­nert wer­den, dass auch ich ein­mal jung war. Und an die Art, wie wir in­ne­hal­ten, be­vor uns be­wusst wird, dass wir kör­per­lich je­dem ge­hö­ren. Nicht uns selbst.

Und viel­leicht ver­spricht nichts da­von wirk­lich die Idee von Ju­gend, denn in ge­wis­ser Wei­se, den­ke ich, sind wir nie­mals frei. Doch weiss ich, wie sich die­se Ge­las­sen­heit an­ge­fühlt hat. Die­ses Pul­sie­ren des Blu­tes, das sich warm und be­din­gungs­los und ge­gen­wär­tig an­fühlt, und viel­leicht kön­nen wir nie­mals stär­ker wir selbst sein als in die­sem Au­gen­blick. Sind wir im­mer nur dann frei, wenn wir wir selbst sind? Bin ich am wahr­haf­tigs­ten ich selbst, wenn ich al­lein bin oder in ei­nem Raum vol­ler Men­schen? Ich glau­be, das Schwie­rigs­te am Le­ben ist die wahr­haf­ti­ge Exis­tenz, und es gibt Ta­ge, da weiss ich schon, wie al­les en­den wird.

Ich will sie an­se­hen und an das er­in­nert wer­den, was uns bei­de mensch­lich macht. Ich will sie wol­len, oh­ne dass es be­deu­tet, ich sei schlecht oder die Welt sei schlecht. War­um kön­nen wir nicht für ei­ne Wei­le et­was emp­fin­den, oh­ne dass es für im­mer be­deu­tet, dass wir nur schlecht sind oder gar nichts? Kön­nen wir nicht bei­des sein und den­noch so er­schei­nen, wie wir ur­sprüng­lich sind? Ich will wis­sen, was es heisst zu be­geh­ren, oh­ne an­de­re De­fi­ni­tio­nen von an­de­ren und oh­ne an­zu­neh­men, Ver­lan­gen müs­se je­des Mal mit dem glei­chen En­de be­gin­nen. Ich will sie wol­len und da­mit zu­ge­ben, dass ich schmut­zig und son­der­bar bin und da­durch bloss wie je­der an­de­re. Ich will sie wol­len, weil mein Kör­per sich we­gen ih­res Kör­pers so an­fühlt, wie ich mich füh­len soll­te, und weil ich des­we­gen an­fan­ge, mei­nen Kör­per um sei­net­wil­len zu wol­len. Ich will sie wol­len und dar­an er­in­nert wer­den, wie es ist, fä­hig zu sein, Frem­de un­be­merkt in­ne­hal­ten zu las­sen. Wie es ist, selbst Grund ge­nug für je­man­den zu sein, die Zeit zu ver­ges­sen, ein­fach weil es Zei­ten gab, da ich das konn­te.

Ich will an den Som­mer in der drit­ten Klas­se er­in­nert wer­den, als mei­ne bes­te Freun­din und ich uns über­all ge­küsst ha­ben, weil es Spass mach­te. Und weil die Ta­ge im Au­gust so lang sind, wenn wir Kin­der sind. Ich will an ih­re dun­kel­blau­en Bett­la­ken er­in­nert wer­den, an die Pfer­de draussen vor ih­rem Fens­ter, an die Tür, die wir nicht ab­schlies­sen konn­ten. Wie ich nackt auf ih­ren nack­ten Kör­per klet­ter­te, oh­ne zu be­grei­fen, dass man es mit ihm trei­ben konn­te. Er war bloss ver­traut und si­cher. Ich will dar­an er­in­nert wer­den, dass ich sie gern­hat­te, weil sie das Glei­che fühl­te. Dass wir Mäd­chen und unsichtbar wa­ren und dass wir nichts wuss­ten. Und dass ich nie­mals auf­hö­ren wer­de, die glei­che un­er­klär­li­che Zärt­lich­keit zu emp­fin­den, wenn ich vor et­was eben­so Le­ben­di­gem und Le­ben­dem ste­he. Und dass es viel­leicht genau die­ser Mo­ment ist, be­vor ein Mäd­chen zur Frau wird, in dem mir das Le­ben im­mer am re­als­ten und un­end­lichs­ten er­schei­nen wird.

Ich se­he, wie die Kat­ze die Milch schleckt, und will mich an­tör­nen las­sen, wäh­rend ich an die Kör­per den­ke, die zu er­le­ben ich wis­sent­lich ent­schie­den ha­be. Gan­ze Mün­der sind in mein In­ners­tes ge­drun­gen, und ich woll­te sie nicht mehr ge­hen las­sen. Und ich den­ke, nichts sonst kann die­se Gleich­zei­tig­keit von Glück und Ein­sam­keit be­deu­ten. Ich will, dass mein Mund sich nass und an­ders an­fühlt, und für ei­nen Mo­ment ans Fi­cken den­ken, denn es geht nicht

um sie. Es geht um mei­ne Ver­gan­gen­heit. Und dar­um, dass Fi­cken nicht nur mit Fi­cken zu tun hat. Es geht dar­um, wie wir be­gin­nen und wie wir en­den. Und wie wir al­le un­aus­weich­lich wer­den, so­bald wir er­lau­ben, ein Teil von­ein­an­der zu wer­den. Ich will mir vor­stel­len, mich mit ihr hin­zu­le­gen, denn es gab Mo­men­te, da ha­be ich ne­ben Frau­en ge­le­gen, durch die ich mich wie ein gu­ter Mann fühl­te. Ich will, dass sie mich will, denn es gibt Ta­ge, an de­nen wir auf die glei­che Wei­se exis­tie­ren. Ich will ihr zwi­schen die Bei­ne schau­en und dar­an er­in­nert wer­den, wie es ist, von den Män­nern be­gehrt zu wer­den, die ich ge­liebt ha­be. Denn ich den­ke, so ver­hält es sich mit der Be­gier­de, sie führt uns im­mer wie­der zu uns selbst zu­rück.

Ich will noch ein­mal zur Kat­ze zu­rück­keh­ren und an die Ge­duld ei­ner Zun­ge den­ken. Ich will dar­an den­ken, wie ich zum ers­ten Mal Uni­ca Zürn ge­le­sen ha­be und wie das Mäd­chen im Buch nachts in den Kel­ler hin­un­ter­steigt, um zu se­hen, wie es sich an­fühlt, den Hund zwi­schen ih­ren Bei­nen le­cken zu las­sen. Und wie un­glaub­lich schön ich die­ses Bild noch im­mer fin­de, weil es be­weist, dass wir auch mit­ein­an­der bei uns selbst sein kön­nen. Als ich mich zum ers­ten Mal selbst be­frie­digt ha­be, war ich 27, viel­leicht 28, und ich glau­be, das ist in vie­ler­lei Hin­sicht von Be­deu­tung. Dort, wo ich auf­ge­wach­sen bin, blie­ben wir al­le Kin­der, bis man uns für je­nen Mann für ge­eig­net hielt, der für im­mer un­ser Mann sein wür­de. Un­se­re Zu­kunft hat­te im­mer ei­ne Zu­kunft, und ich weiss, dass wo­an­ders auch an­de­re Din­ge ge­sche­hen. Frü­her sag­te ich zu Freun­den, dass ich mich nicht selbst zu be­frie­di­gen bräuch­te, denn ich hat­te im­mer Män­ner. All die­se Män­ner, oh­ne zu wis­sen, wie es sein wür­de, in ei­nem Kör­per zu le­ben, der der ei­ge­ne Kör­per ist. Als ich zum ers­ten Mal in mei­ner Hand ge­kom­men bin, dach­te ich, al­les sei mög­lich, und ich glau­be, das wird sich nie­mals än­dern. Es geht nicht dar­um, dass ich da­von aus­ge­he, ir­gend­ei­ne Art von Frei­heit er­reicht zu ha­ben. Es geht um die plötz­li­che Ab­we­sen­heit von ein­fach al­lem. Und die An­zie­hungs­kraft die­ser Ab­we­sen­heit, die sich ge­wal­tig und ge­wöhn­lich zugleich an­fühlt. Ich hat­te mit zwölf Men­schen ge­schla­fen, und erst jetzt lern­te ich, dass die Aus­sen­welt im­mer ei­ne un­ab­hän­gi­ge Ver­pflich­tung ge­we­sen war. Men­schen glau­ben, sie könn­ten an­de­re Men­schen be­sit­zen und hät­ten schon an­de­re Men­schen be­ses­sen, und ich hat­te mich auf ähn­li­che Wei­se be­ses­sen und be­rech­tigt ge­fühlt. Doch was be­weist un­se­re end­lo­se, aus­tausch­ba­re In­di­vi­dua­li­tät mehr als die Fä­hig­keit un­se­rer ei­ge­nen Hän­de, uns kom­men zu las­sen, uns en­den zu las­sen? Ich den­ke, Thérèse und ich und je­der an­de­re wer­den auf ewig oh­ne Be­sit­zer sein, denn nie­mand sonst kann uns mit der­sel­ben Ab­sicht be­ste­hen las­sen. Und das ist so ab­surd tra­gisch. Aber ich bin auch dank­bar.

Ich will zu Bett ge­hen und früh­mor­gens zu ihr zu­rück­keh­ren. Ich will mich auf dem Bo­den des Ba­de­zim­mers selbst be­frie­di­gen, weil al­le noch schla­fen, und manch­mal ist das der ein­zi­ge Grund da­für. Ich will an ih­ren Schritt den­ken und an zu Hau­se, das im­mer ein gu­tes Zu­hau­se ge­we­sen ist. Ich will an un­se­ren blei­ben­den Zu­stand der Ob­dach­lo­sig­keit den­ken, so­bald wir ein­mal den Mut­ter­leib ver­las­sen ha­ben, und das muss das grund­le­gen­de We­sen un­se­rer täg­li­chen Su­che nach Ab­hän­gig­keit sein. Denn ich schwö­re, ich weiss nicht, was ich sonst will oder zu brau­chen glau­be, aus­ser mich in ei­nem an­de­ren Kör­per nie­der­zu­las­sen, der mich le­ben las­sen will, so gut, wie ich nur kann. Je­der Mensch wird dich lie­ben. Aber ei­ni­ge wer­den dich nur so lan­ge lie­ben, bis sie mer­ken, dass du ein­fach bes­ser bist. Und ich be­haup­te nicht, dass ich nicht auf die glei­che Wei­se ge­liebt ha­be.

Ich will, dass Män­ner sie an­se­hen und er­ken­nen, dass ich ster­be. Ich will an die­se Män­ner den­ken und glau­ben, dass ich das­sel­be tä­te. Ich will, dass die Men­schen sie an­se­hen, oh­ne zu den­ken, dass al­les ver­dor­ben ist. Ich will sie wei­ter­hin wol­len, denn ich hal­te ih­re Schön­heit für ba­nal ge­nug, um sie bis ans En­de zu lie­ben. Ich will, dass die Men­schen sich dar­an er­in­nern, dass wir oft nur se­hen, was wir se­hen wol­len, und dass wir das so oft ver­ges­sen. Wir las­sen die schlech­ten Din­ge nicht hin­ter uns. Doch ich glau­be, wir wen­den uns ab, so­bald wir be­fürch­ten, sie könn­ten uns Schreck­li­ches über un­se­re Ver­gan­gen­heit, mehr noch, un­se­re Zu­kunft leh­ren. Wol­len wir nicht al­le im­mer bloss bes­ser wer­den, oh­ne un­ser We­sen zu ver­än­dern?

Ich will, dass wir Kör­per wol­len, oh­ne den ei­ge­nen zu ver­ges­sen. In was für ei­ner sanf­te­ren Welt wir doch le­ben wür­den, wenn es da­mit an­fin­ge, an­statt im­mer so zu en­den. Ich will ih­re ge­schlos­se­nen Au­gen an­se­hen und mich dar­an er­in­nern, dass dies das Ers­te war, was ich sah, und das Ei­ne, zu dem ich im­mer wie­der zu­rück­keh­re. Ich den­ke, es gibt sämt­li­che Ar­ten von Men­schen, die wol­len, dass an­de­re das Of­fen­sicht­li­che zu­erst wahr­neh­men. Das Of­fen­sicht­li­che, das sie am ab­stos­sends­ten fin­den wol­len, aber ins­ge­heim im­mer am schöns­ten fin­den. Ich sche­re mich nicht um ih­re sicht­ba­ren Mög­lich­kei­ten, und ich weiss, war­um ge­wis­se Men­schen das nicht wer­den ver­ste­hen wol­len. Ich se­he sie an, und sie lässt mich in Frie­den le­ben, weil nichts von all­dem die Wirk­lich­keit mei­ner in­ne­ren Be­deu­tun­gen ge­fähr­det. Ge­wis­se Din­ge ha­be ich nur emp­fun­den, weil ich mich da­für ent­schie­den ha­be, in­ner­halb die­ser Din­ge zu exis­tie­ren, nicht nach ih­nen. Es ist die Ab­we­sen­heit ih­rer Au­gen, die mich am längs­ten be­glei­tet, denn oh­ne den Blick ei­nes Frem­den wird ein Frem­der stets ein Frem­der blei­ben. Und ich fra­ge mich kurz, ob an­de­re die glei­che Art von Nä­he emp­fun­den ha­ben, die das Al­lein­sein in sei­ner sanf­tes­ten Barm­her­zig­keit ein­lädt. Manch­mal den­ke ich, das Le­ben ist am schöns­ten, wenn wir fä­hig sind, uns nach et­was zu seh­nen, oh­ne ir­gend­wo an­zu­kom­men.

Ich will, dass sie wei­ter exis­tiert, oh­ne dass das be­deu­tet, sie be­deu­te al­les oder nichts. Oder dass wir so tun soll­ten, als hät­ten wir ei­ne an­de­re Art von Ge­schich­te ge­schrie­ben. Es gibt so vie­les, was ich sa­gen möch­te, und ich den­ke, es ist vor al­lem ih­re Ge­las­sen­heit, die sie al­ters­los und zu je­der­mann macht. Ich will an den Lauf mensch­li­chen Ver­lan­gens den­ken und mei­ne Ge­dan­ken ver­rot­ten und spries­sen füh­len, denn nur das be­deu­tet, dass ich le­ben wer­de. Ich will, dass sie in mir bleibt – der Mensch, das Kind, die Frau, die mich ei­ne Ewig­keit in­ne­hal­ten liess, weil sie es konn­te. Ich will sie mit dem Blick an­se­hen, der im­mer mein ei­ge­ner ge­we­sen ist, und wäh­rend­des­sen fährt sie fort, mich zu ver­än­dern, denn das wird sie.

Ich will sie ver­ges­sen, da­mit ich mich an sie er­in­nern kann. Ich will mich an sie er­in­nern und an all die ab­stos­sen­den und schö­nen Din­ge den­ken, die ich ge­sagt ha­be, und ich hof­fe, mein Ver­stand wird nie­mals zö­gern. Ich will, dass sie die Nost­al­gie bleibt, die sie ist, und dass sie über den end­lo­sen Or­ten bleibt, zu de­nen mei­ne Er­in­ne­rung be­schliesst zu­rück­zu­ge­hen. Denn all die­se Or­te der Ver­gan­gen­heit strah­len ei­ne be­deu­tungs­vol­le Zu­kunft aus, die mei­ne Zu­kunft sein wird. Ich fürch­te mich vor der Zeit, doch Zeit ist mei­ne ein­zi­ge Hoff­nung zu le­ben. Ich will mich an sie er­in­nern, oh­ne dass Frau­en den­ken, ich sei ein­sam, und Män­ner den­ken, ich müs­se mich än­dern. Ich will, dass sie das Kind bleibt, das wir sind, wäh­rend ich die Frau bin, die ent­schei­det zu le­ben. Ich will wei­ter­le­ben, oh­ne die Rein­heit des War­tens miss­zu­ver­ste­hen. Ich will, dass je­de ih­rer Be­deu­tun­gen glei­cher­mas­sen lie­bens­wert und ab­stos­send ist, denn nur dann kön­nen wir ein­an­der von oben be­trach­ten, oh­ne die Ge­dan­ken an­de­rer mit un­se­ren ei­ge­nen zu ver­wech­seln. Ich will er­schöpft sein, weil ich sie er­schöpft ha­be und weil letzt­lich je­der Kör­per ein En­de fin­den muss.

Ich will, dass sie wei­ter­hin al­lein in die­sem Raum ist, und ich will, dass sie sich wei­ter der Aus­sen­welt be­wusst ist, die ich be­reit bin zu ge­ben. Und für ei­ne Wei­le will ich, dass sie genau hier bleibt, weil sich das so nach Zu­hau­se an­fühlt.

Meis­ter­haft ist Balthus auch in der Ins­ze­nie­rung des Rau­mes und sei­ner De­tails.

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