Über den wah­ren Sinn ei­nes Fei­er­tags

Das Magazin - - N° 37 — 15. September 2018 - ni­k­laus pe­ter

Der Eid­ge­nös­si­sche Dank-, Buss- und Bet­tag ist ein son­der­ba­rer Fei­er­tag. In kei­nem der christ­li­chen Fes­te ver­wur­zelt, wur­de er von den staat­li­chen Be­hör­den ein­ge­führt. Nichts­des­to­trotz ist oder wä­re er, leicht re­no­viert, ei­ne gu­te Sa­che. Denn im Zen­trum ste­hen an die­sem Fei­er­tag die Be­sin­nung auf das Wohl al­ler, das Ge­mein­sa­me und die Ver­stän­di­gung.

Sei­ne Wur­zeln rei­chen zu­rück bis zu mit­tel­al­ter­li­chen Buss­fei­ern, mit de­nen man auf Krie­ge, Epi­de­mi­en und Hun­gers­nö­te re­agier­te. Auch in den re­for­ma­to­ri­schen Kir­chen wur­den sol­che Fei­ern ab­ge­hal­ten, nach Pest­zü­gen und Teue­run­gen wur­den wö­chent­li­che oder mo­nat­li­che Bet­ta­ge fest­ge­setzt, oft ver­bun­den mit Fas­ten und Kol­lek­ten für Glau­bens­ge­nos­sen in Not, wie et­wa je­ne im Jahr 1655 für die Wal­den­ser. An­ge­sichts post­re­vo­lu­tio­nä­rer Tur­bu­len­zen be­schloss die ge­mein­eid­ge­nös­si­sche Tag­sat­zung im Ju­li 1796, ei­nen für Ka­tho­li­ken und Re­for­mier­te ge­mein­sa­men Fei­er­tag im Herbst­mo­nat ein­zu­füh­ren. Die Tag­sat­zung vom 1. Au­gust 1832 leg­te dann den Eid­ge­nös­si­schen Dank-, Buss- und Bet­tag auf den drit­ten Sonn­tag im Sep­tem­ber fest.

Die Stär­ke die­ses Ge­denk­tags liegt genau dar­in, dass er ein über­kon­fes­sio­nel­ler Tag der Be­sin­nung auf das al­le Ein­woh­ner des Lan­des Ver­bin­den­de ist, viel­leicht müss­te man sa­gen: sein könn­te. Denn na­tür­lich liegt der Re­no­va­ti­ons­be­darf genau dar­in, dass die Schweiz seit­her ein welt­an­schau­lich wie re­li­gi­ös plu­ra­lis­ti­sches Land ge­wor­den ist. Man könn­te al­so, was ein re­li­gi­ons­po­li­tisch schö­ner Akt wä­re, al­le Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten ein­la­den, den Tag für ein­mal mit­ein­an­der zu be­ge­hen.

Und wenn bei der Ein­wei­hung des Gott­hard-ba­sis­tun­nels vor zwei Jah­ren ge­mäss bun­des­amt­li­chem «Fak­ten­blatt Seg­nung» und Pres­se­be­rich­ten ein eme­ri­tier­ter Abt ne­ben ei­nem Imam, ein Rab­bi­ner (nach po­li­ti­schem Druck) ne­ben ei­ner re­for­mier­ten Pfar­re­rin und so­gar ein Ver­tre­ter der «Grup­pe oh­ne Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit» beim Seg­nen mit von der Par­tie und ge­mein­sam am Werk wa­ren – wes­halb nicht künf­tig ei­ne re­li­gi­ös und welt­an­schau­lich er­wei­ter­te in­klu­si­ve Bet­tags­fei­er? Ein Fest der Ver­stän­di­gung al­ler, die sich sym­bo­lisch und auch im All­tag für das ge­mein­sa­me Gu­te ein­set­zen wol­len?

Denn in Ka­ta­stro­phen und Kri­sen steckt für Ge­sell­schaf­ten ein ge­fähr­li­ches Angst- und Hass­po­ten­zi­al. Viel­leicht könn­te man so der to­xi­schen Su­che nach Sün­den­bö­cken, Schul­di­gen, der Ab­gren­zung ge­gen an­de­re pro­phy­lak­tisch vor­grei­fen. Wenn man ein­an­der kennt und in die Au­gen ge­se­hen hat, ver­lie­ren Ver­schwö­rungs­theo­ri­en an Bo­den, dann wird es mög­lich, Pro­ble­me ge­mein­sam an­zu­ge­hen.

Re­li­gio­nen und auch nicht­re­li­giö­se Ideo­lo­gi­en sind am­bi­va­lent. Sie kön­nen ge­fähr­li­che Dy­na­mi­ken ent­schär­fen oder ver­schär­fen, ha­ben Letz­te­res oft ge­nug ge­tan. Da­ge­gen könn­te man an­ge­hen, in­dem man In­stru­men­te der Ver­stän­di­gung ent­wi­ckelt, die Wahr­neh­mung für das Ge­mein­sa­me weckt. Wä­re das nicht ein in­no­va­ti­ves Pro­jekt für den mor­gen sich jäh­ren­den, et­was schräg im Ge­län­de ste­hen­den Fei­er­tag?

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